Die Kritik
von FilmSchneiderRoman Polanski hat 2002 den Film gedreht, den nur er drehen konnte. Der Pianist mit Adrien Brody als Wladyslaw Szpilman im Warschauer Ghetto – 150 Minuten, die sich anfühlen wie ein ganzes Leben. 8.8 von 10, und das sage ich nicht leichtfertig.
Ich hab den Film zum ersten Mal 2002 im Odeon gesehen. Alleine. Anke war bei ihrer Mutter in Flensburg, und ich wollte nicht warten. Danach bin ich noch zwanzig Minuten sitzengeblieben, weil ich schlicht nicht aufstehen konnte.
Brody.
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Adrien Brody hat für diese Rolle 14 Kilo abgenommen, seine Wohnung aufgegeben, sein Auto verkauft und seine Freundin verloren. Das klingt nach Method-Acting-PR, nach dem Zeug das Presseagenturen raushauen, damit Journalisten was zu schreiben haben. Ist es aber nicht.
Man sieht es. In jeder Szene. Brody spielt Szpilman nicht als Helden. Nicht als Opfer im klassischen Sinn. Er spielt einen Mann, der überlebt. Das klingt banal, aber handwerklich ist es das Schwerste, was ein Schauspieler machen kann – jemanden spielen, der einfach nur da ist. Der atmet. Der wartet. Der Klavier spielt, weil ihm sonst nichts bleibt. Die Szene, in der er mit den Fingern drei Zentimeter über den Tasten ein Stück spielt, ohne Ton – weil er in seinem Versteck keinen Laut machen darf – das ist einer dieser Momente, die man nicht vergisst.
Bei der Oscarverleihung 2003 hat Brody seine Dankesrede gehalten und Halle Berry auf der Bühne geküsst. Das war der Moment, an dem alle Welt seinen Namen kannte. Was danach kam – die Karriere, die nie wieder dieses Level erreicht hat – das ist eine andere Geschichte. Aber hier, in diesem Film, ist er perfekt.
Kubrick hätte das anders gedreht
Mein Kater heißt Kubrick, und ja, ich denke bei jedem Film automatisch: wie hätte er das gelöst? Stanley Kubrick hätte Der Pianist wahrscheinlich in Symmetrien ertränkt. Hätte die Ghetto-Szenen zu Tableaus gemacht, kalt und präzise wie in Barry Lyndon. Das wäre auch stark geworden. Aber Polanski macht etwas, das Kubrick nie konnte – er lässt die Kamera wackeln. Er lässt Szenen atmen. Er zeigt Chaos als Chaos, nicht als Komposition.
Die Szene, in der Szpilman durch das zerstörte Warschau irrt, allein, halbverhungert – Kameramann Pawel Edelman hat das so photographiert, dass man manchmal vergisst, einen Film zu schauen. Die Ruinen sehen aus wie Ruinen, nicht wie Filmkulissen. Gedreht wurde zum Teil im echten Studio Babelsberg, eine deutsch-französisch-polnisch-britische Koproduktion, was man dem Film nicht anmerkt. Er fühlt sich aus einem Guss an. Wenn man die Technik nicht sieht, stimmt das Fundament. So einfach ist das.
35 Millionen. Drei Oscars. Polanski durfte nicht hin.
Man muss über Polanski reden, wenn man über Der Pianist redet. Da führt kein Weg dran vorbei. Polanski ist selbst Holocaust-Überlebender. Seine Mutter starb in Auschwitz. Er war als Kind im Krakauer Ghetto. Wenn er also einen Film über einen Mann dreht, der das Warschauer Ghetto überlebt, dann ist das Erinnerung, die durch eine Kamera gefiltert wird.
Und genau das merkt man. Polanski zeigt den Horror nicht wie Spielberg in Schindlers Liste – mit orchestraler Wucht und dem Mädchen im roten Mantel. Er zeigt ihn leise. Fast beiläufig. Ein Nachbar wird aus dem Fenster geworfen. Eine Familie isst ihre letzte Mahlzeit zusammen und weiß, dass es die letzte ist. Jemand wird auf offener Straße erschossen, und die Kamera bleibt einfach stehen. Ronald Harwoods Drehbuch nach Szpilmans Memoiren arbeitet genauso – reduziert, präzise, ohne die üblichen Hollywood-Zugeständnisse. Dafür gab es den Oscar fürs Beste adaptierte Drehbuch. Zu Recht.
Polanski selbst konnte seinen Oscar nicht entgegennehmen. Er durfte nicht in die USA einreisen. Harrison Ford hat die Trophäe für ihn abgeholt. Das Ergebnis am Ende: drei Oscars (Regie, Hauptdarsteller, Drehbuch), die Palme d’Or in Cannes, zwei BAFTAs und sieben Césars. 120 Millionen Dollar an den Kinokassen weltweit. Und trotzdem verlor Der Pianist den Oscar für den Besten Film. An Chicago. Ein Musical. 2003 war ein seltsames Jahr.
Die Chopin-Szene. Über die ich fast nichts sagen kann.
Der Film kippt im dritten Akt. Szpilman versteckt sich in einer Ruine, halbverhungert, kaum noch bei Bewusstsein. Dann taucht Captain Wilm Hosenfeld auf. Ein deutscher Offizier, gespielt von Thomas Kretschmann. Szpilman spielt Chopin für einen Nazi-Offizier, der ihn eigentlich töten müsste. Und Hosenfeld hört zu.
Bringt ihm Essen. Versteckt ihn. Rettet ihm das Leben. Das ist keine Hollywood-Erlösung. Das ist eine Anomalie. Ein Moment, der in keinen Rahmen passt, und genau deshalb wahr ist – Hosenfeld hat tatsächlich existiert. Er wurde 2009 postum als Gerechter unter den Völkern anerkannt. Gestorben ist er 1952 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Szpilman hat versucht, ihm zu helfen. Hat nicht geklappt. Das allein wäre schon ein ganzer Film.
Wojciech Kilar – polnischer Nationalkomponist, bekannt für Bram Stokers Dracula – hat beim Soundtrack das Klügste gemacht, was ein Filmkomponist machen kann: fast nichts. Die Musik kommt aus der Handlung. Szpilman spielt Chopin, und das ist der Score. Wenn er nicht spielt, ist es still. Oder Geschützfeuer. Oder beides. Früh im Film spielt Szpilman im Radio Chopins Ballade Nr. 1, als die ersten Bomben fallen. Das Klavier verstummt. Die Scheiben zersplittern. In drei Sekunden versteht man, worum es in den nächsten zweieinhalb Stunden geht.
Die Leute vor der Kamera
- Adrien Brody als Wladyslaw Szpilman – Oscar. Punkt. Mehr muss ich nicht sagen.
- Thomas Kretschmann: Captain Wilm Hosenfeld. Spricht sich in der deutschen Fassung selbst. Logisch – der Mann ist Deutscher.
- Frank Finlay als Szpilmans Vater – die ruhigste Performance im ganzen Film
- Emilia Fox als Dorota. Kennt man aus Silent Witness, falls das jemandem was sagt.
- Ed Stoppard – Henryk Szpilman, der Bruder. Sohn von Dramatiker Tom Stoppard. Kein Witz.
- Maureen Lipman als Mutter, Michal Zebrowski als Jurek
Was Anke gesagt hat, als der Abspann lief
Anke hat den Film später gesehen, auf DVD, bei uns im Wohnzimmer in Ehrenfeld. Ich hatte vorgewarnt. Sie hat trotzdem geweint. Leise, nicht dramatisch. Bei der Szene mit dem Kind, das durch ein Loch in der Ghetto-Mauer kriecht und steckenbleibt. Sie hat danach gesagt: „Das ist nicht fair.“ Ich wusste, was sie meinte. Der Film gibt dir keine Katharsis. Er gibt dir die Wahrheit, und die ist nicht fair.
Tom hat den Film bei einem Kinokreis-Abend in der Cinenova gesehen – unsere Wahl, nicht seine. Er findet Kriegsfilme „irgendwie immer gleich“. Ich hab ihm erklärt, dass Der Pianist kein Kriegsfilm ist. Es ist ein Film über einen Menschen, der zufällig im Krieg existiert. Das ist ein Unterschied. Tom hat genickt und dann gefragt, ob wir nächstes Mal was mit Robotern schauen können. Jeder, wie er kann.
Jutta dagegen kennt den Film seit der Premiere 2002. Sie sagt, Polanski habe damit den einzigen ehrlichen Holocaust-Film gedreht. Ob dat stimmt, weiß ich nicht. Aber ich verstehe, was sie meint. Schindlers Liste ist großes Kino. Der Pianist ist etwas anderes. Etwas Leiseres. Etwas, das näher dran ist an dem, was wirklich war.
Synchronstudio: Studio Babelsberg Synchron GmbH, Potsdam
Jahr: 2002
Dialogregie: Heinz Freitag
Adrien Brody|Wladyslaw Szpilman|Stephan Schwartz
Thomas Kretschmann|Captain Wilm Hosenfeld|Thomas Kretschmann (Selbstsprecher)
Frank Finlay|Vater|Uli Krohm
Emilia Fox|Dorota|Bettina Weiss
Ed Stoppard|Henryk|Norman Matt
Maureen Lipman|Mutter|Regine Albrecht
Jessica Kate Meyer|Halina|Marie Bierstedt
Quelle: Synchronkartei.de
95 Prozent auf Rotten Tomatoes. Und trotzdem kein Platz 1.
Die Zahlen: 95% auf Rotten Tomatoes bei 186 Kritiken. 85 auf Metacritic. 8.5 auf IMDb. 4.4 von 5 auf Letterboxd bei über einer Million Stimmen. Das sind die Scores eines Films, den niemand schlecht findet. Und der trotzdem in den üblichen „Beste Filme aller Zeiten“-Listen selten ganz oben steht. Warum? Weil Polanski. Die Kontroverse um den Regisseur begleitet den Film seit dem ersten Tag wie ein Schatten, den man nicht loswird. Ich trenne Werk und Person, weil ich muss. Sonst könnte ich diesen Text nicht schreiben.
Die Verurteilten kriegen von mir eine 9.0. The Green Mile eine 8.5. Oppenheimer eine 8.6. Der Pianist liegt bei 8.8, und das ist genau da, wo er hingehört. Ein Film, der fast alles richtig macht. Fast. Die Länge – 150 Minuten – merkt man im Mittelteil. Es gibt Phasen, in denen Szpilmans Versteckspiel sich wiederholt. Wohnung. Flucht. Nächste Wohnung. Flucht. Aber das ist vielleicht der Punkt: Überleben ist repetitiv. Es ist langweilig. Es ist Warten.
Wenn du danach was brauchst
Wer nach Der Pianist nicht genug hat – oder wer sich langsam an das Thema herantasten will:
- Schindlers Liste – Spielbergs Version. Lauter, emotionaler, genauso wichtig.
- Oppenheimer – Anderer Krieg, ähnliche Schwere. Nolan auf seine Art.
- Die Verurteilten – Kein Krieg, aber dasselbe Grundthema: Überleben, wenn alles gegen dich läuft.
- Full Metal Jacket – Kubrick und Krieg. Kälter, strukturierter, genauso schonungslos.
- The Green Mile – Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Brody: Karrierebeste Performance
- Polanskis zurückhaltende Regie
- Chopin als Erzählmittel
Dagegen
- Mittelteil stellenweise repetitiv
- 150 Minuten fordern Geduld
Ich überlebte nicht, weil ich besonders mutig oder schlau war. Ich hatte Glück.— aus der Wertung von FilmSchneider
Wer streamt Der Pianist?
Verfügbarkeit DEStand 23.02.2026: Der Pianist läuft im Abo bei Curiosity Stream.
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Wo kann ich Der Pianist streamen?
Der Pianist läuft aktuell im Abo bei Curiosity Stream; zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+, Amazon, Google Play, YouTube und maxdome. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Wie lange dauert Der Pianist?
Der Pianist hat eine Laufzeit von rund 143 Minuten (2 Stunden und 23 Minuten).
Lohnt sich Der Pianist?
Unsere Redaktion vergibt Der Pianist einen Watcher-Score von 8,8 von 10. Ich hab den Film 2002 im Odeon gesehen und bin danach zwanzig Minuten sitzengeblieben. Konnte nicht aufstehen. Nicht weil er so traurig ist – obwohl er das auch ist. Sondern weil Polanski etwas macht, das fast niemand kann: Er zeigt das Grauen ohne es zu inszenieren. Brody trägt den ganzen Film. 150 Minuten auf seinen Schultern, und er macht keinen falschen Schritt. Die Chopin-Szene am Ende mit Kretschmann ist einer der besten Momente, die ich in dreißig Jahren Kino gesehen habe. 8.8 – weil der Mittelteil Geduld braucht. Aber das ist mein einziger Punkt.
Für wen ist Der Pianist geeignet?
Der Pianist ist vor allem etwas für Drama und Kriegsfilm-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.
Worum geht es in Der Pianist?
Warschau, 1939. Die Besetzung Polens durch die Deutschen bedeutet für den gefeierten polnisch-jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman den Beginn eines langen Leidenswegs. Durch einen Glücksfall entgeht er dem Transport ins KZ, in dem seine gesamte Familie ums Leben kommt.
Trailer
Besetzung
FAQ zu Der Pianist: Polanski filmt seine eigene Geschichte und nennt sie anders
Ist Der Pianist eine wahre Geschichte?
Warum konnte Polanski den Oscar nicht abholen?
Hat Adrien Brody wirklich Klavier gelernt?
Gab es Captain Hosenfeld wirklich?
Warum hat Der Pianist nicht den Oscar für den besten Film bekommen?
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1 Kommentar
Ich beschäftige mich viel mit dem Thema des 2. Weltkrieges und des Holocaust. Diesen Film fand ich trotz der Länge sehr beeindruckend, teilweise sehr erdrückend. Die Geschichte ist plausibel und doch fragt man sich „Warum hast du nicht anders gehandelt“. Aus unserer Sicht ist es einfach, die Handlungen der Menschen zu verurteilen und andere Lösungen zu suchen. Doch gab es das damals nicht. Damals ging es nur um das reine Überleben und dies schildert „Der Pianist“ sehr deutlich. Für mich ein Meisterwerk.