Poster zum Film The Act of Killing: Wenn Täter ihre Morde als Film nachspielen

The Act of Killing: Wenn Täter ihre Morde als Film nachspielen (2012)

Film · Dokumentarfilm, Historie · 2012 · 122 Min. · FSK 16

Von , aktualisiert am 25. September 20266 Minuten LesezeitSo arbeiten wir

The Act of Killing (2012) von Joshua Oppenheimer zeigt seine Methode offen und belegt gerade dadurch mehr als jede Rekonstruktion. Männer, die 1965 in Indonesien Todesschwadronen anführten, spielen ihre Morde vor der Kamera nach, freiwillig und mit Stolz. Was dabei in ihnen kippt, ist gefilmt und nicht bloß behauptet. Im WatchGuide-Kinokreis gebe ich dem Film 8,8 von 10.

In Deutschland kam der Dokumentarfilm am 14. November 2013 bei Neue Visionen ins Kino, freigegeben ab 16 Jahren. Die Kinofassung dauert rund zwei Stunden, der Director’s Cut 159 Minuten.

Quellen & Einordnung

Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.

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Unsere Einordnung

von WatchGuide-Redaktion
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Wer hier erzählt, und was er davon hat

Die Hauptfigur Anwar Congo verkaufte in den Sechzigern Schwarzmarktkarten vor einem Kino in Medan und wurde 1965 Henker einer Todesschwadron. Die Zahl, die über ihn kursiert, bis zu 1.000 Tote, ist eine Selbstauskunft. Eine Akte dazu gibt es nicht, weil in Indonesien nie jemand ermittelt hat. Das ist die Ausgangslage, und der Film verschweigt sie nicht.

Congo spricht nicht allein. Neben ihm stehen Herman Koto, der Zeitungsverleger Ibrahim Sinik und Mitglieder der Pancasila-Jugend, einer paramilitärischen Organisation, die bis heute Politik und Geschäfte in Nordsumatra mitbestimmt. Ihr Interesse ist leicht zu benennen: Sie leben von dem Ruf, das Land vor dem Kommunismus gerettet zu haben. Oppenheimer lässt sie reden, bis dieser Ruf Risse bekommt. Einen Sprecher, der gegen sie aussagt, braucht er dafür nicht.

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Darf man Nachgestelltes zeigen, wenn die Täter Regie führen?

Die Nachstellungen entstanden ab 2009, bezahlt von den Filmemachern, gestaltet in großen Teilen von Congos Leuten selbst. Sie wählten die Formen, die sie aus dem Kino kannten: Gangsterfilm, Western, am Ende eine Musicalnummer vor einem Wasserfall. Bei True Crime werde ich an genau dieser Stelle sonst misstrauisch. Hier nicht.

Der Grund ist einfach. Nachgestelltes wird mir gefährlich, wenn es als Aufnahme durchgeht. In The Act of Killing sieht man Schminke, Perücken und Herman Koto im Frauenkleid. Keine Szene gibt vor, 1965 zu zeigen. Sie zeigen, wie die Täter sich heute sehen wollen, und das ist der eigentliche Befund. Als Congo in einer Szene selbst das Opfer spielt, bricht er ab. Diese Minute ist dokumentiert, nicht inszeniert.

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Was dem Film fehlt, und wer das zu Recht sagt

Zwei Einwände haben Gewicht. Robert Cribb, Historiker an der Australian National University, vermisst den historischen Zusammenhang der Massaker. Der britische Dokumentarfilmer Nick Fraser nannte den Film einen Snuff-Film und fragte, warum man so lange den Mördern zuhört statt den Menschen, die sie getötet haben. Beide Einwände treffen etwas, das dem Film tatsächlich fehlt.

Oppenheimer antwortete, sein Film handle vom heutigen Regime, in dem der Massenmord gefeiert wird, und nicht von einer vollständigen Chronik des Jahres 1965. Das halte ich für belastbar, aber nur halb. Die Opfer kommen kaum vor. Ein Nachbar Congos erzählt beiläufig, dass sein Stiefvater ermordet wurde, und spielt danach selbst ein Folteropfer. Oppenheimer hat nach eigener Aussage bereut, diese Szene so zugelassen zu haben. Ich rechne ihm die Offenheit an. Die Szene bleibt trotzdem ein Eingriff in das Leben eines Menschen, der nicht gefragt hat, Beleg zu sein. Die Opferseite erzählt Oppenheimer erst 2014 in The Look of Silence.

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Anonym im Abspann

Viele Indonesier, die an The Act of Killing gearbeitet haben, stehen nur als „Anonymous“ im Abspann, auch der indonesische Ko-Regisseur. Sie fürchteten rechtliche und außergerichtliche Folgen. Für mich ist dieser Abspann der nüchternste Beleg im ganzen Film: Er zeigt, dass die Täter aus den Interviews bis heute nicht die Einzigen sind, die Angst verbreiten können.

Auch der Weg des Films in Indonesien passt dazu. Der Zensurbehörde wurde er nie vorgelegt, weil ein Verbot das Zuschauen strafbar gemacht hätte. Die nationale Menschenrechtskommission Komnas HAM zeigte ihn ab Ende 2012 in geschlossenen Vorführungen, am 30. September 2013 wurde er für Zuschauer in Indonesien kostenlos online gestellt. Aus rund 1.000 Stunden Material wurden zuerst 35 Stunden ausgewählt, daraus entstand der Film.

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Was sich an diesem Film nachprüfen lässt

Die Auszeichnungen sind dokumentiert: Publikumspreis der Berlinale-Sektion Panorama 2013, Europäischer Filmpreis 2013 als bester Dokumentarfilm, der BAFTA für den besten Dokumentarfilm und eine Oscar-Nominierung. Ausführende Produzenten waren Werner Herzog und Errol Morris. Beim Budget widersprechen sich die Quellen: Die Produktionsangaben, die die englische Wikipedia nennt, kommen auf rund 1,37 Millionen Euro, TMDB führt glatte 1,0 Millionen Dollar. Belastbar ist nur die Größenordnung.

Auf Metacritic steht der Film bei 92 von 100, auf der IMDb bei 8,2. In der BBC-Umfrage von 2016 unter 177 Kritikern zu den 100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts landete er auf Platz 14. Die WatchGuide-Wertung von 8,8 liegt nah an diesen Zahlen. Abzug gibt es von mir für die fehlende Opferperspektive, nicht für die Methode.

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Die Männer vor der Kamera

  • Anwar Congo als er selbst, 1965 Henker in Medan
  • Herman Koto, Gangster und Pancasila-Funktionär, spielt in den Nachstellungen meist die Frauenrollen
  • Adi Zulkadry, Congos früherer Mitstreiter, der die Morde grausam nennt und trotzdem bestreitet, dass es Kriegsverbrechen waren
  • Regie: Joshua Oppenheimer, Ko-Regie Christine Cynn und ein anonymer indonesischer Regisseur
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Wohin danach

Wie sich ein Täter vor laufender Aufnahme selbst belastet, zeigt auch The Jinx, nur ohne dass der Sprecher es will. Um die Frage, wer eine Geschichte erzählen darf und wer dabei untergeht, dreht sich Making a Murderer. Wie eine ganze Gesellschaft ein Verbrechen deutet, zeigt O.J. Simpson: Eine amerikanische Saga. Weitere Kritiken stehen unter Dokumentarfilme und True-Crime-Serien. Wer wissen will, wo The Act of Killing im Vergleich steht, findet unsere Liste der besten Filme aller Zeiten.

Bewertung

Bisherige Einschätzung

Archivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung

Story9,2

Dafür

  • Nachstellungen sind offen als Spiel erkennbar
  • Die Täter belasten sich mit eigenen Worten
  • Anonymer Abspann als stiller Beleg der Lage

Dagegen

  • Opferperspektive fehlt fast vollständig
  • Historischer Zusammenhang bleibt dünn
Keine Szene gibt vor, 1965 zu zeigen. Sie zeigen, wie die Täter sich heute sehen wollen, und das ist der eigentliche Befund.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
The Act of Killing macht das, wovor ich bei True Crime sonst warne: Täter spielen ihre Taten nach. Hier funktioniert es, weil jede Nachstellung sichtbar gespielt ist und genau dadurch zeigt, wie sich die Männer von 1965 heute sehen. Belegt wird, dass Massenmörder in Indonesien bis heute stolz und unbehelligt leben, und das mit ihren eigenen Worten. Was fehlt, sind die Opfer, und die Szene mit Congos Nachbarn hätte so nicht in den Film gehört. Pflicht für alle, die wissen wollen, was ein Dokumentarfilm leisten kann.

Besetzung

5 Rollen
  • Self - Executioner in 1965Anwar Congo
  • Self - Gangster & Paramilitary LeaderHerman Koto
  • Self - Governor of North SumatraSyamsul Arifin
  • Self - Newspaper PublisherIbrahim Sinik
  • Self - Leader of Pancasila YouthYapto Soerjosoemarno

FAQ zu The Act of Killing: Wenn Täter ihre Morde als Film nachspielen

Ist The Act of Killing echt oder gespielt?
Beides, und der Film trennt es sichtbar. Die Gespräche mit den Tätern sind dokumentarisch gedreht, zwischen 2005 und 2011 in und um Medan. Die Nachstellungen sind erkennbar inszeniert, mit Kostüm und Kulisse, und die Täter haben sie selbst mitgestaltet. Keine gespielte Szene gibt vor, eine historische Aufnahme zu sein.
Wie viele Menschen starben bei den Massakern von 1965 und 1966?
Genau weiß es niemand, weil es nie eine offizielle Untersuchung gab. Die Schätzungen reichen von 500.000 bis zu drei Millionen Toten. Die meisten Historiker gehen von mehr als einer Million aus. Getötet wurden angebliche Kommunisten, Gewerkschafter, Intellektuelle und viele ethnische Chinesen.
Wo kann man The Act of Killing sehen?
The Act of Killing ist derzeit bei keinem der von uns erfassten Anbieter in Deutschland im Abo, zum Leihen oder zum Kaufen gelistet. Stand 06.10.2026, ohne Gewähr.
Gibt es eine Fortsetzung?
Ein direktes Gegenstück: The Look of Silence von 2014, ebenfalls von Joshua Oppenheimer. Dort steht ein Mann im Mittelpunkt, dessen Bruder bei den Massakern ermordet wurde, und er konfrontiert die Täter selbst. Auch dieser Film war für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert.
Was wurde aus Anwar Congo?
Congo hat den fertigen Film gesehen und nannte ihn laut Oppenheimer ehrlich. Später äußerte er in einem Interview mit Al Jazeera Bedenken, weil die Reaktionen in Indonesien ihm Probleme machten. Er starb 2019, die BBC veröffentlichte am 3. November 2019 einen Nachruf. Verurteilt wurde er nie.

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