Die Kritik
von MarenKesslerIkarus (Icarus, 2017) von Bryan Fogel beginnt als Doping-Selbstversuch eines Hobbyradfahrers und wird zur Aussage des Mannes, der Russlands Staatsdoping organisiert hat. Diese Aussage trägt, weil ein unabhängiger Untersuchungsbericht sie bestätigt hat. Die Inszenierung drumherum traut ihr weniger zu, als sie verdient. Im WatchGuide-Kinokreis gebe ich der Netflix-Doku 7,9 von 10.
In Deutschland läuft der Film seit dem 4. August 2017 bei Netflix, einen Kinostart gab es nicht. Er dauert 121 Minuten und gewann am 4. März 2018 den Oscar als bester Dokumentarfilm.
Ein Selbstversuch, der ins Leere läuft
Bryan Fogel, Filmemacher und ambitionierter Amateur-Radsportler, will beweisen, dass Dopingtests zu schlagen sind. Er nimmt verbotene Mittel nach einem Plan, den ihm der Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors entwirft, und fährt damit das Etappenrennen Haute Route in den Alpen. Gedopt schneidet er schlechter ab als im Jahr davor.
Belegt ist mit diesem Versuch wenig. Ein einzelner Fahrer in einem einzigen Rennen, ohne Vergleichsgruppe. Das wäre kein Einwand, wenn der Film den Versuch ernst nähme. Er lässt ihn aber einfach fallen, weil ihm eine größere Geschichte in den Schoß fällt. Wer Ikarus wegen des Radsports einschaltet, bekommt die Auflösung nie.
Was sagt Grigori Rodtschenkow, und was hat er davon?
Grigori Rodtschenkow leitete das Moskauer Labor, das russische Athleten testen sollte. Vor Fogels Kamera sagt er aus, dass er bei den Winterspielen 2014 in Sotschi mit Hilfe des Inlandsgeheimdienstes FSB belastete Urinproben russischer Sportler gegen saubere getauscht hat. Er beschreibt ein Programm, das er selbst mit aufgebaut hat.
Das ist der Punkt, an dem ich genau hinsehe. Ein Kronzeuge, der das System geleitet hat, ist der bestinformierte Zeuge und zugleich der mit dem größten Eigeninteresse. Rodtschenkow braucht nach seiner Flucht in die USA Schutz, Glaubwürdigkeit und Verbündete. Der Film lässt ihn lange und warm erzählen. Eine zweite Stimme aus dem Labor kommt nicht vor.
Warum die Aussage trotzdem hält
Weil sie nicht allein steht. Der kanadische Jurist Richard McLaren legte im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur am 18. Juli 2016 einen 97 Seiten langen Bericht vor, der die staatliche Manipulation der Proben in Sotschi bestätigt. Ein zweiter Bericht im Dezember 2016 nannte mehr als 1.000 russische Sportler, die von dem System profitiert haben sollen.
Ikarus zeigt diese Bestätigung, gebaut hat sie der Film nicht. Das ist wichtig für die Einordnung: Die Stärke des Films ist der Zugang, nicht die eigene Recherche. Fogel war im richtigen Moment mit einer laufenden Kamera neben dem richtigen Mann. Belegt hat es am Ende eine Untersuchungskommission mit Laborzugang und forensischen Methoden.
Wo die Musik das Urteil schon gesprochen hat
In der zweiten Hälfte arbeitet Ikarus mit den Mitteln eines Spionagethrillers: treibende Musik, nächtliche Autofahrten, George Orwells „1984“ als Leitmotiv. Dass zwei frühere Kollegen Rodtschenkows nach seiner Flucht starben, erfährt man in einem Ton, der einen Zusammenhang nahelegt. Belegt ist dieser Zusammenhang im Film nicht, auch nicht durch den Anwalt, der davon berichtet.
Ich verstehe, warum Fogel so erzählt. Die Gefahr für Rodtschenkow ist real, er lebte danach unter Schutz der US-Behörden. Die Musik ersetzt aber an mehreren Stellen den Beleg, und das hat der Film nicht nötig. Die Akten und Tabellen, die Rodtschenkow mitbrachte, sind stärker als jeder Soundtrack.
Was danach kam
Die Folgen reichen über den Sport hinaus. Am 4. Dezember 2020 wurde in den USA der Rodchenkov Anti-Doping Act unterzeichnet, benannt nach dem Mann aus diesem Film. Er erlaubt US-Behörden, Dopingverschwörungen bei internationalen Wettkämpfen mit US-Beteiligung strafrechtlich zu verfolgen. Selten hat eine Streaming-Doku so direkt in ein Gesetz geführt.
Auf Rotten Tomatoes liegt Ikarus bei 92 Prozent positiver Kritiken, auf der IMDb bei 7,9. Die WatchGuide-Wertung von 7,9 trifft das. Punkte kostet der liegengelassene Selbstversuch und die Inszenierung, die mehr andeutet, als sie zeigt.
Wer spricht
- Grigori Rodtschenkow, bis 2015 Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors
- Bryan Fogel, Regisseur und Versuchsperson in einem
- Don Catlin, früher Leiter des Dopinglabors der UCLA, der aus dem Versuch aussteigt
- Richard McLaren und Richard Pound, beide für die Welt-Anti-Doping-Agentur tätig
Wohin danach
Einen Whistleblower, der mit Dokumenten aus einem Staatsapparat flieht, gibt es als Spielfilm in Snowden. Wie aus einem Sportstar ein Kriminalfall wird, erzählt O.J. Simpson: Eine amerikanische Saga. Eine Kamera, die im entscheidenden Moment dabei ist, macht auch The Jinx stark. Freundlicher mit seinem Sportler geht Ronaldinho: The One and Only um. Weitere Kritiken stehen unter Dokumentarfilme.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Exklusiver Zugang zum wichtigsten Zeugen
- Kernaussagen später unabhängig bestätigt
- Rodtschenkows Dokumente im Bild
Dagegen
- Selbstversuch ohne Auflösung
- Thrillermusik ersetzt stellenweise den Beleg
- Keine zweite Stimme aus dem Labor
Die Stärke des Films ist der Zugang, nicht die eigene Recherche.Aus der Wertung von MarenKessler
Wer streamt Ikarus?
Verfügbarkeit DEStand 25.09.2026: Ikarus läuft im Abo bei Netflix, mit deutscher Synchronfassung.
Verfügbarkeit Deutschland · Stand 25.09.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne Gewähr, keine bezahlte Kooperation.
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Wo kann ich Ikarus streamen?
Ikarus läuft aktuell im Abo bei Netflix. Stand 25.09.2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Wie lange dauert Ikarus?
Ikarus hat eine Laufzeit von rund 121 Minuten (2 Stunden und 1 Minuten).
Lohnt sich Ikarus?
Unsere Redaktion vergibt Ikarus einen Watcher-Score von 7,9 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders für Dokumentarfilm-Fans.
Für wen ist Ikarus geeignet?
Ikarus ist vor allem etwas für Dokumentarfilm-Fans und alle, die solide Genre-Unterhaltung suchen.
Trailer
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