Poster zum Film Sterben: Glasners drei Stunden deutscher Wahrheit

Sterben: Glasners drei Stunden deutscher Wahrheit (2024)

Film · Drama, Komödie · 2024 · 183 Min.

Von , aktualisiert am 17. April 20266 Minuten LesezeitSo arbeiten wir

Drei Stunden. Fünf Kapitel. Eine Familie die sich gegenseitig beim Zerbrechen zusieht. Matthias Glasner hat mit Sterben den besten deutschen Film seit Jahren gemacht, und ich sage das nicht leichtfertig. 8,3 von 10. Lars Eidinger allein wäre den Kinobesuch wert gewesen. Aber Corinna Harfouch obendrauf, das ist unfair gegenüber allen anderen deutschen Filmen die 2024 rausgekommen sind.

Anke wollte nicht mitkommen. Drei Stunden deutscher Film über eine kaputte Familie, das war ihr zu viel. Ich bin allein ins Odeon gegangen, Nachmittagsvorstellung, halb leerer Saal. Und saß danach noch zehn Minuten im Sessel weil ich nicht wusste wohin mit dem Film. Das passiert mir selten. Nolan schafft das manchmal. Villeneuve. Aber ein deutscher Regisseur? Lange nicht mehr.

Kurz gesagt

Sterben ist ein großer Film, schwer verdaulich, aber von einer Intensität, wie sie deutsches Kino selten erreicht. Glasner zeigt Familie und Tod ohne Sentimentalität, dafür mit brutaler Ehrlichkeit. Nicht für jeden Tag, aber ein Film, der nachhallt. 8.7/10 – Pflichtprogramm für alle, die anspruchsvolles deutsches Kino schätzen.

Quellen & Einordnung

Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.

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von WatchGuide-Redaktion
1

Lissy Lunies und die Kunst des Wegsehens

Corinna Harfouch spielt Lissy wie eine Frau, die beschlossen hat, dass Gefühle etwas für Leute sind, die Zeit dafür haben. Ihr Mann Gerd dementiert im Pflegeheim vor sich hin, und Lissy besucht ihn aus Pflicht, nicht aus Liebe. Das klingt kalt. Ist es auch. Aber Harfouch zeigt in jeder Szene, dass unter dieser Kälte etwas brodelt, und dass Lissy genau weiß, dass sie es nie rauslassen wird.

Es gibt eine Szene, in der Lissy erfährt, dass sie selbst krank ist. Diabetes, Krebs, Nierenversagen, einsetzende Blindheit. Glasner häuft das auf wie ein Arzt der eine Liste abarbeitet. Und Harfouch reagiert kaum. Ein Zucken. Mehr nicht. Kubrick hätte auf seinem Schoss gesessen und geknurrt, so still war es im Kino. Das ist Schauspiel auf einem Level, das deutsche Filmpreise normalerweise nicht erreichen. Diesmal haben sie es erkannt. Berlinale 2024, Silberner Bär für das Beste Drehbuch Berlinale, 2024.

2

Eidinger dirigiert den eigenen Untergang

Tom Lunies ist Dirigent. Er arbeitet mit seinem depressiven Freund Bernard an einem Orchesterwerk das „Sterben“ heißt. Ja, so heißt es wirklich. Glasner ist nicht subtil mit seiner Symbolik, aber er ist ehrlich damit, und Ehrlichkeit schlägt Subtilität. Immer.

Lars Eidinger hat dieses Gesicht das gleichzeitig alles und nichts ausdrückt. Er kann in einer Sekunde von Arroganz zu Verwundbarkeit wechseln, und man weiß nie welches davon echt ist. In Sterben dirigiert er Musik über den Tod während seine eigene Familie stirbt, und er merkt es nicht oder will es nicht merken. Das ist nicht neu als Konzept. Aber wie Eidinger es spielt, fühlt es sich an als hätte er sich das selbst ausgedacht.

Es gibt ein König-von-Deutschland-Ding bei Eidinger. Egal ob Hamlet am Schaubühnenboden oder Tom Lunies auf dem Podest. Der Mann stellt sich hin und der Raum gehört ihm. Nicht weil er laut ist. Weil er präsent ist. 180 Minuten lang, und er lässt nicht nach.

3

Ellen. Die dritte, die alle vergessen.

Lilith Stangenberg als Ellen Lunies. Toms Schwester. Die, die niemand fragt wie es ihr geht, weil alle mit ihren eigenen Katastrophen beschäftigt sind. Stangenberg spielt das mit einer Wut, die nie explodiert, sondern langsam in die Knochen kriecht. Glasner gibt ihr ein Kapitel das sich anfühlt wie ein eigener Film, und Stangenberg nutzt jede Sekunde.

Es gibt einen Moment, da steht Ellen in einer Küche und weint, und niemand kommt. Nicht weil niemand da ist. Weil es in dieser Familie normal ist, allein zu weinen. Ich hab an Kathrin gedacht, meine Schwester. Nicht weil unsere Familie so ist. Aber weil Glasner etwas zeigt, das wahr ist: In Familien gibt es immer jemanden, der leiser leidet als die anderen, und den hört keiner.

4

180 Minuten. Fünf Kapitel. Kein Erbarmen.

Glasner strukturiert den Film wie ein Buch. Fünf Kapitel, jedes mit eigenem Fokus, eigener Atmosphäre, eigener Temperatur. Das erste ist kuhl und klinisch. Das dritte ist betrunken und chaotisch. Das fünfte ist still wie ein Zimmer nach einem Streit, in dem alle gegangen sind.

Ja, drei Stunden sind lang. Meine Mutter Jutta würde sagen: „Stefan, für Tarkowski hast du auch vier Stunden Zeit gehabt.“ Stimmt. Aber Tarkowski hat mich in eine Trance versetzt. Glasner hält dich wach. Jede Szene hat einen Stachel. Du lehnst dich nicht zurück, du krallst dich fest.

Der Film kostet 4,2 Millionen Euro, was für deutsche Verhältnisse viel ist und für amerikanische nichts FFA Förderung, 2023. Dass er aussieht wie ein Film der das Dreifache gekostet hat, liegt an Glasners Entscheidung, echte Orte zu filmen statt Studios zu bauen. Das Pflegeheim ist ein echtes Pflegeheim. Die Wohnung ist eine echte Wohnung. Man riecht den Staub.

5

Bernard und die Depression als Komposition

Robert Gwisdek als Bernard ist die tragischste Figur im Film. Ein Musiker der so tief in seiner Depression steckt, dass er seine eigene Beerdigung als Kunstprojekt plant. Glasner macht daraus keine Pointe und kein Lehrstück. Er zeigt einen Menschen der nicht mehr kann und einen Freund der nicht weiß wie helfen geht. Eidinger und Gwisdek zusammen in den Proberaum-Szenen. Das ist rohes deutsches Kino wie es sein sollte.

6

Glasner und das Erbe von Fassbinder

Meine Mutter würde jetzt Fassbinder erwähnen. Also mache ich es auch, aber anders als sie es tun würde. Glasner ist kein neuer Fassbinder. Glasner ist Glasner. Aber er teilt mit Fassbinder die Bereitschaft, deutsche Familien so zu zeigen wie sie sind: dysfunktional, stumm, brutal in ihrer Normalität. „Angst essen Seele auf“ war 1974. „Sterben“ ist 2024. Fünfzig Jahre dazwischen, und deutsche Familien haben sich nicht so sehr verändert wie sie glauben.

7

Ensemble. Kein schwaches Glied.

  • Lars Eidinger als Tom Lunies: der Dirigent der den eigenen Zerfall nicht hört. Eidinger macht das Ding wo er durch den Raum geht und alles kleiner wird um ihn herum
  • Corinna Harfouch als Lissy Lunies. Harfouch braucht keine Tränen um dich zum Weinen zu bringen. Sie guckt einfach geradeaus, und du weißt Bescheid
  • Lilith Stangenberg: Ellen, die vergessene Dritte. Spielt leiser als alle anderen und bleibt trotzdem am längsten im Kopf
  • Ronald Zehrfeld als Sebastian Vogel, komplett gegen den Strich besetzt und genau deshalb richtig
  • Robert Gwisdek als Bernard. Depressiv, genial, unfassbar traurig
  • Hans-Uwe Bauer als Gerd Lunies, dement im Pflegeheim, mit einer Würde die einem den Boden unter den Füßen wegzieht
  • Saskia Rosendahl als Ronja: eine kleine Rolle, groß gespielt

Bewertung

Bisherige Einschätzung

Archivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung

Bewertet von , die Wertung steht oben.

Sterben ist keine Krankheit. Sterben ist ein Zustand.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
Drei Stunden in einem halb leeren Odeon-Saal und danach noch zehn Minuten sitzengeblieben. Glasner hat etwas gemacht das sich deutsches Kino selten traut: einen Film der wehtut ohne sich dafür zu entschuldigen. Eidinger und Harfouch zusammen in einem Film, das ist wie Scorsese und De Niro, nur deutscher und leiser und vielleicht gerade deshalb besser. Nicht für jeden. Aber für jeden der wissen will was deutsches Kino 2024 kann.

Wer streamt Sterben?

Verfügbarkeit DE

Stand 16.10.2026: Sterben ist derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten, lässt sich aber ab 3,99 € leihen oder kaufen (z. B. bei Apple TV+).

Stand 16.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr

Besetzung

5 Rollen
  • Tom LuniesLars Eidinger
  • Lissy LuniesCorinna Harfouch
  • Ellen LuniesLilith Stangenberg
  • Sebastian VogelRonald Zehrfeld
  • BernardRobert Gwisdek

FAQ zu Sterben: Glasners drei Stunden deutscher Wahrheit

Ist Sterben wirklich drei Stunden lang?
180 Minuten. Ja. Und nein, man merkt es nicht die ganze Zeit. Es gibt Strecken, da vergisst du die Uhr. Und es gibt Momente, da willst du raus, aber nicht weil der Film schlecht ist, sondern weil er zu gut ist. Glasner lässt dir keine Pause.
Braucht man Vorkenntnisse für Sterben?
Nein. Du brauchst eine Familie. Oder die Erinnerung an eine. Oder die Angst vor dem, was aus Familien werden kann. Das reicht.
Warum hat Sterben den Silbernen Bären gewonnen?
Bestes Drehbuch, Berlinale 2024. Weil Glasner es geschafft hat, fünf Kapitel zu schreiben die sich anfühlen wie fünf verschiedene Filme, die aber zusammen etwas ergeben, das keiner allein könnte. Das ist handwerklich auf einem Level das die Berlinale-Jury nicht ignorieren konnte.
Ist Sterben deprimierend?
Ja. Aber nicht nur. Es gibt eine Szene in der Tom und Bernard betrunken im Proberaum sitzen und über den Tod lachen. Glasner findet Humor im Dunkelsten, und das macht den Film erträglicher als er klingt. Mein Kumpel Thomas, der IMMER fragt ob ein Film lustig ist: Ja, Thomas. Streckenweise sogar sehr.
Wie ist Lars Eidinger in Sterben?
Eidinger. Was soll ich sagen. Der Mann ist der beste deutschsprachige Schauspieler seiner Generation und in diesem Film beweist er es noch einmal. Nicht durch große Gesten, sondern durch das was er weglasst.
Für wen ist Sterben geeignet?
Für Leute die deutsches Kino ernst nehmen und bereit sind, sich drei Stunden darauf einzulassen. Nicht für den Sonntagabend nach einem langen Wochenende. Eher für den Samstag, wenn du Zeit hast danach spazieren zu gehen.

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