Die Kritik
von FilmSchneiderRyan Gosling hat in 26 Jahren eine Filmografie zusammengebaut, die von Disney-Kinderfernsehen ueber Cannes-Arthouse bis zum Milliarden-Blockbuster reicht.
Drei Oscar-Nominierungen, keinen gewonnen. Das aergert mich mehr als ihn. Anke sagt, ich haette ein Gosling-Problem. Vielleicht. Aber wer Drive gesehen hat und danach nicht zugibt, dass der Mann etwas Besonderes kann, der hat den Film nicht verstanden. Hier sind seine wichtigsten Filme — chronologisch, kommentiert, und ja, mit persoenlicher Meinung.
Bevor Hollywood wusste wer er ist. 2000 bis 2005.
Gosling war einer von diesen Mickey-Mouse-Club-Kindern. Britney Spears, Justin Timberlake, Christina Aguilera — und er. 1993. Mit 13. Man sieht heute die alten Clips und denkt: der Typ der Officer K in Blade Runner 2049 spielt hat mal Choreographien neben Timberlake getanzt. Hollywood-Karrieren haben merkwuerdige Anfaenge.
Der erste Kinofilm: Gegen jede Regel (Remember the Titans, 2000). Denzel Washington als Football-Trainer, Gosling in einer kleinen Rolle. Nichts Besonderes fuer ihn, aber der Einstieg.
Dann kam Inside a Skinhead (The Believer, 2001). Grand Jury Prize in Sundance. Ein juedischer Mann der zum Neonazi wird. Gosling war 20, und man merkt in jeder Szene: der meint das ernst. Nicht den Neonazi. Das Schauspiel. Kubrick der Kater hat mich beim ersten Schauen angestarrt als haette er verstanden, dass gerade etwas Wichtiges passiert. Kubrick versteht solche Dinge.
Wie ein einziger Tag (The Notebook, 2004) hat ihn zum Star gemacht. Und ich weiss: viele halten den Film fuer kitschig. Anke auch. Aber Rachel McAdams und Gosling im Regen — das war ein Kinoerlebnis das eine ganze Generation romantischer Filme gepragt hat. 115 Millionen Dollar weltweit. Das Drehbuch ist nicht Chinatown. Muss es auch nicht sein.
Die Jahre in denen er anfing, wirklich interessant zu werden.
Half Nelson (2006). Erste Oscar-Nominierung. Gosling spielt einen Geschichtslehrer der Crack raucht. Der Film hatte ein Budget von einer Million Dollar und sieht aus wie zwei Millionen — weil Gosling darin so spielt, als gaebe es keine Kamera. 91% auf Rotten Tomatoes. Den Oscar hat Forest Whitaker bekommen. Verdient. Aber Gosling war auch verdient.
Lars und die Frauen (Lars and the Real Girl, 2007). Ein schuchterner Mann bestellt eine lebensgrosse Puppe und behandelt sie wie seine Freundin. Die ganze Gemeinde spielt mit. Wenn man den Film beschreibt, klingt er absurd. Wenn man ihn sieht, weint man. Golden-Globe-Nominierung. Goslings Bandbreite faengt hier an, unheimlich zu werden — im guten Sinne.
Blue Valentine (2010) mit Michelle Williams. Eine Ehe wird parallel erzaehlt: das Verlieben und das Auseinanderfallen. Der Film bekam fast ein NC-17 Rating in den USA wegen einer Szene, die nichts zeigt ausser emotionaler Zerstoerung. Gosling hat drei Monate lang in einer WG mit Williams gelebt, bevor der Dreh begann. Nicht als Paar. Als Vorbereitung. Der Mann nimmt seinen Beruf ernst.
2011. Das Jahr in dem Ryan Gosling Hollywood dreimal ueberrumpelt hat.
Drei Filme in einem Jahr. Drei Genres. Alle gut.
Drive (Nicolas Winding Refn). Der namenlose Driver. Scorpion-Jacke. Kaum Dialog. Extreme Gewalt. 93% auf Rotten Tomatoes. Anke und ich haben ihn im Odeon gesehen — sie mochte den Soundtrack, ich mochte alles. Kubrick hat waehrend der Fahrstuhlszene das Zimmer verlassen. Nicht wegen der Gewalt. Kubrick geht einfach manchmal.
Der Film hat unter 35 Millionen Dollar gekostet und ueber 80 Millionen eingespielt. Cannes: Beste Regie fuer Refn. Und Gosling hat vielleicht 50 Saetze im ganzen Film. Manchmal sagt Schweigen mehr als jedes Drehbuch.
Crazy, Stupid, Love. — romantische Komoedie mit Steve Carell, Emma Stone, Julianne Moore. Gosling als selbsternannter Frauenheld. Die Szene mit dem Dirty-Dancing-Lift ist in jedem Best-Of-Romantik-Video auf YouTube. Und sie funktioniert, weil Gosling sich selbst nicht ernst nimmt.
The Ides of March — Politthriller von George Clooney. Gosling als idealistischer Wahlkampfmanager der die Illusion verliert. Solides Handwerk, starkes Ensemble (Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti), und ein Film den man zu schnell vergisst, obwohl er es nicht verdient hat.
Blade Runner 2049. Und warum ich den Film nicht vergessen kann.
Anke, Tom, Thomas und ich. Cinedom Koeln, IMAX. 2017. Ich habe das Plakat gerahmt an der Wand. Neben Chinatown, neben Taxi Driver.
Ridley Scotts Original von 1982 ist einer meiner Lieblingsfilme. Als Denis Villeneuve die Fortsetzung ankuendigte, war ich skeptisch. Man macht kein Sequel zu einem Meisterwerk. Villeneuve hat es trotzdem getan, und er hat es richtig gemacht.
Gosling als Officer K — ein Replikant der herausfindet, dass er vielleicht mehr ist als programmierte Erinnerungen. Roger Deakins hat dafuer den Oscar fuer die beste Kamera bekommen. Verdient. Der Film ist der schoenste den ich je gesehen habe. Das habe ich im Kinokreis gesagt, und ich stehe dazu.
An der Kasse: enttaeuschend. 267 Millionen bei 150 Millionen Budget. Zu lang, zu langsam, zu anspruchsvoll fuer die Masse. Aber in zehn Jahren wird man ueber diesen Film reden wie ueber das Original. Man redet bereits.
La La Land, ein Golden Globe, und wieder kein Oscar.
La La Land (2016). Damien Chazelle. Musical in Los Angeles. Gosling hat sechs Monate Klavier gelernt — er spielt wirklich, kein Double. Emma Stone und er haben zusammen eine Chemie die selten ist im Kino. Golden Globe gewonnen, Oscar verloren — an Casey Affleck fuer Manchester by the Sea. Beides legitime Entscheidungen.
Im selben Jahr: The Nice Guys mit Russell Crowe. Krimikomoedie im L.A. der 70er. 91% auf Rotten Tomatoes, und einer der unterbewertesten Filme des Jahrzehnts. Gosling als tollpatschiger Privatdetektiv — physische Komoedie auf einem Niveau, das ich ihm nicht zugetraut haette.
Aufbruch zum Mond. Und ein stiller Kinoabend.
First Man (Aufbruch zum Mond, 2018). Gosling als Neil Armstrong. Chazelle wieder Regie. Der Film zeigt nicht die Heldengeschichte der Mondlandung, sondern einen Mann der seine Tochter verloren hat und nicht weiss wohin mit der Trauer. Die Mondlandungssequenz ohne Musik. Nur Atem und Metall. Anke und ich sassen still im Kino danach. Manchmal redet man nicht ueber einen Film. Manchmal laesst man ihn stehen.
Barbie. Ken. Und wie man mit 43 zum Meme wird.
Barbie (2023). Greta Gerwig. Gosling als Ken. Ueber 1,4 Milliarden Dollar weltweit. Sein groesster kommerzieller Erfolg, und gleichzeitig seine dritte Oscar-Nominierung — diesmal als Nebendarsteller.
„I’m Just Ken“ — der Song, die Performance bei der Oscar-Verleihung, das rosa Outfit. Der Mann ist 43 und wird zum Internet-Phaenomen. Nicht ironisch. Oder doch? Das ist das Schoene an Gosling: man weiss es nie ganz genau.
Den Oscar hat wieder jemand anderes bekommen. Robert Downey Jr. fuer Oppenheimer. Drei Nominierungen, null Siege. Gosling gehoert damit zur Kategorie der ewigen Nominierten — neben Leuten wie Peter O’Toole und Glenn Close. Gute Gesellschaft, wenig Trost.
Der Astronaut. Maerz 2026.
Project Hail Mary (Der Astronaut, 2026). Andy Weirs Bestseller, Phil Lord und Chris Miller Regie, 200 Millionen Dollar Budget. Gosling als Wissenschaftler der allein auf einem Raumschiff aufwacht und die Erde retten muss. 95% auf Rotten Tomatoes. Tom ist begeistert. Ich bin begeistert. Selbst Anke findet ihn gut — und Anke findet Weltraumfilme grundsaetzlich uebertrieben.
Der Film laeuft gerade im Kino. Wenn Gosling fuer irgendetwas den Oscar verdient haette, dann vielleicht dafuer. Aber das sagt man ja jedes Jahr.
Was Gosling anders macht. Oder: Warum der Mann kein Tom Cruise ist.
Tom Cruise macht Filme fuer ein Publikum. Gosling macht Filme fuer sich. Das klingt arrogant, ist es aber nicht. Er waehlt Projekte wie jemand der ein Restaurant aussucht — nicht nach Beliebtheit, sondern nach Interesse. Drive neben Crazy Stupid Love. Blade Runner 2049 neben Barbie. Half Nelson neben The Notebook.
Typische Gosling-Rolle: Ein Mann der wenig redet, viel denkt, und irgendwann explodiert. Emotional oder buchstaeblich. Drive, Blue Valentine, The Place Beyond the Pines — dreimal derselbe Archetyp, dreimal voellig anders gespielt.
Tommy Morgenstern synchronisiert ihn auf Deutsch. Fuer die Puristinnen und Puristen: Original ist immer besser. Aber Morgenstern macht seine Sache gut.
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