Die Kritik
von NordNoirAm 10. April 2026 startet Bunnylovr in den US-Kinos — Katarina Zhus Langfilmdebüt, das beim Sundance 2025 für gespaltene Meinungen sorgte und mich seitdem nicht mehr loslässt.
Eine chinesisch-amerikanische Cam-Girlerin in Brooklyn, ein Kaninchen von einem Klienten, ein sterbender Vater. 86 Minuten. Ich hab den Trailer dreimal geschaut und jedes Mal was anderes gespürt.
Der Trailer. Und was er mit meinem Nacken gemacht hat.
Es gibt Trailer die dir einen Film verkaufen wollen. Und es gibt Trailer die dir ein Gefühl geben, so ein dumpfes Ziehen hinterm Brustbein, und du weisst nicht mal warum. Bunnylovr ist Letzteres. Da sitzt diese Frau — Becca, gespielt von Zhu selbst — vor ihrem Laptop, Ringlight im Gesicht, und du siehst sofort: das ist keine Provokation. Das ist Alltag. Ihr Alltag. Tagsüber arbeitet sie als persönliche Assistentin, nachts vor der Webcam. Dazwischen: nichts. Oder alles. Kommt drauf an wie man hinschaut.
Charli XCX läuft im Hintergrund. Natürlich. Rachel Sennott hat die Lizenzierung eingefädelt — die beiden kennen sich von der NYU. Und irgendwie passt das perfekt, diese Mischung aus Pop und Unbehagen. Wie ein Edward-Hopper-Bild mit Bluetooth-Speaker. Mein Nacken war angespannt beim Zuschauen. Ohne dass was Schlimmes passiert wäre. Das ist die Art Spannung die ich am meisten mag.
Zhu. Alles gleichzeitig.
Katarina Zhu hat diesen Film geschrieben. Hat Regie geführt. Spielt die Hauptrolle. Und das ist — ich hab Stefan gefragt ob das arrogant ist oder mutig. Stefan meinte: „Wenn es funktioniert ist es mutig. Wenn nicht ist es Selbstüberschätzung. Handwerklich kann man das bewundern.“ Typisch. Immer die Struktur. Ich frag nach dem Gefühl, er gibt mir eine Analyse.
Aber hier geht’s nicht um Struktur. Zhu hat an der NYU Tisch School of the Arts studiert, BFA in Schauspiel 2018, und dann ist passiert was so vielen passiert: keine Rollen die sich nach ihr angefühlt haben. Die Castings waren falsch. Das Material hat nicht geklungen. Also hat sie sich ihre eigene Rolle geschrieben. The Film Stage nennt es eine „compelling character study“ — ja. Aber es ist mehr als das. Es ist jemand der sagt: wenn ihr mich nicht castet, caste ich mich halt selbst.
Sie hat bei Glossier gearbeitet, als Freelance-Video-Editorin, als persönliche Assistentin. Morgens um sechs aufstehen, abends schreiben. Irgendwann ist sie zu ihren Eltern nach Westchester zurückgezogen weil New York zu teuer war. Und dann kam die Trennung. Während der Pandemie. Hässlich. Das Drehbuch entstand daraus.
15 Jahre. Kein Wort.
Das steht nicht gross im Presseheft. Aber Katarina Zhu hat seit 15 Jahren keinen Kontakt zu ihrem Vater. Und dann schreibt sie einen Film in dem die Hauptfigur — die sie selbst spielt — ihren sterbenden Vater wieder trifft. Perry Yung spielt William. Ich frage mich was das mit einem macht, diese Geschichte jeden Tag am Set zu leben. Morgens aufstehen, Szene drehen, den eigenen Schmerz in eine Figur giessen die deinen Namen nicht trägt aber dein Gesicht hat.
Zhu hat in einem Interview gesagt: „I was interested in exploring that space that you’re in when you’re super heartbroken and you’re vulnerable“ („Mich hat dieser Zustand interessiert, wenn man extrem heartbroken und verletzlich ist — und viel eher bereit, sich auf Arten zu exponieren, die man normalerweise nicht in Betracht ziehen würde“). Det var for meget, hätte mein Vater gesagt. Aber vielleicht muss es das sein. Vielleicht gibt es Geschichten die nur so erzählt werden können.
Rachel Sennott, Jack Kilmer und ein Kaninchen
- Katarina Zhu als Rebecca — die Frau die diesen ganzen Film auf ihren Schultern trägt. Und ihn geschrieben hat. Und inszeniert.
- Austin Amelio als John. Der Klient mit dem Kaninchen. Walking-Dead-Fans kennen ihn als Dwight, ich kenn ihn aus nichts und bin gespannt.
- Perry Yung — William, der sterbende Vater. Warriors, wenn euch das was sagt.
- Rachel Sennott als Bella, Beccas Freundin. Die beiden sind im echten Leben befreundet, seit der NYU. Das merkt man hoffentlich.
- Jack Kilmer als Carter, der Ex-Freund. Val Kilmers Sohn. Ja, DER Val Kilmer.
- Malachy Cleary als Bob
- Clara Wong als Dr. Karas
Sundance hat geklatscht. Und gezögert.
Bunnylovr lief am 25. Januar 2025 beim Sundance Film Festival. U.S. Dramatic Competition. Das ist nicht nichts — das ist die Bühne auf der Whiplash lief, auf der Get Out lief. Sundance nennt den Film „a daring take on digital connection“. Mutig. Intim. Dunkel-komisch. Danach München, Sidewalk, San Diego Asian Film Festival.
Aber die Kritiken. 55% auf Rotten Tomatoes bei 22 Reviews. 5.7 auf IMDb. Das ist — ich sag mal so: das ist der Bereich in dem Filme leben die sich was trauen und nicht allen gefallen. Chase Hutchinson von TheWrap schreibt, der Film zeige „immense promise“ trotz Schwächen. Lovia Gyarkye vom Hollywood Reporter findet, Zhu mache die Geschichte „wholly her own“ — ganz zu ihrer eigenen. Ein Kritiker meinte, selbst Charli XCX könne dieses ziellose Kaninchen nicht retten. Note C. Autsch.
Weisst du was? Mir ist das egal. Ich mag Filme die spalten. Midsommar hat 83% und ich finde das zu niedrig. Hereditary hat 90% und ich würde 98 geben. Zahlen sagen mir nichts über das Gefühl das ein Film in deinem Körper hinterlässt. Aber ein Film über den die Leute streiten — der sagt mir viel.
Brooklyn riecht nach kaltem Kaffee in diesem Trailer
Die Geschichte klingt auf dem Papier simpel: Webcam-Model, Kaninchen vom Klienten, sterbender Vater. Aber simpel heisst hier nicht einfach. 86 Minuten sind kurz. Das ist tight. Kein Raum für Umwege die nicht gewollt sind — oder eben doch, wenn man den Kritikern glaubt die „aimless“ schreiben.
Das Kaninchen ist natürlich ein Symbol. Für Verletzlichkeit vielleicht, oder für diese seltsame Verbindung zwischen zwei Menschen die eigentlich keine haben sollten — John, der Klient, und Becca, die mehr ist als ihr Bildschirm. Da steckt was drin. Für mich fühlt sich das an wie ein Film der seine Bedeutung nicht erklärt sondern zeigt. Und ich spür das im Bauch, dieses Kribbeln das ich bei guten Indie-Filmen kriege. Ob der Film das einlöst? Keine Ahnung. Aber das Versprechen reicht mir erstmal.
Gen Z und die Kamera die nie ausgeht
Was mich an Bunnylovr fasziniert — und ich sage bewusst fasziniert, nicht begeistert, weil ich den Film noch nicht gesehen habe — ist die Art wie er Sexarbeit behandelt. Nicht als Sensation. Nicht als moralisches Dilemma für jemanden der nie in der Situation war. Sondern als Job. Als Realität einer jungen Frau in Brooklyn die Miete zahlen muss. Zhu hat sich vorbereitet indem sie in diese Welt eintauchte. Nicht als Voyeurin. Als Erzählerin.
Asian American Identity, Brooklyn, Gen Z, digitale Einsamkeit — das sind keine Buzzwords hier, das ist der Kern. Und wenn ich mir anschaue was im Indie-Drama-Bereich gerade passiert, dann sind es genau solche Filme die ich sehen will. Nicht die siebzehnte Traumatisierungs-Geschichte mit Oscar-Ambitionen und Geigen im Soundtrack. Sondern das hier. Roh. Klein. Mit Charli XCX statt Geigen. Persönlich bis es wehtut.
Was danach kommt. Vielleicht.
Utopia hat im Februar 2026 die Nordamerika-Rechte gesichert. US-Kino ab 10. April. Ob und wann Bunnylovr nach Deutschland kommt — unklar. Ob er auf einem Streamingdienst landet — wahrscheinlich, irgendwann. Solche Filme finden ihren Weg. Zur Not über Letterboxd-Mundpropaganda und Festival-Sammlungen.
Tom meinte letztens: „86 Minuten, Webcam-Drama, kein Budget — warum sollte mich das interessieren?“ Und ich hab gesagt: „Weil eine Frau ihren eigenen Schmerz vor die Kamera gestellt hat und ‚Action‘ gerufen hat. Und weil du das nicht könntest.“ Tom hat nichts mehr gesagt. Passiert selten.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von NordNoir — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Katarina Zhu als Triple-Threat — Buch, Regie, Hauptrolle
- Rachel Sennott bringt Leichtigkeit in ein schweres Thema
- 86 Minuten — kein Gramm Fett
- Charli XCX Soundtrack
- Sundance U.S. Dramatic Competition
Dagegen
- Kritiken gespalten — 55% auf Rotten Tomatoes
- Fehlende Fokussierung laut mehreren Kritikern
- Deutscher Kinostart noch völlig unklar
- Protagonistin könnte zu passiv sein
Besetzung
Der Saal
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