Wer streamt Nosferatu - Phantom der Nacht?
Verfügbarkeit DEStand 13.08.2026: Nosferatu - Phantom der Nacht läuft im Abo bei Prime Video – mit deutscher Synchronfassung. Leihen oder Kaufen geht ab 3,99 €.
Verfügbarkeit Deutschland · Stand 13.08.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne Gewähr, keine bezahlte Kooperation.
Die Kritik
von LichtspielWerner Herzog hat 1979 den einen deutschen Film neu verfilmt, den ein Gericht einmal vernichten lassen wollte.
Er hat dafür 12.000 Ratten in eine niederländische Stadt gebracht, zwei Sprachfassungen gleichzeitig gedreht und Klaus Kinski unter eine Maske gesetzt, die dem Vorbild bis auf die Ohren gleicht. Eine 8,7 von mir, mit einem Vorbehalt, der die Ratten betrifft.
Was Herzog von Murnau übernommen hat
Herzog hat selbst darauf bestanden, dass es kein Remake sei. Sein Satz dazu lautet: „Ich würde nicht sagen, dass es ein Remake ist. Es ist eine Hommage an Murnau, der eben für mich viel wichtiger war zum Beispiel als Fritz Lang.“ Das ist mehr als Koketterie, denn der Unterschied lässt sich an einer einzigen Entscheidung ablesen.
Murnau musste 1922 die Namen aus Bram Stokers Roman ändern, weil die Rechte fehlten. Aus Dracula wurde Orlok, aus den Harkers wurden die Hutters, aus London wurde Wisborg. Herzog verwendet die Namen des Romans wieder: Sein Vampir heißt Dracula, Bruno Ganz spielt Jonathan Harker, Isabelle Adjani ist Lucy. Was 1922 eine erzwungene Notlösung war, wird bei ihm zur bewussten Rückgabe.
Übernommen hat er die Bildideen fast unverändert, bis in einzelne Einstellungen hinein. Die Ankunft der Kutsche, das Schiff mit der leeren Brücke, der Sarg unter dem Arm. Wer beide Filme kurz nacheinander sieht, erkennt die Choreografie wieder.
Nicht übernommen hat er das Tempo. Murnaus Film ist trotz seiner Ruhe ein Film, in dem etwas geschieht. Herzog dehnt die Zwischenräume so weit, dass die Handlung streckenweise stillsteht, und ersetzt Murnaus beiläufige Naturaufnahmen durch komponierte Bilder, die auf ihre eigene Bedeutung zeigen. Das ist der Punkt, an dem die Hommage vom Vorbild abfällt.
Kinski gegen Schreck
Die Maske ist die Nachbildung: kahler Schädel, spitze Ohren, Rattenzähne im Oberkiefer statt der Eckzähne, überlange Finger. Wer das Original von 1922 kennt, sieht in den ersten Sekunden eine Kopie, und zwar eine bis in die Proportionen genaue. Vier Stunden Maske pro Drehtag stecken darin, und der Aufwand zielt ausschließlich darauf, ein fremdes Bild wiederherzustellen.
Danach trennen sich die beiden Figuren vollständig. Max Schreck spielt ein Tier ohne Innenleben, das kommt, frisst und weitergeht. Kinski spielt einen Mann, der leidet. Sein Dracula redet über Einsamkeit, über Jahrhunderte ohne Schlaf, über die Unfähigkeit zu altern, und er tut es mit einer Weichheit in der Stimme, die zu der Maske quer steht.
Das ist die eigentliche Leistung dieser Fassung und zugleich ihr größtes Risiko. Ein Vampir, der um Mitleid bittet, ist nicht mehr unheimlich. Herzog nimmt diesen Verlust in Kauf und tauscht Schrecken gegen Traurigkeit. Für den Deutschen Filmpreis hat es gereicht, Kinski bekam das Filmband in Gold.
Isabelle Adjani spielt gegen diese Melancholie an und gewinnt. Ihre Lucy ist die einzige Figur, die begreift, was vor sich geht, und die einzige, die handelt. Bruno Ganz bleibt als Harker seltsam blass, was am Drehbuch liegt und nicht an ihm.
Die Sache mit den Ratten
Für die Szenen in der verseuchten Stadt ließ die Produktion 12.000 Ratten aus Ungarn in die Niederlande bringen. Delft hatte kurz zuvor eine Rattenplage hinter sich, entsprechend schwer waren die Genehmigungen zu bekommen; sämtliche Kanaldeckel und Hauseingänge mussten abgedichtet werden.
Der Biologe Maarten ‚t Hart, der die Tiere betreuen sollte, hat den Vorgang 2010 im Fernsehen geschildert. Die Ratten seien auf dem dreitägigen Transport weder gefüttert noch getränkt worden und hätten sich gegenseitig aufgefressen. Sie waren weiß und sollten grau sein, weshalb man sie in kochendes Wasser tauchte; etwa die Hälfte überlebte das nicht. ‚t Hart nannte Herzogs Methoden unmoralisch und zog sich von der Produktion zurück.
Das gehört in eine Besprechung dieses Films, und zwar nicht als Anekdote. Die Bilder, für die das geschah, sind im fertigen Film wenige Minuten lang, und sie sind nicht einmal die stärksten. Die eindrucksvollste Szene der Stadt im Verfall ist eine andere: die Bürger, die zwischen den Ratten an gedeckten Tafeln auf offener Straße ihr letztes Fest feiern.
Herzog hat sich in Interviews vieles zugeschrieben, was seine Filme zu Legenden gemacht hat. Bei den Ratten ist die Legende überprüfbar, und sie fällt gegen ihn aus. Wer den Film heute sieht, sollte wissen, was er sieht. Es gehört zu den unangenehmeren Eigenschaften dieses Regisseurs, dass die Geschichten über seine Dreharbeiten fast immer stimmen, und dass sie nicht immer zu seinen Gunsten ausfallen, wenn jemand nachfragt, der dabei war.
- Klaus Kinski gibt den Grafen Dracula leise. Die Maske stammt von Murnau, die Figur nicht: Dieser Vampir bittet um Mitleid und bekommt es.
- Isabelle Adjani spielt Lucy Harker als einzige Figur mit klarem Verstand. Sie sprach ihren deutschen Text selbst, wurde für die deutsche Endfassung des Akzents wegen aber nachsynchronisiert.
- Bruno Ganz als Jonathan Harker bleibt blass, was am Buch liegt.
- Roland Topor spielt Renfield, Walter Ladengast den van Helsing, dem dieser Film jede Wirksamkeit nimmt.
Zwei Fassungen, und die eine ist nicht die andere
Der Film wurde stellenweise zweisprachig gedreht, englisch und deutsch, und die Primärsprache war Englisch. Aufwendige Szenen und Dialoge mit Darstellern, die keine der beiden Sprachen beherrschten, entstanden im Nachhinein am Mischpult. Selbst in der englischen Fassung wurden Sprecher mit starkem Akzent nachvertont.
Für einen Film, der so ausdrücklich auf das deutsche Kino der zwanziger Jahre zurückgreift, ist das ein bemerkenswerter Vorgang. Die Rückkehr zu Murnau findet auf Englisch statt, weil das Geld aus einer deutsch-französischen Koproduktion kam und der Weltverleih bei 20th Century Fox lag.
Wer die Wahl hat, sollte die deutsche Fassung nehmen, obwohl sie die synchronisierte ist. Kinskis Stimme trägt diese Rolle, und im Deutschen ist sie seine eigene. Die englische Fassung lief ursprünglich gekürzt und liegt erst auf DVD vollständig vor.
Delft, die Tatra und ein Salzspeicher in Lübeck
Gedreht wurde in Delft und Schiedam, dazu in der Partnachklamm, auf Burg Pernštejn in Mähren, in der Hohen Tatra und an den Lübecker Salzspeichern, die schon Murnau benutzt hatte. Für die Prologbilder verwendete Herzog Aufnahmen der Mumien von Guanajuato in Mexiko.
Diese Bilder stehen ganz am Anfang, vor jeder Handlung, und sie sind das, was von diesem Film am längsten bleibt. Vertrocknete Gesichter mit offenen Mündern, dazu die Musik von Popol Vuh. Herzog nimmt sich für den Vorspann eine Zeit, die kein Verleih heute noch bewilligen würde.
Die Musik von Florian Fricke arbeitet mit gehaltenen Chorflächen und wiederholten Figuren, ergänzt um Gounod und Wagner. Sie schreibt nicht vor, was zu fühlen ist, sondern legt eine Dauer über die Bilder. Wo Murnau die Natur beiläufig einfing, komponiert Herzog sie zur Landschaft eines Zustands.
Wo dieser Film in der deutschen Filmgeschichte steht
Die Regisseure des Neuen Deutschen Films hatten ein Problem mit ihrer eigenen Herkunft. Zwischen ihnen und dem Kino der Weimarer Republik lagen zwölf Jahre Nationalsozialismus und zwanzig Jahre Nachkriegsproduktion, an die niemand anknüpfen wollte. Herzogs Rückgriff auf Murnau ist der Versuch, diese Lücke zu überspringen und sich eine Herkunft zu wählen.
Das erklärt, warum die Kopie der Bildideen so wörtlich ausfällt. Es geht nicht um eine Modernisierung, sondern um eine Anknüpfung. Was Herzog von Murnaus Nosferatu übernimmt, übernimmt er als Erbe, nicht als Material.
Die Frage ist, ob er das Vorbild verstanden hat. In einem Punkt sicher: Auch bei ihm rettet kein Vampirjäger die Lage, und die Wissenschaft in Gestalt van Helsings ist vollständig hilflos. In einem anderen Punkt geht er daran vorbei. Murnaus Film wirkt, weil er seinen Vampir nicht erklärt. Herzogs Dracula erklärt sich in mehreren Monologen selbst. Dieselbe Entscheidung hat 2024 auch Robert Eggers getroffen, mit demselben Ergebnis: Je mehr über diesen Vampir gesagt wird, desto kleiner wird er.
Wer den Weg des deutschen Kinos in diesen Jahrzehnten nachvollziehen will, kann ihn an vier Stationen ablesen: Caligari und Metropolis für das gebaute Bild, M für den Übergang zum Ton, und dann eine lange Pause bis zu Filmen wie Aguirre, der Zorn Gottes, in dem dieselbe Paarung aus Herzog und Kinski sieben Jahre früher etwas Eigenes fand, statt etwas Fremdes zu ehren. Wenig später zeigte Das Boot, dass deutsche Filme auch international wieder Publikum fanden.
Was 1979 darüber geschrieben wurde
Die zeitgenössische Kritik lobte vor allem Kinski und die traumhafte Stimmung des Films. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden stufte ihn als besonders wertvoll ein, beim Deutschen Filmpreis bekam Kinski das Filmband in Gold. Für einen Vampirfilm im deutschen Kino jener Jahre war das eine ungewöhnliche Anerkennung.
Die schärfste Gegenstimme kam vom amerikanischen Filmhistoriker William K. Everson, der die Arbeit für ein misslungenes Farb-Remake hielt und ihr das Eigenständige absprach. Der Einwand ist nicht abwegig, er trifft nur den falschen Punkt. Herzog wollte kein eigenständiges Werk, er wollte eine Anknüpfung, und er hat das auch nie anders behauptet.
Bemerkenswert ist, was danach geschah. In den Vereinigten Staaten wurde der Film Jahre später auf DVD ein kommerzieller Erfolg mit über 300.000 verkauften Exemplaren innerhalb weniger Wochen, und er brachte ein junges Publikum zu Herzog, das seine übrigen Arbeiten nicht kannte. Ein Film, der sich aus der eigenen Filmgeschichte herleitet, wurde ausgerechnet dort populär, wo diese Geschichte niemandem geläufig ist.
Das relativiert das Urteil über die Hommage. Sie funktioniert offenbar auch ohne das Vorbild, nur eben als etwas anderes: als langsamer, schwermütiger Vampirfilm mit einem Hauptdarsteller, den man nicht vergisst. Wer das Gespräch mit 1922 mitbekommt, sieht mehr. Nötig ist es nicht.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Kinski spielt den Vampir als leidenden Mann und findet dafür eine eigene Tonlage
- Die Mumienbilder von Guanajuato im Vorspann sind das Stärkste am Film
- Popol Vuhs Musik legt Dauer über die Bilder, statt Gefühle vorzuschreiben
- Isabelle Adjanis Lucy ist die einzige Figur, die handelt
Dagegen
- Die Handlung steht streckenweise still, wo Murnau noch erzählte
- Ein Vampir, der sich in Monologen selbst erklärt, verliert seine Unheimlichkeit
- Bruno Ganz bleibt als Harker ohne Kontur
- Die Rattenszenen sind unter Bedingungen entstanden, die der Film nicht wert war
Was Herzog von Murnau übernimmt, übernimmt er als Erbe, nicht als Material. Die Frage ist nur, ob er das Vorbild an der entscheidenden Stelle verstanden hat.— aus der Wertung von Lichtspiel
Schnelle Antworten
Antworten Schnelle Antworten zu Nosferatu - Phantom der Nacht
Wo kann ich Nosferatu - Phantom der Nacht streamen?
Nosferatu - Phantom der Nacht läuft aktuell im Abo bei Prime Video; zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+, Amazon, maxdome und freenet Video. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Ab welchem Alter ist Nosferatu - Phantom der Nacht freigegeben?
Nosferatu - Phantom der Nacht ist in Deutschland ab FSK 16 freigegeben. Für jüngere Zuschauer ist den Film damit nicht freigegeben.
Wie lange dauert Nosferatu - Phantom der Nacht?
Nosferatu - Phantom der Nacht hat eine Laufzeit von rund 107 Minuten (1 Stunde und 47 Minuten).
Lohnt sich Nosferatu - Phantom der Nacht?
Unsere Redaktion vergibt Nosferatu - Phantom der Nacht einen Watcher-Score von 8,7 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders für Drama-Fans.
Für wen ist Nosferatu - Phantom der Nacht geeignet?
Nosferatu - Phantom der Nacht ist vor allem etwas für Drama und Horror-Fans und alle, die herausragende Filme suchen. Wegen der Freigabe ab FSK 16 ist den Film nichts für jüngere Zuschauer.
Trailer
Besetzung
FAQ zu Nosferatu – Phantom der Nacht: Herzog wählt sich eine Herkunft
Sollte man Murnaus Film vorher kennen?
Warum heißt der Vampir hier Dracula und bei Murnau Orlok?
Was ist an der Rattengeschichte dran?
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Ist der Film gruselig?
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