Die Kritik
von FilmSchneiderAm 23. April 2026 startet Babystar in den deutschen Kinos — Joscha Bongards Spielfilmdebüt, das nach seiner Toronto-Premiere im September 2025 international für Unruhe sorgt.
Eine 16-Jährige, die seit der Geburt gefilmt wird. Eltern, die damit Geld verdienen. Und dann verkaufen sie ihr Gesicht an eine KI-Firma. Ich sitze hier und denke: Warum hat das nicht schon jemand verfilmt.
Maja Bons. Ich kannte den Namen nicht.
Muss ich zugeben. Maja Bons, Jahrgang 2003, Berlin. Die Akademie, Everyone Is F*cking Crazy, Marzahn Mon Amour — alles an mir vorbeigegangen. Jetzt spielt sie Luca in Babystar und plötzlich reden alle über sie. Jennie Kermode hat den Film für Eye for Film besprochen, 4 von 5 Sternen, und was sie über Bons‘ Spiel schreibt deckt sich mit dem was ich im Trailer sehe: Da ist jemand, die mit Blicken mehr sagt als andere mit Monologen.
Luca ist 16. Luca kennt kein Leben ohne Kamera. Ihre Eltern — Stella und Chris Sommer, gespielt von Bea Brocks und Liliom Lewald — betreiben einen Family Channel. Millionen Follower. Jeder Meilenstein kuratiert, jeder Geburtstag inszeniert, jede Krankheit monetarisiert. Luca ist nicht ihre Tochter. Luca ist ihr Produkt. Und als die Eltern ein zweites Kind ankündigen, merkt sie: Der Ersatz ist schon eingeplant.
31 Jahre alt. Abschlussfilm. Toronto.
Joscha Bongard, geboren 1994 in Wolfsburg, Filmakademie Baden-Württemberg. Man muss das mal sacken lassen. Der Mann dreht seinen Abschlussfilm und landet beim Toronto International Film Festival. Am 6. September 2025. Discovery Section. Mit einem Cast, der Verena Altenberger und Maximilian Mundt aufbietet.
Vorher hat er Pornfluencer gemacht. Eine Dokumentation über Influencer, die mit Erwachseneninhalten Geld verdienen. Lief über Salzgeber. Dann Jung Fragil, Kurzfilm. Und jetzt Babystar. Man sieht die Linie. Bongard interessiert sich für Menschen, die sich selbst zur Marke machen. Und für den Preis, den sie dafür zahlen.
Sylvia hat mich gefragt, ob das nicht ein bisschen viel ist — ein Debütfilm, der gleich alles will. Family Vlogging. Kinderschutz. Künstliche Intelligenz. Identitätskrise. Ich verstehe den Einwand. Aber 98 Minuten Laufzeit. Bongard scheint zu wissen, dass er kein Epos dreht. Produziert haben das Lisa Purtscher und Lotta Schmelzer, ebenfalls Filmakademie-Absolventen. LiseLotte Films, zusammen mit dem ZDF. Klein, aber die Festivalkette spricht für sich.
Hühnchenuggets in der Badewanne. Im Ernst.
Ich hab mir das Title Design angeschaut. Die Leute von Art of the Title haben die Titelsequenz zerlegt. 25 Minuten im Film. 3D-animiert. Die Figuren sehen aus wie Plastikpuppen in Glasvitrinen. Chris taucht in eine Badewanne voller Chicken Nuggets. Babies quellen aus einer Geburtswanne. Zoi Naum hat die Art Direction übernommen, Cinema 4D mit Redshift.
Klingt absurd. Ist es wahrscheinlich auch. Aber genau das braucht so ein Film. Bongard hatte vorher einen ruhigen, langsamen Einstieg — und dann knallt er dir diese Sequenz rein. Sieht aus wie eine Kunstinstallation. Oder wie ein Alptraum, den man nach einer Stunde Doomscrolling hat. Beides passt.
Die KI-Sache.
Hier wird es gruselig. Nicht Horror-gruselig, das wäre Ankes Revier. Gesellschaftlich gruselig. Lucas Eltern verkaufen ihr Abbild an eine KI-Firma. Verena Altenberger spielt die CEO. Sie scannen Lucas Körper, füttern die KI mit jahrelangem Videomaterial — den ganzen Content, den ihre Eltern seit der Geburt produziert haben. Das Ergebnis: Ein digitaler Avatar. Für immer 16. Ein Chatbot, der mit Teenagern interagiert.
Ich hab Thomas davon erzählt. Thomas meinte: Das ist doch Science-Fiction. Ist es nicht. Es ist März 2026 und wir sind vielleicht 18 Monate von genau diesem Szenario entfernt. Bongard hat sich das nicht ausgedacht. Er hat es konsequent weitergedacht. The Truman Show hat 1998 gezeigt was passiert wenn jemand nicht weiß, dass er gefilmt wird. Babystar dreht das um. Luca weiß es. Sie hat es immer gewusst. Sie kennt nichts anderes.
Und Lucas Mutter sagt im Film: „Verletzlich sein ist deine Superpower.“ Als ob das alles rechtfertigt. Bea Brocks muss eine schmale Linie spielen zwischen Liebe und Ausbeutung. Zwischen Mutter und Managerin. Das ist der Stoff aus dem gute Drama-Filme gemacht sind. Wenn es funktioniert, wird das wehtun.
685 Leute auf Letterboxd sehen das anders. Oder auch nicht.
3,45 von 5. Ordentlich für ein Debüt. 276 Reviews. „Family channels are a disease“ („Familienkanäle sind eine Krankheit“) schreibt eine Nutzerin. „The most scarily accurate portrayal of family YouTubers“ („Die erschreckend genauste Darstellung von Family YouTubern“) eine andere. Dann gibt es die Fraktion, die den Film zu vorhersehbar findet. Zu didaktisch. Zu offensichtlich in seinen Metaphern.
Fair enough. Aber der Baden-Württemberg Filmpreis und die Festivaltournee — Toronto, Zürich, Hamburg, Max Ophüls — sprechen eine andere Sprache. Bongard bringt etwas mit, das den meisten Social-Media-Filmen fehlt: Er kennt die Szene. Nicht von außen. Nicht als Journalist. Sondern als jemand, der mit Pornfluencer mittendrin war. IMDb steht bei 7,2. Für ein deutsches Debüt auf Festivals keine Selbstverständlichkeit.
Maximilian Mundt ist auch dabei. Und das hat eine gewisse Ironie.
Moritz aus How to Sell Drugs Online (Fast). Der spielt hier Simon. Details zur Rolle sind spärlich. Aber Mundt in einem deutschen Drama über Social Media — der Mann wurde durch eine Netflix-Serie über Online-Drogenhandel bekannt. Jetzt geht es um Online-Kindervermarktung. Andere Plattform, gleiches Gift.
Joy Ewulu als Julie ist Lucas einziger Anker außerhalb der Familien-Blase. Die beste Freundin ohne Upload-Pflicht. Und Verena Altenberger als KI-CEO. Die kennt man aus Die Notärztin, aus Maggie. In einer Rolle, die wahrscheinlich keine 15 Minuten Screentime hat aber trotzdem im Kopf bleibt. Weil sie das Gesicht dieser ganzen Maschinerie ist.
Wer hier mitspielt. Und wer wahrscheinlich alles trägt.
- Maja Bons als Luca — die tragende Schulter. Jahrgang 2003, Berlinerin. Merkt euch den Namen.
- Bea Brocks — Stella Sommer, die Mutter. Die mit dem Satz über Verletzlichkeit als Superpower.
- Liliom Lewald als Chris Sommer. Der Vater, der im Vorspann in Chicken Nuggets badet.
- Maximilian Mundt: Simon. Mehr weiß ich nicht. Reicht als Neugier-Auslöser.
- Joy Ewulu als Julie — Lucas beste Freundin, die einzige ohne Kamera im Gesicht
- Verena Altenberger als KI-CEO. Wenig Screentime, vermutlich viel Nachwirkung.
- Tiana Vanitha R. als Lilly, Katharina Ley als Sandra, Anton Egbers als Mike
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Bongard kennt die Influencer-Szene von innen
- Maja Bons als Debüt-Entdeckung
- KI-Subplot ist brandaktuell
- Toronto Discovery Section als Gütesiegel
Dagegen
- Abschlussfilm-Budget könnte Grenzen setzen
- Thema wirkt auf dem Papier didaktisch
- 98 Minuten für so viele Ebenen — reicht das?
Verletzlich sein ist deine Superpower.— aus der Wertung von FilmSchneider
Besetzung
FAQ zu Babystar: Wenn dein ganzes Leben Content ist
Wann kommt Babystar ins Kino?
Worum geht es in Babystar genau?
Basiert Babystar auf einer wahren Geschichte?
Auf welchen Filmfestivals lief Babystar?
Wer spielt die Hauptrolle in Babystar?
Gibt es schon einen Trailer zu Babystar?
Der Saal
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