Die Kritik
von FilmSchneiderAm 16. April 2026 kommt Vier minus drei in die deutschen Kinos, und ich kann jetzt schon sagen: Das wird kein leichter Abend.
Adrian Goiginger. Valerie Pachner. Eine wahre Geschichte über eine Clownin, die ihre komplette Familie bei einem Zugunglück verliert. Die Berlinale hat den Film im Panorama gezeigt, den zweiten Platz beim Publikumspreis gab es obendrauf. Ich hab mir den Trailer angeschaut, zweimal, und danach Kubrick auf den Schoß genommen. Einfach weil er da war.
Gründonnerstag 2008.
Die echte Geschichte dahinter. Barbara Pachl-Eberhart war Klinikclownin in Wien, Red Nose Clown Doctor, hat kranke Kinder durch den Krankenhausalltag begleitet. Ihr Mann Helmut und sie lebten diesen Traum von einem alternativen, freudvollen Leben mit ihren zwei Kindern Fini und Thimo. Daraus hat sie ein Buch gemacht, SPIEGEL-Bestseller 2010, ich hab es gelesen, damals, auf der Couch, an einem Sonntag. Anke kam rein und fragte warum ich so still bin.
Gründonnerstag 2008. Unbeschrankter Bahnübergang. Helmut übersah das Signal. Der gelbe Clown-Bus wurde von einem Zug erfasst. Helmut, Fini und Thimo starben. Barbara war nicht im Auto.
Vier minus drei. Eine Familie minus drei. Übrig bleibt: eins. Man braucht eine Sekunde um den Titel zu verstehen, und dann trifft er einen wie ein Schlag in die Magengrube.
Pachner. Schon wieder Pachner.
Ich sag das nicht als Beschwerde. Valerie Pachner ist die beste österreichische Schauspielerin ihrer Generation, und ich schmeiss nicht gerne mit Superlativen um mich. Terrence Malick hat sie für Ein verborgenes Leben besetzt, als Franziska Jägerstätter. Drei Preise dafür, unter anderem der Deutsche Schauspielpreis. Vanity Fair hat The Ground Beneath My Feet zu den zehn besten Filmen 2019 gewählt. Wegen ihr. Da war sie 32.
Jetzt also Goiginger. Der laut Berlinale-Programmseite drei verschiedene Versionen von Barbara inszeniert hat: die Frau die Heli trifft, die Mutter die aufblüht, und die Frau die versucht sich aus der Tiefe herauszuziehen. Pachner spielt alle drei. Cineuropa nennt das “multi-layered” (“vielschichtig”). Ja. Genau das.
Goiginger dreht nicht. Goiginger beobachtet.
Adrian Goiginger ist 34. Vier Spielfilme, alle haben funktioniert. Die beste aller Welten gewann den Kompass-Perspektive-Preis auf der Berlinale 2017. Der Fuchs erzählte die Geschichte seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg. Rickerl war 2023 einer der überraschendsten deutschsprachigen Filme. Goigingers Ding ist: Er schaut seinen Figuren zu, statt ihnen zu sagen was sie tun sollen. Er beobachtet. Gesten, Blicke, das was zwischen den Worten passiert.
Kameramann Paul Sprinz hält drauf, klassisch, kontrolliert. Die Rückblenden sind leicht gelblich getönt — nicht aufdränglich, mehr wie eine Erinnerung die langsam verblasst. Arash Safaian hat die Musik geschrieben, Piano und Streicher, und die Rezensenten sagen: sparsam eingesetzt. Bei dem Stoff muss man nichts unterstreichen. Die Geschichte schreit von allein.
Stadlober. Der Wuschel. 25 Jahre später.
Robert Stadlober spielt Heli, Barbaras Mann. Ich hab Stadlober zum ersten Mal in Sonnenallee gesehen, 1999, mit Uni-Freunden im Kino, ich war 21. Er war 17 auf der Leinwand und wirkte wie jemand der schon alles kapiert hat. Dann Crazy, Krabat, Das Boot als Serie. Jetzt spielt er einen Mann der auf einem Bahnübergang stirbt. Andere Liga. Anderes Leben.
Der Rest der Besetzung liest sich wie ein Klassentreffen des deutschsprachigen Dramas. Hanno Koffler, der mir schon in Freier Fall den Atem genommen hat, spielt Friedrich — offenbar einen TV-Schauspieler der Barbara hilft loszulassen. Stefanie Reinsperger als Sabine. Ronald Zehrfeld als Dr. Jürgen Schreiner. Margarethe Tiesel als Roswitha. In Sachen österreichisch-deutscher Biografie-Filme kann man kaum besser casten.
Die Leute vor der Kamera
- Valerie Pachner als Barbara — wer Ein verborgenes Leben kennt, weiss was die Frau kann
- Robert Stadlober als Heli. Sonnenallee-Fans, haltet euch fest.
- Stefanie Reinsperger als Sabine
- Hanno Koffler als Friedrich — Freier Fall. Genug gesagt.
- Ronald Zehrfeld als Dr. Jürgen Schreiner
- Margarethe Tiesel als Roswitha
- Paul Wolff-Plottegg als Fritz
- Michael Gampe als Gerhard
- Petra Morzé als Stefanie
- Michael Fuith als Jan
Die Berlinale hat geklatscht. Das reicht mir erstmal.
Weltpremiere 16. Februar 2026, Zoo Palast Berlin, 76. Berlinale, Panorama. Zweiter Platz beim Publikumspreis, hinter Staatsschutz von Faraz Shariat. Anke hat mich gefragt ob wir nächstes Jahr mal wieder zur Berlinale fahren sollen. Ich hab sofort ja gesagt. Wegen Filmen wie diesem.
Das Drehbuch hat Senad Halilbašić geschrieben, nicht Goiginger selbst — ungewöhnlich für ihn, bei Die beste aller Welten und Rickerl schrieb er beides. Produziert haben 2010 Entertainment aus Salzburg und Giganten Film aus Ludwigsburg. Beta Cinema macht den Weltvertrieb. Alamode bringt ihn in Deutschland ins Kino. 121 Minuten. FSK 12. Eine österreichisch-deutsche Koproduktion, das Budget ist nicht bekannt, aber bei Goiginger braucht man kein Marvel-Budget um einen Saal zum Schweigen zu bringen.
Trauer-Dramen. Minenfeld.
Meine einzige Sorge, und ich schreib sie trotzdem auf. Trauer im Kino ist ein Balanceakt. Man kann alles richtig machen und trotzdem in Sentimentalität landen. Die ICS-Filmkritik von der Berlinale sagt genau das: Der Film betrete kein neues Terrain im Trauer-Genre. Drei Sterne. Aber gleichzeitig: Pachner sei der Hauptgrund den Film zu schauen. Und das überrascht mich null.
Dann ist da diese Szene, über die alle reden. Barbara bringt eine Clown-Truppe zur Beerdigung ihrer Familie. Cineuropa nennt das “surreal, powerful” (“surreal, kraftvoll”). Das klingt nach einem Ende das hängen bleibt. Und bei mir ist das Kriterium Nummer eins: Bleibst du hängen, wenn die Lichter angehen? Bei Goiginger war die Antwort bisher immer ja. Tom sagt übrigens, er kommt mit. Jutta hat abgelehnt. Zu schwer, meint sie. Ich versteh das.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Pachner nach drei Preisen in der Hauptrolle
- Goiginger nach vier starken Filmen
- Wahre Geschichte mit Berlinale-Siegel
- Zweiter Platz Panorama-Publikumspreis
Dagegen
- Trauer-Dramen sind ein Minenfeld
- Bekanntes Sujet im Genre
Trailer
Besetzung
FAQ zu Vier minus drei: Goiginger und Pachner machen das Unfassbare greifbar
Wann kommt Vier minus drei ins Kino?
Ist Vier minus drei eine wahre Geschichte?
Wer spielt die Hauptrolle?
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Der Saal
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