Countdown zum Kinostart
Hamlet: Riz Ahmed spricht Shakespeares Verse in einen Konzern hinein ist noch nicht erschienen. Streaming-Anbieter tragen wir ein, sobald der Film nach dem Start verfĂŒgbar ist. Termin kann sich verschieben.
Die Vorschau
von FilmSchneiderHamlet – All That Lives Must Die startet am 13. August 2026 ĂŒber Universal Pictures Germany in den deutschen Kinos, ein Jahr nach der Weltpremiere in Telluride.
Aneil Karia verlegt Shakespeares Tragödie in ein britisch-sĂŒdasiatisches Familienunternehmen im heutigen London. Elsinore ist jetzt ein Konzern. Der Text bleibt trotzdem elisabethanisch, und genau das macht diesen Film fĂŒr mich zum interessantesten Kinostart dieser Woche.
Die eine Entscheidung, an der alles hÀngt
Regisseur Aneil Karia hat in Interviews erzĂ€hlt, dass sein Team zunĂ€chst ĂŒber eine Modernisierung der Sprache nachgedacht und die Idee schnell verworfen hat. Seine BegrĂŒndung: Wer den Text modernisiert, hat am Ende keinen Hamlet mehr. Der Film behĂ€lt also den Blankvers und wirft praktisch alles andere weg. Das ist eine mutige Entscheidung, und sie erzeugt ein Risiko, das sich nicht wegdrehen lĂ€sst.
Ich halte diesen Weg fĂŒr den ehrlicheren. Eine Modernisierung des Textes nimmt einem Shakespeare-Film genau das, wofĂŒr man ihn ansieht, und liefert dafĂŒr Dialoge, die jedes zweite Krimidrama besser hinbekommt. Wer stattdessen den Vers stehen lĂ€sst, muss ihn spielbar machen. Das ist Schauspielerarbeit, keine Drehbucharbeit, und es entscheidet sich in den ersten zehn Minuten.
Michael Lesslie hat das StĂŒck auf die Knochen reduziert
Das Drehbuch stammt von Michael Lesslie, und was er getan hat, interessiert mich mehr als die Besetzung. Er hat ganze Figuren gestrichen, HandlungsstrĂ€nge entfernt und die Zeitachse zusammengezogen. Herausgekommen sind 113 Minuten. Zum Vergleich: Kenneth Branaghs ungekĂŒrzte Fassung von 1996 lĂ€uft mehr als vier Stunden.
Streichen ist die schwerste Disziplin beim Adaptieren, weil jede entfernte Szene an anderer Stelle ein Loch hinterlÀsst, das gestopft werden muss. Genau davon berichten mehrere internationale Kritiken: Ophelia und Laertes sollen im Ergebnis an den Rand gedrÀngt sein. Wenn das stimmt, hat die Straffung genau dort Substanz gekostet, wo Hamlet seine zweite Ebene hat, und der Film wird zur Solo-Nummer.
Eine Frage nimmt mich dabei besonders mit ins Kino: Wie löst diese Fassung den Geist? Im StĂŒck erscheint der ermordete Vater leibhaftig und beauftragt seinen Sohn mit der Rache, ein Vorgang, der auf einer BĂŒhne von 1600 selbstverstĂ€ndlich ist und in einem Londoner KonzernbĂŒro der Gegenwart eine Entscheidung erzwingt. Avijit Dutt steht als alter Hamlet in der Besetzungsliste, die Figur existiert also. Ob der Film sie zeigt, andeutet oder in Hamlets Kopf verlegt, verĂ€ndert die ganze Geschichte: Ein eingebildeter Geist macht aus einer Rachetragödie den Fall eines Mannes, der sich einen Auftrag selbst erteilt.
Riz Ahmed war die richtige Wahl, und das hat einen Grund
Karia und Ahmed haben 2022 gemeinsam den Oscar fĂŒr den besten Kurzfilm gewonnen, fĂŒr „The Long Goodbye“, den die Academy als erstes Musikvideo ĂŒberhaupt auszeichnete. Karias DebĂŒtfilm „Surge“ von 2020 brachte Ben Whishaw in Sundance den Darstellerpreis der Jury ein. Beide Arbeiten leben von einer Figur, die permanent kurz vor dem Ăberkochen steht.
Das passt zu Hamlet, aber es ist auch die Gefahr. Eine Figur, die von der ersten Minute an unter Strom steht, hat keinen Weg mehr nach oben. Shakespeare baut Hamlet als jemanden, der sich in die Raserei erst hineindenkt, und die stillen Passagen dazwischen sind kein Leerlauf, sondern das, was die AusbrĂŒche spĂ€ter trĂ€gt. Ob Karia diese Ruhe zulĂ€sst, ist meine offene Frage an den Film.
Wer diesen Konzern bevölkert
- Riz Ahmed als Hamlet, Erbe eines Familienimperiums, der zur Beerdigung seines Vaters zurĂŒckkommt und die Hochzeit seiner Mutter vorfindet.
- Morfydd Clark ist Ophelia. Bekannt aus Die Ringe der Macht, wo sie Galadriel spielt.
- Timothy Spall als Polonius, einer der verlÀsslichsten Charakterdarsteller des britischen Kinos.
- Art Malik ĂŒbernimmt den Claudius, also den Onkel, der sich Thron und Witwe nimmt.
- Sheeba Chaddha spielt Gertrude, Joe Alwyn den Laertes, Avijit Dutt den toten alten Hamlet.
72 Prozent bei der Kritik, 54 Prozent beim Publikum
Der Film lÀuft international seit Februar 2026, es gibt also belastbare Zahlen. Bei Rotten Tomatoes stehen 72 Prozent bei 107 gezÀhlten Kritiken, das Publikum liegt bei 54 Prozent. Metacritic weist 61 von 100 bei 22 Kritiken aus, davon 68 Prozent positiv und 5 Prozent negativ.
Diese Schere von 18 Punkten zwischen Kritik und Publikum ist bei Shakespeare-Verfilmungen der Normalfall, und sie hat fast immer dieselbe Ursache. Kritiker rechnen die Konsequenz einer Fassung an, das Publikum sitzt 113 Minuten vor einer Sprache, die es im Kino sonst nirgends hört. Wer vorher weiĂ, dass hier Blankvers gesprochen wird, gehört zur ersten Gruppe.
Ein Wort zur Belastbarkeit dieser Zahlen, weil sie gern falsch zitiert werden. Die 107 Kritiken sind eine solide Grundlage, die Publikumswertung stĂŒtzt sich dagegen auf etwas mehr als fĂŒnfzig Stimmen, und das ist wenig fĂŒr einen Film, der in zwei groĂen MĂ€rkten gelaufen ist. Wer im Netz nach diesem Titel sucht, landet auĂerdem schnell bei einer der zahlreichen Ă€lteren Verfilmungen, etwa der Fernsehfassung mit David Tennant von 2009. Deren Werte liegen deutlich höher und haben mit diesem Film nichts zu tun.
Produziert wurde unter anderem von BBC Film, dazu kommen JW Films, Left Handed Films und Waypoint Entertainment. Die BBC-Beteiligung ist ein brauchbarer Hinweis auf die Machart: Das ist kein Studioprodukt mit TestvorfĂŒhrungen, sondern eine Fassung, die ihre Entscheidungen durchhalten durfte. Bei einem Stoff, den jeder zu kennen glaubt, ist das die halbe Miete.
Der lange Weg von Telluride nach Deutschland
Premiere war am 30. August 2025 beim Telluride Film Festival, danach lief der Film im Oktober beim BFI London Film Festival. Der britische Kinostart folgte am 6. Februar 2026, die USA bekamen ihn ab dem 10. April, digital ab dem 12. Mai. Deutschland ist mit dem 13. August 2026 also reichlich spÀt dran, gut zwölf Monate nach der Premiere.
FĂŒr Zuschauer heiĂt das zweierlei. Die Kritiken sind lĂ€ngst geschrieben und leicht zu finden, wer unbefangen ins Kino will, sollte sie meiden. Und die deutsche Fassung ist bei einem Film, der vom Sprechen lebt, eine echte Frage: Ein Blankvers in Synchronisation ist ein anderer Film. Die Originalfassung mit Untertiteln wĂ€re hier meine Empfehlung, sofern ein Kino in der NĂ€he sie zeigt.
Wer sich das ansehen sollte
Wer Succession gesehen hat, kennt die Grundfigur: eine Familie, deren Zuneigung ĂŒber Firmenanteile abgerechnet wird. Der Vergleich liegt beim Setting nahe, im Ton dĂŒrfte der Film nĂ€her an Oldboy liegen, also an einem Rachestoff, der seine Figur zerlegt, statt sie zu belohnen. FSK 16 kommt nicht von ungefĂ€hr.
Thematisch steht Hamlet ohnehin im selben Regal wie Der Pate und Gladiator, beide erzĂ€hlen von einem Erben, dem ein Verwandter nimmt, was ihm zusteht. Und wer Filme ĂŒber Figuren mag, deren Wahrnehmung nicht zu trauen ist, findet in unserer Liste Filme wie Shutter Island weitere Empfehlungen.
Erwartungen vor dem Start
keine WertungDen Vers stehen zu lassen und alles andere zu streichen ist die mutigste Entscheidung, die man bei diesem Stoff treffen kann.â vorab eingeschĂ€tzt von FilmSchneider
â Darauf freuen wir uns
- Der Blankvers bleibt erhalten, keine Modernisierung des Textes
- Riz Ahmed und Aneil Karia haben zusammen einen Oscar gewonnen
- 113 Minuten statt vier Stunden Branagh
- Timothy Spall als Polonius
â Das macht uns nervös
- Nebenfiguren wie Ophelia und Laertes sollen zu kurz kommen
- Dauerspannung ohne ruhige Passagen wÀre der falsche Weg
- Publikumswertung liegt 18 Punkte unter der Kritik
- Blankvers in deutscher Synchronfassung ist ein Risiko
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