Jedes Jahr am 25. Dezember zeigt die ARD Der kleine Lord. Seit über 40 Jahren. Und jedes Jahr schauen Millionen Deutsche zu, obwohl sie den Film kennen, obwohl sie wissen wie er endet, obwohl sich nichts geändert hat. Vielleicht gerade deshalb. 8.0 von 10 – weil manche Filme ihren Wert nicht in der Überraschung finden, sondern in der Verlässlichkeit.
Jack Gold hat 1980 einen Fernsehfilm gedreht, der in Deutschland zum Weihnachtsritual wurde. In den USA kennt ihn kaum jemand. In Großbritannien ist er eine Fußnote. Bei uns ist er Tradition.
Der Beweis, dass manche Filme nicht altern. Pflichtprogramm zwischen Heiligabend und Silvester – seit über 40 Jahren.
Quellen & Einordnung
Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.
Trailer
Unsere Einordnung
von WatchGuide-RedaktionAlec Guinness und ein achtjähriger Junge.
Man muss sich vorstellen, was das bedeutet hat, als dieser Film 1982 erstmals im deutschen Fernsehen lief. Alec Guinness, Sir Alec Guinness, der Mann der Obi-Wan Kenobi gespielt hatte und für Die Brücke am Kwai einen Oscar bekam – dieser Alec Guinness spielt einen mürrischen, kaltherzigen, aristokratischen Großvater, der langsam von einem kleinen Jungen aufgetaut wird. Und er spielt ihn mit einer Zurückhaltung, die mich nach all den Jahren immer noch beeindruckt.
Der Earl of Dorincourt ist keine einfache Rolle. Guinness hätte ihn als Karikatur spielen können, als brummigen Alten, der am Ende weint und alles ist gut. Aber so arbeitet Guinness nicht. Der Earl verändert sich in Nuancen. Ein Blick, der etwas weicher wird. Eine Handbewegung, die nicht mehr abweisend ist. Als ehemalige Deutschlehrerin habe ich meinen Schülern oft erklärt, dass große Literatur im Ungesagten liegt. Große Schauspielkunst liegt im Ungespielten. Guinness zeigt das hier in jeder Szene.
Ricky Schroder. Acht Jahre alt. Und kein falscher Ton.
Kinderdarsteller sind ein Risiko. In den meisten Filmen merkt man die Regie, das Coaching, die Erwachsenen hinter der Kamera die dem Kind sagen, wo es stehen und wie es schauen soll. Bei Ricky Schroder merkt man nichts davon. Cedric Errol, Little Lord Fauntleroy, ist ein Kind, das an das Gute glaubt, nicht weil es naiv ist, sondern weil es nicht anders kann. Schroder spielt das mit einer Natürlichkeit, die entwaffnend ist.
Es gibt eine Szene, in der Cedric dem Earl zum ersten Mal begegnet. Der alte Mann thront in seinem Salon, umgeben von dunklem Holz und schweren Vorhängen. Das Kind steht in der Tür und strahlt ihn an. Es strahlt diesen verbitterten, einsamen Mann einfach an. Und Guinness, man sieht es in seinen Augen, weiß in diesem Moment nicht mehr, was er mit sich anfangen soll. Das ist Kino. Das ist Zusammenspiel zweier Schauspieler, die sich auf einer Ebene treffen, die jenseits von Alter und Erfahrung liegt.
Frances Hodgson Burnett. 1886.
Der Roman, auf dem der Film basiert, erschien 1886. Frances Hodgson Burnett, die auch Der geheime Garten und Die kleine Prinzessin geschrieben hat, erzählt eine Geschichte, die in ihrer Grundstruktur so alt ist wie die Literatur selbst: Ein reines Herz verändert die Welt um sich herum. Das ist Dickens. Das ist die Bibel. Das ist, wenn man so will, der Kern jeder Weihnachtsgeschichte seit es Weihnachtsgeschichten gibt.
Was Burnetts Roman und Golds Film von der bloßen Sentimentalität unterscheidet, ist die Ehrlichkeit, mit der der Konflikt gezeichnet wird. Der Earl ist kein böser Mann. Er ist ein verletzter Mann. Er hat seinen Sohn verstoßen, weil dieser eine Amerikanerin geheiratet hat, und er hat sich in seinem Stolz eingemauert. Cedric bricht diese Mauer nicht mit Tränen oder Dramen, sondern mit Freundlichkeit. Und das ist, bei aller Einfachheit der Geschichte, eine radikale Idee.
Warum Deutschland. Warum Weihnachten.
In kaum einem anderen Land hat Der kleine Lord eine solche kulturelle Bedeutung erlangt wie in Deutschland. Die ARD-Erstausstrahlung am 26. Dezember 1982 fiel in eine Zeit, in der Weihnachten im Fernsehen noch ein Ereignis war. Es gab drei Programme, und wenn die Familie nach dem Essen gemeinsam vor dem Fernseher saß, dann schaute man, was lief. Und was lief, war Der kleine Lord.
Seitdem ist der Film nicht mehr aus dem deutschen Weihnachtsprogramm wegzudenken. Die IMDb verzeichnet eine 7.5, die zum großen Teil von deutschen Nutzern stammt. In Großbritannien, wo der Film ursprünglich als BBC-Produktion entstand, genießt er bei weitem nicht denselben Stellenwert. Das ist eine dieser kulturellen Eigenheiten, die schwer zu erklären, aber leicht zu verstehen sind, wenn man sie erlebt hat.
Ich erinnere mich, wie Hartmut und ich diesen Film zum ersten Mal gemeinsam sahen. 1982, in unserer ersten gemeinsamen Wohnung in Altona. Der Fernseher war klein, der Empfang mäßig und Hartmut sagte hinterher: „Das funktioniert.“ Eines seiner höchsten Komplimente. Er benutzte selten mehr Worte als nötig.
Connie Booth. Patrick Stewart. Im selben Film.
Was gelegentlich übersehen wird: Die Nebenbesetzung ist erstklassig. Connie Booth, bekannt als Polly aus Fawlty Towers, spielt Mrs. Errol, Cedrics Mutter, mit einer stillen Stärke, die dem Film ein emotionales Gegengewicht gibt. Eric Porter als der Anwalt Havisham. Colin Blakely als der herzliche Silas Hobbs. Und, man schaut zweimal hin, ein junger Patrick Stewart in einer kleinen Rolle als Wilkins, bevor er als Captain Picard die Galaxis bereiste.
Es ist ein Ensemble, das den Film trägt, ohne ihn zu überladen. Jede Figur hat ihre Funktion, jede Szene ihren Platz. Regisseur Jack Gold, der eher für seine Arbeiten im britischen Fernsehen bekannt war als für große Kinofilme, beweist hier ein sicheres Gespür für Rhythmus und Emotionalität, das dem Film seine zeitlose Qualität verleiht.
Tradition und die Frage, ob das reicht.
Stefan (mein Sohn, der Analytiker) hat mir einmal gesagt: „Mama, du liebst den Film, weil er dich an Papa erinnert. Nicht weil er gut ist.“ Er hat damit halb recht und halb unrecht, was bei Stefan durchaus üblich ist. Natürlich ist Der kleine Lord mit Erinnerungen verbunden. Mit Hartmut, mit Weihnachten in Winterhude, mit Ostfriesentee und Spekulatius vor dem Fernseher. Aber der Film ist auch handwerklich bemerkenswert: die Kameraarbeit von Arthur Ibbetson, die das viktorianische England mit einer Wärme einfängt, die man spüren kann. Die Musik von Allyn Ferguson, die nie aufdringlich wird. Und vor allem: zwei Schauspieler, die einander auf Augenhöhe begegnen, obwohl der eine 66 und der andere 8 war.
Es gibt Filme, die man als Drama bezeichnet, weil die Kategorie stimmt. Und es gibt Filme, die man als Erfahrung bezeichnet, weil keine Kategorie reicht. Der kleine Lord gehört für mich zur zweiten Sorte.
Ein Ensemble britischer Meisterschaft.
- Alec Guinness als der Earl of Dorincourt: eine Leistung, die allein den Film rechtfertigt, jede Geste durchdacht, jede Silbe gewogen
- Ricky Schroder als Cedric Errol (acht Jahre alt und ohne einen einzigen falschen Moment)
- Connie Booth als Mrs. Errol — stille Stärke, fernab ihrer komischen Rollen bei Fawlty Towers
- Eric Porter als Mr. Havisham, der Anwalt des Earls
- Colin Blakely als Silas Hobbs: der Mann mit dem großen Herzen, gespielt mit warmherziger Selbstverständlichkeit
- Patrick Stewart als Wilkins. Ja, der spätere Captain Picard. In einer Nebenrolle.
Bewertung
Bisherige EinschätzungArchivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung
Bewertet von WatchGuide-Redaktion, die Wertung steht oben.
Dafür
- Alec Guinness in einer seiner feinsten Rollen
- Ricky Schroder spielt mit entwaffnender Natürlichkeit
- Zeitlose Geschichte über Güte
Dagegen
- Tempo ist gemächlich – nicht für Ungeduldige
- Manches wirkt nach heutigen Maßstäben sentimental
You have made me very proud, my boy.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
Wer streamt Der kleine Lord?
Verfügbarkeit DEStand 12.10.2026: Der kleine Lord läuft im Abo bei Sky. Leihen oder Kaufen geht ab 3,99 €.
Stand 12.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr
Besetzung
5 Rollen- Cedric Errol / Lord FauntleroyRick Schroder
- Earl of DorincourtAlec Guinness
- Mr. HavishamEric Porter
- Silas HobbsColin Blakely
- Mrs. ErrolConnie Booth


1 Kommentar
Ich kann diesen Film nicht gucken. Dieser kleine … Lord geht mir so auf die Nerven. Der Film an sich ist in Ordnung, aber dieses kleine nervige Menschenkind. 😒