Train to Busan (부산행) kam 2016 in die Kinos, hat 8,5 Millionen Dollar gekostet, über 87 Millionen eingespielt – und ich hab ihn in Seoul im Kino gesehen, in einem Saal voller Koreaner die geschrien haben als wäre der Zombie neben ihnen.
Yeon Sang-ho hat einen Zombiefilm gedreht der kein Zombiefilm ist. Sondern ein Film über einen Vater der nicht weiß wie man Vater ist. 8,5 von 10 von mir, und das seit acht Jahren unverändert.
Quellen & Einordnung
Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.
Trailer
Unsere Einordnung
von WatchGuide-RedaktionCGV Gangnam. Freitagabend. 2016.
Ich war 22 und für einen Sommer zurück in Seoul, ein Jahr nach meinem Auslandssemester. Gangnam-gu, in einer Wohnung die so klein war dass Bong (also meine Katze, nicht der Regisseur) sich nicht hätte umdrehen können. Bong gab es damals noch nicht, aber das Bild passt. CGV ist in Korea das was CinemaxX in Deutschland sein will aber nie sein wird: riesen Leinwand, perfekter Sound, und ein Publikum das MITMACHT. In Deutschland sitzt du im Kino und machst psst wenn jemand atmet. In Korea schreien die Leute. Sie klatschen. Sie rufen 아이고, aigoo, wenn jemand stirbt und sie lachen wenn der Held was Cooles macht.
Train to Busan war der Film bei dem ich zum ersten Mal verstanden habe warum koreanisches Kino so anders ist. Nicht wegen der Kamera, nicht wegen des Schnitts. Wegen des Publikums. Weil der Film FÜR dieses Publikum gemacht ist, für Leute die im Kino Emotionen nicht unterdrücken sondern leben. Jihoon saß neben mir (wir waren damals frisch zusammen, drei Monate) und hat bei einer Szene meine Hand so fest gedrückt dass ich dachte er bricht mir die Finger. Er gibt das bis heute nicht zu.
Der KTX, der Zug in dem der Film spielt, ist Koreas ICE. Seoul nach Busan, zweieinhalb Stunden, den Zug nimmt dort JEDER. Wenn du als Koreaner in diesen Film gehst, dann sitzt du nicht in irgendeinem Zug. Du sitzt in DEINEM Zug, dem den du jeden Chuseok nimmst um deine Familie zu besuchen. Das macht die Angst persönlich auf eine Art die kein westlicher Zombie-Film erreicht.
Seok-woo ist jeder dritte Typ in Gangnam
Gong Yoo spielt Seok-woo und die ersten 15 Minuten denkst du: Was für ein Arsch. Der Mann ist Hedgefonds-Manager, geschieden, vergisst den Geburtstag seiner Tochter, kauft ihr zweimal dasselbe Geschenk und ist so beschäftigt mit seinen Aktienkursen dass er das Kind seiner Ex-Frau nach Busan bringen muss weil er es selbst nicht auf die Reihe kriegt. In Korea gibt es dafür ein Wort (아빠 (appa) heißt Papa, aber die Art WIE Soo-ahn ihren Vater appa nennt, mit diesem leisen, fast bittenden Unterton) das geht in der deutschen Übersetzung komplett verloren. Im Koreanischen hörst du die Sehnsucht. Im Deutschen hörst du: Papa.
Jihoon meinte mal, Seok-woo sei der typische 강남 (Gangnam) Karriere-Mann. In Korea gibt es einen Ausdruck – 고독한 아빠, godokhan appa, der einsame Vater. Männer die alles für die Karriere opfern und dann merken dass ihr Kind sie nicht mehr kennt. Der Film nimmt diesen Typen und steckt ihn in einen Zug voller Zombies. Und plötzlich nützt ihm sein Geld nichts mehr.
Was Gong Yoo hier macht (und ich hab den Film dreimal gesehen, einmal in Seoul, zweimal zu Hause in Düsseldorf) ist so subtil dass man es fast verpasst. Er verändert sich nicht mit einem großen Moment. Es gibt keine Rede, kein Epiphanien-Gewitter. Es sind die Momente dazwischen: wie er seine Tochter ansieht wenn sie ihm den Rücken zudreht. Wie er anfängt auf andere Menschen zu achten, nicht nur auf sich. 3,98 auf Letterboxd, über eine Million Bewertungen – und trotzdem wird der Film unterschätzt, weil Leute „Zombie“ lesen und denken, das sei alles.
Ma Dong-seok. Der Mann braucht keine Waffe.
Jinjja, ich muss über Ma Dong-seok reden. Für alle die ihn nicht kennen: Das ist der Typ aus „Eternals“ (ja, dem Marvel-Film), aber HIER hat die Welt ihn entdeckt. Sein Charakter Sang-hwa ist das Gegenteil von Seok-woo – Arbeiterklasse, schwangere Frau dabei, große Fäuste, größeres Herz. Stefan hätte jetzt gesagt, er sei „das moralische Gegengewicht zum kapitalistischen Protagonisten“ oder so was in der Art. Stefan analysiert immer alles. Ich sag einfach: Der Mann boxt Zombies mit bloßen Händen und du glaubst es.
Kim Su-an als Soo-ahn, die Tochter, ist der emotionale Kern des Films. Sie war 10 als sie das gedreht hat. Zehn. Die Szene am Ende (ich sag nicht welche, aber wer den Film gesehen hat weiß welche ich meine) hat mich beim dritten Mal genauso erwischt wie beim ersten.
Und dann ist da Jung Yu-mi als Sung-gyeong, Sang-hwas schwangere Frau. In Korea hat Schwangerschaft im Film eine andere Bedeutung als im Westen. Es ist nicht nur ein Plot-Device für Extra-Spannung – in der koreanischen Kultur steht 임신 (imshin, Schwangerschaft) für die Fortführung der Familiengeschichte, für Hoffnung in einer Gesellschaft die sich um sinkende Geburtenraten sorgt. Wenn du weißt was das in Korea bedeutet, trifft jede Szene mit ihr doppelt.
Besetzung
- Gong Yoo als Seok-woo: Der Karriere-Vater der lernt was zählt. Gong Yoo war vorher hauptsächlich aus K-Dramas bekannt, besonders aus „Coffee Prince“ (2007). Hier zeigt er was er auf der großen Leinwand kann.
- Kim Su-an als Soo-ahn: Mit 10 Jahren eine der besten Kinderschauspielleistungen die ich in einem koreanischen Film gesehen habe.
- Ma Dong-seok als Sang-hwa: Der Durchbruch. Danach kam alles: „Along with the Gods“, „The Gangster, the Cop, the Devil“, und ja, „Eternals“.
- Jung Yu-mi als Sung-gyeong: Still, warm, und der emotionale Anker neben dem lauten Sang-hwa.
- Choi Woo-shik als Yeong-gook: Der schüchterne Baseballspieler. Choi Woo-shik kennt ihr vielleicht als Ki-woo aus „Parasite“ – drei Jahre später, selber Regisseur (Bong Joon-ho), komplett anderes Genre.
아빠라고 불러 – Was die Untertitel nicht hergeben
Als Übersetzerin fällt mir bei diesem Film auf was anderen entgeht. Das koreanische Honorifik-System, die Art wie Figuren sich gegenseitig ansprechen, sagt alles über ihre Beziehung. Seok-woo spricht mit anderen Erwachsenen in 존댓말 (jondaenmal, Höflichkeitssprache), kühl, distanziert. Im Laufe des Films wechselt er bei Sang-hwa zu 반말 (banmal, informelle Sprache). Das ist in Korea ein großer Moment. Es heißt: Ich vertraue dir, du bist mir nah. In der Übersetzung? Null. Du merkst es nicht.
Yeon Sang-ho kam übrigens aus der Animation – sein Film „Seoul Station“ (2016) ist das animierte Prequel zu Train to Busan. Der Animations-Hintergrund erklärt sein Pacing: schneller als die meisten koreanischen Regisseure, weniger Pause, mehr Druck. Wie ein Zug der nicht anhält. 95 Prozent auf Rotten Tomatoes – für einen koreanischen Film in einem Genre das der Westen für ausgelutscht hielt.
Tom, unser Genre-Nerd im Kinokreis, hat mal gesagt, Train to Busan sei „basically ein Anime in Live-Action“. Ich hab ihm erklärt dass das erstens nicht stimmt und zweitens beleidigend ist für einen Film der koreanische Gesellschaftskritik auf Zombie-Tempo bringt. Aber Tom meint es nicht böse. Er vergleicht halt alles mit Anime.
Wer diesen Film mochte, mag auch
- Parasite (Bong Joon-ho, 2019) – Wenn Gesellschaftskritik auf Genre trifft. Selbe Energie, anderes Genre.
- Squid Game (2021) – Koreanisches Survival-Drama, ähnliche Fragen über Menschlichkeit unter Extrembedingungen.
- 28 Years Later: Danny Boyles Zombie-Neuerfindung. Train to Busan ist die koreanische Antwort.
- Memories of Murder (Bong Joon-ho, 2003) – Kein Zombie-Film, aber der Film der koreanisches Genre-Kino auf die Weltkarte gesetzt hat.
- Talk to Me (2022) – Moderner Horror der Charaktere ernst nimmt. Andere Kultur, ähnliche Ambition.
Bewertung
Bisherige EinschätzungArchivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung
Bewertet von WatchGuide-Redaktion, die Wertung steht oben.
Wer streamt Train to Busan?
Verfügbarkeit DEStand 14.10.2026: Train to Busan läuft im Abo bei Joyn und MagentaTV. Leihen oder Kaufen geht ab 3,99 €.
Stand 14.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr
Besetzung
5 Rollen- Seok-woo공uc720
- Soo-ahn김uc218안
- Sung-gyeong정uc720미
- Sang-hwaMa Dong-seok
- Yeong-gookChoi Woo-shik


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