Die Kritik
von Lichtspiel„Der Heimatlose“ ist ein Debüt, das ein sehr altes Motiv verstanden hat, statt es bloß zu zitieren: Kai Stänicke lässt ein Nordseedorf über einen Heimkehrer zu Gericht sitzen und stellt dabei weniger den Mann unter Verdacht als das Gedächtnis der Gemeinschaft, die ihn nicht wiedererkennen will. Die WatchGuide-Wertung liegt bei 8,0 von 10, getragen von Paul Boche in der Titelrolle und von einer strengen Form, die an Brecht und an „Dogville“ geschult ist; Abzüge gibt es für einen Prozess, der sich über drei Tage wiederholt, und für einen Schluss, der seine Frage sauberer beantwortet, als es einer Parabel guttut. Der Film läuft seit dem 27. August 2026 im Verleih von DCM in den deutschen Kinos.
Wer Geduld mitbringt und Figuren aushält, die mehr verbergen, als sie sagen, sollte ihn auf der Leinwand sehen, solange er dort noch läuft. Wer im Kino geführt werden möchte, mit Musik, die vorgibt, was man fühlen soll, und mit Schauplätzen, die wie Schauplätze aussehen, wird an dieser offenen Bühne in den Dünen wenig Freude haben.
Worum es in „Der Heimatlose“ geht
Hein, gespielt von Paul Boche, kommt nach vierzehn Jahren auf dem Festland zurück in das einzige Dorf einer abgelegenen Nordseeinsel, doch statt eines Wiedersehens schlägt ihm Misstrauen entgegen, denn die Dorfgemeinschaft erkennt ihn nicht wieder und beruft unter der Dorfvorsteherin Gertrud, gespielt von Julika Jenkins, ein Gericht ein, vor dem er beweisen soll, dass er tatsächlich der ist, der er zu sein behauptet. Die Erinnerungen der Dorfbewohner an den Jungen, der einst fortging, decken sich nicht mit seinen eigenen, und so wird aus einer Heimkehr ein Verfahren, das Stänicke nach eigener Aussage als drei Prüfungen an drei Prozesstagen angelegt hat. Mehr muss man vor dem Kinobesuch nicht wissen, und mehr sollte man auch nicht lesen, weil der Film davon lebt, dass man lange selbst nicht sicher ist, wem in diesem Dorf zu glauben ist.
Neben Paul Boche spielen Philip Froissant als Friedemann, Emilia Schüle als Greta, Stephanie Amarell als Heide, Jeanette Hain als Jorinde und Aaron Hilmer als Volker. Emilia Schüle hat in Karoline Herfurths „Wunderschöner“ eine ganz andere, sehr heutige Frau gespielt; hier trägt sie, wie alle anderen, Kostüme, die nach dem 19. Jahrhundert aussehen und deren Strenge Gunda Bartels im Tagesspiegel „bestechend“ nennt.
Ein altes Motiv: der Heimkehrer, dem niemand glaubt
Bei dieser Ausgangslage denkt man unweigerlich an „Die Wiederkehr des Martin Guerre“, den Daniel Vigne 1982 mit Gérard Depardieu nach einem tatsächlichen Rechtsfall aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts gedreht hat und den Hollywood 1993 als „Sommersby“ in die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg verlegte. In beiden Filmen lautet die Frage, ob der Heimkehrer ein Betrüger ist, und das Gericht ist dazu da, sie zu beantworten, damit die Ordnung wiederhergestellt werden kann.
Stänicke verschiebt diesen Blick, und sein Film trägt die Verschiebung, statt sie nur zu behaupten. Im Interview mit queer.de sagt er: „Der queere Kern der Geschichte war immer klar“, und er stellt zwei Fragen daneben, nämlich warum Hein nicht erkannt wird und warum sich die Dorfbewohner so anders an ihn erinnern. Damit sitzt nicht mehr allein der Heimkehrer auf der Anklagebank, sondern das Gedächtnis einer Gemeinschaft, die sich an einen Menschen nur so erinnern möchte, wie er in ihre Ordnung passt. Die Zeugen, die das Gericht aufruft, erinnern sich an einen Initiationsritus im Alter von zehn Jahren oder an den Tod des Vaters, und ihre Erzählungen laufen Mal um Mal an Heins Erinnerung vorbei, bis sich die Frage unmerklich verschiebt: nicht mehr, wer hier lügt, sondern wem eine Erinnerung nützt. Ein Kartenspiel mit dem Namen „Wahrheit oder Lüge“ kehrt dabei als Leitmotiv wieder, und wenn ein kleiner Junge Hein verrät, man gewinne es nur, wenn man das Spiel mit den Augen des Gegners sehe, dann hat der Film seine These in einen Kindersatz gelegt, den im ganzen Dorf niemand beherzigt.
Bühne statt Kulisse: ein Dorf ohne Rückwände
Gedreht wurde nach Angaben von filmportal.de im Herbst 2024 auf Sylt und Norderney, doch die Inseln erscheinen hier nicht als Postkartenmotiv. Die wenigen Häuser des Dorfes bestehen, so beschreibt es Michael Meyns in der taz, nur aus einem Boden aus Holz und ein bis zwei Wänden, und im Tagesspiegel ist von kargen Reetdachkaten die Rede, denen die Rückwand fehlt. Den naheliegenden Vergleich mit Lars von Triers „Dogville“ von 2003, in dem ein ganzes Dorf nur mit Kreidestrichen auf dem Studioboden stand, empfindet Stänicke als großes Kompliment, und er bestätigt, dass der Film eine Inspiration war; das Dorfgericht sei von Anfang an als eine Art Amphitheater geplant gewesen, in dem der Prozess wie ein Theaterstück abläuft. Die Bänke stehen im Halbrund mitten in den Dünen, in ihrer Mitte die Tische, an denen verhandelt wird, und gesprochen wird ein bühnenhaftes Hochdeutsch ohne jede Färbung, obwohl man auf einer Nordseeinsel Platt erwarten würde. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Entscheidung, die aus dem Inseldrama ein Lehrstück macht: Christoph Petersen stellt Stänicke auf Filmstarts wie von Trier in die Tradition Bertolt Brechts, dessen betonte Künstlichkeit verhindern soll, dass man sich allein emotional in einer Geschichte verliert, und dieser Einordnung schließe ich mich an, weil sie genau beschreibt, warum die fehlenden Wände mehr sind als der Ausweg aus knappem Budget, als der sie laut filmdienst entstanden sind.
Ein Dorf ohne Rückwände ist ein Dorf, in dem jeder jeden sieht, und davon hat das deutsche Kino schon öfter erzählt. Als Hartmut und ich 2009 im Abaton „Das weiße Band“ sahen, hat mich die Kälte jenes Dorfes vor dem Ersten Weltkrieg gerade deshalb erschreckt, weil sie so gegenwärtig wirkte, und Haneke brauchte dafür Schwarzweiß und ein vollständig ausgestattetes Dorf. Stänicke geht den umgekehrten Weg und nimmt seiner Gemeinschaft die Mauern, bis nur noch der Blick der anderen übrig bleibt, und dass beide Wege zum selben Befund führen, spricht für den jüngeren Film. Wer an der Nordsee zur Schule gegangen ist, wird außerdem an Theodor Storms „Schimmelreiter“ von 1888 denken, in dem ein Küstendorf einem, der anders denkt als alle, bis zuletzt misstraut; das Motiv liegt an dieser Küste nahe, und Stänicke erzählt es ohne Deichgespenst, dafür mit einem Gericht, das sich selbst vorführt.
Ein Film der Gesichter
Wo Wände fehlen, bleiben die Gesichter, und an ihnen hängt dieser Film mehr als an jeder Wendung der Handlung. Paul Boche, der vor diesem Film vor allem als Fotomodell gearbeitet hat, spielt Hein als einen Mann, der sich vor jeder Antwort erst vergewissert, was sie ihn kosten kann, und diese Wachsamkeit hält er über zwei Stunden, ohne sie je in eine große Geste aufzulösen; Thomas Abeltshauser schreibt in epd Film treffend, Boche spiele einen Mann, „der jedes Wort erst daraufhin prüft, ob es gegen ihn verwendet werden kann“. Philip Froissant gibt Friedemann nach derselben Kritik „eine verstockte Härte, unter der Scham und Begehren nur für Augenblicke hervortreten“, und gerade weil der Film diese Augenblicke nicht ausstellt, wiegen sie schwer. Julika Jenkins leitet das Gericht mit einer Höflichkeit, die epd Film frostig nennt und die mir unheimlicher ist als jede offene Feindseligkeit, weil sie die Grausamkeit der Gemeinschaft in Formen kleidet. Dass ein Ensemble in so stilisierter Umgebung nicht zu Thesenträgern erstarrt, ist bei einem Erstlingsfilm keine Selbstverständlichkeit.
Wo der Film nachlässt
Die Kritik ist sich seit der Weltpremiere am 13. Februar über die Stärken weitgehend einig und über das Ende nicht. Michael Meyns schreibt in der taz, Stänicke schaffe, woran selbst erfahrenere Filmemacher oft scheitern, nämlich seine Geschichte zu einem starken, runden Ende zu führen. Gunda Bartels nennt das Inseldrama im Tagesspiegel „trotz ein paar Auflösungsschwächen sehenswert“, epd Film vergibt vier von fünf Sternen und bemerkt: „Der dreitägige Prozess produziert Wiederholungen, und die Auflösung besitzt weniger Widerhaken, als das raffinierte Set-up erwarten lässt.“ Filmstarts gibt dreieinhalb von fünf Sternen und findet das Moralstück im Zentrum ab einem gewissen Punkt durchschaubar, und Christian Horn schreibt im filmdienst, die ironische Auflösung habe sich vorher angekündigt und raube dem Geschehen ein Stück Allgemeingültigkeit, nennt den Film aber zugleich ein besonderes Kinodebüt.
In einem Punkt gebe ich den Einwänden recht: Der Prozess kreist über seine drei Tage mehr als einmal um dieselbe Achse, und ein Film, der seine These so früh und so klar ins Bild gesetzt hat, bräuchte diese Runden nicht. Dass man die Auflösung kommen sieht, halte ich dagegen bei einem Stück in Brechts Tradition nicht für einen Mangel, denn das Lehrstück verrät seinen Ausgang, damit man auf den Weg dorthin achtet. Schwerer wiegt, was Horn beschreibt: Eine Gleichnisgeschichte, die ein Dorf über Zugehörigkeit richten lässt, gewinnt ihre Kraft daraus, dass sie auf viele Dörfer passt, und der Schluss holt sie ein Stück weit in einen einzelnen Fall zurück. Das kostet den Film nicht seine Würde, aber einen Teil seines Nachhalls, und deshalb bleibt die Note bei 8,0 und nicht darüber.
Für wen sich der Weg ins Kino lohnt
Wer „Dogville“ ausgehalten hat, wer die Nordsee lieber rau als lieblich sieht und wer sich für die Frage interessiert, wie eine Gemeinschaft entscheidet, wer zu ihr gehört, findet in „Der Heimatlose“ einen deutschen Erstlingsfilm, der sich etwas traut und das meiste davon einlöst. Die FSK hat ihn ab 12 Jahren freigegeben, er dauert gut zwei Stunden und läuft als deutsche Produktion in der Originalfassung, international trägt er den Titel „Trial of Hein“. Er verlangt vor allem eines: dass man den Dorfbewohnern so genau zusieht, wie sie Hein zusehen. Weitere Filme, die gerade laufen, stehen in unserer Übersicht der aktuellen Kinofilme.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Paul Boche hält die Wachsamkeit seines Hein über zwei Stunden ohne große Geste
- Ein Dorf ohne Rückwände als Bild für eine Gemeinschaft, in der jeder jeden sieht
- Das Heimkehrer-Motiv von Martin Guerre bis Dogville verstanden statt bloß zitiert
- Ein Ensemble, das in der stilisierten Umgebung nicht zu Thesenträgern erstarrt
Dagegen
- Der dreitägige Prozess kreist mehrmals um dieselbe Achse
- Der Schluss nimmt der Parabel einen Teil ihrer Allgemeingültigkeit
- Die offene Bühne verlangt Geduld und liegt nicht jedem
Hier sitzt nicht allein der Heimkehrer auf der Anklagebank, sondern das Gedächtnis eines ganzen Dorfes.Aus der Wertung von Lichtspiel
Trailer
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