Countdown zum Kinostart
Virginia Woolf’s Night and Day: Bennett und M’Barek im edwardianischen London ist noch nicht erschienen. Streaming-Anbieter tragen wir ein, sobald der Film nach dem Start verfügbar ist. Termin kann sich verschieben.
Die Vorschau
von LichtspielVirginia Woolf’s Night and Day kommt am 9. Juli 2026 über Wild Bunch in die deutschen Kinos, und ich bin gespannter als bei den meisten Sommerstarts. Tina Gharavi verfilmt Woolfs zweiten Roman als edwardianische Liebeskomödie, mit Haley Bennett und Elyas M’Barek in den Hauptrollen.
Ich gestehe, ich bin bei Literaturverfilmungen die strengste Zuschauerin im Kinokreis, vor allem wenn der Name Virginia Woolf über dem Titel steht. Dass ausgerechnet ihr unterschätzter, fast bürgerlicher Roman von 1919 jetzt fürs Kino entdeckt wird, finde ich erst einmal mutig. Ob daraus Substanz wird oder nur hübsches Kostüm, das werde ich am 9. Juli wissen.
Worauf dieser Film eigentlich aufbaut
Night and Day ist Woolfs zweiter Roman, erschienen 1919, lange vor den großen Bewusstseinsströmen von Mrs Dalloway oder To the Lighthouse. Er gilt als ihr konventionellster, fast als ihr Austen-Buch. Genau deshalb eignet er sich als einziger ihrer Romane für eine klassische Liebesgeschichte, und die Regisseurin Tina Gharavi hat das offenbar erkannt. Woolf selbst war mit dem Buch später streng, sie fand es zu brav. Aus dieser Spannung zwischen einem braven Stoff und einer radikalen Autorin lässt sich Kino machen, wenn man Mut hat.
Katharine, die heimlich zu den Sternen schaut
Die Geschichte spielt im London von 1910, im edwardianischen Großbürgertum. Haley Bennett spielt Katharine Hilbery, eine junge Frau aus gebildetem Haus, die nach außen die perfekte Tochter gibt und insgeheim lieber Mathematik und Astronomie betreibt als zu heiraten. Dieser Zwiespalt zwischen Pflicht und eigenem Kopf ist der Kern des Romans, und im Trailer trägt Bennett genau diese stille Aufsässigkeit im Gesicht. Ich kenne den Stoff, also weiß ich, wo die Fallhöhe liegt.
Elyas M’Barek, wo ich ihn nie erwartet hätte
Hier wird es für das deutsche Publikum interessant. M’Barek, hierzulande durch Fack ju Göhte zum Kassenmagneten geworden, spielt Ralph Denham, die männliche Hauptrolle neben Bennett, einen Anwalt aus einfacheren Verhältnissen, der Katharine den Kopf verdreht. Das ist seine erste große englischsprachige Arbeit in einem literarischen Stoff, und ich bin aufrichtig neugierig, ob er den Sprung schafft. Ein Komödienstar in einer Woolf-Verfilmung, das kann eine Offenbarung werden oder ein Missverständnis.
Die Frau hinter der Kamera
Tina Gharavi ist keine Unbekannte, auch wenn sie nie laut war. Ihr Spielfilmdebüt I Am Nasrine brachte ihr 2013 eine BAFTA-Nominierung ein, danach arbeitete sie viel im Dokumentarischen. Eine Regisseurin mit dokumentarischem Blick auf einen so durchkomponierten Gesellschaftsstoff, das ist eine Kombination, die mich aufhorchen lässt. Das Drehbuch stammt von Justine Waddell, die selbst aus der Schauspielerei kommt und den Roman spürbar von innen kennt.
Ein Motiv, das mir besonders gefällt
Dass Katharine sich heimlich für Astronomie begeistert, ist im Roman von 1919 mehr als eine Marotte. Es ist Woolfs Bild für ein Frauenleben, das nach oben strebt, während die Gesellschaft es nach unten drückt. Wenn der Film dieses Sternenmotiv ernst nimmt, hat er seine schönste Metapher schon eingebaut. Ich hoffe, Gharavi widersteht der Versuchung, es zu überdeutlich auszuleuchten.
Das versammelte Ensemble
Neben den beiden Hauptrollen hat Gharavi eine erstaunlich gut bestückte Riege zusammengeholt, vor allem aus der britischen Komödientradition. Mit Jennifer Saunders, Jack Whitehall und Lily Allen stehen gleich drei Namen auf der Liste, die man eher mit Pointen als mit edwardianischem Period-Drama verbindet. Das kann den Ton beleben oder ihn kippen lassen.
- Haley Bennett als Katharine Hilbery, die heimliche Astronomin und das Herz des Films.
- Elyas M’Barek spielt Ralph Denham, den Anwalt von außerhalb der feinen Gesellschaft. Sein erster großer englischsprachiger Stoff.
- Lily Allen als Mary Datchet, Suffragette und Katharines Gegenentwurf. Dass die Musikerin Allen sich zur ernsten Nebenrolle entwickelt, beobachte ich seit einer Weile mit Wohlwollen.
- Jack Whitehall als William Rodney, der standesgemäße Verlobte. Komödiant in einer Figur, über die man eigentlich seufzen soll.
- Jennifer Saunders als Mrs Hilbery, Katharines Mutter. Eine Ikone der britischen Comedy, hier im Period-Gewand.
- Dazu Sally Phillips als Joan Denham und Timothy Spall in einer der Rollen, auf die ich mich am meisten freue, weil Spall selten danebengreift.
Warum ein Festival-Echo mich vorsichtig stimmt
Der Film eröffnete am 1. Juni 2026 das Screen-Programm des neuen SXSW London und lief dort als Weltpremiere. Die ersten Stimmen aus London waren angetan vom Herz und vom Witz des Films, merkten aber an, dass er sein feministisches Anliegen stellenweise zu deutlich ausstellt. Genau das ist meine Sorge bei jeder Woolf-Adaption: dass die Untertöne, die im Buch zwischen den Zeilen wohnen, im Kino zu Ansagen werden. Im Vereinigten Königreich startet er bereits am 19. Juni, drei Wochen vor uns.
Wohin er sich einreihen will
Im Kino der literarischen Stoffe gibt es eine lange Linie, in die sich dieser Film stellt. Wer Woolf mag, denkt an Sally Potters Orlando von 1992 oder an The Hours von 2002, beide mutiger als ein konventionelles Period-Stück. Wer einfach gut erzählte Kostümromanzen sucht, ist näher bei einer Serie wie Bridgerton oder bei großen Literaturverfilmungen wie Krieg und Frieden. Und die Linie der klugen, leicht aufmüpfigen Heldin führt bis zu modernen Stoffen wie Bridget Jones. Mehr aus dem Bereich sortiert unser Drama-Archiv und das Romantik-Archiv nach Watcher-Score, sobald der Film bei uns bewertet ist. Hintergründe zum Projekt sammelt die englische Wikipedia.
Was der deutsche Start besonders macht
Ein deutscher Verleih, der einen britischen Woolf-Film drei Wochen nach dem Heimatstart ins Kino bringt, setzt klar auf einen Namen, und das ist Elyas M’Barek. Für das hiesige Publikum wird der 9. Juli 2026 zur Probe, ob der Kassenmagnet auch im literarischen Fach trägt. Mich interessiert dieser Test fast so sehr wie der Film selbst, weil er etwas über den Reifegrad eines Stars verrät.
Erwartungen vor dem Start
keine WertungWoolfs bürgerlichster Roman im Kino, das kann Substanz werden oder nur ein schönes Kleid.— vorab eingeschätzt von Lichtspiel
✅ Darauf freuen wir uns
- Woolfs zugänglichster Roman als kluge Vorlage
- Elyas M'Barek erstmals in einem englischsprachigen Literaturstoff
- Tina Gharavis dokumentarischer Blick auf einen Kostümstoff
- Haley Bennett als heimliche Astronomin Katharine
❓ Das macht uns nervös
- Erste Festivalstimmen sprachen von einer zu deutlichen Hand
- Woolfs leise Ironie könnte im Romcom-Ton untergehen
- Comedy-Besetzung könnte den ernsten Kern überdecken
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