Poster zum Film Underground

Underground (1995)

Film · Komödie, Drama · 1995 · 163 Min. · FSK 16

Von , aktualisiert am 20. September 20267 Minuten LesezeitSo arbeiten wir

Underground von 1995 ist für uns bei WatchGuide der mutigste Film, den das europäische Kino über den Zerfall Jugoslawiens hervorgebracht hat, und zugleich der unbequemste. Emir Kusturica erzählt fünfzig Jahre Landesgeschichte als Blaskapellen-Groteske, in der gelogen, gesoffen und geschossen wird, bis niemand mehr weiß, welcher Krieg gerade läuft. Die Goldene Palme in Cannes hat er dafür bekommen. Einen Rufmord gleich mit.

Quellen & Einordnung

Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.

Unsere Arbeitsweise und der Einsatz von KI

Unsere Einordnung

von WatchGuide-Redaktion
1

Zwei Ganoven, ein Keller, zwanzig gestohlene Jahre

Belgrad 1941. Marko und Petar, genannt Crni, handeln mit Waffen und feiern sich als Widerstandskämpfer. Als die Bomben fallen, bringt Marko die halbe Verwandtschaft in einem Kellerlabyrinth unter. Der Krieg endet, Marko sagt es niemandem. Zwanzig Jahre lang produzieren die Leute unten Waffen für einen Feind, den es längst nicht mehr gibt, während Marko oben zum Funktionär aufsteigt und Crnis Geliebte heiratet.

Diese Prämisse trägt der Film nicht als Pointe vor sich her. Er behandelt sie als Betriebszustand. Wer wissen will, wie ein Land sich seine eigene Vergangenheit zurechtlegt, bekommt hier das brutalste Bild dafür: ein Keller voller Menschen, die eine Lüge für Geschichte halten, weil jemand oben das Radio bedient.

2

Warum die Groteske hier die ehrlichere Form ist

Kusturica hätte das als Tragödie drehen können. Er hat sich für Blechmusik, Gänse, brennende Rollstühle und eine Kamera entschieden, die fast nie stillsteht. Vilko Filač fährt durch Menschenmengen, als hätte er Angst, etwas zu verpassen, und Goran Bregović legt ein Orchester darunter, das den Film zu überrennen droht.

Das ist keine Verniedlichung. Es ist der Punkt. Ein Bürgerkrieg, der aus Mythen entsteht, lässt sich schlecht mit Würde erzählen, und die würdevolle Variante desselben Jahrzehnts, Schindlers Liste, verfolgt ein völlig anderes Ziel: Erinnerung sichern. Kusturica will Erinnerung als Fälschungsprozess zeigen. Dafür braucht er den Lärm. Verwandt ist er eher mit Apocalypse Now, wo Krieg auch als Rausch auftritt, aus dem keine Vernunft herausführt, und mit Es war einmal in Amerika, das dieselbe Dreiecksgeschichte aus Freundschaft, Frau und Verrat über Jahrzehnte spannt.

Anstrengend bleibt es trotzdem. Nach zwei Stunden hat man das Gefühl, auf einer Hochzeit festzusitzen, auf der niemand mehr nüchtern ist. Ob das Absicht ist oder Kusturica sich einfach nicht bremsen konnte, lässt sich nach dreißig Jahren nicht mehr klären. Wahrscheinlich beides.

3

Was an der Kontroverse wirklich dran ist

Kaum hatte der Film die Palme, warf ihm der französische Philosoph Alain Finkielkraut in Le Monde serbische Propaganda vor. Bernard-Henri Lévy und der Publizist Stanko Cerović schlossen sich an. Der Vorwurf lautete, Kusturica erzähle die Geschichte eines Landes, dessen Zerfall gerade Zehntausende das Leben kostete, aus der Perspektive der Seite mit den meisten Panzern.

Zwei Dinge gehören nebeneinander. Erstens: Finkielkraut hatte den Film zum Zeitpunkt seines Angriffs nicht gesehen, was er später selbst einräumte. Das entwertet die Debatte nicht, aber es sagt etwas darüber, wie sie geführt wurde. Zweitens: Die Frage bleibt berechtigt. Der Film behandelt alle seine Figuren als Betrogene, und wer 1995 vor dem Fernseher saß, konnte das als Gleichsetzung lesen. Unser Urteil im WatchGuide-Kinokreis lautet: Underground verteidigt keine Seite, aber er entlastet alle, und genau darin liegt sein blinder Fleck. Man kann den Film großartig finden und diesen Einwand stehen lassen. Man sollte sogar.

4

Welche Fassung sieht man eigentlich?

Hier wird es unübersichtlich, und kaum eine Datenbank sagt es dazu. In Cannes lief eine Fassung von rund 192 Minuten. Die deutsche Kinofassung, die die FSK 1995 mit „ab 16, feiertagsfrei“ freigab, ist laut filmportal.de mit 170 Minuten verzeichnet. Die Fassung, die heute auf DVD, im Streaming und in praktisch jeder Filmdatenbank steht, läuft 163 Minuten. Dazu existiert Kusturicas eigene Fernsehfassung unter dem Titel „Es war einmal ein Land“, die auf rund fünf Stunden kommt.

Praktisch heißt das: Wer heute Underground sieht, sieht die kürzeste der vier Varianten. Wir nennen deshalb bewusst 163 Minuten als Laufzeit, weil das die Fassung ist, die man bekommt, und nicht die, die 1995 im Kino lief. Wer die lange Version sucht, muss nach dem Serientitel suchen, nicht nach dem Filmtitel.

5

Der deutsche Anteil, den kaum jemand nennt

Underground gilt als jugoslawisch-französischer Film. Er ist auch ein deutscher. Produziert hat ihn neben CiBy 2000 aus Frankreich und Novo Film aus Budapest die Pandora Film Produktion GmbH aus Köln, Karl Baumgartner steht als Co-Produzent im Abspann, und gedreht wurde neben Prag und Belgrad auch in Berlin und Hamburg. Ernst Stötzner, damals vor allem vom Theater bekannt, spielt den deutschen Offizier Franz.

Das ist mehr als eine Fußnote. Während das deutsche Kino Mitte der Neunziger vor allem Beziehungskomödien in die Lichtspielhäuser brachte, hat eine Kölner Firma den radikalsten Balkanfilm des Jahrzehnts mitfinanziert und anschließend selbst in die deutschen Kinos gebracht, am 23. November 1995. Eine Wiederaufführung folgte 2013. Auf der Seite des Verleihs steht bis heute dieses zweite Datum als Kinostart, was regelmäßig dazu führt, dass der Film jünger gemacht wird, als er ist.

Zur Offenlegung: Underground ist einer von drei Titeln, die Pandora Film als Gewinne für unser Filmquiz gestellt hat. Für diese Kritik hat niemand bezahlt, der Verleih hat den Text vorher nicht gesehen, und die Wertung ist unsere.

6

Wer hier spielt

  • Predrag „Miki“ Manojlović als Marko Dren, der Mann, der den Keller erfindet und sich dabei selbst für einen Patrioten hält
  • Lazar Ristovski spielt Petar „Crni“ Popara so laut und so verletzlich, dass man ihm zwanzig verlorene Jahre abnimmt
  • Als Natalija steht Mirjana Joković zwischen beiden Männern, Schauspielerin von Beruf, was der Film für seine Lügengeschichte genüsslich ausnutzt
  • Dazu Slavko Štimac als Markos Bruder Ivan mit dem Schimpansen Soni, die traurigste Figur des Films
  • Und Ernst Stötzner als Franz, der deutsche Part in einer deutschen Koproduktion

Bewertung

Bisherige Einschätzung

Archivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung

Story9,0
Schauspiel9,0
Effekte8,0
Ton10,0

Dafür

  • Formal einer der wagemutigsten europäischen Filme seiner Zeit
  • Goran Bregovićs Musik trägt den ganzen Film
  • Die Kellerlüge ist eine der stärksten Geschichtsmetaphern des Kinos
  • Deutsche Koproduktion mit echtem Anteil statt nur Fördergeld

Dagegen

  • Die Lautstärke ermüdet ab der zweiten Stunde
  • Der Film entlastet alle Seiten gleichermaßen und weicht der Schuldfrage aus
  • Die verbreitete Fassung ist gegenüber der Kinofassung gekürzt
Ein Film, der schreit, trommelt und säuft, weil Flüstern für diese Geschichte nicht gereicht hätte.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
Underground ist kein Film, den man mag oder nicht mag, sondern einer, gegen den man sich wehren muss. Kusturica nimmt fünfzig Jahre Jugoslawien und dreht sie durch eine Blaskapelle, bis Geschichte und Gerücht nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Das ist formal von einer Wucht, die das europäische Kino der Neunziger sonst kaum zustande gebracht hat, und es ist politisch angreifbar, weil der Film jede Figur zum Opfer eines Betrugs erklärt und damit die Frage nach Verantwortung umgeht. Beides stimmt gleichzeitig. Die 163 Minuten der heute üblichen Fassung sind lang, laut und an mindestens drei Stellen zu viel. Ich würde trotzdem keine Minute davon streichen wollen, weil die Erschöpfung zum Gegenstand gehört. Wer sehen will, wie ein Land sich seine Vergangenheit zurechterzählt, findet hier das härteste Bild dafür: einen Keller, in dem der Krieg nie aufhört, weil oben jemand am Radio sitzt.

Besetzung

5 Rollen
  • Marko DrenМики Манојловић
  • Petar 'Crni' PoparaLazar Ristovski
  • Natalija ZovkovMirjana Joković
  • Ivan DrenSlavko Štimac
  • FranzErnst Stötzner

FAQ zu Underground

Muss man die jugoslawische Geschichte kennen, um mitzukommen?
Nein. Der Film erklärt seine Epochen über Datumseinblendungen und Wochenschaubilder, und die Handlung um Marko und Crni funktioniert als Gaunergeschichte für sich. Wer den Hintergrund kennt, sieht mehr Bosheit in den Details, etwa in der Szene mit dem Filmdreh über den Widerstand.
Wie lang ist der Film denn nun wirklich?
Die heute verbreitete Fassung läuft 163 Minuten. Die deutsche Kinofassung von 1995 ist bei filmportal.de mit 170 Minuten verzeichnet, die Cannes-Fassung lag bei rund 192 Minuten, und Kusturicas Fernsehfassung „Es war einmal ein Land" kommt auf etwa fünf Stunden.
Ist der Film wirklich serbische Propaganda?
Diesen Vorwurf erhoben 1995 unter anderem Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy. Unsere Einschätzung: Der Film ergreift keine Partei, aber er erklärt alle Beteiligten zu Betrogenen und umgeht damit die Frage nach Verantwortung. Das ist ein ernsthafter Einwand, kein erledigter.
Für wen lohnt sich Underground?
Für alle, die europäisches Autorenkino mögen und Filme aushalten, die über weite Strecken keine Ruhephasen anbieten. Gute Voraussetzung ist Interesse an osteuropäischer Geschichte und die Bereitschaft, sich auf knapp drei Stunden Dauerlärm einzulassen. Wer Krieg lieber streng und kühl inszeniert sieht, ist bei Full Metal Jacket besser aufgehoben.
Warum steht beim Verleih 2013 als Kinostart?
Weil Pandora Film den Film 2013 erneut in die Kinos gebracht hat. Der eigentliche deutsche Start war der 23. November 1995. Wer sich auf die Verleihseite verlässt, datiert den Film um achtzehn Jahre falsch.
Was hat der Film mit Parasite zu tun?
Beide gewannen die Goldene Palme, und beide erzählen von Menschen, die unter der Erde leben, während oben jemand vom Betrug profitiert. Parasite macht daraus einen Klassenthriller, Kusturica eine Geschichtsfarce. Der Vergleich lohnt sich, gerade weil die Tonlagen so weit auseinanderliegen. Weitere Titel in dieser Richtung sammeln wir unter Filme wie Parasite.

Diskutiere mit

0 / 500

Der erste Kommentar wird kurz geprüft. Keine Links, keine Werbung, Spoiler bitte ankündigen. Kommentarregeln · Datenschutz · Mit Konto? Anmelden

Ähnliche Filme

aus derselben Kammer
Cookie Consent mit Real Cookie Banner