Underground von 1995 ist für uns bei WatchGuide der mutigste Film, den das europäische Kino über den Zerfall Jugoslawiens hervorgebracht hat, und zugleich der unbequemste. Emir Kusturica erzählt fünfzig Jahre Landesgeschichte als Blaskapellen-Groteske, in der gelogen, gesoffen und geschossen wird, bis niemand mehr weiß, welcher Krieg gerade läuft. Die Goldene Palme in Cannes hat er dafür bekommen. Einen Rufmord gleich mit.
Quellen & Einordnung
Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.
Unsere Einordnung
von WatchGuide-RedaktionZwei Ganoven, ein Keller, zwanzig gestohlene Jahre
Belgrad 1941. Marko und Petar, genannt Crni, handeln mit Waffen und feiern sich als Widerstandskämpfer. Als die Bomben fallen, bringt Marko die halbe Verwandtschaft in einem Kellerlabyrinth unter. Der Krieg endet, Marko sagt es niemandem. Zwanzig Jahre lang produzieren die Leute unten Waffen für einen Feind, den es längst nicht mehr gibt, während Marko oben zum Funktionär aufsteigt und Crnis Geliebte heiratet.
Diese Prämisse trägt der Film nicht als Pointe vor sich her. Er behandelt sie als Betriebszustand. Wer wissen will, wie ein Land sich seine eigene Vergangenheit zurechtlegt, bekommt hier das brutalste Bild dafür: ein Keller voller Menschen, die eine Lüge für Geschichte halten, weil jemand oben das Radio bedient.
Warum die Groteske hier die ehrlichere Form ist
Kusturica hätte das als Tragödie drehen können. Er hat sich für Blechmusik, Gänse, brennende Rollstühle und eine Kamera entschieden, die fast nie stillsteht. Vilko Filač fährt durch Menschenmengen, als hätte er Angst, etwas zu verpassen, und Goran Bregović legt ein Orchester darunter, das den Film zu überrennen droht.
Das ist keine Verniedlichung. Es ist der Punkt. Ein Bürgerkrieg, der aus Mythen entsteht, lässt sich schlecht mit Würde erzählen, und die würdevolle Variante desselben Jahrzehnts, Schindlers Liste, verfolgt ein völlig anderes Ziel: Erinnerung sichern. Kusturica will Erinnerung als Fälschungsprozess zeigen. Dafür braucht er den Lärm. Verwandt ist er eher mit Apocalypse Now, wo Krieg auch als Rausch auftritt, aus dem keine Vernunft herausführt, und mit Es war einmal in Amerika, das dieselbe Dreiecksgeschichte aus Freundschaft, Frau und Verrat über Jahrzehnte spannt.
Anstrengend bleibt es trotzdem. Nach zwei Stunden hat man das Gefühl, auf einer Hochzeit festzusitzen, auf der niemand mehr nüchtern ist. Ob das Absicht ist oder Kusturica sich einfach nicht bremsen konnte, lässt sich nach dreißig Jahren nicht mehr klären. Wahrscheinlich beides.
Was an der Kontroverse wirklich dran ist
Kaum hatte der Film die Palme, warf ihm der französische Philosoph Alain Finkielkraut in Le Monde serbische Propaganda vor. Bernard-Henri Lévy und der Publizist Stanko Cerović schlossen sich an. Der Vorwurf lautete, Kusturica erzähle die Geschichte eines Landes, dessen Zerfall gerade Zehntausende das Leben kostete, aus der Perspektive der Seite mit den meisten Panzern.
Zwei Dinge gehören nebeneinander. Erstens: Finkielkraut hatte den Film zum Zeitpunkt seines Angriffs nicht gesehen, was er später selbst einräumte. Das entwertet die Debatte nicht, aber es sagt etwas darüber, wie sie geführt wurde. Zweitens: Die Frage bleibt berechtigt. Der Film behandelt alle seine Figuren als Betrogene, und wer 1995 vor dem Fernseher saß, konnte das als Gleichsetzung lesen. Unser Urteil im WatchGuide-Kinokreis lautet: Underground verteidigt keine Seite, aber er entlastet alle, und genau darin liegt sein blinder Fleck. Man kann den Film großartig finden und diesen Einwand stehen lassen. Man sollte sogar.
Welche Fassung sieht man eigentlich?
Hier wird es unübersichtlich, und kaum eine Datenbank sagt es dazu. In Cannes lief eine Fassung von rund 192 Minuten. Die deutsche Kinofassung, die die FSK 1995 mit „ab 16, feiertagsfrei“ freigab, ist laut filmportal.de mit 170 Minuten verzeichnet. Die Fassung, die heute auf DVD, im Streaming und in praktisch jeder Filmdatenbank steht, läuft 163 Minuten. Dazu existiert Kusturicas eigene Fernsehfassung unter dem Titel „Es war einmal ein Land“, die auf rund fünf Stunden kommt.
Praktisch heißt das: Wer heute Underground sieht, sieht die kürzeste der vier Varianten. Wir nennen deshalb bewusst 163 Minuten als Laufzeit, weil das die Fassung ist, die man bekommt, und nicht die, die 1995 im Kino lief. Wer die lange Version sucht, muss nach dem Serientitel suchen, nicht nach dem Filmtitel.
Der deutsche Anteil, den kaum jemand nennt
Underground gilt als jugoslawisch-französischer Film. Er ist auch ein deutscher. Produziert hat ihn neben CiBy 2000 aus Frankreich und Novo Film aus Budapest die Pandora Film Produktion GmbH aus Köln, Karl Baumgartner steht als Co-Produzent im Abspann, und gedreht wurde neben Prag und Belgrad auch in Berlin und Hamburg. Ernst Stötzner, damals vor allem vom Theater bekannt, spielt den deutschen Offizier Franz.
Das ist mehr als eine Fußnote. Während das deutsche Kino Mitte der Neunziger vor allem Beziehungskomödien in die Lichtspielhäuser brachte, hat eine Kölner Firma den radikalsten Balkanfilm des Jahrzehnts mitfinanziert und anschließend selbst in die deutschen Kinos gebracht, am 23. November 1995. Eine Wiederaufführung folgte 2013. Auf der Seite des Verleihs steht bis heute dieses zweite Datum als Kinostart, was regelmäßig dazu führt, dass der Film jünger gemacht wird, als er ist.
Zur Offenlegung: Underground ist einer von drei Titeln, die Pandora Film als Gewinne für unser Filmquiz gestellt hat. Für diese Kritik hat niemand bezahlt, der Verleih hat den Text vorher nicht gesehen, und die Wertung ist unsere.
Wer hier spielt
- Predrag „Miki“ Manojlović als Marko Dren, der Mann, der den Keller erfindet und sich dabei selbst für einen Patrioten hält
- Lazar Ristovski spielt Petar „Crni“ Popara so laut und so verletzlich, dass man ihm zwanzig verlorene Jahre abnimmt
- Als Natalija steht Mirjana Joković zwischen beiden Männern, Schauspielerin von Beruf, was der Film für seine Lügengeschichte genüsslich ausnutzt
- Dazu Slavko Štimac als Markos Bruder Ivan mit dem Schimpansen Soni, die traurigste Figur des Films
- Und Ernst Stötzner als Franz, der deutsche Part in einer deutschen Koproduktion
Bewertung
Bisherige EinschätzungArchivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung
Dafür
- Formal einer der wagemutigsten europäischen Filme seiner Zeit
- Goran Bregovićs Musik trägt den ganzen Film
- Die Kellerlüge ist eine der stärksten Geschichtsmetaphern des Kinos
- Deutsche Koproduktion mit echtem Anteil statt nur Fördergeld
Dagegen
- Die Lautstärke ermüdet ab der zweiten Stunde
- Der Film entlastet alle Seiten gleichermaßen und weicht der Schuldfrage aus
- Die verbreitete Fassung ist gegenüber der Kinofassung gekürzt
Ein Film, der schreit, trommelt und säuft, weil Flüstern für diese Geschichte nicht gereicht hätte.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
Besetzung
5 Rollen- Marko DrenМики Манојловић
- Petar 'Crni' PoparaLazar Ristovski
- Natalija ZovkovMirjana Joković
- Ivan DrenSlavko Štimac
- FranzErnst Stötzner


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