Countdown zum Kinostart
Staatsschutz: Shariats zweiter Film stellt die Justiz vor Gericht ist noch nicht erschienen. Streaming-Anbieter tragen wir ein, sobald der Film nach dem Start verfügbar ist. Termin kann sich verschieben.
Die Vorschau
von LichtspielAm 27. August 2026 startet „Staatsschutz“ in den deutschen Kinos, der zweite Spielfilm von Faraz Shariat, und er kommt mit drei Auszeichnungen der Berlinale im Gepäck.
Eine Staatsanwältin wird Opfer eines rassistischen Anschlags und muss den Fall vor genau der Behörde verhandeln, für die sie arbeitet. Julia Jentsch steht daneben. Von der Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan hat vorher kaum jemand gehört, und das ist bei diesem Film vermutlich kein Zufall.
Sechs Jahre zwischen dem ersten und dem zweiten Film
Faraz Shariat hat 2020 mit „Futur Drei“ debütiert und danach lange nichts fürs Kino gedreht. „Staatsschutz“ ist der zweite Spielfilm, 113 Minuten lang, gedreht zwischen Mai und Juni 2025 in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Wer sich sechs Jahre Zeit lässt, hat entweder nichts zu sagen oder etwas, das er richtig sagen will.
Es spricht einiges für das Zweite. Die Berlinale hat dem Film im Februar 2026 gleich drei Preise gegeben, darunter den Publikumspreis des Panorama. Das ist die Auszeichnung, bei der niemand aus einer Jury heraus entscheidet, sondern die Leute im Saal abstimmen, und sie fällt selten auf Filme, die man aus Pflichtgefühl anschaut.
Der zweite Preis ist für ein deutsches Publikum interessanter, als er klingt. Der Heiner-Carow-Preis wird seit 2013 von der DEFA-Stiftung vergeben und ist nach dem Regisseur benannt, der „Die Legende von Paul und Paula“ und „Coming Out“ gedreht hat. Ein Preis also, der an einen Filmemacher erinnert, dessen Arbeiten sich mit dem Staat angelegt haben, in dem sie entstanden. Man kann das für eine hübsche Fügung halten. Man kann es auch als Hinweis lesen, in welche Tradition dieser Film gestellt wird.
Was vor dem Drehbuch stand
Am Buch haben Claudia Schaefer, Jee-Un Kim und Sun-Ju Choi gearbeitet, und dieser Umstand ist keine Nebensache: Die Hauptfigur Seyo Kim ist deutsch-koreanisch, der Film spricht Deutsch und Koreanisch, und zwei der drei Autorinnen bringen diese Perspektive mit. Solche Konstellationen fallen nicht vom Himmel, sie werden entschieden.
Wichtiger noch ist, woher der Stoff seine Genauigkeit bezieht. Shariat hat sich für die Recherche zwei Juristinnen und Juristen dazugeholt, die den Gegenstand aus der Praxis kennen: Franziska Nedelmann, die die Nebenklage im Verfahren um den Brandanschlag auf Ferat Koçak geführt hat, und Sebastian Scharmer, der im NSU-Prozess als Anwalt der Nebenklage aufgetreten ist. Ein Film über die Frage, wie eine Behörde mit rechter Gewalt umgeht, wird dadurch nicht automatisch gut. Aber er wird schwerer angreifbar, und das ist bei diesem Thema die halbe Miete.
Chen Emilie Yan
Die Besetzung der Hauptrolle mit einer weitgehend unbekannten Schauspielerin ist die riskanteste Entscheidung dieses Films. Neben ihr steht mit Julia Jentsch eine Darstellerin, die seit „Sophie Scholl“ für eine bestimmte Art von aufrechter deutscher Figur steht. Wenn das Gefälle nicht aufgeht, kippt der ganze Film in die falsche Richtung.
Es kann auch andersherum funktionieren. Ein Gesicht, das man noch nicht kennt, trägt keine Rollenbiografie mit sich herum, und bei einer Figur, die sich durch die eigene Behörde graben muss, ist das ein Vorteil. Die Kamera führt Lotta Kilian, die vorher an der Serie „Druck“ gearbeitet hat. Das lässt eine Bildsprache erwarten, die näher an Gesichtern klebt als an Gerichtssälen.
Der deutsche Film und der Gerichtssaal
Das deutsche Kino hat ein altes, schwieriges Verhältnis zu seinen eigenen Institutionen. Es zeigt sie gern, es traut sich selten, sie im Unrecht zu lassen. Am Ende steht meist ein Urteil, das die Ordnung wiederherstellt, und der Zuschauer geht beruhigt nach Hause. „Staatsschutz“ scheint genau das nicht anzubieten, jedenfalls beschreibt ihn die Ankündigung als einen Film, der fragt, wie sich ein korrumpiertes System von innen verändern lässt.
Wie oft dieses Kino sich mit dem Staat anlegt, in dem es produziert wird, lässt sich an den Beispielen ablesen, die man dafür heranzieht. Schwarzer Kies von Helmut Käutner hat 1961 den Rassismus im Nachkriegsdeutschland gezeigt und ist dafür zerrissen worden. Die Ehe der Maria Braun hat Fassbinder 1979 als Abrechnung mit dem Wirtschaftswunder gedreht. Im Spiegel meiner Mutter von Jutta Brückner arbeitet an der Familiengeschichte statt am Gesetzbuch, aber der Reflex ist derselbe: hinsehen, wo es unangenehm wird.
Ob „Staatsschutz“ in dieser Reihe bestehen wird, entscheidet sich nicht am Thema, sondern an der Ausführung. Ein Film über institutionelles Wegsehen kann sehr schnell selbst zur Behauptung werden.
Woran das scheitern kann
Justizfilme haben eine eingebaute Falle: Sie brauchen Dialogszenen, in denen jemand ausspricht, was der Film denkt. Je klarer die Haltung, desto größer die Versuchung, sie einer Figur in den Mund zu legen und danach die Musik einzusetzen. Gabríel Ólafs schreibt die Musik, geschnitten hat Friederike Hohmuth. An diesen beiden Arbeiten wird sich zeigen, ob der Film seinen eigenen Bildern traut.
Die zweite Gefahr liegt im Publikumspreis selbst. Ein Film, der einen Saal geschlossen auf seine Seite bringt, hat oft Vereinfachungen eingebaut, die im Kino funktionieren und beim zweiten Nachdenken nicht mehr. Der CICAE-Preis, den „Staatsschutz“ ebenfalls bekommen hat, wird dagegen von Kinobetreibern der Arthouse-Verbände vergeben. Beides zusammen ist eine ungewöhnliche Kombination, und sie spricht eher gegen die Vereinfachungs-These.
Wer zu sehen ist
- Chen Emilie Yan als Seyo Kim, die Staatsanwältin, um die alles kreist
- Julia Jentsch spielt Alexandra Tiedemann. Bekannt seit „Sophie Scholl“, hier auf der anderen Seite des Tisches
- Arnd Klawitter und Sebastian Urzendowsky als die Oberstaatsanwälte Forch und Quant, also als die Behörde in Personalform
- Alev Irmak als Ayten Alican
- Kathrin Angerer, Verteidigerin Franziska Haas
- Max Krause spielt Pascal Röder, Kotbong Yang ist Min-Su, Mercy Dorcas Otieno spielt Maida Cali
Was der Film mitbringt und was noch fehlt
Produziert haben Paulina Lorenz, Jorgo Narjes und Shariat selbst, den Weltvertrieb macht New Europe Film Sales. Auf dem Filmfest Emden-Norderney kamen im Sommer 2026 drei weitere Auszeichnungen dazu, darunter der Bernhard-Wicki-Preis in Bronze. Bei IMDb steht der Film aktuell bei 7,3 von 10, was für einen deutschen Festivalfilm ordentlich ist, aber auf einer noch kleinen Zahl von Stimmen beruht.
Was fehlt, ist alles, was sich erst im Kino entscheidet. Ob die 113 Minuten tragen. Ob die Kamera bei den Gesichtern bleibt oder in die Gerichtsdramaturgie kippt. Ob das Ende dem Publikum etwas zumutet oder es entlässt. Der Kinokreis wird das nach dem Start nachreichen.
Wo dieser Film hingehört
Wer das Fach mag, findet auf WatchGuide reichlich Verwandtes. Making a Murderer zeigt an einem amerikanischen Fall, was passiert, wenn eine Ermittlungsbehörde ihr Ergebnis vorher kennt. Bärenjagen steht für den anderen Weg, den das deutsche Kino 2026 geht, und Die Welt der Suzie Wong führt vor, wie lange westliche Filme gebraucht haben, um asiatische Figuren als Menschen mit eigenem Willen zu zeigen. Zum Nachlesen der belegten Angaben taugt der Wikipedia-Eintrag, die Bewertungslage steht bei IMDb.
Am 27. August wird sich zeigen, ob der Saal in Berlin recht hatte. Ich würde die Erwartung hoch ansetzen und trotzdem darauf achten, ob der Film am Ende jemanden davonkommen lässt. Filme, die das aushalten, sind seltener als Filme, die es behaupten.
Erwartungen vor dem Start
keine WertungEin Film, der die eigene Behörde vor Gericht stellt, hat nur eine Chance: Er darf nicht selbst zum Plädoyer werden.— vorab eingeschätzt von Lichtspiel
✅ Darauf freuen wir uns
- Drei Berlinale-Auszeichnungen, darunter der Publikumspreis
- Recherche mit Anwälten aus NSU-Prozess und Koçak-Verfahren
- Zwei der drei Drehbuchautorinnen bringen die koreanisch-deutsche Perspektive mit
- Kamera von Lotta Kilian, die Gesichtern näher kommt als Institutionen
❓ Das macht uns nervös
- Justizfilme neigen dazu, ihre Haltung einer Figur in den Mund zu legen
- 113 Minuten sind für dieses Thema knapp
- Publikumspreise gehen oft an Filme mit eingebauten Vereinfachungen
0 Kommentare