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Die Kritik
von CineTom„Der letzte Walsänger“ bekommt von mir 6,5 von 10. Der Film macht Gesang zur einzigen Magie seiner Welt, und das ist eine saubere Regel: Wer singen kann, heilt Korallenriffe und bändigt ein Monster. Die Tiefsee leuchtet, die Musik von Daníel Bjarnason trägt mehr als das Drehbuch. Im Finale löst der Film seinen Konflikt aber eher über Jenseits und Pathos als über die eigene Regel, und genau da verliert er mich ein Stück.
Seit dem 12. Februar 2026 läuft der Animationsfilm von Reza Memari im Verleih von Little Dream Pictures in den deutschen Kinos, freigegeben ab 6, empfohlen wird er von mehreren Kinderfilmportalen ab 8. Für Familien mit Kindern in diesem Alter ist das ein guter Kinobesuch mit ruhigen und ein paar düsteren Momenten. Wer das nächste große Studio-Abenteuer erwartet, bekommt einen deutschen Film, der an seinem Budget erkennbar arbeiten musste und trotzdem eigene Bilder findet.
Ein Lied als einzige Superkraft
Bei einer Fantasywelt frage ich immer zuerst: Was ist hier möglich, und was kostet es? Memari beantwortet das früh. Vincent ist ein junger Buckelwal und der Sohn von Humphrey, dem letzten Walsänger. Mit seiner Stimme kann Humphrey abgestorbene Riffe wieder zum Leben erwecken und den Leviathan in Schach halten, so fasst es Rochus Wolff im Filmdienst zusammen. Vincent dagegen bekommt den Ton nicht heraus. Dann sterben seine Eltern, der Leviathan bricht aus einem schmelzenden Eisberg und vergiftet die Meere, und der einzige, der ihn aufhalten könnte, glaubt nicht an seine eigene Stimme.
Das ist als Aufbau richtig gut, weil die Macht und das Problem dieselbe Sache sind. Kein Zauberstab, kein Artefakt, das im dritten Akt plötzlich auftaucht. Dazu passt eine Figur, die der Verleih ausdrücklich als gehörlose Orca-Kämpferin beschreibt: Darya. In einer Welt, in der alles am Klang hängt, schickt der Film eine Heldin mit, die ihn nicht hört. Das ist der klügste Einfall des Drehbuchs.
Wo die Regel weich wird
Statt sofort sein Lied zu suchen, will Vincent seine Eltern aus dem Sternenbecken zurückholen, dem Jenseits der Meerestiere. Die Reise führt bis zum tiefsten Punkt des Ozeans. Reinhard Kleber schreibt bei kino-zeit, der Film drifte „vor allem in der zweiten Hälfte ins allzu Pathetische und Esoterische ab“, und der finale Showdown führe beim Ungeheuer „auf wundersame Weise eine sentimentale Lösung“ herbei. Das deckt sich mit meinem Problem: Ein Film, der so sauber festlegt, dass Gesang die Kraft ist, sollte sein Finale über genau diese Kraft gewinnen und nicht über ein Gefühl von Erlösung.
Die Biologie stört mich dagegen kaum. Brutstatt rechnet in seiner Besprechung vor, dass echte Buckelwale nicht in die Tiefsee tauchen. Stimmt, aber hier heilt Gesang Korallen. Eine Fantasywelt darf die Natur biegen, solange sie ihre eigene Magie ernst nimmt. Die Magie ist mir wichtiger als die Tauchtiefe.
Unreal Engine statt Studio-Renderfarm
Hinter dem Film steht Telescope Animation aus Berlin, koproduziert mit PFX in Prag und La Boîte à Fanny in Montréal, dazu ZDF und KiKA. Telescope hat schon den ersten Konzepttrailer komplett in der Unreal Engine gebaut, also in einer Software, die eigentlich für Videospiele gedacht ist, und dafür Förderung von Epic Games bekommen. Laut englischer Wikipedia lief auch der Spielfilm zu drei Vierteln über Unreal, den Rest übernahm Houdini.
Man sieht beides, die Stärke und die Grenze. Bastian Braun lobt bei Comicschau die „bunte, immer wieder auch strahlende Meereswelt“, findet die Szenen an der Oberfläche aber „etwas eintönig“ und die Wale näher am KiKA-Seriendesign als an Pixar. Genau da sitzt für mich das Geld: Licht in der Tiefe, Leuchtwesen, Wasser mit Volumen. Weniger Mühe steckt in den Gesichtern und in Szenen ohne Effekte. Real talk: Für eine europäische Produktion ist die Tiefsee bemerkenswert, die Figuren bleiben solide.
Ein spannender Vergleich ist Flow, der mit der freien Software Blender entstand. Beide Filme zeigen, dass Animation außerhalb der großen US-Studios eigene Werkzeuge findet. Flow nutzt seine Mittel konsequenter, Der letzte Walsänger versucht mehr auf einmal.
Der Klang ist der eigentliche Hauptdarsteller
Bei einem Film über einen Wal, der singen muss, entscheidet die Tonspur. Die Musik schrieb der isländische Komponist Daníel Bjarnason, und bei der Suche nach dem richtigen Klang der Walgesänge half laut kino-zeit der isländische Sänger Ásgeir. Das Score-Album mit 26 Titeln erschien am 29. Mai 2026 und endet mit „I’ll Be“, gesungen von Ásgeir. Kleber spricht von einem „imposanten Klangteppich“, die Kinderfilmwelt lobt die „klangvolle Tongestaltung“.
Für mich ist das der Grund für die halbe Note über dem Schnitt. Wenn der Gesang die Regel der Welt ist, muss man ihn hören und glauben. Das gelingt hier, auch dann, wenn das Drehbuch um ihn herum wackelt.
Wie die Kritik den Film sieht
Der Konsens liegt im freundlichen Mittelfeld. Frank Arnold gibt bei epd Film 3 von 5 Sternen und fasst zusammen: „Ambitioniert, aber nicht vollkommen geglückt“, Comicschau vergibt ebenfalls 3 von 5, Brutstatt nennt ihn „eine etwas abgenudelte Mutmachergeschichte“ mit dem Herz am rechten Fleck. Der Filmdienst spricht von „magischen Szenen und buntleuchtender Schönheit“, der Film bleibe aber „in Vielem eindimensional und vage“. Bei Rotten Tomatoes liegen bis heute nur neun Kritiken vor, zu wenige für einen Wert, und die Stimmen reichen von „down-market animation“ bis zu großem Lob. Meine 6,5 liegt leicht darüber, weil ich Musik und Tiefsee stärker gewichte als die Schwächen im Finale.
Auf Festivals lief es besser als in der Presse. Beim Schlingel in Chemnitz gewann der Film 2025 den Club of Festivals Award für Kinderfilme, und beim Branchentreffen Cartoon Movie in Bordeaux wurde Memari im März 2026 als Regisseur des Jahres ausgezeichnet, wie Variety berichtet.
Für wen sich der Film lohnt
Für Kinder ab etwa acht, die Meerestiere lieben und mit einem traurigen Anfang klarkommen. Vincent verliert seine Eltern früh, und die Kinderfilmwelt warnt, dass einige Szenen „manchmal etwas gruselig, oft turbulent und laut“ sind. Wer jüngere Kinder mitnimmt, sollte das wissen. Das Vorbild, an das viele denken, ist Findet Nemo, und daran misst sich der Walsänger in Witz und Figuren nicht. Wer Natur, Verlust und ein Tier auf großer Reise in einem durchgehend stimmigen Film sucht, ist bei Der wilde Roboter besser aufgehoben. Der letzte Walsänger ist die ruhigere, europäische Variante mit der besseren Musik.
Zur Offenlegung: Little Dream Pictures, der deutsche Verleih dieses Films, stellt Preise in unserem Filmquiz, für diese Kritik hat aber niemand bezahlt, und der Verleih hat den Text vorher nicht gesehen.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Gesang als klare, einzige Magie der Welt
- Darya als gehörlose Kämpferin in einer Welt aus Klang
- Leuchtende Tiefsee aus der Unreal Engine
- Orchesterscore von Daníel Bjarnason
Dagegen
- Finale löst den Konflikt über Pathos statt über die eigene Regel
- Szenen an der Oberfläche wirken eintönig
- Figurendesign näher am Fernsehen als am Kino
- Für jüngere Kinder stellenweise düster und laut
Wenn Gesang die einzige Magie einer Welt ist, muss das Finale über den Gesang gewonnen werden. Hier gewinnt es das Pathos.Aus der Wertung von CineTom
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