Die Kritik
von LichtspielAm 14. Mai 2026 kommt Ein Münchner im Himmel — Der Tod ist erst der Anfang ins Kino, David Dietls moderne Neuinterpretation von Ludwig Thomas bayerischer Satire aus dem Jahr 1911, mit Maximilian Brückner als Taxifahrer der im Jenseits landet und eine zweite Chance bekommt.
Ein Münchner stirbt, kommt in den Himmel, findet es dort langweilig. Ludwig Thoma hat das 1911 in wenigen Seiten erzählt. Jetzt sind es 94 Minuten. Ob das aufgeht, weiß ich noch nicht. Aber die Besetzung macht mich neugierig, und der Name Dietl trägt Gewicht — auch wenn es diesmal der Sohn ist.
Ludwig Thoma schrieb sechs Seiten. David Dietl macht 94 Minuten daraus.
Man muss, wenn man diesen Film einordnen möchte, zunächst etwas über Ludwig Thoma wissen — und über die eigentümliche Tradition des bayerischen Humors, die er mitbegründet hat. Thomas Satire „Ein Münchner im Himmel“ erschien 1911, eine kurze, bösartige Skizze über den Dienstmann Alois Hingerl, der im Himmel Halleluja singen soll und stattdessen rebelliert. Kein Wohlfühl-Humor. Thomas Witz hatte Zähne.
Was David Dietl daraus macht, ist zunächst einmal eine Modernisierung. Aus dem Dienstmann Alois wird der Taxifahrer Ludwig „Wiggerl“ Brunner. Aus dem Tod durch Schlaganfall am Hauptbahnhof wird ein Autounfall. Und aus der kurzen Erzählung wird, wenn ich den Produktionsnotizen trauen darf, eine „Jenseits-Satire gepaart mit einer bewegenden Familiengeschichte“. Das klingt nach sehr viel für 94 Minuten. Oder nach genau der richtigen Menge, wenn man bedenkt, dass Thomas Original in seiner Kürze kaum Raum für Psychologie ließ.
Dietl, der Jüngere. Und was der Name bedeutet.
David Dietl ist der Sohn von Helmut Dietl. Wer das nicht einordnen kann: Helmut Dietl drehte „Monaco Franze“, „Kir Royal“ und „Schtonk!“ — Filme und Serien, die das Bild des urbanen München in der deutschen Fernsehgeschichte mehr geprägt haben als die meisten Spielfilme (und die ich meinen Schülern in den Neunzigern als Pflichtlektüre in Sachen deutscher Mediensatire empfohlen habe, was bei Fünfzehnjährigen natürlich auf mäßige Begeisterung stieß). David Dietl hat mit „König von Deutschland“ bewiesen, dass er Komödien drehen kann die nicht beleidigen, und mit dem Namen seines Vaters im Rücken sind die Erwartungen bei einem bayerischen Stoff naturgemäß hoch.
Mein verstorbener Mann Hartmut hätte an dieser Stelle gesagt: „Söhne berühmter Väter haben es schwer — sie müssen beweisen, dass sie mehr sind als ein bekannter Nachname.“ Er hätte recht gehabt, wie so oft. Ob David Dietl das hier gelingt, wird sich zeigen.
Die Schauspieler, die Wiggerls Welt bevölkern
- Maximilian Brückner als Ludwig „Wiggerl“ Brunner, der Münchner Taxifahrer — Brückner hat bayerischen Humor im Blut, man kennt ihn aus dem Polizeiruf und den Eberhofer-Filmen. Eine kluge Wahl.
- Hannah Herzsprung als Kathi
- Momo Beier — Wiggerls Tochter Toni, die einzige Person die ihn nach seiner Rückkehr sehen kann. Das ist dramaturgisch die tragende Figur.
- Heiner Lauterbach als Zeller. Lauterbach in einer bayerischen Komödie, das funktioniert seit Jahrzehnten.
- Michaela May als Rosi — und auch sie gehört zu diesem Ensemble so selbstverständlich wie der Englische Garten zu München
- Olli Schulz als Schutzengel. Ja, Olli Schulz. Der Podcast-Mann. Als Schutzengel. Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Das ist entweder ein Geniestreich oder eine seltsame Fehlbesetzung.
- Sigi Zimmerschied als Berti
- Ina Müller in einem Gastauftritt
Himmel, Karma und eine unsichtbare Rückkehr
Die Handlung, soweit ich sie aus den Produktionsberichten zusammensetzen kann: Wiggerl stirbt bei einem Autounfall, kommt in den Himmel, findet dort weder Bier noch die gewohnte bayerische Gemütlichkeit vor — Ludwig Thoma lässt grüßen — und erhält eine zweite Chance. Eine Karma-Mission, zurück auf der Erde. Hier weicht der Film am deutlichsten von der Vorlage ab: Bei Thoma wird Alois Hingerl kurzerhand als Engel Aloisius ins irdische München zurückgeschickt, weil er im Himmel nur stört. Bei Dietl bekommt Wiggerl offenbar die Aufgabe, sein Karma-Konto aufzubessern. Und — das ist der Dreh — er ist für fast alle Menschen unsichtbar. Nur seine Tochter Toni kann ihn sehen.
Das erinnert mich an eine ganze Tradition von Filmen, in denen Verstorbene mit den Lebenden kommunizieren — von Ernst Lubitschs „Heaven Can Wait“ aus dem Jahr 1943 bis zu Wim Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“ von 1987, wo Bruno Ganz über die Schultern der Berliner schaute und sich nach dem Menschsein sehnte. Das Motiv ist alt, aber nicht verbraucht, wenn man es mit eigener Stimme erzählt. Marcus Pfeiffer hat das Drehbuch geschrieben, und Kinofans liefert einen ersten Eindruck von Trailer und Bildsprache. LEONINE Studios übernimmt den Verleih.
Bayerischer Film, bayerischer Humor. Ein schwieriges Fach.
In meinen fast fünfzig Jahren als Kinogängerin habe ich beobachtet, wie der bayerische Film eine eigentümliche Entwicklung genommen hat. In den Siebzigern war da Fassbinder — ja, auch er war Bayer, wenn auch kein „bayerischer“ Regisseur im volkstümlichen Sinne. In den Achtzigern und Neunzigern kamen Helmut Dietls Münchner Gesellschaftssatiren. Und dann, in den Nullerjahren, die Eberhofer-Krimis: bayerischer Humor als Franchise, mit Rita Falk als literarischer Mutter und Besetzungen die inzwischen zur festen Größe im deutschen Komödien-Kalender gehören.
David Dietl bewegt sich mit „Ein Münchner im Himmel“ in einem Terrain, das seine eigenen Regeln hat. Bayerischer Humor ist nicht Kölner Humor und nicht Berliner Humor — er ist erdiger, wärmer, und gleichzeitig gemeiner. Ludwig Thoma wusste das. Ob der Film diesen Ton trifft — diese Mischung aus Wärme und Biss, die Thomas Kurzgeschichte so besonders macht — wird die entscheidende Frage sein. Man kennt ja den Kaiserschmarrndrama-Humor, der funktioniert. Aber „Ein Münchner im Himmel“ will offensichtlich etwas anderes sein: weniger Krimi, mehr Philosophie. Weniger Dorfpolizist, mehr Jenseits-Frage.
Stefan — mein Sohn — ist da skeptischer. „Olli Schulz als Schutzengel, Mama? Ernsthaft?“ sagte er am Telefon. Ich sagte ihm, dass ungewöhnliches Casting manchmal das Beste ist was einem Film passieren kann. Und manchmal das Schlechteste. Kino-Zeit hat den Film bereits gelistet, mit den ersten Produktionsdetails. Wir werden sehen.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von Lichtspiel — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Ludwig Thomas zeitlose Vorlage als Fundament
- Maximilian Brückner als ideale Besetzung für bayerischen Humor
- David Dietl bringt den Namen Dietl und eigene Erfahrung mit
- Hochkarätige Nebenrollen: Lauterbach, May, Herzsprung
Dagegen
- 94 Minuten aus sechs Seiten Vorlage — reicht das Material?
- Olli Schulz als Schutzengel: unkonventionell bis riskant
- Vergleiche mit Helmut Dietls Werk sind unvermeidlich
- Der Spagat zwischen Satire und Familienfilm ist heikel
Trailer
FAQ zu Ein Münchner im Himmel: Wenn ein Sohn den Stoff des Vaters verfilmt
Wann kommt Ein Münchner im Himmel ins Kino?
Wer spielt die Hauptrolle?
Muss man Ludwig Thomas Original kennen?
Ist das ein Kinderfilm?
Wer hat Regie geführt?
Kommt der Film auch auf einen Streamingdienst?
Der Saal
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