Die Kritik
von FilmSchneiderAm 16. April 2026 startet Das Glück der Tüchtigen in den deutschen Kinos — ein Film über eine Supermarkt-Filialleiterin, deren Mann 80.000 Euro in Krypto verzockt und die danach so tief lügt, dass sie sich selbst nicht mehr rausfindet.
Hätte mich jemand letzte Woche gefragt, ob ich dafür ins Kino gehe, hätte ich wahrscheinlich Nein gesagt. Dann hab ich gelesen was Franz Müller hier macht. Und was er 2009 schon mal gemacht hat. Jetzt sitz ich hier, Kubrick auf dem Schoß, und versuche zu erklären warum mich ein Film über Supermärkte und Lügen nicht mehr loslässt.
Ein Supermarkt. Kein Penthouse. Kein Loft.
Mira ist Ende zwanzig. Verheiratet mit Tarik, zwei Töchter, gerade die Filialleitung übernommen. Das Wort „Filialleitung“ allein — wann hattest du das zuletzt in einer Filmbeschreibung? Deutsche Dramen handeln von Kommissaren. Von Ärzten. Von Künstlern die an sich selbst zweifeln. Aber Supermärkte? Lieferketten? Regale einräumen nach Ladenschluss?
Franz Müller, Regie und Drehbuch zusammen mit Marcus Seibert, kippt sich bewusst rein in die Leben von Leuten die morgens um fünf aufstehen und abends die Kasse abschließen. Er kippt seinen Hut vor den „Tüchtigen“ — und dreht gleichzeitig den Titel um. Weil das Glück eben nicht kommt. Jedenfalls nicht so.
Miras Ex-Stiefvater Robert taucht nach Jahren wieder auf. Bietet ihr einen zinslosen Kredit an. 80.000 Euro. Eine Geste, alte Risse kitten, Neuanfang. Tarik nimmt das Geld in derselben Nacht und steckt es in einen Kryptofonds. Ohne Mira zu fragen. Der Fonds ist Betrug. Das Geld ist weg. Ab hier lügt Mira. Erst Robert an. Dann Tarik. Dann sich selbst. Dann alle. Laut den Kritikern die den Film im Juni 2025 auf dem Filmfest München gesehen haben, gelingt Müller dabei ein „gelungener Balanceakt zwischen Existenzsorgen und Alltagskomödie“. Tragikomödie. Die schwierigste aller Disziplinen.
Brendemühl. 16 Jahre später.
Àlex Brendemühl spielt Robert. Denselben Robert den er 2009 in Die Liebe der Kinder gespielt hat. Der Mann ist halb Spanier, halb Deutscher, aufgewachsen in Barcelona mit drei Muttersprachen, hat über hundert Filme gedreht. Ich hab den damals in Die Liebe der Kinder gesehen und mir seinen Namen nicht gemerkt. Das sagt nichts über ihn aus. Das sagt was über mich.
Katharina Derr spielt Mira. War 2009 neunzehn. Wurde für den Förderpreis Deutscher Film nominiert und für den New Faces Award. Seitdem: ZDFs Die Chefin, Rentnercops, Netflix‘ Alphamännchen, Im Angesicht des Verbrechens. Solides Fernsehen. Keine großen Kinokarrieren. Und jetzt das hier. Eine Hauptrolle in einem Film der 16 Jahre auf sie gewartet hat. Nicht auf sie als Person. Auf sie als Figur. Müller wollte sehen was aus Mira wird. Also hat er gewartet bis die Geschichte so weit ist.
Kein Reboot. Kein Casting-Wechsel. Müller drehte 2009 Die Liebe der Kinder, gewann den Goldenen Biber in Biberach und den Fliegenden Ochsen beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Preise, null Mainstream-Aufmerksamkeit. Dann sagte er: Teil zwei kommt wenn die Zeit reif ist. Linklater brauchte zwölf Jahre für Boyhood, hat aber jedes Jahr ein paar Tage durchgedreht. Müller hat einfach gelebt und dann einen neuen, abgeschlossenen Film gemacht. 16 Jahre Pause. Premiere Filmfest München, Sektion Neues Deutsches Kino. Dann FILMZ Festival Mainz im November 2025. Und jetzt der reguläre Kinostart im April.
Es soll eine Trilogie werden. Teil drei kommt irgendwann. 2035? 2040? Der Mann hat ein Zeitverständnis das in Hollywood eine Panikattacke auslösen würde.
Krypto, Vorurteile, und warum Tom daneben liegt
Tom hat gesagt, das klingt nach ZDF-Montagsfilm. Ich hab ihm ein Kölsch hingestellt und ihm erklärt warum er falsch liegt. Erstens: Kein Montagsfilm castet einen katalanisch-deutschen Schauspieler mit drei Muttersprachen. Zweitens: Ein Montagsfilm hätte den Kryptobetrug als Cliffhanger vor der Werbepause benutzt, nicht als stille Katastrophe die eine Familie von innen zerfrisst. Drittens: Kein Montagsfilm hat je auf dem Filmfest München Premiere gefeiert und dort als „kluges, sozialkritisches und humorvolles Familiendrama“ besprochen worden.
Was mich an der Geschichte hält: Es geht nicht ums Geld. Es geht um Scham. Mira kann Robert nicht sagen was passiert ist, weil sein Kredit ein Friedensangebot war. Nach Jahren ohne Kontakt. Und Tarik, der Muslim in einer christlich geprägten Familie, hat das Geld ohne Absprache investiert. Klassismus. Vorurteile gegenüber „gewöhnlichen“ Berufen. Geschlechterrollen. Alles drin. Aber nicht als These. Als Familiengeschichte die auseinanderfliegt. Erinnert mich an Toni Erdmann — auch ein deutscher Film den niemand auf dem Zettel hatte, auch Festival-Liebling, auch Familie und Klasse und die Frage ob das eigene Leben so läuft wie gedacht. Maren Ade hat damals gezeigt dass deutsches Kino Cannes-tauglich ist. Müller arbeitet leiser. Aber die Richtung stimmt.
Dazu kommt: Robert erwartet offenbar eine Gegenleistung für sein Geld. Die Kinder sollen getauft werden, zugunsten seiner religiösen Frau. 80.000 Euro für Taufwasser. Da steckt so viel Sprengstoff drin, dass ein geringerer Regisseur daraus ein Moraldrama gebaut hätte. Müller macht, wenn man den Festivalstimmen glaubt, etwas anderes. Er schaut zu. Lässt die Figuren ihre eigenen Fehler machen. Und findet darin Humor. Nicht den Humor des Zynismus. Den Humor von Leuten die trotzdem weitermachen.
Anke kommt mit ins Kino. Natürlich. Sie mag Filme über Lügen. Behauptet sie. Ich sage: Sie mag Filme über Frauen die alles allein schultern müssen. Wir werden danach beim Kölsch darüber streiten. Et kütt wie et kütt.
Hinter der Kamera: Julia Daschner als Kamerafrau, Stefan Stabenow am Schnitt. Produziert von Eva-Marie Weerts, Jörg Siepmann, Harry Flöter und Müller selbst. Verleih über Cologne Cine Collective. 104 Minuten, FSK 12. Deutscher Film kann brillant sein. Er traut sich nur selten.
Wer da mitspielt
- Katharina Derr als Mira — war 19 in Die Liebe der Kinder, nominiert für New Faces Award und Förderpreis Deutscher Film. Kennt man aus Netflix‘ Alphamännchen und ZDFs Die Chefin.
- Àlex Brendemühl als Robert. Stiefvater. Barcelonier. Drei Muttersprachen, über hundert Filme. War 2009 schon dabei.
- Leonidas Emre Pakkan — beim Filmfest München in der Kategorie Schauspiel nominiert
- Lana Cooper als Zusanna
- Jürgen Rißmann, Stefan Lampadius, Ana Bolena Müller, Rona Regjepi, Luciana Caglioti
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider — eine Person, ein begründetes Urteil.
Einer der wirklich guten, aber weitgehend unbemerkten Filmemacher in Deutschland.— aus der Wertung von FilmSchneider
Besetzung
FAQ zu Das Glück der Tüchtigen: 16 Jahre Pause und dann sowas
Wann kommt Das Glück der Tüchtigen ins Kino?
Muss man Die Liebe der Kinder vorher gesehen haben?
Wer führt Regie?
Worum geht es genau?
Ist das Teil einer Trilogie?
Wo kann man Die Liebe der Kinder noch sehen?
Der Saal
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