Poster zum Film Die Taschendiebin: Park Chan-wooks Origami aus Täuschung und Befreiung

Die Taschendiebin: Park Chan-wooks Origami aus Täuschung und Befreiung (2016)

Film · Thriller, Drama · 2016 · 145 Min.

Von , aktualisiert am 12. März 20267 Minuten LesezeitSo arbeiten wir

Die Taschendiebin (아가씨) kam 2016 in Korea in die Kinos und ein Jahr später in Deutschland – Park Chan-wooks Adaption eines britischen Romans, verlegt in die japanische Kolonialzeit Koreas, mit zwei Schauspielerinnen von denen eine vorher noch nie vor einer Kamera gestanden hat.

9 von 10. Kein Kompromiss. Drei Akte, drei Perspektiven, und jedes Mal wenn du glaubst du verstehst – liegst du falsch.

Quellen & Einordnung

Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.

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von WatchGuide-Redaktion
1

Park Chan-wook und die Kunst, jeden Einzelnen im Raum zu täuschen

Ich habe Die Taschendiebin zum ersten Mal alleine geschaut. In meiner Wohnung in Seoul, es muss Ende 2021 gewesen sein, kurz bevor ich nach Deutschland zurückkam. Jihoon war nicht da – und ehrlich gesagt bin ich im Nachhinein froh, weil ich nicht wüsste wie ich DAS zusammen geschaut hätte. Nicht wegen der erotischen Szenen. Sondern weil der Film dich so komplett einsaugt dass du danach erstmal zehn Minuten brauchst bevor du ein Wort sagen kannst.

Park Chan-wook ist mein zweitliebster Regisseur, nach Bong Joon-ho. Aber eigentlich, und das sage ich nicht leichtfertig, hat er mit diesem Film vielleicht das Bessere gedreht als alles was Bong je gemacht hat. 아가씨, Agassi, heißt wörtlich „Fräulein“ oder „junge Dame“, und der Titel ist schon die erste Täuschung. Wer die Agassi wirklich ist, wer das Fräulein und wer die Taschendiebin – das verschiebt sich dreimal.

Sarah Waters hat 2002 „Fingersmith“ geschrieben, einen viktorianischen Krimi. Park hat daraus etwas gemacht das mit dem Original ungefähr so viel zu tun hat wie Kimchi mit Sauerkraut – gleiche Grundidee, völlig anderes Ergebnis. Er hat die Geschichte in die 1930er verlegt, nach Korea unter japanischer Besatzung, und damit eine Ebene hinzugefügt die Waters nie hätte schreiben können: koloniale Unterdrückung als Spiegel persönlicher Unterdrückung.

4,39 auf Letterboxd – das ist astronomisch, für jeden Film, erst recht für einen koreanischen. 96 Prozent auf Rotten Tomatoes, 91 beim Publikum. Und trotzdem fragen mich Leute: „Ist das dieser Film mit den… Szenen?“ Aish. Ja. Auch. Aber wenn DAS alles ist was ihr mitnehmt, habt ihr den Film nicht gesehen.

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Kim Tae-ri. Erster Film. Daebak.

Kim Tae-ri war 26 als sie Sook-hee gespielt hat. Es war ihr erster Film. Ihr ERSTER. Sie hat sich gegen 1.500 Bewerberinnen durchgesetzt, und wenn du ihren ersten Auftritt siehst (dieses Gesicht, das gleichzeitig Unschuld und Berechnung zeigt) dann verstehst du warum. Was sie hier macht ist nicht spielen. Es ist SEIN. Kim Min-hee als Lady Hideko ist brillant, keine Frage, aber Kim Tae-ri hat in diesem Film eine Karriere begonnen die seitdem nicht aufgehört hat zu wachsen – „Little Forest“, „Space Sweepers“, „Twenty-Five Twenty-One“ als K-Drama. Jihoon sagt über sie: 천재 (cheonjae) – Genie.

Kim Min-hee bringt als Lady Hideko etwas mit das schwer zu beschreiben ist. Sie spielt eine Frau die ihr ganzes Leben lang performt hat (die vorliest, die gehorcht, die funktioniert) und deren echtes Ich so tief vergraben ist dass selbst sie es nicht mehr findet. Bis Sook-hee kommt. Die Chemie zwischen den beiden (und jetzt komme ich an einen Punkt wo die deutsche Sprache aufhört) ist nicht Chemie, es ist 정 (jeong). Jeong ist ein koreanisches Konzept, eine Art tiefer emotionaler Bindung die über Liebe, Freundschaft und Verbundenheit hinausgeht. Es ist das Gefühl wenn jemand dir so nah ist dass die Grenze zwischen euch verschwindet. In der Übersetzung sagt man „Bindung“ oder „Zuneigung“. Im Koreanischen ist es ein ganzes Universum.

Ha Jung-woo als Graf Fujiwara (der Betrüger, der Manipulator) spielt so charmant dass du verstehst warum die Leute ihm glauben. Und Cho Jin-woong als Onkel Kouzuki, dieser ältere Mann mit seiner Bibliothek und seinen Perversionen, der seine Nichte wie einen Besitz behandelt – in Korea ist diese Figur nicht nur ein Bösewicht. Er ist ein Symbol. Für die japanische Besatzungsmacht die koreanische Kultur sammelt, archiviert und besitzt.

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일제강점기 – Und warum das kein Hintergrund ist

Die japanische Besatzungszeit Koreas, 일제강점기 (iljegangjjeomgi), 1910 bis 1945 – das ist für Koreaner kein historisches Faktum sondern eine offene Wunde. Jihoon wird still wenn das Thema aufkommt. Sein Großvater hat unter der Besatzung gelebt, er erzählt nie davon, aber die Familie weiß es. In „Die Taschendiebin“ sprechen die koreanischen Figuren Japanisch, weil sie es MUSSTEN. Lady Hideko wurde japanisch erzogen, ihr koreanischer Name wird nie genannt. Sook-hee spricht Koreanisch – die Sprache der Besetzten, die in feinen Häusern nicht erlaubt war.

Wenn die beiden Frauen am Ende den Onkel und den Grafen überlisten – das ist nicht nur eine persönliche Befreiung. Es ist eine kulturelle. Zwei koreanische Frauen brechen aus einem System aus das sie (als Frauen, als Koreanerinnen, als Besitztümer eines Mannes in einer kolonialen Hierarchie) nie als vollständige Menschen gesehen hat. Anke hat den Film übrigens „visuell atemberaubend“ gefunden und wollte über Farben reden. Stefan fand die Drehbuchstruktur faszinierend. Keiner von beiden hat die Kolonialismus-Ebene bemerkt. Nicht weil sie dumm sind. Sondern weil man das nicht sieht wenn man die Geschichte nicht kennt.

Park Chan-wook hat dafür 8,5 Millionen Dollar ausgegeben, ungefähr so viel wie Yeon Sang-ho für Train to Busan. Aber wo Train to Busan das Zehnfache eingespielt hat, blieb Die Taschendiebin bei 38 Millionen weltweit – weil ein erotischer koreanischer Thriller, der im Japan der 30er Jahre spielt und auf einer britischen Romanvorlage basiert, nun mal kein Blockbuster wird. Er ist etwas Besseres. Er ist ein Film den man nicht vergisst.

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Besetzung

  • Kim Min-hee als Lady Hideko: Hideko spielt eine Rolle die eine Rolle spielt. Kim Min-hee hält das über 145 Minuten durch, ohne dass eine Naht sichtbar wird.
  • Kim Tae-ri als Sook-hee: Erster Film, und dann DIESER Film. Sie stiehlt nicht nur im Film Dinge. Sie stiehlt den ganzen Film.
  • Ha Jung-woo als Graf Fujiwara: Charmant, manipulativ, am Ende kleiner als er sich fühlt. Ha Jung-woo ist einer der vielseitigsten Schauspieler Koreas.
  • Cho Jin-woong als Onkel Kouzuki: Die unheimlichste Figur im Film, und das in einem Film voller Täuschung. Sein Kouzuki ist Sammler, Besitzer, und am Ende: nichts.
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Und wenn euch das hier gefallen hat

  • Oldboy (Park Chan-wook, 2003) – Parks brutaleres Meisterwerk. Wer Die Taschendiebin mochte, sollte wissen wo Park herkommt.
  • Burning (Lee Chang-dong, 2018) – Koreanisches Kino das langsam brennt. Andere Energie, gleiche Tiefe.
  • Get Out (Jordan Peele, 2017) – Gesellschaftlicher Thriller der Machtverhältnisse seziert. Anderes Land, ähnliche Wut.
  • Parasite (Bong Joon-ho, 2019) – Klassenunterschied als Motor. Wer das eine liebt, liebt das andere.
  • Squid Game (2021) – Koreanisches Survival-Drama. Für alle die Korea im Kino entdecken wollen.

Bewertung

Bisherige Einschätzung

Archivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung

Bewertet von , die Wertung steht oben.

Die Taschendiebin ist der Film bei dem ich aufgehört habe Parks Filme als Thriller zu bezeichnen. Es ist Kino das sich anfühlt wie ein Origami-Kunstwerk – du siehst die Faltung nicht, bis der letzte Knick sitzt und du plötzlich das Ganze siehst. Kim Tae-ri in ihrem ersten Film, Kim Min-hee in der Rolle ihres Lebens, und eine Geschichte die unter der Oberfläche eine ganze Epoche koreanischer Unterdrückung verarbeitet. 9 von 10, und jedes Mal wenn ich ihn sehe finde ich eine Falte die ich vorher nicht gesehen habe.

Wer streamt Die Taschendiebin?

Verfügbarkeit DE

Stand 14.10.2026: Die Taschendiebin ist derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten.

Stand 14.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr

Besetzung

5 Rollen
  • Lady Hideko김ubbfc희
  • Sook-heeKim Tae-ri
  • Count Fujiwara하uc815우
  • Uncle Kouzuki조uc9c4웅
  • Ms. Sasaki김ud574숙

FAQ zu Die Taschendiebin: Park Chan-wooks Origami aus Täuschung und Befreiung

Basiert Die Taschendiebin auf einem Buch?
Ja, auf Sarah Waters' „Fingersmith" von 2002, das im viktorianischen England spielt. Park Chan-wook hat die Geschichte nach Korea in die 1930er verlegt und damit etwas komplett Eigenes geschaffen. Von Waters' Roman bleibt die Grundkonstellation (zwei Frauen, ein Betrüger, ein Plan der schiefgeht) aber alles andere ist Park. Jihoon hat das Buch danach gelesen und meinte: „Guter Roman. Besserer Film."
Sind die erotischen Szenen nötig?
Ja. Ich sage das als Frau und als jemand die den Film dreimal gesehen hat. Die Szenen zwischen Hideko und Sook-hee sind keine Dekoration. Sie sind der Moment in dem beide Frauen zum ersten Mal als vollständige Menschen existieren – nicht als Besitz, nicht als Werkzeug, nicht als Rolle. Wer die Szenen herausschneidet, schneidet den Kern des Films heraus.
Muss man den Film in der Extended Version sehen?
Es gibt eine Extended Cut mit 168 Minuten statt 145. Ich habe beide gesehen. Die Kinoversion ist perfekt. Die Extended Version zeigt mehr, aber nicht unbedingt Besseres. Für den ersten Durchgang: Kinoversion.
Ist Die Taschendiebin ein guter Einstieg in Park Chan-wooks Werk?
Kommt drauf an. Wenn du „Oldboy" kennst – ja, dann weißt du worauf du dich einlässt und Die Taschendiebin zeigt dir seine elegantere Seite. Wenn nicht – vielleicht erst „Decision to Leave" (2022), der ist zugänglicher. Aber Taschendiebin ist sein bester Film. Das sage ich. Jinjja.
Warum spricht Lady Hideko Japanisch?
Weil sie unter japanischer Kolonialherrschaft aufgewachsen ist und japanisch erzogen wurde. Korea war von 1910 bis 1945 von Japan besetzt, die koreanische Sprache und Kultur wurden systematisch unterdrückt. Dass Hideko kaum Koreanisch spricht, ist kein Charakterdetail – es ist ein politisches Statement.
Wie explizit ist der Film?
Es gibt explizite Szenen, ja. Aber sie sind in den Film eingebettet, nicht aufgeklebt. Wer sich davon abschrecken lässt, verpasst einen der besten Thriller der letzten zwanzig Jahre. Mein Rat: Reintrauen. Der Film behandelt Intimität als das was sie ist – menschlich.

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