Die Kritik
von LichtspielAchtzehn Minuten. Ein Tisch, ein Tigerkopf, ein Butler der nicht mehr geradeaus gehen kann. Dinner for One ist der kürzeste Film den ich jemals auf WatchGuide besprechen werde, und gleichzeitig der, über den ich am meisten zu sagen hätte. Ich gebe 7,8 von 10. Nicht weil der Sketch perfekt ist. Sondern weil Perfektion bei achtzehn Minuten Slapstick die falsche Kategorie ist. Was Freddie Frinton hier macht, ist etwas anderes. Das ist Körperkunst.
Mein Mann Hartmut hat jedes Jahr am 31. Dezember um Punkt 23 Uhr den Fernseher eingeschaltet. Jedes. Jahr. Ohne Ausnahme. Nicht weil er den Sketch besonders lustig fand. Sondern weil es zum Silvester gehörte wie das Bleigießen und der Sekt um Mitternacht. Hartmut ist 2016 gestorben, und ich schaue den Sketch trotzdem. Jeden 31. Dezember. Um 23 Uhr. Allein jetzt, aber das macht nichts. Manche Rituale brauchen keinen zweiten Menschen. Sie brauchen nur Treue.
Stolpern als Lebensphilosophie
Freddie Frinton war Varietékünstler. Das ist wichtig. Heute würden sie ihn Comedian nennen oder Stand-Up oder Content Creator oder sonstwas. Aber Frinton kam aus einer Tradition, in der man seinen Körper trainierte wie ein Instrument. Er war Lehrling bei einem Schlachter, bevor er auf die Bühne ging. Und man sieht den Schlachter in seinen Bewegungen. Die Präzision. Das Timing. Wie er über den Tigerkopf stolpert und dabei so tut als hätte ihn jemand geschubst, obwohl niemand da ist. Das ist nicht improvisiert. Das sind zwanzig Jahre Bühne.
May Warden als Miss Sophie sitzt die ganze Zeit an ihrem Platz und tut so, als wäre alles in Ordnung. Vier tote Gäste, ein Butler der sich methodisch betrinkt, und sie hält die Form. Wie eine Generalin, deren Armee aus Geistern besteht. Man lacht über James, aber man verneigt sich vor Miss Sophie. Hartmut meinte immer, May Warden sei die eigentliche Pointe. Ich glaube, er hatte recht.
Das NDR-Studio 1963. Eine Aufnahme für die Ewigkeit.
Heinz Dunkhase hat am 8. Juni 1963 im NDR-Studio in Hamburg-Lokstedt etwas aufgenommen, das er für eine normale Theaterübertragung hielt. Ein Sketch, den Frinton und Warden seit Jahren auf Bühnen spielten. Dunkhase stellte eine Kamera hin, ließ ein kleines Studiopublikum rein und drückte auf Aufnahme. Kein zweiter Take. Keine Wiederholung. Was Sie sehen wenn Sie Dinner for One gucken, ist ein einziger Durchlauf.
Und genau das macht es so gut. Frinton stolpert nicht für eine Kamera. Er stolpert für ein Publikum. Man hört sie lachen. Man hört, wie das Lachen im Lauf des Sketches lauter wird, wie es sich steigert mit jedem Gang, mit jedem Glas, mit jedem Stolperer. Das Studiopublikum macht die Hälfte der Wirkung aus [Quelle: NDR Archiv]. Ohne dieses Lachen wäre es ein anderer Film.
46 Millionen Zuschauer allein in Deutschland, jedes Jahr an Silvester. Das Guinness-Buch der Rekorde führt ihn als die am häufigsten wiederholte Fernsehsendung der Welt. In Skandinavien, Australien, Südafrika schauen sie den gleichen Sketch. Die gleichen achtzehn Minuten. Seit sechzig Jahren. Wenn mir jemand sagt, kurze Filme könnten keinen Eindruck hinterlassen, dann zeige ich ihm diese Zahl.
Vier tote Gäste und ein Tigerkopf
Die Handlung braucht einen Satz: Miss Sophie feiert ihren neunzigsten Geburtstag mit vier Freunden, die alle tot sind, und ihr Butler James muss für jeden mittrinken. Fertig. Das ist die ganze Geschichte. Und sie reicht.
Was Frinton aus dieser Vorlage macht, ist ein Meisterkurs in Steigerung. Beim ersten Gang trinkt er höflich. Beim zweiten etwas williger. Beim dritten schwankt er. Beim vierten hält er sich am Tisch fest wie ein Schiffbrüchiger an einer Planke. Der Tigerkopf am Boden wird zum Nemesis. Beim ersten Mal stolpert er leicht. Beim letzten Mal fällt er fast. Aber er fällt nie ganz. Das ist der Witz. James ist ein Profi, selbst im Vollrausch.
Ich erinnere mich, wie Stefan als kleiner Junge den Tigerkopf nicht verstand. Er fragte: Warum räumt er ihn nicht einfach weg? Ich sagte: Weil das die Geschichte kaputt machen würde. Er schaute mich an als hätte ich den Verstand verloren. Heute versteht er es. Manchmal sind die Hindernisse, über die wir immer wieder stolpern, genau die, die wir brauchen.
Sherry, Weißwein, Champagner, Portwein
Vier Gänge. Vier Getränke. Vier tote Männer, für die James trinken muss. Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy, Mr. Winterbottom. Frinton imitiert jeden von ihnen mit kleinen Gesten. Für Sir Toby hebt er das Glas etwas steifer. Für den Admiral etwas zackiger. Für Pommeroy brummend. Für Winterbottom mit einem Nicken.
Das klingt simpel. Ist es auch. Aber Einfachheit ist in der Kunst das Schwierigste überhaupt. Fassbinder wusste das. Ozu wusste das. Und Freddie Frinton, der ehemalige Schlachterlehrling aus Grimsby, wusste es auch. Man braucht keinen Plot Twist, keine drei Zeitebenen und kein Budget von hundert Millionen Dollar, um Menschen zu berühren. Man braucht einen Mann, einen Tisch und Timing.
Ich habe in meinen vierzig Jahren als Lehrerin oft über Komik gesprochen. Humor im Deutschunterricht ist kompliziert. Loriot funktioniert fast immer. Heinz Erhardt manchmal. Aber Dinner for One funktioniert universell. Kein Wort Deutsch im ganzen Sketch. Alles auf Englisch. Und trotzdem versteht es jedes Kind. Weil Slapstick keine Sprache braucht. Weil ein Mann der über einen Tigerkopf fällt in Tokyo genauso lustig ist wie in Hamburg.
Same procedure as every year
„The same procedure as last year, Miss Sophie?“ — „The same procedure as every year, James.“
Dieser Dialog ist inzwischen deutsches Kulturgut. Hartmut und ich haben ihn uns jedes Silvester zugerufen. Kathrin ruft ihn mir heute noch am Telefon zu, kurz vor Mitternacht. Stefan verdreht dabei die Augen, aber er lächelt. Es gibt wenige Sätze im deutschen Fernsehen, die so tief im kollektiven Gedächtnis sitzen. „Ich bin doch nicht blöd“ vielleicht. Oder „Hier könnte ihre Werbung stehen.“ Aber „Same procedure“ hat etwas, das die anderen nicht haben: Wärme.
Der Satz ist gleichzeitig eine Frage und eine Antwort. Ein Ritual und ein Trost. Miss Sophie weiß, dass ihre Freunde tot sind. James weiß es auch. Aber sie spielen das Spiel weiter, weil es ihnen bleibt. Das ist, wenn man drüber nachdenkt, ziemlich rührend für einen Slapstick-Sketch.
Frinton. Warden. Mehr braucht es nicht.
- Freddie Frinton als James: der Butler, der alles gibt. Varietékünstler aus Grimsby, zwanzig Jahre Bühne, hier in Höchstform
- May Warden als Miss Sophie. Still, würdevoll, die Achse um die sich alles dreht. Warden war 72 bei der Aufnahme und spielt mit einer Gelassenheit, die man nicht lernen kann
- Heinz Piper, der unsichtbare Dritte: Conferencier im NDR-Studio, sein Off-Kommentar rahmt den Sketch
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von Lichtspiel, die Wertung steht oben.
The same procedure as every year, James.Aus der Wertung von Lichtspiel
Trailer
Besetzung
FAQ zu Dinner for One: Freddie Frinton stolpert durch die Ewigkeit
Wie lang ist Dinner for One?
Warum wird Dinner for One an Silvester gezeigt?
Verstehen Amerikaner Dinner for One?
Wurde Dinner for One nur einmal aufgenommen?
Gibt es Dinner for One auch auf Deutsch?
Ist Dinner for One der meistgesendete Sketch der Welt?
Der Saal
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