Die Kritik
von LichtspielAm 23. MÀrz 1979 lief dieser Film in der Bundesrepublik an, einen Monat nach der Weltpremiere auf der Berlinale, und er ist bis heute der Film, mit dem man Fassbinder jemandem erklÀren kann, der ihn nicht kennt. 8,9 von mir.
120 Minuten, knapp zwei Millionen Mark Herstellungskosten, vier FilmbÀnder in Gold. Und eine Hauptfigur, die man bewundert, ohne sie zu mögen. Genau da liegt die Arbeit, die Hanna Schygulla hier leistet.
Die letzten sieben Minuten laufen ĂŒber eine FuĂball-Reportage
Fassbinder legt unter das Finale die ungekĂŒrzte Originalreportage von Herbert Zimmermann vom WM-Endspiel 1954. Sieben Minuten Radio ĂŒber die Schlussszene, in voller LĂ€nge. Das datiert die Handlung auf den Tag genau und kommentiert gleichzeitig, worum Maria zwölf Jahre lang gekĂ€mpft hat.
Der Kniff funktioniert, weil das Publikum von 1979 diese Stimme im Ohr hatte. Jeder erwachsene Zuschauer wusste, was in dieser Reportage gleich passiert. Wer heute zusieht, hört erst einmal nur einen aufgeregten Mann im Radio, und der Film verliert dadurch eine Schicht. Man kann sie sich zurĂŒckholen, indem man vorher weiĂ, worum es geht.
Was mich daran nach wie vor beeindruckt: Es wird nichts erklĂ€rt. Kein Zwischentitel, kein Datum im Bild. Der Ton macht die Arbeit, und der Rest ist Vertrauen ins Publikum. Drei Generationen vor uns wussten das schon, wir mĂŒssen es uns wieder beibringen.
Schygulla.
Sie war damals 35 und bekam fĂŒr diese Rolle den Silbernen BĂ€ren als beste Darstellerin sowie das Filmband in Gold. Zwei Preise fĂŒr eine Figur, die kaum je die Stimme hebt. Schygulla spielt Maria als Frau, die sich beim Aufsteigen selbst abschafft, und sie tut das mit einer Freundlichkeit, die kĂ€lter wirkt als jedes Schreien.
Der Trick liegt im LĂ€cheln. Maria lĂ€chelt beim Verhandeln, beim BetrĂŒgen, beim Abschiednehmen, und es ist immer dasselbe LĂ€cheln. Nach einer Stunde weiĂ man, dass es nichts bedeutet, und ab da wird der Film unangenehm. Andere Schauspielerinnen hĂ€tten irgendwann die Fassade brechen lassen. Schygulla lĂ€sst sie stehen.
Ich habe den Film zuletzt in einem Programmkino gesehen, in dem auĂer mir sechs Leute saĂen, und nach der Vorstellung wurde im Foyer ĂŒber genau diese Frage gestritten: ob Maria eine TĂ€terin ist oder eine Ăberlebende. Der Film beantwortet das nicht. Er stellt sie nur hin und lĂ€sst uns damit allein.
Vier Kanzler als Negativ, und einer fehlt
Am Ende zeigt Fassbinder PortrĂ€ts von Adenauer, Erhard, Kiesinger und Schmidt, alle als Negativaufnahme, wobei sich Schmidts Bild zum Schluss ins Positiv dreht. Willy Brandt fehlt. Nicht aus NachlĂ€ssigkeit: Fassbinder begrĂŒndete das damit, dass Brandt durch sein Anderssein eine Ausnahmestellung habe.
Diese Auslassung ist die politische Aussage des Films, und sie steht in keinem Dialog. Wer die Reihe nicht erkennt, sieht vier alte MĂ€nner in seltsamen Bildern. Wer sie erkennt, hat eine Geschichte der Bundesrepublik vor sich, aus der eine Person bewusst herausgenommen wurde.
Mir gefĂ€llt, dass der Film seine Thesen so ablegt. Kein Figurenmund, der die Moral vortrĂ€gt. Ein Bild, das man verstehen kann oder eben nicht. Bei Das Boot zwei Jahre spĂ€ter ĂŒbernimmt diese Aufgabe der Schluss auf der Mole, auch dort ohne einen Satz ErklĂ€rung.
Fassbinder drehte tagsĂŒber und schrieb nachts Alexanderplatz
WĂ€hrend der Dreharbeiten arbeitete Fassbinder parallel am Drehbuch zu Berlin Alexanderplatz, das 1980 als vierzehnteilige Serie kam. TagsĂŒber Set, nachts Schreibtisch, dazu ein Kokainverbrauch, ĂŒber den seine Mitarbeiter spĂ€ter ausfĂŒhrlich gesprochen haben. Er war 33 Jahre alt und hatte zu diesem Zeitpunkt ĂŒber 30 Filme gedreht.
Man sieht dem Film dieses Tempo an, und zwar im positiven Sinn. Die Szenen sind knapp, es gibt keine Nummern, in denen sich jemand selbst bewundert. Zwölf Jahre Nachkriegsgeschichte in 120 Minuten funktionieren nur, wenn niemand verliebt in seine eigenen Einstellungen ist.
GĂŒnter Lamprecht spielt hier den Hans Wetzel und wurde ein Jahr spĂ€ter Fassbinders Franz Biberkopf. Wer beide Arbeiten kennt, sieht in der kleinen Rolle schon die groĂe angelegt. Solche ĂbergĂ€nge gibt es in diesem Werk stĂ€ndig, weil Fassbinder mit demselben Ensemble weiterarbeitete, bis es nicht mehr ging.
Ich mag diese Frau nicht, und das ist der Plan
Maria verkauft alles, was sich verkaufen lĂ€sst, und am erfolgreichsten verkauft sie sich selbst. Sie steigt vom Bardame-Job im TrĂŒmmerdeutschland zur Vertrauten eines Industriellen auf, und mit jeder Stufe wird sie unangreifbarer. Das ist die Bewegung des Films, und sie kennt kein ZurĂŒck.
Peter MĂ€rthesheimer hat ĂŒber die Figur notiert, sie verweigere es, leicht zu leben. Besser kann man es nicht sagen. Maria könnte an mehreren Stellen aussteigen und ein normales Leben fĂŒhren. Sie tut es nicht, und der Film wertet das nicht, er zeigt nur die Rechnung.
FĂŒr mich ist das der Grund, warum dieser Film ĂŒberlebt hat und viele Wirtschaftswunder-Geschichten nicht. Er macht aus dem Aufstieg keine Erfolgsgeschichte und keine Anklage. Er behandelt ihn als Preisfrage: Was hat es gekostet, und wer hat bezahlt.
Wer hier mitspielt, und wer davon zur Familie gehörte
- Hanna Schygulla als Maria Braun, ihre bekannteste Rolle und der Durchbruch auf dem internationalen Markt
- Klaus Löwitsch als Hermann Braun, der Mann, der zweimal verschwindet und beide Male zurĂŒckkommt
- Ivan Desny spielt den Industriellen Oswald. Ein französischer Darsteller in der Rolle des deutschen Nachkriegskapitals, was der Film nie kommentiert.
- Gisela Uhlen als Mutter, und fĂŒr diese Nebenrolle gab es 1979 das Filmband in Gold
- Gottfried John und Elisabeth Trissenaar als Ehepaar Klenze, beide aus dem festen Fassbinder-Ensemble
- Hark Bohm als Senkenberg. Bohm hat selbst Regie gefĂŒhrt und stand hier trotzdem in einer Nebenrolle vor der Kamera.
- Lilo Pempeit als Frau Ehmke. Hinter dem KĂŒnstlernamen steht Fassbinders Mutter, die in vielen seiner Filme kleine Rollen ĂŒbernahm.
- Fassbinder selbst taucht als SchwarzmarkthÀndler auf, kurz und ohne Aufhebens
Zwei Millionen Mark, 400.000 Zuschauer, vier FilmbÀnder in Gold
Das Budget lag bei knapp 1,98 Millionen Mark. Bis Oktober 1979 hatten 400.000 Menschen den Film in der Bundesrepublik gesehen, das Einspielergebnis lag ĂŒber vier Millionen Mark. Weltweit kamen rund 5,6 Millionen Dollar zusammen, davon 1,1 Millionen in den USA und Kanada.
Der Deutsche Filmpreis 1979 gab Gold fĂŒr Regie, Szenenbild, Hauptdarstellerin und Nebendarstellerin, dazu Silber fĂŒr die Produktion. Auf der Berlinale kamen der Silberne BĂ€r fĂŒr Schygulla und eine Auszeichnung fĂŒr die technische Leistung dazu. 1980 folgten der David di Donatello und eine Golden-Globe-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.
Bei den Oscars stand er nie zur Debatte, weder als Sieger noch als Nominierter. FĂŒr den kommerziell erfolgreichsten Film seiner Karriere ist das eine bemerkenswerte LĂŒcke, und sie erklĂ€rt gut, wie der Neue Deutsche Film international wahrgenommen wurde: hoch geschĂ€tzt in Festivalkreisen, auĂerhalb davon kaum.
Ballhaus hat danach aufgehört
Die Kamera fĂŒhrte Michael Ballhaus, und es war die letzte Zusammenarbeit der beiden. Ballhaus ging enttĂ€uscht zu anderen Projekten und landete Jahre spĂ€ter bei Scorsese. Was er hier baut, sind BildrĂ€ume, in denen Menschen von TĂŒrrahmen, Fenstern und Möbeln beobachtet werden.
Das sieht man in den BĂŒrosituationen der zweiten HĂ€lfte am besten. Maria sitzt selten frei im Raum, fast immer schneidet ihr etwas ins Bild. Der Aufstieg wird also nicht behauptet, er wird gerahmt, und mit jedem Meter Karriere wird der Rahmen enger.
Den Schnitt ĂŒbernahmen Juliane Lorenz und ein Franz Walsch, wobei Walsch ein Pseudonym von Fassbinder selbst ist. Er hat seine Filme also mitgeschnitten und dabei einen anderen Namen benutzt. Die Musik stammt von Peer Raben, seinem Stammkomponisten, und sie hĂ€lt sich so weit zurĂŒck, dass die Radioreportage am Ende die stĂ€rkste Tonspur des Films ist.
Das Gasherd-Ende stand so nicht im Drehbuch
MĂ€rthesheimer und Fröhlich hatten fĂŒr Maria einen eindeutigen Suizid im Auto vorgesehen. Fassbinder machte daraus eine Gasexplosion: Maria dreht den Herd auf, dreht ihn nicht ab und zĂŒndet sich eine Zigarette an. Ob das Absicht ist oder Unaufmerksamkeit, sagt der Film nicht.
Diese Ănderung ist die wichtigste Entscheidung an der ganzen Arbeit. Ein klarer Selbstmord hĂ€tte die Geschichte moralisch geschlossen und Maria zum Opfer erklĂ€rt. Die Explosion lĂ€sst beides offen und schiebt die Frage ins Publikum, wo sie seit 1979 auch geblieben ist.
Ich halte das fĂŒr die reifere Lösung, auch wenn sie unbefriedigend ist. Wer nach einem Urteil sucht, geht leer aus dem Kino. Wer die Ambivalenz aushĂ€lt, hat einen Film, ĂŒber den man dreiĂig Jahre spĂ€ter noch streiten kann. Bei Aguirre, der Zorn Gottes arbeitet Herzog sieben Jahre vorher mit demselben Prinzip, dort trĂ€gt das offene Ende ein FloĂ voller Affen.
Die 8,9, und warum die Welt bei 7,4 stehen bleibt
Die Kritik ist eindeutig: Rotten Tomatoes fĂŒhrt 93 Prozent aus 27 Kritiken, beim Publikum dort sind es 90 Prozent aus ĂŒber 5.000 Bewertungen. Bei TMDB stehen dagegen nur 7,374 aus 301 Stimmen. Einen Metacritic-Score gibt es fĂŒr diesen Film nicht.
Ich lande bei 8,9. Handwerklich finde ich keine Stelle, an der ich etwas anders machen wĂŒrde: Kamera, Schnitt, Drehbuchbau und diese Hauptdarstellerin greifen ineinander. Die Auszeichnungsliste ist die dichteste, die wir bei einem deutschen Film im Bestand haben, und sie ist verdient.
Gut ein Punkt Abzug geht an die Distanz. Der Film hĂ€lt einen konsequent auf ArmlĂ€nge, und das ist gewollt, kostet aber. Man verlĂ€sst ihn beeindruckt und nicht berĂŒhrt. Die 7,4 beim internationalen Publikum lesen sich fĂŒr mich genau so: Bewunderung, die nicht in Zuneigung ĂŒbergeht. Bei 301 Stimmen ist diese Zahl allerdings dĂŒnn und taugt nicht fĂŒr groĂe SchlĂŒsse.
Wo Maria Braun in unserem Bestand steht
Der Film eröffnet die sogenannte BRD-Trilogie, es folgten Lola von 1981 und Die Sehnsucht der Veronika Voss von 1982. Beide haben wir bisher nicht besprochen, und Maria Braun ist damit unser erster Fassbinder ĂŒberhaupt. Zum Vergleich in unserem Drama-Bereich stehen inzwischen mehrere Nachbarn.
Der Himmel ĂŒber Berlin von Wenders liegt bei uns auf 8,9 und ist der wĂ€rmere Blick auf dasselbe Land. Paris, Texas steht auf demselben Wert wie dieser Film hier und zeigt, was passiert, wenn ein deutscher Regisseur nach Amerika geht. M von Fritz Lang steht auf 9,5 und beschreibt die Republik, die es vor dieser hier gab.
Eine Cluster-Seite zu Fassbinder haben wir nicht, und ich baue hier auch keinen Link auf eine Seite, die es nicht gibt. Mit einem einzigen besprochenen Titel wĂ€re eine Filmografie-Ăbersicht ohnehin leer. Wer sich fĂŒr Stoffe dieser Art interessiert, findet im Bereich Drama-Serien das Format, in dem Fassbinder ein Jahr spĂ€ter mit Alexanderplatz weitermachte. Mehr Zusammenhang zum Nachlesen bietet der englische Wikipedia-Artikel.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafĂŒr
- Hanna Schygulla hÀlt 120 Minuten ein LÀcheln, das nichts bedeutet
- Ballhaus rahmt jeden Karriereschritt enger ein
- Die Kanzler-PortrÀts am Ende sagen mehr als jeder Dialog
- Zwölf Jahre Nachkriegsgeschichte ohne eine Zeile ErklÀrung
Dagegen
- Der Film hÀlt einen konsequent auf ArmlÀnge
- Die Radioreportage am Schluss braucht Vorwissen, das jĂŒngeres Publikum nicht hat
- Wer eine Figur zum MitfĂŒhlen sucht, findet hier keine
Sie verweigert es, leicht zu leben.â aus der Wertung von Lichtspiel
Wer streamt Die Ehe der Maria Braun?
VerfĂŒgbarkeit DEStand 11.09.2026: Die Ehe der Maria Braun ist derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten.
VerfĂŒgbarkeit Deutschland · Stand 11.09.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne GewĂ€hr, keine bezahlte Kooperation.
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Wo kann ich Die Ehe der Maria Braun streamen?
Die Ehe der Maria Braun gibt es zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+ und Amazon. Stand September 2026, Angaben fĂŒr Deutschland ohne GewĂ€hr.
Ab welchem Alter ist Die Ehe der Maria Braun freigegeben?
Die Ehe der Maria Braun ist in Deutschland ab FSK 12 freigegeben.
Wie lange dauert Die Ehe der Maria Braun?
Die Ehe der Maria Braun hat eine Laufzeit von rund 120 Minuten (2 Stunden).
Lohnt sich Die Ehe der Maria Braun?
Unsere Redaktion vergibt Die Ehe der Maria Braun einen Watcher-Score von 8,9 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders fĂŒr Drama-Fans.
FĂŒr wen ist Die Ehe der Maria Braun geeignet?
Die Ehe der Maria Braun ist vor allem etwas fĂŒr Drama-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.
Trailer
Besetzung
FAQ zu Die Ehe der Maria Braun: Schygulla, ein Wirtschaftswunder und ein Gasherd
Wie lang ist Die Ehe der Maria Braun?
Wo kann ich Die Ehe der Maria Braun streamen?
Was passiert in diesen 120 Minuten?
Hat der Film einen Oscar bekommen?
Ist das ein guter Einstieg in Fassbinders Filme?
Warum lĂ€uft am Ende eine FuĂballreportage?
Stirbt Maria am Ende absichtlich?
Der Saal
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