Quellen & Einordnung
Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.
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von WatchGuide-RedaktionRoberto Benigni hat 1997 etwas gewagt, das nach allen Regeln des guten Geschmacks hätte scheitern müssen — er hat eine Komödie über das Konzentrationslager gedreht. Und es funktioniert. 8.8 von 10, und ich sage das nicht leichtfertig.
Das Leben ist schön kam in die deutschen Kinos, als die Welt gerade angefangen hatte, Schindlers Liste zu verdauen. Und dann stand da dieser italienische Komiker und hat gelacht. Mitten im Grauen. Ich war skeptisch. Natürlich war ich das.
Hartmut hat nach dem Film nichts gesagt. Zwanzig Minuten lang.
Zeise Kinos, Hamburg-Ottensen, Spätherbst 1998. Wir hatten Karten für die Spätvorstellung, weil die frühere ausverkauft war — was bei einem italienischen Film, der nicht von Bud Spencer handelte, in Deutschland schon eine kleine Sensation war. Hartmut wollte eigentlich in den neuen Bruce Willis, ich habe ihn überredet, und das war, wenn man es genau nimmt, eine der besseren Entscheidungen unserer Ehe.
Der Film fängt an wie eine dieser charmanten italienischen Komödien, die man kennt und mag. Roberto Benigni stolpert durch Arezzo in der Toskana, verliebt sich in Nicoletta Braschi (seine echte Ehefrau, was dem Ganzen eine Schicht gibt, über die man länger nachdenken kann als man möchte) und man sitzt da und denkt: Das wird nett. Leicht. Vielleicht ein bisschen zu süß.
Und dann kippt der Film.
Nicht mit einem dramatischen Schnitt. Sondern so, wie das Leben selbst kippt — schleichend, dann auf einmal. Die Deportation. Das Lager. Und Guido, Benignis Figur, der seinem fünfjährigen Sohn Giosuè erzählt, das Ganze sei ein Spiel. Punkte sammeln. Wer tausend Punkte hat, gewinnt einen Panzer. Einen echten.
Es gibt dieses Bild, das ich nicht vergesse. Guido steht in einer Baracke, und die Wachen geben Befehle auf Deutsch, die er nicht versteht. Oder vorgibt nicht zu verstehen. Er übersetzt für die Häftlinge — verwandelt die Regeln des Lagers in die Regeln eines Spiels. Wer weint, fliegt raus. Wer Mama will, bekommt keine Punkte. Man sitzt da und lacht, und gleichzeitig schnürt sich einem der Hals zu, weil man weiß, was diese Regeln wirklich bedeuten.
Hartmut hat mir auf dem Heimweg gesagt, dass sein Onkel in Dachau war. Das wusste ich damals nicht. Wir waren sechzehn Jahre verheiratet. Manchmal braucht es einen Film, damit jemand etwas sagt, das er schon immer hätte sagen sollen. Das ist, wenn man so will, die eigentliche Leistung von Roberto Benigni.
Tom aus unserem Kinokreis hat den Film erst vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen und mir hinterher geschrieben: Jutta, wie kann ein Film gleichzeitig so lustig und so furchtbar sein? Ich habe geantwortet: Weil beides gleichzeitig wahr ist. Benigni versteht das. Sein Guido ist kein Held im klassischen Sinn. Guido ist ein Vater, der lügt, weil die Wahrheit sein Kind zerstören würde.
Was Benigni gewagt hat, hat vor ihm nur Chaplin gewagt
Man muss das einordnen, historisch und kulturell. 1997 gab es einen ungeschriebenen Konsens darüber, wie man den Holocaust im Film behandelt: mit Schwere, mit dokumentarischer Distanz, mit dem Gewicht einer Verantwortung, die größer ist als jeder einzelne Film. Spielberg hatte die Regeln gerade erst aufgestellt — schwarzweiß, die Kamera als stummer Zeuge. Primo Levi hatte mit Se questo è un uomo den literarischen Standard gesetzt: präzise, nüchtern, erschütternd gerade in seiner Sachlichkeit. Und dann kommt Benigni und macht das Gegenteil von allem.
Die Kritik war gespalten, und das ist eine Untertreibung. David Denby nannte den Film sentimental. In Deutschland war die Debatte noch heftiger, weil bei uns die Empfindlichkeit eine andere ist, und das aus guten Gründen. Stefan vom Kinokreis hat damals gesagt, Benigni betreibe emotionale Erpressung, und ich habe eine Woche gebraucht, um ihm zu erklären, warum ich das für grundfalsch halte.
Hier ist der Punkt, den die meisten übersehen: Roberto Benignis Vater, Luigi Benigni, war zwei Jahre lang in Bergen-Belsen interniert. Der Mann hat keine abstrakte Idee verfilmt. Er hat die Geschichte seines Vaters erzählt, gefiltert durch die einzige Sprache, die er beherrschte — die Komödie. Auf IMDb steht der Film bei 8.6, auf TMDB bei 8.4. Zahlen, die man für einen italienischen Film von 1997 erst einmal erreichen muss.
Charlie Chaplin hat 1940 mit Der große Diktator etwas Ähnliches versucht. Chaplin hat später gesagt, er hätte den Film nicht gemacht, wenn er vom vollen Ausmaß des Holocaust gewusst hätte. Benigni wusste davon. Er hat den Film trotzdem gemacht. 20 Millionen Dollar Budget. 230 Millionen weltweit. In der normalen Logik des Filmgeschäfts ist das nicht erklärbar.
Drei Oscars und ein Mann, der über Stühle klettert
Oscar-Verleihung, März 1999. Roberto Benigni wird als Bester Hauptdarsteller aufgerufen (der erste nicht-englischsprachige Gewinner in dieser Kategorie seit Sophia Loren 1962) und er klettert über die Stuhllehnen im Saal. Buchstäblich. Tritt dabei fast auf Steven Spielbergs Schulter. Ich saß zu Hause vor dem Fernseher, und Hartmut hat gelacht. Nicht über Benigni. Mit ihm. Das war derselbe Mann, der nach dem Film zwanzig Minuten geschwiegen hat, und jetzt lachte er, weil jemand über Stühle kletterte. Ich glaube, genau das fasst den ganzen Film zusammen.
Drei Oscars: Bester fremdsprachiger Film, Bester Hauptdarsteller, Beste Filmmusik. Sieben Nominierungen insgesamt, darunter auch Bester Film — für einen nicht-englischsprachigen Film bis heute eine Seltenheit. Und der Grand Prix der Jury in Cannes, verliehen von einer Jury unter Martin Scorsese.
Nicola Piovanis Filmmusik. Ich kann die Melodie auch jetzt noch summen, fast dreißig Jahre später. Das Hauptthema begleitet die Liebesszenen in der ersten Hälfte und die Lagerszenen in der zweiten, und es ändert sich kein einziger Ton. Die Melodie bleibt. Die Welt um sie herum nicht. Ich habe die CD damals gekauft (als CD, weil es 1999 war) und sie liegt immer noch im Regal, zwischen Ennio Morricone und Bach. Hartmut hat sie manchmal aufgelegt, wenn er sonntags kochte. Ohne etwas dazu zu sagen.
Was mich an diesem Film bis heute beschäftigt, sind nicht die großen Gesten. Es sind die kleinen Momente. Guido, der seiner Frau über den Lagerlautsprecher Offenbachs Barcarole vorspielt, obwohl ihn das umbringen könnte. Giosuè, der sich in einer Kiste versteckt und glaubt, es sei Teil des Spiels. Dora, die freiwillig in den Deportationszug steigt, obwohl sie als Nichtjüdin nicht müsste. Der Film ist voller Entscheidungen, die keinen rationalen Sinn ergeben — außer durch Liebe. Und Liebe, wie Primo Levi einmal sinngemäß geschrieben hat, ist die einzige menschliche Kraft, die sich der Rationalisierung konsequent widersetzt.
Man vergisst leicht, wie kontrovers die Oscar-Nominierung war. Ein nicht-englischsprachiger Film als Bester Film? Benigni als Bester Hauptdarsteller in einem Film, den er selbst geschrieben und inszeniert hat? Die Academy hat normalerweise Angst vor solchen Entscheidungen. In diesem Jahr nicht. Rotten Tomatoes gibt dem Film 80 Prozent. Letterboxd 4.3 von 5. Das sind Zahlen, die man für einen Film, der so umstritten war und es bis heute ist, erst einmal zusammenbringen muss.
Benigni und die Leute, die diesen Film tragen
- Roberto Benigni als Guido Orefice: Regie, Drehbuch, Hauptrolle. Alles eine Person. Alles ein Leben.
- Nicoletta Braschi: Dora. Benignis echte Ehefrau seit 1991. Sie hat in diesem Film kein einziges Mal gelacht.
- Giorgio Cantarini als Giosuè: fünf Jahre alt bei den Dreharbeiten, und man sieht das
- Giustino Durano als Onkel Eliseo. Kurz im Film, lang im Gedächtnis.
- Horst Buchholz als Dr. Lessing — ja, DER Horst Buchholz, in einer seiner letzten großen Rollen
Was die deutsche Synchronfassung betrifft: Joachim Tennstedt hat die Dialogregie übernommen und Benigni selbst gesprochen. Und Dora? Synchronisiert von Susanna Bonasewicz. Lassen Sie das einen Moment sacken. Die Stimme von Bibi Blocksberg spricht Nicoletta Braschi in einem Holocaust-Drama. Das klingt wie ein schlechter Scherz, aber Bonasewicz hat das mit einer Ernsthaftigkeit gemacht, die mich sprachlos gelassen hat. Horst Buchholz hat sich selbst synchronisiert, was bei einem Schauspieler seiner Generation nicht weiter überrascht.
Synchronstudio: Berlin
Jahr: 1998
Dialogregie: Joachim Tennstedt
Roberto Benigni|Guido Orefice|Joachim Tennstedt
Nicoletta Braschi|Dora|Susanna Bonasewicz
Giorgio Cantarini|Giosuè|unbekannt
Horst Buchholz|Dr. Lessing|Horst Buchholz
Giustino Durano|Onkel Eliseo|unbekannt
Quelle: Synchronkartei.de
Wer nach diesem Film etwas Vergleichbares sucht: The Green Mile hat diese Mischung aus Unmöglichem und zutiefst Menschlichem, die einen nicht loslässt. Der Pianist von Polanski geht denselben historischen Weg, aber ohne Benignis Leichtigkeit. Cinema Paradiso für alle, die das Italienische lieben — auch dort Erinnerung, auch dort Verlust, auch dort eine Filmmusik, die einen verfolgt. Und Der Pate — wer den nur als Mafiafilm kennt, hat die Hälfte verpasst. Auch dort geht es um Familie und die Frage, was man für die Menschen tut, die man liebt. Mehr Dramen und Komödien bei uns auf den Genreseiten.
Bewertung
Bisherige EinschätzungArchivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung
Bewertet von WatchGuide-Redaktion, die Wertung steht oben.
Buongiorno, Principessa!Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
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Stand 04.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr
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