Die Kritik
von FilmSchneiderAm 29. September 2022 lief Edward Bergers Verfilmung in ausgewählten deutschen Kinos an, vier Wochen später stand sie weltweit bei Netflix, und im März 2023 holte sie vier Oscars nach Deutschland.
Handwerklich ist das die sauberste deutsche Großproduktion seit Jahren. Beim Drehbuch komme ich auf eine 8,3, und der Grund dafür steht in genau zwei Szenen, die Remarque nie geschrieben hat.
Zwei Filme in einem, und nur einer funktioniert
Der Film erzählt zwei Handlungsstränge parallel. Der eine folgt Paul Bäumer von der Schulbank an die Westfront, der andere zeigt Matthias Erzberger (Daniel Brühl) bei den Waffenstillstandsverhandlungen im Wald von Compiègne. Der zweite Strang steht in Erich Maria Remarques Roman von 1928 an keiner Stelle. Er ist eine Zutat der Verfilmung.
Philipp Stiasny hat das in seiner Besprechung für kinofenster.de, das Filmportal der Bundeszentrale für politische Bildung, als Verschachtelung im Stil eines Geschichtsfernseh-Reenactments beschrieben, und das trifft es. Für mich ist das nicht per se ein Fehler. Ein Film darf seiner Vorlage etwas hinzufügen, wenn er dadurch etwas zeigt, was sonst unsichtbar bliebe. Die Frage ist nur, was der Schnitt zwischen den beiden Ebenen mit dem Zuschauer macht. Und da passiert etwas Merkwürdiges: Jedes Mal, wenn Berger von der Front in den Salonwagen schneidet, weiß ich als Zuschauer mehr als Paul. Ich weiß, dass verhandelt wird. Ich weiß, wie viele Stunden noch bleiben. Diese Information hat Remarque seiner Figur bewusst vorenthalten, weil der ganze Titel darauf beruht, dass an diesem Abschnitt eben nichts zu melden war.
Der General, der den Film kippt
Bergers zweite Erfindung ist General Friedrichs, gespielt von Devid Striesow. Er befiehlt am 11. November 1918 einen letzten Angriff, kurz bevor um elf Uhr die Waffen schweigen. Auch diese Figur gibt es bei Remarque nicht, und der Militärhistoriker Sönke Neitzel hat den Vorgang öffentlich eine Karikatur genannt.
Mich stört daran weniger die historische Frage als die dramaturgische. Eine Figur, die ausschließlich existiert, um dem Publikum einen Schuldigen zu geben, entlastet alle anderen. Solange der Krieg in diesem Film ein Zustand ohne Absender ist, sitzt jede Schlammszene dort, wo sie hingehört. Sobald ein einzelner Mann in einem sauberen Zimmer die Entscheidung trifft, ist das Sterben nicht mehr Struktur, sondern die Untat eines Unsympathen. Und weil der Film uns diesen Mann vorher kaum zeigt, ist seine Entscheidung dramaturgisch nicht verdient. Sie wird behauptet. Für mich kippt der Film genau da, im letzten Drittel, und er kippt nicht wegen einer schwachen Szene, sondern wegen einer Figur, die er nicht braucht.
Der schärfste deutsche Einwand kam von Hubert Wetzel in der Süddeutschen Zeitung, der über die Verfilmung schrieb, kein Buch sei so gut, dass man daraus nicht einen schlechten Film machen könne. Das halte ich für zu hart. Aber sein Kernargument, dass Titel und Inhalt am Ende nichts mehr miteinander zu tun haben, lässt sich schwer entkräften.
Wie Paul im Buch stirbt, und wie er es hier tut
Bei Remarque stirbt Paul Bäumer im Oktober 1918 an einem Tag, der so ruhig war, dass der Heeresbericht sich auf den einen Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden. Der Roman wechselt an dieser Stelle den Erzähler. Die Ich-Perspektive bricht ab, und ein nüchterner Beobachter meldet den Tod von außen.
Der Film verlegt den Tod auf den 11. November 1918 und lässt Paul Sekunden vor dem Befehl zur Feuereinstellung durch Bajonettstiche sterben. Das ist die konsequente Folge der Friedrichs-Erfindung, und es ist gutes Kino im engeren Sinn: Es baut Spannung auf, es zahlt sie ein, es tut weh. Nur ist es das Gegenteil dessen, was der Titel meint. Remarques Pointe war die Gleichgültigkeit der Meldung. Bergers Pointe ist die Grausamkeit des Zeitpunkts. Beides funktioniert, aber nicht unter demselben Namen.
Weggefallen sind außerdem Handlungsteile, die im Roman und in der Verfilmung von 1930 tragen: die Ausbildung unter dem Schleifer Himmelstoß, der nächtliche Besuch bei den Französinnen, Pauls Heimaturlaub und der Lazarettaufenthalt. Gerade der Heimaturlaub fehlt mir, weil er im Buch die einzige Stelle ist, an der die Front und das normale Leben im selben Bild stehen.
Was dagegen sehr wohl da ist, und das wird in Diskussionen über den Film erstaunlich oft falsch behauptet: die Schulszene am Anfang. Ein Rektor treibt die Klasse mit einer Rede über Kaiser und Vaterland in die Freiwilligenmeldung, und die Sequenz sitzt. Nur trägt die Figur hier keinen Namen. Remarques Studienrat Kantorek, der im Roman später selbst eingezogen wird und dadurch die eigene Rede eingeholt bekommt, taucht in der Besetzungsliste des Films nicht auf. Damit fällt eine der wenigen Ironien weg, die Remarque sich erlaubt hat.
Was der Film besser kann als fast jeder deutsche Film davor
James Friend hat für die Kamera den Oscar und den BAFTA bekommen, und beide sind verdient. Was mir auffällt, ist nicht die Größe der Bilder, sondern wo die Kamera einsetzt und wo sie stehen bleibt. Der Film beginnt nicht mit Paul, sondern mit einer Uniform, die von einem Toten abgezogen, gewaschen, geflickt und an den Nächsten ausgegeben wird. Diese Sequenz erklärt in wenigen Minuten ohne einen Satz Dialog, wie diese Maschine funktioniert, und sie ist der beste Beweis dafür, dass Berger den Stoff sehr wohl verstanden hat.
Volker Bertelmann holte den vierten der vier Oscars für die Musik. Sein wiederkehrendes Motiv aus drei Tönen kündigt im Film meist an, dass gleich etwas Schlimmes passiert. Er hat es auf einem alten Harmonium aus dem Familienbesitz eingespielt und das Instrument von innen mikrofoniert, um das Knarzen der Mechanik und die Luft mit aufzunehmen. Das Ergebnis klingt weniger nach Musik als nach Gerät, und es ist der einzige Fall, in dem ich einem Score zugestehe, dass er die Rolle einer Figur übernimmt.
Felix Kammerer spielt Paul in seinem Kinodebüt. Er kam vom Burgtheater, wo er seit der Spielzeit 2019/20 im Ensemble steht, und er macht das Klügste, was ein Debütant in dieser Rolle machen kann: fast nichts. Sein bestes Spiel liegt nicht in den Schreien, sondern in einer Szene im Granattrichter, in der er einem sterbenden Franzosen die Hand hält und das Gesicht dabei kaum bewegt. Albrecht Schuch als Katczinsky arbeitet in dieselbe Richtung, nur mit dreißig Jahren mehr Bühne im Rücken.
Die Verfilmung von 1930 und was Deutschland mit ihr gemacht hat
Lewis Milestones amerikanische Version gewann bei den dritten Academy Awards zwei Oscars, für den besten Film und für die beste Regie, und war damit der erste Film überhaupt, der beide Hauptkategorien holte. In Deutschland lief sie am 4. Dezember 1930 im Mozartsaal am Berliner Nollendorfplatz an.
Was danach passierte, gehört zu diesem Film dazu. Die NSDAP organisierte unter Joseph Goebbels Krawalle vor und in den Kinos, warf Stinkbomben und ließ Mäuse in den Vorführungen frei. Am 11. Dezember 1930, also sieben Tage nach der Premiere, verbot die Film-Oberprüfstelle den Film wegen Gefährdung des deutschen Ansehens. 1931 kam er in gekürzter Fassung zurück, ab 1933 war er endgültig verboten, und in Westdeutschland wurde er erst am 25. April 1952 wieder aufgeführt. Wer wissen will, was das deutsche Kino in derselben Zeit selbst konnte, findet den Maßstab bei Metropolis und im Cabinet des Dr. Caligari.
Dass 92 Jahre später eine deutsche Produktion denselben Stoff verfilmt und dafür in Hollywood ausgezeichnet wird, ist der eigentliche Vorgang hinter diesem Film. Nur eben nicht der, den der Film erzählt.
Wer hier vor der Kamera steht
- Felix Kammerer als Paul Bäumer. Kinodebüt, davor Ausbildung an der Ernst-Busch-Hochschule und seit der Spielzeit 2019/20 fest am Burgtheater Wien.
- Albrecht Schuch spielt Katczinsky und ist die einzige Figur, die im Film so etwas wie Zukunft hat. Seine beste Szene ist die mit dem gestohlenen Gänsebraten, weil sie ohne einen einzigen erklärenden Satz auskommt.
- Daniel Brühl übernimmt den Erzberger. Er spielt ihn leise und müde, was die richtige Entscheidung ist, den Strang aber nicht rettet.
- Devid Striesow als General Friedrichs. Die undankbarste Rolle des Films, weil die Figur nichts hat außer ihrer Funktion.
- Edin Hasanović ist der Tjaden, Aaron Hilmer der Albert Kropp, Moritz Klaus der Franz Müller.
- Michael Wittenborn hält als Rektor die Rede, die alles auslöst. Die Figur trägt hier keinen Namen; Remarques Studienrat Kantorek, der im Buch bis zum Schluss wiederkehrt, kommt in der Besetzungsliste des Films nicht vor.
Vergleichbare Filme im Bestand
Wer nach demselben Blick auf den Krieg sucht, wird bei uns an drei Stellen fündig. Das Boot ist der nächste Verwandte, weil auch dort die Enge und nicht der Gegner die Bedrohung ist. Full Metal Jacket nimmt sich für die Ausbildung genau die Zeit, die Berger streicht. Apocalypse Now löst das Problem, das Berger mit dem General bekommt, indem er den Wahnsinn nicht auf eine Person zusammenzieht. Und Der Soldat James Ryan zeigt, wie man eine 24-minütige Eröffnungssequenz baut, ohne danach eine Schuldfrage zu beantworten.
Wofür ich die 8,3 gebe
Ein Film, den man gesehen haben sollte, und einer, über den man danach streiten wird. Die 90 Prozent bei Rotten Tomatoes aus 176 Kritiken und der Metascore von 76 aus 37 Kritiken bilden diesen Zwiespalt ganz gut ab: international gefeiert, in Deutschland umstritten, und beides mit guten Gründen. Von mir gibt es eine 8,3. Zwei Szenen weniger, und es wären neun geworden.
Belege und Wertungen zum Nachlesen: Rotten Tomatoes und Metacritic. Wo er im größeren Feld steht, lässt sich an unserer Liste der besten Filme aller Zeiten ablesen, in der die Titel versammelt sind, an denen er sich messen lassen muss.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Eröffnungssequenz ohne einen Satz Dialog
- Kammerers zurückgenommenes Spiel
- Bertelmanns Drei-Ton-Motiv auf dem Harmonium
- Kamera von James Friend
Dagegen
- General Friedrichs als erfundener Schuldiger
- Der Erzberger-Strang gibt dem Zuschauer Wissen, das Paul fehlt
- Titel und Ende passen nicht mehr zusammen
Die stärkste Szene hat keinen Dialog, die schwächste hat einen General.— aus der Wertung von FilmSchneider
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Im Westen nichts Neues gibt es zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+, Amazon, Google Play, YouTube, maxdome und freenet Video. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Ab welchem Alter ist Im Westen nichts Neues freigegeben?
Im Westen nichts Neues ist in Deutschland ab FSK 16 freigegeben. Für jüngere Zuschauer ist den Film damit nicht freigegeben.
Wie lange dauert Im Westen nichts Neues?
Im Westen nichts Neues hat eine Laufzeit von rund 148 Minuten (2 Stunden und 28 Minuten).
Lohnt sich Im Westen nichts Neues?
Unsere Redaktion vergibt Im Westen nichts Neues einen Watcher-Score von 8,3 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders für Kriegsfilm-Fans.
Für wen ist Im Westen nichts Neues geeignet?
Im Westen nichts Neues ist vor allem etwas für Kriegsfilm und Drama-Fans und alle, die solide Genre-Unterhaltung suchen. Wegen der Freigabe ab FSK 16 ist den Film nichts für jüngere Zuschauer.
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