Die Kritik
von FilmSchneiderRicochet – Der Aufprall aus dem Jahr 1991 ist einer der besten Rachethriller der Neunziger. Punkt.
Denzel Washington gegen John Lithgow. Ein Cop gegen einen Psychopathen. Und mittendrin Ice-T als Drogendealer mit Ehrenkodex. Russell Mulcahy hat hier keinen kleinen Film gedreht – er hat einen kompromisslosen Thriller abgeliefert, der nach 33 Jahren immer noch knallt wie am ersten Tag. 8.8 von mir, und ich meine jedes Zehntel davon.
Denzel vor dem Oscar. Oder: Warum 1991 ein verdammt gutes Jahr war.
Muss mal kurz ausholen. 1991: Denzel Washington hatte gerade seinen Supporting-Oscar für Glory in der Tasche, Malcolm X stand noch bevor. In dieser Zwischenphase nahm er alles mit, was nach Intensität roch. Ricochet war so ein Projekt. Kein Prestige-Ding. Kein Festival-Material. Aber genau deshalb funktioniert es so gut – Washington musste hier niemandem etwas beweisen und spielt mit einer Freiheit, die man in seinen späteren, kalkulierteren Rollen selten so sieht. Nick Styles ist vielleicht die unterschätzteste Performance seiner gesamten Karriere.
Und das ist keine Übertreibung. Styles ist smart, ehrgeizig, charismatisch – und hat den Fehler gemacht, den falschen Mann vor laufender Kamera zu demütigen. Anke meinte neulich, das sei ja quasi die Origin-Story jedes zweiten Psycho-Thrillers. Stimmt. Aber keiner hat diese Konstellation so konsequent durchgezogen wie Ricochet. Was danach passiert, ist ein Abstieg in die Hölle, und Washington spielt jeden einzelnen Schritt so überzeugend, dass man physisch mitleidet.
John Lithgow. Die beste Schurken-Performance der Neunziger.
Ich rede nicht oft über Schauspieler, die mir Angst machen. Kubrick auf meinem Schoß (der Kater, bevor jemand fragt) und Lithgow auf dem Bildschirm – das war ein Samstagabend im November, VHS-Kassette von einem Kumpel ausgeliehen, so um ’94 rum. Lithgow als Earl Talbot Blake ist so dermaßen over the top, dass es transzendent wird. Nicht camp. Nicht ironisch. Sondern ein Schauspieler, der begriffen hat, dass dieses Material einen absoluten Vollgas-Ansatz braucht – und dann liefert. Jede Sekunde.
Seine Rache an Nick Styles ist dabei nicht subtil. Gar nicht. Blake manipuliert Beweise, zerstört Styles‘ Karriere, greift seine Familie an. Das klingt nach Standard-Thriller. Auf dem Papier. Was es auf dem Bildschirm ist: ein Meisterkurs in eskalierender Bedrohung. Lithgow spielt das mit einer Freude und einer Präzision, die man normalerweise nur bei den ganz Großen findet. Anthony Hopkins hat im selben Jahr Hannibal Lecter gespielt – Lithgows Blake steht dem in Sachen Gänsehaut-Faktor erstaunlich nahe.
Steven E. de Souza hat Die Hard geschrieben. Und hier merkt man warum.
Fangen wir mit dem Handwerklichen an. Das Drehbuch stammt von Steven E. de Souza, dem Mann hinter Stirb langsam, 48 Stunden und The Running Man. De Souza konnte zwei Dinge besser als fast alle anderen in Hollywood: Dialogzuspitzung und Eskalation. Beide Skills sind in Ricochet voll am Werk – und zwar auf einem Level, das direkt hinter seinen besten Arbeiten rangiert. Die Dialoge sitzen. Die Wendungen kommen im richtigen Moment. Und die Eskalationskurve ist so steil, dass man nach der Hälfte des Films das Atmen vergisst.
Die erste halbe Stunde ist straff. Junger Cop, große Verhaftung, medialer Ruhm. Dann Zeitsprung, Styles ist aufgestiegen, Blake im Knast und brütet. Soweit, so solide. Was danach kommt, ist ein Crescendo aus Manipulation und Gewalt, das Russell Mulcahy – der Mann hinter Highlander – mit einer Wucht inszeniert, die einen in den Sitz drückt. 26 Millionen Dollar Budget, und jeder Cent steckt in einer Inszenierung, die größer wirkt als sie ist.
Klar, wenn man mit der Lupe hingeht: Blake inszeniert Styles‘ Untergang mit einer Präzision, die an der Grenze zum Unwahrscheinlichen liegt. Aber das ist kein Bug – das ist ein Feature. De Souza hat nie realistische Thriller geschrieben. Er hat Thriller geschrieben, die sich real anfühlen, solange man drin ist. Und in Ricochet ist man drin. Vom ersten Schuss bis zum letzten.
21 Millionen an der Kasse. Hollywood hat geschlafen.
Ricochet war kein Hit. Die Zahlen lügen nicht: 21,6 Millionen Dollar Einspielergebnis bei 26 Millionen Produktionskosten [Box Office Mojo]. Das ist ein Verlust, auch wenn die VHS-Auswertung das mehr als gerettet hat. 1991 war das Jahr von Terminator 2, Das Schweigen der Lämmer, Robin Hood mit Costner. Da ging ein Thriller mit Denzel Washington einfach unter – was im Nachhinein betrachtet eines der größeren Versäumnisse des Kinojahres war.
Heute, mit 33 Jahren Abstand, sehe ich das klarer denn je. Ricochet ist ein Film, der seine Wiederentdeckung verdient hat. Nicht als Guilty Pleasure. Nicht als ironisches 90er-Relikt. Sondern als das, was er ist: ein brillant besetzter, kompromisslos inszenierter Rachethriller, der in einer gerechteren Welt 80 Millionen eingespielt hätte. Alan Silvestris Score hämmert dazu, als würde er für einen Film mit doppeltem Budget komponieren – und genau das hat der Film verdient. Et kütt wie et kütt – manchmal erkennt man Größe erst im Rückblick.
Ice-T. Ernsthaft: Eine Offenbarung.
Ich vergesse immer wieder, dass Ice-T in diesem Film mitspielt. Und dann sehe ich ihn als Odessa, diesen Typen aus Styles‘ Vergangenheit, und denke: Der klaut Washington fast die Show. Wirklich. Ice-T hatte damals noch keine 30 Jahre Law & Order hinter sich, sondern war mitten in seiner Gangsta-Rap-Phase. Sein Auftritt in Ricochet ist rau, ungefiltert, und hat eine Authentizität, die dem Film eine Erdung gibt, die er dringend braucht.
Die Chemie zwischen Washington und Ice-T stimmt nicht nur – sie ist elektrisierend. Das sind zwei Typen, die sich respektieren, auch wenn sie aus verschiedenen Welten kommen. Die Szenen zwischen den beiden gehören zum Besten, was das 90er-Actionkino hervorgebracht hat. Russell Mulcahy hat das perfekt eingefangen – wenn er so inszeniert, versteht man sofort, warum der Mann Highlander drehen durfte.
Wer hier mitspielt
- Denzel Washington als Nick Styles – vor dem Oscar-Ruhm, aber die Intensität war schon da
- John Lithgow als Earl Talbot Blake. Overacting als Kunstform.
- Ice-T — Odessa. Besser als man denkt.
- Kevin Pollak als Larry Doyle (der Sidekick, den keiner braucht, der aber irgendwie funktioniert)
- Lindsay Wagner als Kim
- Jesse Ventura als Wärter – ja, DER Jesse Ventura
- Victoria Dillard als Alice Styles
Synchronstudio: Berliner Synchron
Jahr: 1992
Dialogregie: Michael Nowka
Denzel Washington|Nick Styles|Leon Boden
John Lithgow|Earl Talbot Blake|Lutz Mackensy
Ice-T|Odessa|Charles Rettinghaus
Kevin Pollak|Larry Doyle|Arne Elsholtz
Quelle: Synchronkartei.de
Mulcahy nach Highlander. Es gibt nur einen – und Ricochet ist sein Zweitbester.
Russell Mulcahy. Der Name sagt den meisten Leuten nichts, aber Highlander kennt jeder. Mulcahy kam aus der Musikvideo-Ecke – er hat Duran Durans „Hungry Like the Wolf“ gedreht – und das sieht man. Ricochet ist visuell stilisiert, mit schnellen Schnitten und dramatischen Kamerawinkeln, die dem Film eine Energie geben, die weit über seinem Budget liegt. Hier hat jemand verstanden, dass Stil kein Ersatz für Substanz ist – sondern ein Verstärker.
Ja, manchmal kippt das ins Musikvideo-hafte. Aber wisst ihr was? Das gehört dazu. Das IST der Film. Mulcahys MTV-Ästhetik gibt Ricochet einen visuellen Fingerabdruck, den kein anderer Thriller aus dem Jahr hat. Während Das Schweigen der Lämmer auf eisige Stille setzte, setzt Ricochet auf Überdruck – und beides funktioniert auf seine Weise brillant.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Denzel Washington in absoluter Topform – frei, intensiv, magnetisch
- John Lithgows Blake ist eine der besten Schurken-Performances der 90er
- Steven E. de Souzas Drehbuch eskaliert mit der Präzision eines Uhrwerks
Dagegen
- Einzelne Plot-Mechaniken erfordern Thriller-Wohlwollen
- Mulcahys Musikvideo-Ästhetik ist Geschmackssache
It's my game now.— aus der Wertung von FilmSchneider
Schnelle Antworten
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Wie lange dauert Ricochet - Der Aufprall?
Ricochet - Der Aufprall hat eine Laufzeit von rund 109 Minuten (1 Stunde und 49 Minuten).
Lohnt sich Ricochet - Der Aufprall?
Unsere Redaktion vergibt Ricochet - Der Aufprall einen Watcher-Score von 8,8 von 10. Ricochet ist kein Film der entdeckt werden will. Ricochet ist ein Film der einen findet. Samstagabend, VHS-Vibes, und dann steht da plötzlich Denzel Washington in einer seiner freiesten, ungebremstesten Performances – bevor die Welt wusste was Denzel Washington ist. John Lithgow der nicht nur eine Schurkenrolle spielt, sondern eine der besten Schurkenrollen der ganzen verdammten Dekade abliefert. Ice-T der besser schauspielert als er rappte – Entschuldigung, Ice-T. Und Steven E. de Souzas Drehbuch, das eskaliert und eskaliert und nie den Fehler macht, die Bremse zu ziehen. Ja, ein paar Plot-Me
Für wen ist Ricochet - Der Aufprall geeignet?
Ricochet - Der Aufprall ist vor allem etwas für Krimi und Thriller-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.
Worum geht es in Ricochet - Der Aufprall?
Bei der Verhaftung des psychopathischen Verbrechers Blake wird der Streifencop Nick Styles von einem Hobbyfilmer auf Video festgehalten und kommt so in die Nachrichten. Während Blake hinter Gitter marschiert, gelingt Styles eine kometenhafte Karriere. Blake glückt die Flucht.
Trailer
Besetzung
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