Poster zum Film The Beauty of Ballroom: Wenn die Ballroom-Szene sich selbst erzählt (2025)

The Beauty of Ballroom: Wenn die Ballroom-Szene sich selbst erzählt (2025)

🎬 Film 96 Min. Dokumentarfilm
⚡ Kurz gesagt

„The Beauty of Ballroom“ ist eine Selbstauskunft der Ballroom-Szene Südostasiens, keine Recherche über sie. Chan Sze-Wei begleitet drei Menschen, die Voguing und Ballroom aus New ... Weiterlesen ...

⚖️ Zur Bewertung
✍️

Die Kritik

von MarenKessler

„The Beauty of Ballroom“ ist eine Selbstauskunft der Ballroom-Szene Südostasiens, keine Recherche über sie. Chan Sze-Wei begleitet drei Menschen, die Voguing und Ballroom aus New York nach Thailand, Malaysia und auf die Philippinen gebracht haben, und eine der drei hat das Konzept mitentwickelt. Die WatchGuide-Wertung von Maren Kessler: 6,2 von 10. Stark als Porträt von Wahlfamilien, schwach bei Regeln, Konflikten und Chronologie.

Der Dokumentarfilm läuft seit Donnerstag, 24. September 2026, in deutschen Kinos, im Original mit deutschen Untertiteln. Wer verstehen will, warum Ballroom-Häuser für queere Menschen in Südostasien Schutz bedeuten, bekommt hier drei Lebenswege aus erster Hand. Wer wissen will, wie ein Ball funktioniert, wer ihn bezahlt und wo die Szene selbst streitet, geht mit mehr Fragen hinaus als hinein.

Kinostart24.09.2026

Wer hier spricht: die Szene über sich selbst

Die wichtigste Angabe zu diesem Film steht nicht im Pressetext, sondern in den Credits. Unter „Drehbuch“ führt filmportal.de als Konzept zwei Namen: Chan Sze-Wei und Aurora Sun LaBeija. Eine der drei Hauptfiguren hat den Film also mitentworfen. Aurora Sun LaBeija hat ihn im September auch in Deutschland vorgestellt, laut Verleih bei Vorführungen in Leipzig, München, Wiesbaden, Köln, Berlin und Hamburg, mit Performance, Publikumsgespräch oder beidem.

Das ist eine bewusste Entscheidung, und ich halte sie für vertretbar. An „Paris Is Burning“ wurde seit den Neunzigern, am bekanntesten von bell hooks, kritisiert, dass eine Außenstehende über die New Yorker Balls erzählt. „The Beauty of Ballroom“ dreht das um. Teddy Oricci, Xyza Mizrahi und Aurora Sun LaBeija sprechen über ihre eigenen Häuser, ihre Herkunft und ihre Familien. Laut Verleih geht es bei Teddy Oricci um die Flucht vor der Gewalt des Vaters, bei Xyza Mizrahi um den Satz, mit dunkler Haut könne sie kein Model werden, bei Aurora Sun LaBeija um Buddhismus und das Leben der eigenen Mutter, einer Sexarbeiterin.

Nur hat diese Nähe ihren Preis, und genau hier werde ich misstrauisch. Wenn eine Protagonistin das Konzept mitbestimmt, prüft niemand ihre Darstellung von außen. Der Film bleibt konsequent im Innern der Szene, und was die Beteiligten nicht erzählen wollten, erfährt man nicht. Als Zeugnis ist das wertvoll. Als Dokumentation einer Szene ist es eine einseitige Quelle, und der Film sagt das nirgends so deutlich, wie ich es mir wünschen würde.

Was der Film zeigt und was er nicht erklärt

Das Versprechen des Titels löst der Film dort ein, wo es um Gemeinschaft geht. Andreas Köhnemann nennt bei Kino-Zeit als Kern die Gemeinschaftsbildung, den Schutz und die Geborgenheit, die Ballroom den Beteiligten gibt. Markus Solty hält bei Film-Rezensionen.de fest, dass der Film „seine Herkunft aus der Schwarzen und Latinx-Kultur nie verschweigt“. Das ist mir wichtig: Ein Film über Ballroom in Asien, der die Wurzeln unterschlägt, hätte sich ein fremdes Erbe angeeignet.

Was fehlt, ist die Grundausstattung, die jede Recherche liefern müsste. Köhnemann schreibt, der Film fange die Wettbewerbe mit ihren Kategorien ein, „ohne uns deren Abläufe und Regeln näherzubringen“. Jens Adrian vermisst bei Treffpunkt-Kritik eine Einordnung von Stilen wie „Old Way“, „New Way“ oder „Vogue Fem“. Beide Kritiker urteilen hier aus ihrer Sicht, ich komme an derselben Stelle zum selben Ergebnis. Wer ohne Vorwissen ins Kino geht, sieht Wertungen und Kategorien, deren Logik niemand ausspricht.

Schwerer wiegt für mich eine inhaltliche Lücke. Köhnemann hätte sich gewünscht, dass der Film den Rassismus innerhalb der queeren Community „noch etwas tiefer beleuchten“ würde. Das Thema steckt bereits im Material: Laut Verleih ist Xyza Mizrahis Weg mit Colorism verbunden. Ein Film, der eine Protagonistin dieses Erlebnis erzählen lässt, müsste fragen, wo es in der eigenen Szene weiterwirkt. Diese Frage stellt er nicht, und bei einer Selbstauskunft ist das auch kein Zufall.

Fünf Länder, mehrere Zeitebenen: die Chronologie

Solty zählt auf, was in knapp hundert Minuten Platz finden muss: „Fünf Länder, mehrere Zeitebenen, drei Biografien plus ein New-York-Kapitel“. Filmportal.de nennt als Produktionszeitraum 2023 bis 2025, Adrian beschreibt die Pandemie als Wendepunkt für die Szene, „ein Katalysator mit den Sozialen Medien als Brennstoff“. Im Trailer tragen bei mehreren Balls viele Zuschauer Masken.

Für drei Lebenswege, die nebeneinander erzählt werden, ist die Reihenfolge der Ereignisse keine Nebensache. Wann ein Haus gegründet wurde, was vor und was während der Pandemie geschah, wer wann nach New York kam: Solche Angaben ordnen die Aussagen der Beteiligten ein. Solty nennt die „fragmentierte, oft zu weit ausholende Struktur“ die Schwäche des Films. Ich teile das Urteil aus einem anderen Grund als er. Mir geht es nicht um den Rhythmus, sondern darum, dass sich ohne klare Chronologie nicht prüfen lässt, was die Szene über ihre eigene Entwicklung erzählt.

Warum 6,2 und nicht mehr

Die deutsche Kritik liegt im Mittelfeld mit Tendenz nach oben. Film-Rezensionen.de vergibt 6 von 10 Punkten, Treffpunkt-Kritik 4 von 6 und nennt den Film „für Aufgeschlossene sehenswert, die mit vielen offenen Fragen zurückbleiben“. Kino-Zeit urteilt wohlwollend mit Einwänden, Fabian Schäfer schreibt bei queer.de: „Man erfährt wenige Details, was stellenweise etwas oberflächlich wirkt.“ Filmstarts, epd Film und filmdienst führen den Film bisher ohne eigene Wertung, bei Rotten Tomatoes und Metacritic gibt es noch keine Kritikerwerte (Stand 30. September 2026).

Gelobt werden vor allem Bilder, Musik und Schnitt. Köhnemann schreibt, der Film mache die Sogwirkung der Balls spürbar, „unter anderem durch den Musikeinsatz und den rhythmischen Schnitt“. Das gestehe ich dem Film zu, aber es trägt mein Urteil nicht. Mich interessiert, was ein Dokumentarfilm belegt, und hier belegt er vor allem, wie seine Protagonisten sich selbst sehen. Deshalb lande ich knapp unter dem Schnitt der Kollegen.

Zur Einordnung der Werbung: Auf der Filmseite des Verleihs stehen unter „Pressestimmen“ ganz oben Sätze wie „Zehn von zehn. Atemberaubend.“ Als Quelle ist Letterboxd angegeben, eine Plattform für Nutzerbewertungen. Das sind Publikumsstimmen, keine Presse.

Start, Fassung und Laufzeit

Rise and Shine Cinema hat „The Beauty of Ballroom“ am 24. September 2026 bundesweit gestartet, vor allem in Programmkinos und dort oft mit einzelnen Terminen statt täglicher Vorstellungen. Gezeigt wird die Originalfassung mit deutschen Untertiteln, eine Synchronfassung ist nicht angekündigt. TMDB nennt Englisch, Tagalog, Thai und Mandarin als gesprochene Sprachen.

Bei der Laufzeit weichen die Quellen voneinander ab. Der Verleih gibt 96 Minuten an, filmportal.de, filmdienst und Filmstarts führen 100, TMDB 99. Welche Zahl zur ausgelieferten Kinofassung gehört, lässt sich von außen nicht klären. Für die Planung reicht: gut anderthalb Stunden.

Wer den Film gemacht hat und wer ihn bezahlt

Chan Sze-Wei wurde laut filmportal.de in Hongkong geboren, hat an der Hong Kong Academy for Performing Arts modernen Tanz studiert und dreht seit 2015 dokumentarische Tanzfilme und Experimentalfilme. Regie, Konzept und einen Teil des Schnitts hat Chan selbst übernommen, der zweite Cutter ist Reiner Krausz. Uraufgeführt wurde der Film am 20. September 2025 in Busan, im Dokumentarfilmwettbewerb Wide Angle. Die deutsche Erstaufführung folgte am 28. Juni 2026 beim Filmfest München.

Es ist eine Koproduktion aus den Philippinen, Singapur und Deutschland. Deutscher Partner ist die Perennial Lens GmbH aus Darmstadt, gefördert haben unter anderem HessenFilm und Medien und die Singapore Film Commission. Das erklärt, warum ein Film über Ballroom in Südostasien beim Hessischen Film- und Kinopreis antritt: Er ist dort in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert, verliehen wird am Freitag, 9. Oktober 2026, in Frankfurt.

Für wen sich der Kinobesuch lohnt

Unsere WatchGuide-Empfehlung: „The Beauty of Ballroom“ lohnt sich für alle, die hören wollen, was Ballroom-Häuser für queere Menschen in Thailand, Malaysia und auf den Philippinen bedeuten, erzählt von denen, die sie gegründet haben. Wer nach „Paris Is Burning“ eine Einführung in Häuser, Kategorien und Wertungen erwartet, sollte sich vorher selbst einlesen. Und wer wissen will, wie belastbar die Selbstbeschreibung der Szene ist, findet dafür im Film keine zweite Quelle.

Was sonst gerade startet, sammeln wir unter Aktuelle Kinofilme, unsere Texte zu Dokumentarfilmen unter Dokumentation.

⚖️

Bewertung

Watcher-Score · redaktionelle Einzelwertung
Story5,8

Dafür

  • Die Szene erzählt selbst, eine Hauptfigur hat das Konzept mitentwickelt
  • Drei Communities in drei Ländern nebeneinander
  • Die Herkunft aus Schwarzer und Latinx-Kultur wird benannt

Dagegen

  • Regeln und Kategorien der Balls bleiben unerklärt
  • Der Blick bleibt ganz innerhalb der Szene
  • Rassismus in der queeren Community bleibt an der Oberfläche
  • Sprünge zwischen Ländern und Zeitebenen verwischen die Chronologie
Wer hier spricht, hat den Film mitentworfen. Das macht ihn stark als Selbstauskunft und schwach als Recherche.Aus der Wertung von MarenKessler
The Beauty of Ballroom ist eine Selbstauskunft der Ballroom-Szene Südostasiens, mitentworfen von einer ihrer Hauptfiguren. Das gibt den drei Lebenswegen Gewicht. Was fehlt, ist das, was eine Recherche leisten würde: Regeln, Konflikte innerhalb der Szene und eine klare Chronologie über Länder und Pandemiejahre. Sehenswert für alle, die Ballroom als Schutzraum verstehen wollen. Wer eine Einführung sucht, bleibt mit Fragen zurück.
🎭

Besetzung

Aurora Sun LaBeijaselbst
Teddy Oricciselbst
Xyza Mizrahiselbst
❓

FAQ zu The Beauty of Ballroom: Wenn die Ballroom-Szene sich selbst erzählt

Ab welchem Alter ist der Film freigegeben?
Die FSK hat „The Beauty of Ballroom“ am 27. Mai 2026 ab 12 Jahren freigegeben. Weil der Film im Original mit deutschen Untertiteln läuft, sollten jüngere Zuschauer flüssig mitlesen können.
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