Die Kritik
von FilmSchneiderAm 26. März kommt mit 30 and Wild ein Film ins Kino, den es eigentlich nicht geben dürfte.
Kein Studio, kein Förderverein, kein Sender im Rücken. Felix Maxim Eller hat einfach wieder seine Kumpels angerufen und gesagt: Wir drehen nochmal. In Unna. Wie damals. Nur dass alle jetzt 30 sind und keiner mehr so tun kann, als wäre das hier nur eine Phase.
Unna. Ernsthaft, Unna.
Ich muss kurz was loswerden. Ich lebe in Köln-Ehrenfeld, ich bin verwöhnt. Wenn hier ein Film gedreht wird, steht mindestens ein Catering-Truck mit Hafermilch-Optionen am Set. Felix Maxim Eller dreht seinen zweiten Kinofilm in Unna, Nordrhein-Westfalen, Bevölkerung: überschaubar. Ohne Filmförderung. Ohne irgendeinen Deal mit irgendeinem Sender. Lost Tape Film- & Tonproduktion heißt seine Firma, und allein der Name klingt wie ein Versprechen und eine Warnung gleichzeitig.
Eller ist Jahrgang ’92. Geboren in Unna. Aufgewachsen in Unna. Hat seinen ersten Film in Unna gedreht. Hat seinen zweiten Film in Unna gedreht. Man könnte sagen: Der Mann ist ortstreu. Man könnte auch sagen: Er hat verstanden, dass Geschichten dort am ehrlichsten sind, wo man sich nicht verstecken kann.
Young and Wild. 40 Millionen Klicks. Ein Schülerfilm.
Kurze Rückblende. 2014. Felix Maxim Eller, damals Student, dreht mit seinem Kumpel Karsten Jaskiewicz einen Spielfilm. Kein Geld, keine Ausrüstung die nach was aussieht, keine Ahnung ob das irgendwer schauen wird. Young and Wild heißt das Ding, drei Teenager, letztes Wochenende bevor alle auseinandergehen. Road Movie trifft Jugendkomödie trifft Ruhrpott-Realität.
Das Ding geht auf YouTube. Und explodiert. Über 40 Millionen Aufrufe. Premiere beim Max-Ophüls-Preis, also nicht irgendein Festival, sondern DAS Festival für den deutschsprachigen Nachwuchs. Anke hat mich damals drauf aufmerksam gemacht. Ich hab’s mir an einem Dienstagabend reingezogen. War charmant. War rau. War ehrlich. War nicht perfekt. Aber das musste es auch nicht sein.
12 Jahre später: Eller macht eine Fortsetzung. Die Jungs sind jetzt 30.
Frederik, Dennis, Tim. Und ein Geburtstag der entgleist.
Die Story: Anwaltssohn Frederik und Fitness-Influencer Tim kommen zurück nach Unna, um Dennis‘ 30. Geburtstag zu feiern. Was als nostalgische Party-Nummer startet, eskaliert komplett. Eine lokale Rockband, die offenbar null Talent aber maximalen Ehrgeiz hat, mischt sich ein. Alte Konflikte kommen hoch. Lebenslügen. Die Frage, ob Erwachsensein ein Zustand ist oder nur ein Wort das man benutzt wenn die Krankenkasse Post schickt.
82 Minuten. Knapp. Ich mag das. Eller traut sich, kurz zu sein. Hangover brauchte 100 Minuten für eine Eskalationsnacht. Superbad auch irgendwas um die 113. Eller sagt: Ich erzähl das in 82 und dann ist Feierabend. Respekt.
Ivo Pietzcker.
Okay. Das hat mich stutzig gemacht. Im Cast steht Ivo Pietzcker. Der Ivo Pietzcker. Jack, 2014. Silberne Lola. Nebel im August, 2016. Babylon Berlin als Moritz Rath. Der Junge ist Jahrgang 2002 und hat mehr vorzuweisen als die meisten deutschen Schauspieler mit dreimal so viel Lebenserfahrung. Was macht der in einem No-Budget-Film aus Unna?
Er spielt jemanden der „Druffi“ heißt. Das allein ist eine Ansage. Entweder Eller hat einen Draht zu Pietzcker den keiner kennt, oder Pietzcker hatte Bock auf was Echtes zwischen den Prestige-Projekten. Beides wäre gut. Ich hoffe auf Letzteres. Thomas meint, das sei ein PR-Schachzug. Thomas versteht manchmal nicht, dass Leute einfach Sachen machen weil sie wollen.
Das Ding mit dem deutschen Film.
Ich sag’s seit Jahren und ich sag’s nochmal: Deutscher Film kann brillant sein. Er traut sich nur selten. Das Problem ist nicht das Talent. Das Problem ist die Maschinerie. Filmförderung, Senderverantwortliche, Redakteure die mitreden wollen, Verwertungsketten die eingehalten werden müssen. Eller umgeht das alles. Er dreht sein Ding. Er finanziert sein Ding. Er vertreibt sein Ding über Cangerfilms und Camino, nicht über Warner oder Constantin.
Das ist mutig. Das ist auch riskant. Weil ohne Marketing-Budget bedeutet ohne Aufmerksamkeit. Die Premiere am 21. März im Kinorama Unna war ausverkauft, 2.000 Leute. Das ist Unna, nicht Berlin. Eller hat gesagt, der Film „konnte nur dort gemacht werden“. Ich glaub ihm das.
Martin Armknecht und Kathrin Bolle sind auch dabei. Daniele Rizzo spielt einen Moderator, Nicolas Handwerker und Henrike Bennemann komplettieren die Truppe. Fack ju Göhte hatte ein Millionenbudget und Til Schweiger als Executive Producer. Eller hat Karsten Jaskiewicz als Co-Produzenten. Karsten, der seit dem ersten Film dabei ist. Freundschaft als Produktionsmodell. Entweder das funktioniert, oder es geht spektakulär schief. Ein Mittelding wird’s nicht.
Eller macht alles selbst. Wirklich alles.
Regie: Eller. Drehbuch: Eller. Kamera: Eller. Schnitt: Eller. Musik: Eller (zusammen mit Jan Scharfenberg, Marius Tilly und Marcel Becker-Neu, aber trotzdem). Produzent: auch Eller. Wenn dieser Film nicht funktioniert, liegt es an einem Mann. Wenn er funktioniert, auch. Ich find das furchtbar sympathisch und gleichzeitig macht es mich nervös. Kein Korrektiv. Kein externer Blick. Kein Lektor der sagt: Felix, die Szene ist zu lang.
Die Kino-Zeit-Kritik (Lukas Hoffmann) sagt, der Film nutze „altbekannte Erzählstrukturen“, Hangover-mäßig, Grown Ups-mäßig. Kann sein. Muss kein Problem sein. Manta Manta – Zwoter Teil hat auch altbekannte Strukturen benutzt und war trotzdem ein Spaß. Hoffmann sagt auch: Es ist „spürbar ein Herzensprojekt“. Und das merkt man Filmen an. Immer.
Warum mich das interessiert.
Anke und ich haben letztens über Geburtstage geredet. Sie wird nächstes Jahr 48. Ich bin schon da. Mit 30 dachte ich, alles klar, Erwachsener, jetzt wird das was. Mit 48 weiß ich: Erwachsen ist ein Prozess, kein Zustand. Genau das will Eller offenbar erzählen. „Wann ist man eigentlich erwachsen?“ fragt der Film. Meine Antwort: Gar nicht. Man tut nur so. Manche besser als andere.
Kubrick liegt neben mir aufm Sofa. Der Kater. Nicht der Regisseur. Ich scrolle durch den Trailer und frag mich, ob Eller’s Film mehr wird als eine nette Ruhrpott-Komödie oder ob da wirklich was drinsteckt. Die 2.000 Leute in Unna scheinen eine Antwort gehabt zu haben.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Komplett unabhängig produziert — kein Förder-Kompromiss
- Ivo Pietzcker im Cast — woher auch immer
- 82 Minuten — weiß wann Schluss ist
- Eller kennt seine Figuren seit 12 Jahren
Dagegen
- Kein externes Korrektiv — Eller macht ALLES selbst
- Erzählstruktur laut erster Kritik konventionell
- Kein Marketing-Budget — wird das jemand sehen?
Trailer
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