Das Glück der Tüchtigen bekommt im WatchGuide-Kinokreis von mir 7,2 von 10. Franz Müller erzählt 16 Jahre nach Die Liebe der Kinder weiter, wie es Mira ergangen ist, und macht aus einer Supermarktleiterin, einem verlorenen Kredit und einer Lüge eine genau beobachtete, trocken komische Familiengeschichte. Katharina Derr trägt den Film. Abzug gibt es, weil Müller die Lügenspirale, die er anlegt, nie ganz ausspielt.
Ab dem 16. April 2026 lief der Film im Verleih von Cologne Cine Collective in den deutschen Kinos, 104 Minuten lang und ab 12 Jahren freigegeben. Lohnend ist er für alle, die deutsches Kino über Menschen mögen, die morgens die Filiale aufschließen und abends die Kasse zählen, und die mit leisem Humor mehr anfangen können als mit großen Pointen. Die Liebe der Kinder muss man dafür nicht kennen.
Quellen & Einordnung
Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.
Unsere Einordnung
von WatchGuide-RedaktionEin Supermarkt, ein Kredit und eine Lüge
Mira ist 29, leitet eine Supermarktfiliale und lebt mit ihrem Mann Tarik, einem früheren Rapper, und den beiden Töchtern in einer Familie, in der das Geld nie ganz reicht. Ihr früherer Stiefvater Robert taucht nach Jahren wieder auf und bietet ein zinsloses Darlehen über 80.000 Euro an. Tarik steckt das Geld ohne Absprache in einen Kryptofonds, der Fonds ist Betrug, das Geld ist weg. Ab da lügt Mira, erst gegenüber Robert, dann gegenüber allen anderen.
Für mich liegt die Stärke des Drehbuchs von Müller und Marcus Seibert darin, wo es seine Szenen ansetzt. Der Betrug selbst ist schnell erzählt. Interessant wird der Film in den Gesprächen danach, in denen Mira abwägt, wem sie was sagen kann, und in denen ihre erste Ausflucht die nächste nach sich zieht. Das ist eine Entscheidung der Figur und kein Zufall des Plots, und deshalb trägt es.
Derr und Brendemühl, 16 Jahre später
Katharina Derr spielte Mira schon in Die Liebe der Kinder, dem Film von 2009, in dem ihre Mutter Maren und Robert, gespielt von Àlex Brendemühl, eine Patchworkfamilie gründen und scheitern. Dass beide nun wieder vor Müllers Kamera stehen, ist kein Gimmick. Man sieht zwei Menschen, die eine gemeinsame Vergangenheit haben und nicht darüber reden, und Lukas Foerster beschreibt das bei critic.de schön: In jedem Blickwechsel schwingen tausend ausgefochtene Streitereien mit. Derr spielt Mira als Frau, die alles im Griff haben muss und genau deshalb nicht zugeben kann, dass sie es nicht hat. Leonidas Emre Pakkan gibt Tarik genug Würde, dass er nicht zum bloßen Auslöser wird.
Komik ohne Zeigefinger
Müller erzählt das lakonisch, wie Alexandra Wach im Filmdienst schreibt, und genau das unterscheidet den Film von einem Fernsehdrama zum selben Thema. Er zeigt Klassenunterschiede, die Frage nach der Taufe der Töchter und das ständige Rechnen, ohne daraus eine These zu machen. Peter Gutting lobt bei film-rezensionen.de einen feinen Sinn für das Peinliche und Komische, und Harald Mühlbeyer hält bei kino-zeit fest, der Film zeige, dass Leistung sich nicht zwangsläufig lohnt, ohne ins düstere Sozialkino abzurutschen. Beides sehe ich auch. Gedreht wurde in Köln und Ostende, und der Film sieht nach dem Alltag aus, den er erzählt: kein Glamour, keine hippen Viertel.
Wo der Film zu vorsichtig bleibt
Mein Einwand deckt sich mit dem von Gutting. Eine Geschichte, in der eine Lüge die nächste erzwingt, hat eine eingebaute Steigerung, und Müller nutzt sie zu zaghaft. Die Konsequenzen kommen gedämpft, manche Konflikte werden eher angetippt als ausgetragen. Das passt zum ruhigen Ton, kostet aber Druck, gerade in der zweiten Hälfte. Deutscher Film kann mehr wagen, und dieser hätte die Figuren und das Ensemble dafür gehabt.
Wie die Kritik Das Glück der Tüchtigen sieht
Große Wertungsportale haben zu diesem kleinen Film kaum Stimmen gesammelt, das deutsche Feuilleton ist dafür einhellig freundlich. Peter Gutting gibt bei film-rezensionen.de 7 von 10 Punkten, kino-zeit, der Filmdienst, critic.de und der Perlentaucher besprechen ihn durchweg positiv. Meine 7,2 liegen auf dieser Linie. Uraufgeführt wurde der Film am 30. Juni 2025 beim Filmfest München in der Reihe Neues Deutsches Kino. Stand der Werte: 30. September 2026.
Bewertung
Bisherige EinschätzungArchivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung
Dafür
- Katharina Derr spielt Mira als Frau, die nicht zugeben kann, dass sie es nicht im Griff hat
- Die Szenen setzen nach dem Betrug an, bei den Entscheidungen der Figur
- Lakonische Komik ohne Zeigefinger
- Derr und Brendemühl tragen 16 Jahre gemeinsame Filmgeschichte in ihre Blicke
Dagegen
- Die Lügenspirale wird angelegt, aber nicht ausgespielt
- Manche Konflikte werden angetippt statt ausgetragen
- Die zweite Hälfte verliert an Druck
Der Betrug ist schnell erzählt. Interessant wird der Film in den Gesprächen danach, wenn eine Ausflucht die nächste nach sich zieht.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
Besetzung
5 Rollen- MiraKatharina Derr
- RobertÀlex Brendemühl
- TarikLeonidas Emre Pakkan
- ZusannaLana Cooper
- Jürgen Rißmann

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