Poster zum Film Der Himmel über Berlin: Wenders‘ Engel und eine Stadt, die es nicht mehr gibt (1987) Pflichtprogramm — WatchGuide-Auszeichnung „Der Watcher"

Der Himmel über Berlin: Wenders‘ Engel und eine Stadt, die es nicht mehr gibt (1987)

🏅 Pflichtprogramm 🎬 Film 128 Min. DramaFantasy FSK 6
⚡ Kurz gesagt

Wim Wenders' Engel-Klassiker von 1987 mit Bruno Ganz: schwarzweiße Poesie über dem geteilten Berlin, Cannes-Regiepreis, Kamera Henri Alekan. Unsere Kritik mit Watcher-Score 8,9. Watcher-Score 8,9/10.

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Die Kritik

von Lichtspiel

Am 29. Oktober 1987 kam „Der Himmel über Berlin“ in die deutschen Kinos, und bis heute hat kaum ein deutscher Film so leise so viel gesagt.

Wim Wenders lässt zwei Engel über das geteilte Berlin gleiten, die den Menschen zuhören, ohne eingreifen zu dürfen. Ich habe den Film zum ersten Mal in einem Programmkino mit knarzenden Sitzen gesehen, und das Publikum hat kaum geatmet. Nach vielen Jahren und mehreren Wiedersehen bleibe ich bei 8,9 von 10. Das gehört für mich zum Größten, was das deutsche Kino je gewagt hat.

Engel, die nur zuhören dürfen

Die beiden Engel Damiel und Cassiel, gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander, bevölkern das Berlin des Jahres 1987. Sie sind unsichtbar und unsterblich, hören die Gedanken der Menschen und spenden Trost, ohne je in ihr Leben eingreifen zu können. Einen klassischen Plot gibt es nicht. Der Film besteht 128 Minuten lang aus Beobachtung, aus Stimmen, aus Blicken.

Damiel aber sehnt sich nach dem Irdischen, nach dem Geschmack von Kaffee, nach kalten Händen, nach einer einzigen sterblichen Berührung. Als er die einsame Trapezkünstlerin Marion sieht, gespielt von Solveig Dommartin, beginnt er ernsthaft darüber nachzudenken, seine Ewigkeit gegen ein Leben einzutauschen. Diese Sehnsucht ist der eigentliche Motor des Films, kein äußerer Konflikt, sondern eine innere Frage: Ist Endlichkeit ein Verlust oder ein Geschenk?

Wenders und das Neue Deutsche Kino

Wim Wenders gehört mit Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog und Volker Schlöndorff zur Generation des Neuen Deutschen Kinos, die in den 1970er Jahren das Land filmisch neu vermaß. Drei Jahre vor „Der Himmel über Berlin“ hatte Wenders mit „Paris, Texas“ 1984 in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Danach kehrte er aus Amerika zurück, und der Engel-Film wurde seine Liebeserklärung an die geteilte Heimatstadt.

Man spürt in jeder Einstellung, dass hier einer heimkommt. Wenders war lange der große Reisende des deutschen Kinos, seine frühen Werke sind Roadmovies über Männer, die nirgends ankommen. Ausgerechnet in Berlin, dieser eingemauerten Insel, findet sein Kino zur Ruhe. Der Blick der Engel von oben auf die Stadt ist auch der Blick eines Regisseurs, der nach Jahren in der Fremde endlich wieder auf das schaut, was ihn geprägt hat. Ohne dieses biografische Fundament wäre der Film nicht denkbar, und genau deshalb wirkt er trotz aller Poesie nie beliebig.

Henri Alekan. Der Mann, der Engel sehen ließ.

Die Kamera stammt von Henri Alekan, einem Meister, der schon in den 1940er Jahren französische Klassiker fotografierte. Für Wenders zeigt er die Welt der Engel in silbrigem Schwarzweiß und die Welt der Menschen in Farbe. Der Wechsel geschieht in dem Moment, in dem Damiel sterblich wird und zum ersten Mal Blut und Himmel in Farbe sieht. Wenders bekam dafür 1987 in Cannes den Preis für die beste Regie.

Man kann gar nicht genug betonen, wie viel dieser Film seiner Bildsprache verdankt. Alekans Kamera schwebt, sie gleitet an Fassaden entlang und durch eine Bibliothek, als wäre sie selbst ein körperloses Wesen. Kein digitaler Trick, alles analog, alles handgemacht. Wer heute glaubt, Staunen im Kino brauche Millionenbudgets, sollte sich anschauen, was ein großer Kameramann 1987 mit Licht und Bewegung anstellen konnte. Diese Bilder haben Generationen von Filmemachern geprägt.

Die Bibliothek, in der die Engel sich sammeln

Eine der berühmtesten Szenen spielt in der Berliner Staatsbibliothek. Dort versammeln sich die Engel zwischen den Lesenden und hören dem stummen Murmeln der Gedanken zu, das sich zu einem vielstimmigen Chor verdichtet. Es ist eine Idee von schlichter Größe: Der Ort des Wissens wird zum Ort, an dem alle Einsamkeit der Stadt zusammenläuft.

Diese Sequenz zeigt, worum es Wenders wirklich geht. Nicht um Spannung, sondern um Empathie, um das Zuhören als höchste Form der Zuwendung. Die Engel können nichts tun, außer da zu sein und eine Hand auf eine Schulter zu legen, die niemand spürt. Ich kenne wenige Filme, die das Mitgefühl so unmittelbar zum Thema machen, ohne je sentimental zu werden. Wer einmal erlebt hat, wie dieser Gedankenchor über die Leinwand schwappt, vergisst ihn nicht wieder. Es ist der Moment, in dem der Film seine ganze Haltung offenlegt.

Bruno Ganz will sterblich werden

Bruno Ganz spielt Damiel mit einer Zärtlichkeit, die kein zweiter deutscher Schauspieler seiner Zeit so hinbekommen hätte. Otto Sander gibt seinem Engel Cassiel eine tiefere Melancholie, weil er zurückbleibt, während der Freund geht. Beide tragen dunkle Mäntel und einen zusammengebundenen Zopf, und beide wirken nie kitschig, sondern einfach müde und weise.

Ein Höhepunkt ist Curt Bois als greiser Erzähler Homer, der über den verwüsteten Potsdamer Platz irrt und eine Zeit sucht, die der Krieg ausradiert hat. Bois war damals schon über neunzig und ein lebendes Stück Filmgeschichte. Und dann ist da Peter Falk, der sich selbst spielt, einen Schauspieler, der einst ein Engel war und Mensch wurde. Sein Satz an den unsichtbaren Damiel, er könne ihn zwar nicht sehen, wisse aber, dass er da sei, gehört zu den schönsten Momenten des Films. Solveig Dommartins Marion bleibt daneben etwas blass, auch wenn die Schauspielerin ihre Trapeznummern selbst gedreht und dafür lange trainiert hat. Ihre Figur ist weniger ein Mensch als ein Sehnsuchtsbild, und das ist die eine erzählerische Schwäche, die sich der Film leistet.

Ein Berlin, das zwei Jahre später verschwand

Gedreht wurde 1987, also zwei Jahre vor dem Fall der Mauer. Der Film zeigt ein geteiltes Berlin mit Todesstreifen, Brachen und Wunden, das es in dieser Form seit 1989 nicht mehr gibt. Damit ist „Der Himmel über Berlin“ heute auch ein unbeabsichtigtes Zeitdokument, ein Blick auf eine Stadt kurz vor ihrer größten Veränderung.

Diese historische Aufladung hatte Wenders 1987 gar nicht planen können, und trotzdem ist sie heute Teil der Wirkung. Wenn Homer über den leeren Potsdamer Platz stolpert, wo damals nur Sand und Mauer waren, sieht man eine Leerstelle, die längst wieder zugebaut ist. Der Film hält einen Moment fest, in dem die deutsche Geschichte den Atem anhielt. Wer Berlin kennt, schaut ihn mit einem doppelten Blick, halb Kino, halb Erinnerung an eine untergegangene Welt.

Peter Handkes Poesie trägt den Film

Das Drehbuch schrieb Wenders zusammen mit dem Schriftsteller Peter Handke, und man hört es in jeder Zeile. Der wiederkehrende Vers „Als das Kind Kind war“ zieht sich wie ein Gebet durch den Film und fasst seine ganze Sehnsucht nach Unschuld in wenige Worte. Die Musik von Jürgen Knieper legt sich zurückhaltend darunter, ohne je die Stille zu übertönen.

Man muss diese Sprache mögen, das gebe ich zu. Wer im Kino Handlung erwartet, wird von den langen inneren Monologen ausgebremst. Ich dagegen liebe genau das, weil es Kino als Literatur denkt, nicht als Achterbahn. Zwischendurch holt Wenders die Gegenwart herein, etwa wenn Marion einem Konzert von Nick Cave und den Bad Seeds lauscht. Dieser Kontrast aus zeitloser Poesie und rauem Berliner Nachtleben ist genau die Mischung, die den Film lebendig hält und ihn davor bewahrt, ein Museumsstück zu werden.

Was der Film heute noch kann, und wo er hakt

Ganz ehrlich, mühelos ist dieser Film nicht. Die Liebesgeschichte zwischen Damiel und Marion kommt spät und bleibt schmaler als die philosophische Grundfrage. Marions großer Monolog am Ende ist wunderschön formuliert, aber er erklärt ein Gefühl, das der Film bis dahin viel eleganter gezeigt hatte. An dieser Stelle wird aus Andeutung plötzlich Ansage.

Wer wissen will, wie man denselben Stoff glattbügelt, muss nur das Hollywood-Remake „City of Angels“ von 1998 mit Nicolas Cage danebenlegen. Dort wird aus der leisen Frage nach der Sterblichkeit eine große Romanze mit tragischem Ende. Das ist nicht schlecht gemacht, aber es zeigt, wie viel Mut Wenders hatte, die Dinge offen zu lassen. Übrigens drehte er 1993 mit „In weiter Ferne, so nah!“ selbst eine Fortsetzung, die in Cannes den großen Preis der Jury gewann, ohne je die Magie des ersten Teils zu erreichen.

Warum ich ihn zum Kanon zähle

Fast vier Jahrzehnte später steht „Der Himmel über Berlin“ da wie ein Solitär. Er hat keine Nachahmer im eigentlichen Sinn, weil kaum jemand den Mut zu solcher Langsamkeit aufbringt. Wer deutsches Autorenkino verstehen will, kommt an Wenders und an diesem Film nicht vorbei. Ich würde ihn niemandem müde nach Feierabend empfehlen, sondern nur mit Zeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich tragen zu lassen. Man sollte ihn im abgedunkelten Zimmer sehen, ohne Telefon, am besten in der restaurierten Fassung, damit Alekans Grautöne wirklich leuchten. Es ist ein Film, den man nicht konsumiert, sondern mit dem man eine Weile lebt. Ich habe Menschen erlebt, die nach der ersten Sichtung ratlos aus dem Kino kamen und ihn Jahre später als einen ihrer liebsten Filme bezeichneten. So etwas schafft nur großes Kino, das sich nicht anbiedert. Wer danach mehr will, findet bei uns weitere Dramen, dazu das ernste deutsche Gegenwartskino von Amrum und Sterben, den zeitlosen Liebesklassiker Casablanca und die Serie Babylon Berlin als ganz anderen Blick auf die Stadt. Einen Gesamtüberblick gibt es unter alle Filme.

Mehr Hintergrund steht in der deutschen Wikipedia, und die Wim Wenders Stiftung dokumentiert die Restaurierung und Entstehung des Films.

⚖️

Bewertung

Watcher-Score · redaktionelle Einzelwertung
Story8,0
Schauspiel9,0
Effekte9,5
Ton8,5

Dafür

  • Henri Alekans Kamera in Schwarzweiß und Farbe ist bis heute unerreicht
  • Bruno Ganz macht einen Engel glaubhaft, der sterblich werden will
  • Ein einzigartiges Zeitdokument des geteilten Berlin, zwei Jahre vor dem Mauerfall
  • Peter Handkes Poesie trägt den ganzen Film

Dagegen

  • Wer einen klaren Plot braucht, wird an der lyrischen Struktur verzweifeln
  • Die Liebesgeschichte um Marion bleibt blasser als der Rest
  • 128 Minuten, die Geduld und die richtige Stimmung verlangen
Ein Film, der nicht erzählt, sondern lauscht. Nach all den Jahren berührt mich diese Schwarzweiß-Poesie noch genauso wie beim ersten Mal.— aus der Wertung von Lichtspiel
Ich habe Der Himmel über Berlin zuerst als junge Frau im Programmkino gesehen, mit einem Publikum, das kaum zu atmen wagte. Wenders erzählt hier fast nichts und trifft trotzdem ins Mark. Die Engel hören den Gedanken der Menschen zu, und die Kamera von Henri Alekan gleitet durch eine Stadt, die es so nicht mehr gibt. Das ist kein Film für nebenbei, sondern einer, der Geduld belohnt wie kaum ein zweiter. Für mich gehört er zum Größten, was das deutsche Kino hervorgebracht hat. Der letzte Punkt zur Höchstnote fehlt nur, weil die Liebesgeschichte hinter der Vision zurückbleibt. 8,9 und eine Pflichtsichtung für jeden, der wissen will, was Kino kann.
📺

Wer streamt Der Himmel über Berlin?

Verfügbarkeit DE

Stand 23.07.2026: Der Himmel über Berlin läuft im Abo bei Prime Video und Apple TV+ – mit deutscher Synchronfassung. Leihen oder Kaufen geht ab 3,99 €.

Verfügbarkeit Deutschland · Stand 23.07.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne Gewähr, keine bezahlte Kooperation.

Schnelle Antworten

Antworten Schnelle Antworten zu Der Himmel über Berlin

Wo kann ich Der Himmel über Berlin streamen?

Der Himmel über Berlin läuft aktuell im Abo bei Prime Video und Apple TV+; zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+, Amazon, Google Play, YouTube, maxdome und freenet Video. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.

Ab welchem Alter ist Der Himmel über Berlin freigegeben?

Der Himmel über Berlin ist in Deutschland ab FSK 6 freigegeben.

Wie lange dauert Der Himmel über Berlin?

Der Himmel über Berlin hat eine Laufzeit von rund 128 Minuten (2 Stunden und 8 Minuten).

Lohnt sich Der Himmel über Berlin?

Unsere Redaktion vergibt Der Himmel über Berlin einen Watcher-Score von 8,9 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders für Drama-Fans.

Für wen ist Der Himmel über Berlin geeignet?

Der Himmel über Berlin ist vor allem etwas für Drama und Fantasy-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.

🎬

Trailer

🎭

Besetzung

Bruno GanzDamiel
Solveig DommartinMarion
Otto SanderCassiel
Curt BoisHomer
Peter FalkThe Filmstar

FAQ zu Der Himmel über Berlin: Wenders‘ Engel und eine Stadt, die es nicht mehr gibt

Wovon handelt Der Himmel über Berlin?
Zwei unsichtbare Engel beobachten die Menschen im geteilten Berlin von 1987 und hören ihre Gedanken. Einer von ihnen, Damiel, verliebt sich in eine einsame Trapezkünstlerin und will deshalb sterblich werden. Der 128 Minuten lange Film ist weniger Handlung als eine Meditation über Endlichkeit und Sehnsucht.
Warum ist der Film teilweise schwarzweiß?
Die Welt der Engel zeigt Kameramann Henri Alekan in silbrigem Schwarzweiß, die Welt der Menschen in Farbe. In dem Moment, in dem Damiel sterblich wird, sieht er zum ersten Mal Farben. Der Wechsel ist kein Effekt, sondern die zentrale Idee des ganzen Films.
Wer hat Der Himmel über Berlin gedreht?
Regie führte Wim Wenders, das Drehbuch schrieb er zusammen mit dem Schriftsteller Peter Handke. Für seine Arbeit bekam Wenders 1987 in Cannes den Preis für die beste Regie. Es ist einer der wichtigsten deutschen Filme der 1980er Jahre.
Spielt Peter Falk sich selbst?
Ja. Der amerikanische Schauspieler, den viele als Inspektor Columbo kennen, tritt als er selbst auf. Im Film ist seine Figur ein ehemaliger Engel, der einst Mensch geworden ist. Damit wird er für den zweifelnden Damiel zu einer Art Ratgeber auf dem Weg ins sterbliche Leben.
Gibt es ein Hollywood-Remake?
Ja, 1998 entstand mit „City of Angels" eine amerikanische Neuverfilmung mit Nicolas Cage und Meg Ryan. Sie macht aus dem leisen Original eine große, tragische Romanze. Wer beide kennt, sieht sofort, wie viel offener und mutiger Wenders seine Geschichte erzählt hat.
Gibt es eine Fortsetzung von Der Himmel über Berlin?
Ja, 1993 drehte Wim Wenders mit „In weiter Ferne, so nah!" eine direkte Fortsetzung, in der diesmal Otto Sanders Engel Cassiel im Mittelpunkt steht. Der Film gewann in Cannes den Großen Preis der Jury, gilt aber allgemein als deutlich schwächer als das Original von 1987.
Wo kann ich Der Himmel über Berlin streamen?
Die Verfügbarkeit wechselt regelmäßig zwischen Abo-Diensten und Leihplattformen. Die aktuelle Liste für Deutschland steht direkt oben im Beitrag. Als restaurierte Fassung lohnt sich der Film besonders, weil erst dann Alekans Bildarbeit ihre volle Wirkung entfaltet.
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