Die Kritik
von LichtspielAm 26. Februar 1920 lief im Berliner Marmorhaus ein Film an, dessen Wände nicht senkrecht standen.
Robert Wienes Jahrmarktsgeschichte hat dem deutschen Kino nach dem verlorenen Krieg internationale Geltung verschafft. Über kaum einen anderen Film wird seit hundert Jahren so hartnäckig etwas Falsches erzählt. Eine 9,2 von mir, und der Streit darum ist interessanter als die Handlung.
Gemalte Schatten, und warum das keine Sparmaßnahme war
Die Bauten stammen von Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig, drei Malern aus dem Umfeld der Berliner Sturm-Galerie. Sie haben Häuser gebaut, die sich neigen, Fenster, die in Rauten zulaufen, und Straßen, die in eine Tiefe führen, die es nicht gibt. Das Auffälligste steht nicht in den Bauten, sondern auf ihnen: Licht und Schatten sind aufgemalt. Wo eine Figur steht, liegt ein schwarzer Keil auf dem Boden, der auch dann bleibt, wenn sie weitergeht.
Gedreht wurde von Dezember 1919 bis Januar 1920 im Lixie-Atelier in Berlin-Weißensee, das Negativ umfasst nach den Unterlagen des Deutschen Filminstituts 1780 Meter in sechs Akten. Die Kamera von Willy Hameister steht fast immer still. Das ist keine Ungeschicklichkeit einer frühen Produktion, sondern die Bedingung dafür, dass die gemalte Perspektive hält. Sobald sich die Kamera bewegt, verrät sich die Kulisse als Fläche.
Hartnäckig hält sich die Erklärung, das alles sei aus Stromknappheit entstanden, weil man Scheinwerfer sparen musste. Belegt ist das nicht. Was sich belegen lässt, ist die Herkunft der drei Gestalter aus der expressionistischen Malerei, und ihre Entwürfe sehen aus wie das, woran sie ohnehin arbeiteten. Der Film hat den Stil nicht erfunden, er hat ihn ins Kino geholt.
Der Streit um den Rahmen
Die bekannteste Geschichte über diesen Film geht so: Die Autoren Hans Janowitz und Carl Mayer hätten eine Anklage gegen die Obrigkeit geschrieben, und die Produktion habe ihnen eine Rahmenhandlung übergestülpt, die den Erzähler als Irren entlarvt und die Anklage entschärft. Aus einem revolutionären Film sei so ein konformistischer geworden.
Diese Version stammt von Janowitz selbst, aufgeschrieben im amerikanischen Exil ab dem Ende der dreißiger Jahre, also fast zwanzig Jahre nach der Premiere. Er deutete Caligari als Sinnbild der Obrigkeit des untergegangenen Kaiserreichs und Cesare als den zum Morden abkommandierten Untertanen.
Die Filmgeschichtsschreibung hat das lange übernommen. Inzwischen gilt es als sehr wahrscheinlich, dass die ursprüngliche Fassung des Drehbuchs bereits eine Rahmenhandlung enthielt und Janowitz‘ Darstellung eine nachträgliche Deutung ist. Auch die Nebenlegende, Fritz Lang habe als ursprünglich vorgesehener Regisseur den Rahmen erfunden, hält nicht; überliefert ist lediglich ein Vorschlag zur Gestaltung der Eingangsszene.
Was davon bleibt, ist ein Lehrstück darüber, wie Filmgeschichte entsteht. Ein Beteiligter erzählt Jahrzehnte später seine Version, die Version passt zu dem, was man hören will, und sie wird zur Tatsache, weil sie oft genug wiederholt wird. Bei einem Film, dessen ganze Konstruktion darauf beruht, dass ein Erzähler nicht vertrauenswürdig ist, hat das eine Ironie, die man nicht erfinden könnte.
Was Kracauer daraus machte
Siegfried Kracauer hat 1947 in „Von Caligari zu Hitler“ aus dem Film eine Diagnose gemacht. Das Weimarer Kino habe in seinen Tyrannenfiguren eine kollektive seelische Disposition vorweggenommen, die später in den Nationalsozialismus geführt habe, und die Rahmenhandlung habe die eigentliche Absicht der Autoren verkehrt.
Das Buch hat die Rezeption des deutschen Stummfilms auf Jahrzehnte geprägt und ist bis heute lesenswert. Sein Fundament ist allerdings genau die Darstellung, die Janowitz im Exil geliefert hat. Kracauer stützt die These über den Rahmen auf eine Zeugenaussage von 1940 über einen Vorgang von 1919, nicht auf Dokumente aus der Entstehungszeit.
Das entwertet die These nicht, es verschiebt ihren Rang. Wer den Film heute ansieht, muss nicht entscheiden, ob Deutschland 1920 auf 1933 zulief. Er kann sich an das halten, was auf der Leinwand steht: eine Erzählung, die ihre eigene Zuverlässigkeit im letzten Akt zurücknimmt, und ein Ende, das offenlässt, ob die Anstalt Zuflucht oder Gefängnis ist.
Der Kasten geht auf
Die Szene, an der sich entscheidet, ob dieser Film für einen heutigen Zuschauer funktioniert, kommt früh. Caligari öffnet auf dem Jahrmarkt einen aufrecht stehenden Kasten, in dem Cesare steht wie ein Werkzeug im Schrank. Dann öffnet Conrad Veidt die Augen, und der Film hält die Einstellung länger, als man es erwartet.
Veidt spielt diese Figur fast ohne Bewegung. Das Gesicht ist weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, der Körper bleibt an die Wand gedrückt. Was sich verändert, sind die Lider und der Mund, und beides in einem Tempo, das zur restlichen Darstellung dieses Jahrzehnts quer steht. Ringsum wird chargiert, wie es die Bühne der Zeit vorgab; Werner Krauß rudert, die Nebenfiguren zeigen Entsetzen mit dem ganzen Oberkörper. Veidt tut das Gegenteil und hält still. Deshalb ist von diesem Film ausgerechnet sein Gesicht übrig geblieben und nicht die schiefen Wände.
Die zweite Stelle, an der die Konstruktion aufgeht, ist Cesares Weg über die Dächer mit der ohnmächtigen Jane. Hier arbeitet die gemalte Perspektive für den Film statt gegen ihn: Die Schrägen, über die er sich bewegt, ergeben keinen begehbaren Raum, und genau das macht den Weg unheimlich. Man sieht keine Flucht durch eine Stadt, sondern eine Bewegung durch eine Zeichnung. Wo spätere Regisseure für diesen Effekt Nebel und Schnitt brauchen, genügt hier ein Bühnenbild, das sich weigert, richtig zu sein.
Was zwischen diesen Stellen liegt, ist schwächer. Sobald Francis zu ermitteln beginnt, wird aus dem Alptraum eine ordentliche Kriminalgeschichte mit Schreibtischen, Akten und einem Polizeiapparat, den die Bauten nicht mehr tragen. Der Film ist am besten, wenn niemand etwas herausfindet.
- Werner Krauß gibt den Caligari als kleinen, geschäftigen Mann mit Zylinder und runder Brille, dessen Autorität nie behauptet, sondern nur ausgeübt wird.
- Conrad Veidt spielt Cesare. Sein Auftritt aus dem aufgestellten Kasten heraus, mit weiß geschminktem Gesicht und schwarz umrandeten Augen, ist das Bild, das von diesem Film übrig geblieben ist.
- Friedrich Fehér als Francis trägt die Erzählung und verliert im letzten Akt die Verfügung darüber.
- Lil Dagover ist Jane, Hans Heinrich von Twardowski spielt Alan, Rudolf Lettinger den Dr. Olsen. In einer kleinen, ungenannten Rolle ist Rudolf Klein-Rogge zu sehen, elf Jahre vor seinem Mabuse für Fritz Lang.
1780 Meter, und wie schnell man sie abspielt
Eine Angabe in eigener Sache, weil sie bei Stummfilmen fast immer falsch weitergegeben wird. Die Filmdatenbank TMDB führt Caligari mit 72 Minuten und dem 27. Februar 1920. Das Premierendatum ist der 26. Februar, übereinstimmend bei filmportal und Wikipedia.
Bei der Laufzeit liegt der Fall grundsätzlicher. Ein Stummfilm hat keine feste Laufzeit, weil er keine feste Bildfrequenz hat. Die harte Zahl ist die Länge des Materials, und die beträgt hier 1780 Meter. Wie lange das dauert, entscheidet die Projektionsgeschwindigkeit: Bei 24 Bildern pro Sekunde sind es rund 65 Minuten, bei 20 Bildern rund 78, bei 18 Bildern über 86. Die restaurierte Fassung der Murnau-Stiftung läuft 75 Minuten. Alle diese Zahlen können richtig sein, und keine ist die Laufzeit des Films.
Wer also liest, Caligari dauere 72 Minuten, liest keine Eigenschaft des Werks, sondern eine Entscheidung darüber, wie es abgespielt wird. Dasselbe gilt für die Farbe. Der Film ist kein reines Schwarzweiß, er ist viragiert, also in Bädern eingefärbt, mit unterschiedlichen Farbtönen für Tag, Nacht und Innenräume. Wer eine graue Kopie sieht, sieht eine Notlösung.
Verboten, ausgestellt, wiederhergestellt
Die Zensur gab den Film im März 1920 unter der Nummer 43802 mit Jugendverbot frei. 1933 wurde er in Deutschland verboten, 1937 war er Teil der Ausstellung „Entartete Kunst“. Damit hat der Staat, dessen Aufstieg Kracauer später aus diesem Film herauslesen wollte, ihn zuerst aus dem Verkehr gezogen.
Die Wiederherstellung zog sich über Jahrzehnte und über mehrere Anläufe: eine ZDF-Fassung Anfang der achtziger Jahre, eine Farbrekonstruktion des Bundesarchivs 1984, eine belgisch-koordinierte Arbeit 1994 mit Kopien aus Brüssel und Montevideo. Die heute maßgebliche Fassung entstand 2012 und 2013 bei L’Immagine Ritrovata in Bologna im Auftrag der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, digitalisiert in 4K vom Kameranegativ. Ihre Premiere hatte sie am 9. Februar 2014 in der Berliner Philharmonie, mit einer neuen Musik von John Zorn.
Dass ein Film von 1920 heute in höherer Auflösung vorliegt als die meisten Fernsehproduktionen der neunziger Jahre, gehört zu den angenehmeren Widersprüchen dieses Gewerbes.
Was von Caligari weiterlebt
Die schiefen Wände sind kopiert worden, bis sie zur Chiffre wurden, und das ist die schwächste Art, sich auf diesen Film zu beziehen. Interessanter ist, was Metropolis und M daraus gemacht haben: Bei Fritz Lang wird die Verzerrung in die Architektur selbst verlegt, statt sie auf sie zu malen, und der Schatten fällt wieder echt.
Die andere Linie führt über den unzuverlässigen Erzähler. Psycho und Vertigo arbeiten mit der Erschütterung dessen, was der Zuschauer zu wissen glaubte, vierzig Jahre später und mit beweglicher Kamera. Und wer sehen will, wie das expressionistische Erbe im heutigen Kino aussieht, findet es bei Robert Eggers, dessen Nosferatu die Schattenführung des deutschen Stummfilms ernster nimmt als die meisten Hommagen. Auch Aguirre, der Zorn Gottes gehört in diese Linie, weniger im Bild als in der Figur des Mannes, dessen Wahn den Rahmen sprengt.
Wo der Film heute zu sehen ist
Caligari läuft in mehreren deutschen Streaming-Angeboten, teils im Abo, teils kostenlos mit Werbung. Die Fassungen unterscheiden sich erheblich, weil viele Anbieter alte, graue Kopien einsetzen statt der restaurierten viragierten Version.
Wer die Wahl hat, nimmt die Fassung der Murnau-Stiftung. Sie liegt auf DVD und Blu-ray vor und ist an der Farbe erkennbar: Nachtszenen blau, Innenräume warm getönt. Regelmäßig läuft der Film auch mit Live-Musik im Kino, zuletzt in Bearbeitungen vom Babylon Orchester Berlin bis zu einer elektroakustischen Fassung von Karl Bartos.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Die gemalten Schatten sind bis heute ohne Vorbild und ohne gleichwertige Nachfolge
- Conrad Veidts Cesare ist das dauerhafteste Bild des deutschen Stummfilms
- Die Erzählung nimmt ihre eigene Zuverlässigkeit zurück, ohne den Zuschauer zu belehren
- Die 4K-Fassung der Murnau-Stiftung macht die Viragierung wieder sichtbar
Dagegen
- Das Spiel der Nebenfiguren ist auch für 1920 stark aufgetragen
- Die Mittelakte verlieren Tempo, sobald die Ermittlung einsetzt
- Ohne Kenntnis der Rahmen-Debatte bleibt der Schluss leichter zu verwechseln, als er sein müsste
Bei einem Film, dessen Konstruktion darauf beruht, dass ein Erzähler nicht vertrauenswürdig ist, ist die zurechtgelegte Entstehungslegende eine Ironie, die man nicht erfinden könnte.— aus der Wertung von Lichtspiel
Schnelle Antworten
Antworten Schnelle Antworten zu Das Cabinet des Dr. Caligari
Ab welchem Alter ist Das Cabinet des Dr. Caligari freigegeben?
Das Cabinet des Dr. Caligari ist in Deutschland ab FSK 12 freigegeben.
Wie lange dauert Das Cabinet des Dr. Caligari?
Das Cabinet des Dr. Caligari hat eine Laufzeit von rund 75 Minuten (1 Stunde und 15 Minuten).
Lohnt sich Das Cabinet des Dr. Caligari?
Unsere Redaktion vergibt Das Cabinet des Dr. Caligari einen Watcher-Score von 9,2 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders für Drama-Fans.
Für wen ist Das Cabinet des Dr. Caligari geeignet?
Das Cabinet des Dr. Caligari ist vor allem etwas für Drama und Horror-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.
Besetzung
FAQ zu Das Cabinet des Dr. Caligari: Die Legende hinter dem Rahmen hält nicht
Muss man den Film gesehen haben?
Stimmt es, dass die Rahmenhandlung nachträglich aufgezwungen wurde?
Welche Fassung sollte man sich ansehen?
Warum wirkt die Kamera so unbeweglich?
Wie viel hat der Film gekostet?
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