Die Kritik
von TribunQuick Answer: Ist Die Morde des Herrn ABC sehenswert?
Kurze Antwort: JA – aber nur für Fans von skurrilen 60er-Jahre-Komödien und Liebhaber ungewöhnlicher Christie-Adaptionen.
Für wen geeignet: Nostalgiker der 60er-Jahre, Tony Randall-Fans, Liebhaber britischer Komödien, Christie-Completisten.
Nicht geeignet für: Puristen der Christie-Romane, Fans ernster Krimis, moderne Thriller-Liebhaber.
Mein Urteil: Ein faszinierender Fehlgriff, der durch seine pure Unverfrorenheit fast schon wieder genial wird. Tony Randalls nervige Poirot-Interpretation ist gleichzeitig das Beste und Schlimmste an diesem Film.
Worum geht es in Die Morde des Herrn ABC?
Die Morde des Herrn ABC folgt dem berühmten belgischen Detektiv Hercule Poirot bei der Aufklärung einer Mordserie, die einem alphabetischen Muster folgt. Alice Ascher wird in Andover ermordet, Betty Barnard stirbt in Bexhill, und Sir Carmichael Clarke wird in Churston getötet – immer bleibt ein ABC-Bahnfahrplan als Visitenkarte des Killers zurück. Poirot muss das Muster durchbrechen, bevor der Mörder sein tödliches Alphabet vollenden kann.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Teenager zum ersten Mal über diesen Film gestolpert bin. Mein Vater, ein eingefleischter Christie-Fan, hatte die VHS gekauft, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Seine Gesichtsausdrücke während der ersten zwanzig Minuten waren köstlich – eine Mischung aus Entsetzen und ungläubigem Staunen.
Die Grundhandlung bleibt der Christie-Vorlage treu: Ein Serienmörder tötet systematisch Menschen, deren Namen und Wohnorte alphabetisch aufeinander folgen. Der Twist liegt in der Ausführung. Wo Christie psychologische Spannung und methodische Deduktion bietet, serviert Tashlin eine bunte Mischung aus Slapstick und schwarzem Humor.
Die Morde selbst werden erstaunlich zurückhaltend dargestellt – typisch für die 60er Jahre. Doch die Ermittlungsszenen sind voller physischer Komik. Poirot stolpert durch Hinweise, versteckt sich hinter Zeitungen und führt absurde Gespräche mit Verdächtigen. Es ist, als hätte jemand einen Krimi mit den Marx Brothers gemacht.
Wie inszeniert Frank Tashlin diese ungewöhnliche Christie-Adaption?
Frank Tashlin, bekannt für seine Cartoon-inspirierte Komödien-Regie, verwandelt Christies methodischen Krimi in ein visuell überdrehtes Spektakel. Seine Erfahrung mit Warner Bros.-Cartoons zeigt sich in übertriebenen Gesten, schnellen Schnitten und einer Bildsprache, die eher an Tom & Jerry als an Scotland Yard erinnert. Tashlin ignoriert bewusst die Konventionen des Krimi-Genres und erschafft stattdessen eine Art Live-Action-Cartoon.
Tashlin war ein Meister der visuellen Komödie – seine Arbeiten mit Jerry Lewis sind Klassiker des Genres. Bei „Die Morde des Herrn ABC“ wendet er dieselben Techniken an, die er bei „Der verrückte Professor“ oder „Wie klaut man eine Million?“ perfektioniert hatte. Das Problem: Christie-Krimis sind normalerweise keine visuellen Komödien.
Die Kamera verhält sich wie ein neugieriges Kind. Sie schwenkt wild umher, macht extreme Nahaufnahmen von Poirots Schnurrbart und filmt Verfolgungsjagden aus unmöglichen Winkeln. Manchmal funktioniert das brillant – besonders in einer Szene, wo Poirot durch ein Spiegelkabinett jagt. Manchmal ist es einfach nur anstrengend.
Was mich immer fasziniert hat: Tashlin behandelt die Morde ernst, aber die Ermittlungen wie einen Zirkus. Diese Diskrepanz macht den Film so eigenartig. Es ist, als würde man einen echten Krimi mit einer Parodie kollidieren sehen – und beide Seiten kämpfen um die Kontrolle über den Film.
Die Ausstattung ist typisch 60er-Jahre-bunt. Poirots Appartement sieht aus wie ein Bonbon-Laden, und selbst Scotland Yard erstrahlt in fröhlichen Farben. Tashlin wollte offensichtlich das Gegenteil der düsteren Krimi-Atmosphäre schaffen – Mission erfüllt, würde ich sagen.
Wie schlägt sich Tony Randall als Hercule Poirot?
Tony Randalls Poirot ist eine komplette Neuerfindung der Figur – nervös, hyperaktiv und mit einem amerikanischen Akzent, der jeden Belgien-Bezug ins Lächerliche zieht. Randall spielt Poirot wie einen neurotischen Komiker aus einem Broadway-Stück, voller Energie und völlig ohne die würdevolle Eleganz des literarischen Originals. Es ist eine Performance, die man entweder hasst oder als brillante Dekonstruktion feiert.
Ich muss gestehen: Als langjähriger David Suchet-Fan war Randalls Interpretation zunächst ein Schock. Wo Suchet methodisch und würdevoll agiert, hüpft Randall umher wie ein Pingpong-Ball. Sein Poirot ist weniger Meisterdetektiv als vielmehr ein begabter Dilettant mit Glück.
Randall bringt seine ganze Erfahrung aus der amerikanischen Comedy-Szene mit. Seine Poirot-Interpretation erinnert stark an seine spätere Rolle als Felix Unger in „The Odd Couple“. Pedantisch, neurotisch und ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs – nur dass er nebenbei Morde aufklärt.
Die anderen Darsteller wirken teilweise ratlos neben Randalls Energie-Explosion. Robert Morley als Hastings hat wenigstens die Erfahrung, um mithalten zu können. Seine trockenen Kommentare zu Poirots Eskapaden sind oft die besten Momente des Films.
Anita Ekberg ist… nun ja, Anita Ekberg. Schön anzusehen, aber ihre Rolle als Amanda Beatrice Cross ist mehr Dekoration als Character. Die 60er Jahre waren nicht gerade bekannt für nuancierte Frauenrollen, und dieser Film ist keine Ausnahme.
Maurice Denham als Inspector Japp liefert solide britische Charakterarbeit ab. Er ist der einzige, der den Film wie einen echten Krimi behandelt, und seine Frustration über Poirots Methoden spiegelt vermutlich die Gefühle vieler Christie-Fans wider.
Wie sieht Die Morde des Herrn ABC aus und wie klingt er?
Desmond Dickinsons Kamera schwelgt in den bunten 60er-Jahre-Ästhetiken mit grellen Farben und übertriebenen visuellen Gags. Ron Goodwins Musikscore kombiniert traditionelle Krimi-Spannung mit jazzigen Comedy-Elementen, was zu einer eigenartigen klanglichen Identitätskrise führt. Die Bildsprache ist pure Pop-Art – mehr Warhol als Scotland Yard.
Die Farbpalette dieses Films ist geradezu aggressiv fröhlich. Selbst die Tatorte sehen aus, als wären sie von einem Innenarchitekten gestaltet worden. Ich kann mir vorstellen, dass 1965 diese bunte Optik revolutionär wirkte – heute erscheint sie charmant retro.
Dickinson, ein Veteran der britischen Kamera-Arbeit, passt seinen Stil komplett an Tashlins Vision an. Die Kamera wird zum zusätzlichen Komiker – sie zoomt unerwartet auf Details, macht Schwenks im Cartoon-Stil und nutzt Tricks, die man eher aus der Animation kennt.
Ron Goodwins Musik ist ein interessantes Experiment. Er versucht, traditionelle Krimi-Spannung mit Big-Band-Jazz zu kombinieren. Manchmal funktioniert das – besonders in den Verfolgungsszenen. Manchmal klingt es, als würden zwei verschiedene Filme gleichzeitig laufen.
Die Kostüme verdienen eine Erwähnung. Poirots Anzüge sind farbenfroher als alles, was der echte Poirot je getragen hätte. Selbst die Polizisten sehen aus, als kämen sie aus einem Musical. Es ist Mode als Comedy – und es funktioniert in seiner eigenen absurden Logik.
Was macht Die Morde des Herrn ABC richtig?
Der Film hat den Mut zu einer kompletten Genre-Dekonstruktion und schafft dadurch etwas Einzigartiges in der Christie-Verfilmungsgeschichte. Tony Randalls energiegeladene Performance ist zwar kontrovers, aber niemals langweilig, und Frank Tashlins visuelle Komödie-Expertise sorgt für wirklich lustige Momente. Die 60er-Jahre-Ästhetik ist heute pure Nostalgie-Kunst, und der Film weiß, dass er absurd ist – und genießt es.
Nach Jahren der Distanz muss ich zugeben: Dieser Film hat Charme. Es ist ein Charme, den man erst schätzt, wenn man aufhört, ihn mit „echten“ Christie-Adaptionen zu vergleichen. Betrachtet man ihn als eigenständige Komödie, die zufällig Christie-Charaktere verwendet, wird er plötzlich viel unterhaltsamer.
Die Verfolgungsszenen sind wirklich gut choreographiert. Tashlin versteht sein Handwerk, und wenn er Poirot durch London jagen lässt, entstehen Momente echter visueller Komödie. Eine Szene in einem Kaufhaus ist besonders gelungen – pure Slapstick-Poesie.
Die Lösung des Falls ist überraschend clever. Obwohl der Film die meiste Zeit wie eine Parodie wirkt, hält er sich an Christies Plot-Struktur. Die Auflösung macht Sinn und ehrt die Originalgeschichte – nur die Präsentation ist völlig anders.
Als Zeitdokument der 60er Jahre ist der Film faszinierend. Er zeigt, wie sehr sich die Vorstellungen von Humor und Unterhaltung gewandelt haben. Was damals als modern und witzig galt, wirkt heute oft quälend überdreht – aber eben auch authentisch für seine Zeit.
Die Nebenrollen sind durchweg solide besetzt. Britische Charakterdarsteller der alten Schule sorgen für Stabilität inmitten von Randalls Hurricane-Performance. Sie spielen ihre Rollen ernst, was dem absurden Treiben rundherum zusätzliche Komik verleiht.
Was geht bei Die Morde des Herrn ABC schief?
Der fundamentale Tonfall-Konflikt zwischen Krimi und Komödie wird nie zufriedenstellend aufgelöst – der Film will gleichzeitig Morde ernst nehmen und Witze darüber machen. Tony Randalls Poirot ist so weit vom Original entfernt, dass Christie-Fans sich betrogen fühlen müssen, und die Komödie ist oft zu überdreht für moderne Geschmäcker. Die Frauenrollen sind selbst für 60er-Jahre-Standards schwach, und viele Gags wirken heute peinlich statt lustig.
Das größte Problem ist die Identitätskrise. Will dieser Film ein Krimi sein? Eine Komödie? Eine Parodie? Er kann sich nicht entscheiden und schwankt zwischen den Genres hin und her. Das macht ihn zwar einzigartig, aber auch frustrierend unbefriedigt.
Randalls Performance ist… anstrengend. Ich weiß, ich habe vorhin seine Energie gelobt, aber 90 Minuten davon sind wirklich eine Herausforderung. Sein Poirot hat zwei Modi: überdreht und noch überdrehter. Nuancen? Fehlanzeige.
Die Frauenrollen sind ein Desaster. Anita Ekberg sieht zwar umwerfend aus, aber ihre Figur ist völlig eindimensional. Die anderen weiblichen Charaktere sind entweder Opfer oder Dekoration. Selbst für 1965 ist das schwach.
Viele Gags altern schlecht. Was 1965 vielleicht witzig war, wirkt heute oft krampfhaft und überzogen. Die physische Komödie ist manchmal brilliant, aber oft auch peinlich. Randalls Grimassen werden nach einer Stunde zur Qual.
Die Auflösung, obwohl handwerklich solide, wirkt in dieser überdrehten Umgebung fast antiklimaktisch. Nach 80 Minuten visueller Anarchie ist eine normale Christie-Auflösung fast enttäuschend zahm.
Der Film ist zu lang. 99 Minuten sind zu viel für diese Art von Komödie. Nach einer Stunde hat man genug von Randalls Poirot gesehen – aber der Film geht noch 40 Minuten weiter.
Für wen ist Die Morde des Herrn ABC geeignet?
Dieser Film ist perfekt für Liebhaber kurioser 60er-Jahre-Kuriositäten, Tony Randall-Fans und alle, die Interesse an filmgeschichtlichen Seltsamkeiten haben. Christie-Completisten werden ihn sehen müssen, und Fans visueller Komödie finden hier Frank Tashlin in Hochform. Wer offene Genre-Experimente schätzt und bereit ist, seine Christie-Erwartungen über Bord zu werfen, wird belohnt.
Meine Empfehlung: Schaut ihn als Doppelpack mit einem „echten“ Poirot-Film. Der Kontrast macht beide Versionen interessanter. Nach einem soliden David Suchet-Poirot wirkt Randalls Version wie von einem anderen Planeten – und das ist durchaus faszinierend.
60er-Jahre-Nostalgiker werden ihre Freude haben. Der Film ist ein perfektes Zeitdokument seiner Ära – bunt, optimistisch und völlig ohne Ironie über seine eigene Absurdität. Wenn euch Filme wie „Casino Royale“ (1967) oder „The Pink Panther“ gefallen, könnte das hier euer Geschmack sein.
Für Filmstudenten ist das ein interessantes Beispiel für Genre-Dekonstruktion, lange bevor der Begriff Mode wurde. Tashlin zerlegt bewusst die Krimi-Konventionen – das ist heute noch lehrreich zu beobachten.
Nicht geeignet ist der Film für Christie-Puristen, die ihre Detektive würdevoll und methodisch mögen. Auch moderne Thriller-Fans werden wenig Freude haben – dafür ist alles zu albern und überdreht.
Als Familien-Entertainment funktioniert er überraschend gut. Die Gewalt ist minimal, der Humor harmlos, und Kinder mögen oft Randalls übertriebene Art. Nur die Länge könnte ein Problem werden.
Wer spielt in Die Morde des Herrn ABC mit?
- Tony Randall als Hercule Poirot
- Robert Morley als Captain Hastings
- Anita Ekberg als Amanda Beatrice Cross
- Maurice Denham als Inspector Japp
- Guy Rolfe als Franklin Clarke
- Sheila Allen als Lady Diane
- Grazina Frame als Betty Barnard
- Clive Morton als Sir Carmichael Clarke
- Cyril Luckham als Dr. Thompson
- James Villiers als Donald Fraser
Fazit: Lohnt sich Die Morde des Herrn ABC?
Nach all den Jahren und mehrfachen Sichtungen muss ich sagen: Ja, dieser Film lohnt sich – aber nicht aus den Gründen, die seine Macher im Sinn hatten. Er ist ein faszinierendes Scheitern, ein mutiges Experiment, das in alle Richtungen explodiert.
Tony Randalls Poirot ist schrecklich und brillant zugleich – so weit vom Original entfernt, dass es schon wieder interessant wird. Frank Tashlins Regie zeigt, was passiert, wenn man Genres mit dem Vorschlaghammer vermischt. Das Ergebnis ist ein einzigartiges Monstrum der Filmgeschichte.
Als Christie-Adaption ist es eine Beleidigung. Als 60er-Jahre-Komödie ist es überdreht bis zur Unerträglichkeit. Aber als filmgeschichtliches Kuriosum? Pure Goldgrube für alle, die Cinema-Seltsamkeiten lieben.
Mein Rat: Schaut ihn mit den richtigen Erwartungen. Wenn ihr einen würdevollen Hercule Poirot erwartet, werdet ihr enttäuscht sein. Wenn ihr bereit seid für 99 Minuten filmische Anarchie im bunten 60er-Jahre-Gewand, könnt ihr eine wilde Fahrt erleben. 6.2/10 Punkte.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von Tribun — eine Person, ein begründetes Urteil.
Ein faszinierender Fehlgriff - Tony Randalls hyperaktiver Poirot ist wie ein Verkehrsunfall: schrecklich anzusehen, aber man kann nicht wegschauen.— aus der Wertung von Tribun
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Wie lange dauert Die Morde des Herrn ABC?
Die Morde des Herrn ABC hat eine Laufzeit von rund 90 Minuten (1 Stunde und 30 Minuten).
Lohnt sich Die Morde des Herrn ABC?
Unsere Redaktion vergibt Die Morde des Herrn ABC einen Watcher-Score von 6,2 von 10. Die Morde des Herrn ABC ist zweifellos eine der seltsamsten Christie-Adaptionen aller Zeiten. Frank Tashlins Versuch, aus einem methodischen Krimi eine überdrehte 60er-Jahre-Komödie zu machen, ist mutig bis zur Selbstzerstörung. Tony Randalls neurotischer Poirot ist das Gegenteil dessen, was Christie-Fans erwarten - und genau das macht ihn paradoxerweise interessant. Als Zeitdokument der 60er Jahre und Beispiel für Genre-Dekonstruktion funktioniert der Film. Als Christie-Verfilmung ist er eine Katastrophe. Aber manchmal sind die interessantesten Filme die, die spektakulär scheitern.
Für wen ist Die Morde des Herrn ABC geeignet?
Die Morde des Herrn ABC ist vor allem etwas für Komödie und Krimi-Fans, die auch über Schwächen hinwegsehen.
Worum geht es in Die Morde des Herrn ABC?
In den 1930er Jahren erhält Poirot mit „A.B.C.“ unterschriebene Briefe, die Morde nach einem bestimmten Muster ankündigen: Das erste Opfer hat die Initialien A.A. und der Tatort beginnt ebenfalls mit A. Weiter geht es mit B und C.
Trailer
Besetzung
FAQ zu Die Morde des Herrn ABC
Ist Die Morde des Herrn ABC eine treue Christie-Adaption?
Warum wurde Tony Randall als Poirot besetzt?
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