Wer streamt The Testament of Ann Lee?
VerfĂŒgbarkeit DEStand 11.08.2026: The Testament of Ann Lee lĂ€uft im Abo bei Disney+ â mit deutscher Synchronfassung. Leihen oder Kaufen geht ab 4,99 âŹ.
VerfĂŒgbarkeit Deutschland · Stand 11.08.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne GewĂ€hr, keine bezahlte Kooperation.
Die Kritik
von FilmSchneiderMona Fastvold, die Frau an der Seite von Brady Corbet (The Brutalist), macht jetzt ihren eigenen grossen Film. Amanda Seyfried spielt Ann Lee, die Gruenderin der Shaker-Bewegung im 18. Jahrhundert. Venedig hat 15,5 Minuten dafuer geklatscht. Und ich war lange nicht so neugierig auf einen Film.
In Deutschland laeuft „The Testament of Ann Lee“ seit dem 12. Maerz 2026 im Kino â wer jetzt noch reinkommen will, muss in der eigenen Stadt mal pruefen, welches Programmkino ihn noch gezogen hat. Ich selbst habe ihn noch nicht gesehen. Dieser Text ist also das was er ist: eine Vorfreudenbetrachtung, nicht mein Urteil. Mein Urteil kommt, wenn ich aus dem Kino raus bin.
Ann Lee. Shaker. Manchester. 1774.
Zuerst das historische Material, weil ohne das versteht man den Film nicht. Ann Lee war eine englische Fabrikarbeiterin aus Manchester, geboren 1736, die eine religioese Sekte mitbegruendete, die sich „United Society of Believers in Christ’s Second Appearing“ nannte â der Rest der Welt sagte Shakers dazu, weil deren Gottesdienste aus rhythmischem Tanzen, Zittern und Ekstase bestanden. Lee predigte Geschlechtergleichheit, Zoelibat (auch in der Ehe) und eine zweite Christus-Figur in weiblicher Form. In der Welt von 1774 war das Hochverrat gegen so ziemlich jede Ordnung die existierte.
Sie und ihre Anhaenger wurden in England geschlagen, verhaftet, ins Gefaengnis gesteckt. Als es nicht mehr ging, setzten sie 1774 nach Amerika ueber und gruendeten dort ihre Gemeinschaften â die kleinen, exakt konstruierten, unheimlich modernen Shaker-Doerfer die man heute noch in Massachusetts und Kentucky besichtigen kann. Lee starb 1784. Die Bewegung existierte bis ins 21. Jahrhundert hinein. Die letzten aktiven Shaker-Mitglieder leben noch heute in Sabbathday Lake, Maine.
Das ist kein Kostuemfilm-Stoff. Das ist Materie aus der Daniel Day-Lewis-Filme entstehen. Oder jetzt eben Amanda-Seyfried-Filme.
Mona Fastvold macht hier ihren eigenen Film.
Sie wird staendig als „Brady Corbets Partnerin“ eingefuehrt. Das ist richtig und es ist unterkomplex. Corbet hat The Brutalist gemacht, ja â aber Fastvold hat bei beiden seiner vorherigen Filme (The Childhood of a Leader, Vox Lux) das Drehbuch mitgeschrieben, und sie hat 2020 mit The World to Come bereits einen eigenen Film gedreht, der damals in Venedig lief und den kaum jemand gesehen hat. Hier ist es umgekehrt: sie fuehrt Regie, Corbet ist Second-Unit-Director. Der Mann hat sich zurueckgenommen.
Das ist beim Brutalist-Effekt auch die interessante Frage: wie viel von dem was The Brutalist so gut gemacht hat, kommt von ihm und wie viel von ihr? Jetzt sehen wir es. Fastvold ohne Corbet auf dem Regiestuhl. Amanda Seyfried statt Adrien Brody. Religion statt Architektur. Aber die gleiche ehrgeizige, beinahe unverschaemte Groessenordnung.
Venedig. Erster September. Fuenfzehneinhalb Minuten.
Der Film hatte seine Weltpremiere am 1. September 2025 im Wettbewerb des 82. Filmfestivals von Venedig. Standing Ovation: 15,5 Minuten. Nominierung fuer den Goldenen Loewen. Der Preis ging dann zwar woanders hin (Jim Jarmusch bekam ihn fuer „Father Mother Sister Brother“), aber das aendert wenig am Buzz. Seit Venedig laufen die Besprechungen auf 87% Rotten Tomatoes ein, Seyfried wird als „career-best“ tituliert, Daniel Blumbergs Score wird als Offenbarung besprochen.
Man muss bei solchen Venedig-Reaktionen immer einen Filter einbauen â das Publikum dort ist gutwillig und verbringt zehn Tage in Dauerbewunderung. Aber fuenfzehneinhalb Minuten sind auch in Venedig nicht Standard. The Brutalist hatte letztes Jahr dreizehn Minuten. Das hier ist nochmal drueber.
Amanda Seyfried. Und das nicht als Ueberraschung.
Viele werden jetzt sagen: Seyfried, wirklich? Mamma Mia Seyfried? Letters to Juliet Seyfried? Das unterschaetzt sie. Seyfried hatte ihre Phase in Hollywood-Mush (ja), aber sie hat auch First Reformed gegen Ethan Hawke gespielt und in Mank gegen Gary Oldman â und in The Dropout hat sie Elizabeth Holmes so praezise zerlegt dass sie einen Emmy geholt hat. Seit ein paar Jahren waehlt sie ihre Rollen mit einer Klarheit aus, die man in den 2010ern nicht unbedingt erwartet haette.
Ann Lee ist der Traumpart. Eine Frau die gegen das gesamte 18. Jahrhundert anrennt, die von Visionen spricht, die tanzt, zittert, schreit, predigt â und die im Kern eine gebrochene Fabrikarbeiterin ist, die vier Kinder begraben hat. Seyfried hat die Seiten dafuer, sie hat das Gesicht, sie hat die Stimme. Wenn Venedig sagt das ist ihre beste Rolle, glaube ich das erstmal.
Daniel Blumberg macht Shaker-Hymnen zu Score.
Blumberg hat letztes Jahr fuer The Brutalist den Oscar fuer den besten Soundtrack gewonnen. Das war keine Verlegenheitsentscheidung â das war einer der seltenen Faelle wo ein Score einen ganzen Film getragen hat. Fuer Ann Lee hat er die originalen Shaker-Hymnen als Quellmaterial benutzt. Das koennte grossartig werden. Das koennte auch peinlich folkloristisch werden. Bei Blumberg vermute ich ersteres.
Dass der Film Musik hat, ist uebrigens kein Detail. Die Shaker waren eine tanzende, singende Sekte. „Tis the gift to be simple“ stammt von ihnen. Das Lied gibt’s seit 1848, es ist Shaker. Wer das Genre „Historienfilm mit tanzenden Frauen in Haeubchen“ jetzt schon abschalten will, soll das tun. Aber es ist genau das Risiko das Fastvold eingeht, und die Frage ist, ob sie auf dieser Kante das Gleichgewicht haelt.
Das Nebenensemble.
Lewis Pullman als William Lee (der Bruder, der mitgeht) â interessante Wahl. Pullman hat in Top Gun Maverick „Bob“ gespielt, und juengst hat er in Thunderbolts den gebrochenen Sentry/Void dargestellt, was die erste Marvel-Performance seit langem war die nicht wie Marvel-Performance aussah. Thomasin McKenzie (Jojo Rabbit, Last Night in Soho) als Mary Partington/Narrator â McKenzie kann diese leise Qualitaet, die der Film offenbar braucht. Christopher Abbott spielt Abraham Standerin, Lees ungeliebten Ehemann â Abbott ist einer der besten Schauspieler seiner Generation, und er wird zu selten besetzt.
Stacy Martin als Jane Wardly (die Quaeker-Lehrerin die Lee in die Sekte zog) und Matthew Beard als James Whittaker â das ist europaeisches Arthouse-Pedigree oben drauf. Guy Pearce erwaehne ich bei Dog Stars, und er taucht hier nicht auf â schon enttaeuscht.
137 Minuten. Ja, das ist lang.
Gute Nachricht: es sind nicht 215 Minuten wie bei The Brutalist. Zweistuendig plus siebzehn. Nicht kurz, aber auch nicht absurd. Searchlight Pictures hat den US-Rollout so organisiert, dass er am 25. Dezember 2025 limited in 70mm startete und am 23. Januar in die Breite ging. In UK lief er ab 27. Februar. In Deutschland also am 12. Maerz 2026. Das ist Searchlight-Prestige-Strategie, wie man sie kennt.
Was ich befuerchte.
Feierlichkeit. Religionsfilme haben die Neigung, wichtig auszusehen und dabei hohl zu sein. Malick macht das manchmal. Scorsese bei Silence hat es teilweise gemacht. Bei einem Stoff wie Ann Lee â Predigerin, Visionaerin, gebrochene Frau â ist die Versuchung riesig, das Ganze in Weihrauch zu ersticken. Wenn Fastvold die Tanzsequenzen zu choreografiert anlegt, wenn die Visionen zu visuell-effektmaessig kommen, wenn Seyfried im Laufe des Films nur noch fluestern und gleichzeitig schreien darf, kippt das.
Ich glaube es nicht. Aber ich kann es nicht ausschliessen.
Was ich mir erhoffe.
Dass Fastvold zeigen kann warum diese Sekte so unheimlich und so schoen zugleich war. Die Shaker haben Moebel gebaut, die man heute noch im Museum of Modern Art findet. Sie haben Architektur geschaffen, die Fifty Years vor dem Bauhaus wie Bauhaus aussah. Sie haben von der Gleichheit der Frau gepredigt in einer Zeit in der Frauen nicht mal waehlen durften â und gleichzeitig haben sie jede Sexualitaet abgelehnt und sind daran als Bewegung ausgestorben. Das ist das Paradoxon. Wenn der Film dieses Paradoxon halten kann, ohne in eine Richtung zu kippen â dann ist das ein Film fuers nachste Jahr.
Und ich erhoffe mir dass der Tanz funktioniert. Das Shaker-Worship war Ekstase. Zucken, Zittern, Schreien, Singen. Wenn Fastvold das ernst nimmt und nicht peinlich â wenn das nicht aussieht wie in einer Netflix-Sektendoku â dann hat sie den Kern. Blumbergs Score wird da eine entscheidende Rolle spielen.
Ensemble, oder: wer hier alles tanzt.
- Amanda Seyfried als Ann Lee â nach First Reformed, Mank und The Dropout ihre bisher groesste Arthouse-Rolle. Golden-Globe- und Critics-Choice-nominiert.
- Lewis Pullman als William Lee (Ann Lees Bruder). Zuletzt als Sentry in Thunderbolts â seine bislang beste Performance.
- Thomasin McKenzie (Jojo Rabbit, Last Night in Soho) als Mary Partington, erzaehlt auch den Rahmen des Films.
- Christopher Abbott als Abraham Standerin. Underrated seit Jahren.
- Matthew Beard als James Whittaker.
- Stacy Martin als Jane Wardly â die Quaekerin die Ann Lee in die Bewegung zog.
- Viola Prettejohn als Nancy Lee.
- David Cale als John Hocknell â der wohlhabende Anhaenger der die Ueberfahrt nach Amerika finanzierte.
Deutsche Synchronisation.
Liegt vor â Searchlight zieht bei wichtigen Releases immer deutsche Fassung mit. Die deutsche Stimme von Amanda Seyfried ist seit Mamma Mia in der Regel Antje von der Ahe gewesen, teilweise auch andere. Thomasin McKenzie wurde zuletzt von Luisa Wietzorek gesprochen. Der Film ist aber sprachlich so dicht und Blumbergs Score so praezise mit den Originalstimmen verwoben, dass ich dringend die OmU-Fassung empfehlen wuerde, sobald ihr sie findet.
Also â wo kann man rein?
Seit 12. Maerz laeuft er. Viele grosse Multiplexe haben ihn nach ein, zwei Wochen rausgenommen â das ist bei Fastvold-Material erwartbar. Was bleibt sind die Programmkinos: in Hamburg das Abaton oder das Zeise, in Berlin das Delphi LUX und das FSK, in Koeln das Filmhaus, in Muenchen das ARRI. Prueft lokal. Wenn der Film da nicht mehr laeuft, kommt er spaetestens im Mai/Juni auf Disney+ (Searchlight laeuft dort) â dann halt zuhause.
Wer sich fuer weitere Drama-Filme oder historische Biografien interessiert, findet in den Kategorien einiges was daneben passt. Oppenheimer haben wir ausfuehrlich besprochen â aehnliches Kino-Ambitionsniveau, anderes Jahrhundert.
Hintergrund zu Film und historischer Figur: Wikipedia (EN).
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider â eine Person, ein begrĂŒndetes Urteil.
DafĂŒr
- Amanda Seyfried in Karrierebestform (Venedig, Golden Globe Nom)
- Daniel Blumberg nach The-Brutalist-Oscar erneut im Score
- Fastvold's erster Solo-Film seit The World to Come
- Stoff ohne Vorbild â Shaker-Gruenderin auf grosser Leinwand
Dagegen
- Religionsfilme kippen leicht in Feierlichkeit
- 137 Minuten fordern Aufmerksamkeit
- Tanz-Sequenzen koennten choreografiert statt ekstatisch wirken
- Seit 12.03.26 im Kino â in den meisten Multiplexen schon raus, Programmkinos pruefen
The Earth will shake and tremble.â aus der Wertung von FilmSchneider
Trailer
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