Poster zum Film Silent Friend: Ein Ginkgo, drei Jahrhunderte, drei Filmmaterialien

Silent Friend: Ein Ginkgo, drei Jahrhunderte, drei Filmmaterialien (2026)

Film · Drama · 2026 · 147 Min. · FSK 6

Von , aktualisiert am 30. September 20265 Minuten LesezeitSo arbeiten wir

„Silent Friend“ bekommt im WatchGuide-Kinokreis von mir 8,8 von 10. Ildikó Enyedi erzählt von einem Ginkgo im Botanischen Garten von Marburg und drei Menschen, die ihm in drei Jahrhunderten begegnen, und sie erzählt jede dieser Zeiten in dem Filmmaterial, das zu ihr gehört. Das ist ein Film, der Geduld verlangt und sie mit einer seltenen Ruhe belohnt.

Pandora Film hat ihn am 15. Januar 2026 in die deutschen Kinos gebracht, 147 Minuten lang und ab 6 Jahren freigegeben. Seit dem 21. Mai 2026 gibt es ihn auf DVD, Blu-ray und zum Abruf. Wer bereit ist, zweieinhalb Stunden lang einer Pflanze beim Dasein zuzusehen und dabei den Menschen um sie herum, sollte ihn nicht verpassen. Wer eine Handlung sucht, die auf ein Ziel zuläuft, wird mit ihm nicht glücklich.

Kurz gesagt

8,8 von mir. Ildikó Enyedi erzählt drei lose verbundene Geschichten um einen Ginkgo in Marburg, 1908 in Schwarzweiß auf 35 Millimeter, 1972 auf körnigem 16 Millimeter, 2020 digital, und macht so das Sehen selbst zum Thema. Tony Leung und Luna Wedler tragen das mit Gesichtern, die warten können. Wer eine verschränkte Handlung erwartet, wird die 147 Minuten lang finden. Wer sich auf die Ruhe einlässt, sieht einen der schönsten Filme des Jahres.

Quellen & Einordnung

Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.

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Trailer

Unsere Einordnung

von WatchGuide-Redaktion
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Drei Zeiten, drei Filmmaterialien

Im Jahr 1908 ist Grete, gespielt von Luna Wedler, die erste Studentin der Universität und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster der Pflanzen. 1972 gerät der Student Hannes, gespielt von Enzo Brumm, über der beharrlichen Beobachtung einer einfachen Geranie in eine innere Wandlung, an seiner Seite die Kommilitonin Gundula, gespielt von Marlene Burow. Im Jahr 2020 schließlich will ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, gespielt von Tony Leung, der sonst die Wahrnehmung von Säuglingen erforscht, mit dem alten Ginkgo ein Experiment wagen, während die Pandemie die Universität leert.

Was diesen Film über das Gewöhnliche erhebt, ist eine Entscheidung, die man zunächst für eine Äußerlichkeit halten könnte. Die Episode von 1908 ist in kontrastreichem Schwarzweiß auf 35-Millimeter-Film gedreht, die von 1972 auf grobkörnigem 16-Millimeter-Material, die Gegenwart digital. Michael Bendix beschreibt das bei Filmstarts genau, und Gerhard Midding nennt es bei epd Film eine eigentümliche Verzauberung. Ich möchte es genauer sagen: Enyedi lässt jede Zeit mit den Augen sehen, die sie selbst hatte. Das Schwarzweiß von 1908 steht der Fotografie nahe, mit der Grete die Welt erforscht, und das grobe Korn von 1972 ist das Material, auf dem damals Studentenfilme und Dokumentationen entstanden. So wird das Filmmaterial selbst zur Aussage über das Wahrnehmen, und genau darum geht es in diesem Film.

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Woher dieser Blick kommt

Die Vorstellung, dass ein Wesen, das nicht eingreifen kann, den Menschen über lange Zeit zusieht, ist dem deutschen Kino nicht fremd. Wim Wenders hat in Der Himmel über Berlin seine Engel in Schwarzweiß sehen lassen und die Welt der Menschen in Farbe, und als ich den Film 1987 mit meinem Mann Hartmut im Abaton sah, war er für mich reine Poesie. Enyedi greift diesen Gedanken nicht als Zitat auf, sondern wendet ihn um: Bei ihr ist der stumme Beobachter ein Baum, und ihre Kamera nimmt, wie Filmstarts beobachtet, immer wieder seine Perspektive ein. Axel Timo Purr zieht bei artechock den Vergleich zu Terrence Malicks „The Tree of Life“, und das trifft die Höhe, auf der sich dieser Film bewegt, auch wenn Enyedi, anders als Malick, nicht nach dem Jenseitigen sucht, sondern nach einer Sprache für die Verbundenheit hier unten.

Dass dabei nichts Esoterisches entsteht, liegt an der Haltung, mit der Enyedi Wissenschaft behandelt. Midding schreibt, sie setze die Botanik als Instrument ein, um Metaphern für die Wahrnehmung zu finden, nicht um das Sprechen der Pflanzen zu beweisen. Ihre Figuren messen, fotografieren und beobachten, und gerade diese Nüchternheit bewahrt den Film davor, ins Raunen zu geraten.

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Gesichter, die warten können

Tony Leung hat in In the Mood for Love gezeigt, dass er einen ganzen Film mit einem Gesicht tragen kann, das nichts preisgibt, und diese Fähigkeit braucht Enyedi für einen Wissenschaftler, der einem Baum eine Antwort abringen will. Luna Wedler wurde für ihre Grete in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis für junge Darsteller ausgezeichnet, und man versteht, warum: Sie spielt eine Frau, die sich einen Platz in einer Männerwelt erst erkämpfen muss, ohne daraus eine Thesenfigur zu machen. Léa Seydoux, Sylvester Groth und Martin Wuttke ergänzen ein Ensemble, in dem niemand lauter sein will als der Film.

Wenn ich mir einen Einwand erlauben darf, so betrifft er die Erwartung, die drei Zeitebenen würden sich am Ende zu einer einzigen Geschichte verschränken. Das tun sie nicht. Sie bleiben lose verbunden, und das einzige, was sie wirklich eint, ist der Baum. Wer das als Mangel empfindet, wird die 147 Minuten lang finden, und dass das Publikum den Film deutlich zurückhaltender aufnimmt als die Kritik, zeigt, dass es nicht wenigen so geht. Ich halte es für die ehrlichere Lösung.

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Wie die Kritik „Silent Friend“ sieht

Mit seltener Einigkeit. Filmstarts vergibt 5 von 5 Sternen und nennt den Film ein Meisterwerk, epd Film 4 von 5 Sternen. Bei Rotten Tomatoes sind 94 Prozent von 72 Kritiken positiv, das Publikum liegt bei 74 Prozent. Metacritic kommt auf 90 von 100 aus 17 Kritiken, die Nutzerwertung dort liegt nur bei 5,6 von 10. In Venedig erhielt der Film 2025 den Preis der internationalen Filmkritik FIPRESCI. Meine 8,8 folgen der Kritik, mit dem einen Vorbehalt der losen Verbindung. Stand der Werte: 30. September 2026.

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Wer mitspielt

  • Tony Leung Chiu-wai als Tony
  • Luna Wedler als Grete
  • Enzo Brumm als Hannes
  • Marlene Burow als Gundula
  • Léa Seydoux als Alice
  • Sylvester Groth als Anton
  • Martin Wuttke als Herr Fuchs
  • Rainer Bock als Professor Winterhalter

Buch und Regie: Ildikó Enyedi, die 2017 mit „Körper und Seele“ den Goldenen Bären gewann. Kamera: Gergely Pálos, Musik: Gábor Keresztes und Kristóf Kelemen. Eine Produktion von Pandora Film mit Partnern aus Frankreich und Ungarn.

Bewertung

Bisherige Einschätzung

Archivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung

Story7,5
Schauspiel9,0
Effekte9,0

Dafür

  • Jede Zeitebene in ihrem eigenen Filmmaterial
  • Die Kamera nimmt die Perspektive des Baums ein
  • Tony Leung und Luna Wedler in stillen, genauen Rollen
  • Wissenschaft als Weg zum Staunen, ohne Esoterik

Dagegen

  • Die drei Episoden bleiben lose verbunden
  • 147 Minuten verlangen viel Geduld
  • Das Publikum ist deutlich gespaltener als die Kritik
Enyedi lässt jede Zeit mit den Augen sehen, die sie selbst hatte, und macht das Filmmaterial zur Aussage über das Wahrnehmen.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
8,8 von mir. Ildikó Enyedi erzählt drei lose verbundene Geschichten um einen Ginkgo in Marburg, 1908 in Schwarzweiß auf 35 Millimeter, 1972 auf körnigem 16 Millimeter, 2020 digital, und macht so das Sehen selbst zum Thema. Tony Leung und Luna Wedler tragen das mit Gesichtern, die warten können. Wer eine verschränkte Handlung erwartet, wird die 147 Minuten lang finden. Wer sich auf die Ruhe einlässt, sieht einen der schönsten Filme des Jahres.

Wer streamt Silent Friend?

Verfügbarkeit DE

Stand 15.10.2026: Silent Friend ist derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten, lässt sich aber ab 4,99 € leihen oder kaufen (z. B. bei Apple TV+).

Im Abo enthalten 0
Derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten.

Stand 15.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr

Besetzung

5 Rollen
  • Tony WongTony Leung Chiu-wai
  • AliceLéa Seydoux
  • GreteLuna Wedler
  • HannesEnzo Brumm
  • AntonSylvester Groth

FAQ zu Silent Friend: Ein Ginkgo, drei Jahrhunderte, drei Filmmaterialien

Wo wurde „Silent Friend“ gedreht?
In Marburg. Im Mittelpunkt steht ein Ginkgo im Botanischen Garten der Universitätsstadt, gedreht wurde unter anderem dort im Frühjahr 2024.
Muss man „Körper und Seele“ kennen?
Nein. „Silent Friend“ steht vollständig für sich. Wer Enyedis Film von 2017 kennt, erkennt allerdings ihr Interesse an Verbindungen, die ohne Worte auskommen.

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