Die Kritik
von Lichtspiel1939. Basil Rathbone steht in einem viktorianischen Arbeitszimmer, schaut Nigel Bruce an und sagt etwas so Kluges, dass man den Satz sofort noch einmal hoeren will. Die Abenteuer des Sherlock Holmes ist nicht der erste Holmes-Film und bei weitem nicht der letzte. Aber er ist der, nach dem alle anderen gemessen werden. 7,4 von 10 von mir. Nicht weil er perfekt ist. Sondern weil Rathbone in dieser Rolle etwas tut, das keiner nach ihm jemals ganz wiederholen konnte.
Ich habe den Film zum ersten Mal in den fruehen Achtzigern gesehen, in der Spaetvorstellung des Abaton in Hamburg. Hartmut sass neben mir und sagte hinterher: „Der Mann IST Holmes.“ Er hatte recht. Hartmut hatte meistens recht bei solchen Sachen. Er war Historiker und er verstand, dass Figuren manchmal so sehr mit einem Schauspieler verschmelzen, dass man sie nicht mehr trennen kann. Sean Connery und Bond. Anthony Hopkins und Hannibal. Rathbone und Holmes.
Der beste Moriarty den niemand kennt
George Zucco spielt Professor Moriarty, und er tut es mit einer Eleganz die mich an eine andere Zeit erinnert. Zucco ist kein bruellender Boesewicht. Er ist ein Mann der laechelt waehrend er plant, und dessen Laecheln nie die Augen erreicht. In der Gerichtsszene am Anfang steht er neben Rathbone und man spuert das Gewicht zwischen diesen beiden Maennern. Zwei Intellekte die sich gegenseitig messen. Rathbone gibt ihm nichts. Zucco gibt ihm nichts zurueck. Die Spannung liegt im Nicht-Gesagten.
Andrew Scott hat Moriarty gut gespielt in der BBC-Serie. Jared Harris war ueberzeugend in Guy Ritchies Version. Aber Zucco hat 1939 etwas gemacht das keiner von beiden hatte: Zurueckhaltung. Sein Moriarty muss nicht schreien um gefaehrlich zu wirken. Er muss nur den Raum betreten.
76 Minuten. Alles drin.
Sechsundsiebzig Minuten. So lang ist der Film. Heute wuerde man dafuer als Kurzfilm gelten oder bestenfalls als TV-Pilotfolge. 1939 war das ein vollwertiger Kinofilm, und Regisseur Alfred L. Werker packt in diese 76 Minuten mehr Story als mancher heutige Film in zweieinhalb Stunden.
Die Handlung: Moriarty lenkt Holmes mit einem Fall ab, der junge Ann Brandon bedroht, waehrend er gleichzeitig den eigentlichen Coup plant. Ein Kronjuwelen-Raub, verkleidet als mehrschichtiges Ablenkungsmanoever. Holmes durchschaut es. Natuerlich durchschaut er es. Aber Werker baut die Spannung so, dass man trotzdem mitfiebert.
Mir gefaellt an alten Filmen diese Oekonomie des Erzaehlens. Kein Padding. Keine Szene die nur existiert weil das Budget fuer zwei Stunden reichen muss. Jeder Dialog hat eine Funktion. Jede Kameraeinstellung dient der Geschichte. Meine Schueler am Gymnasium Eppendorf haben das nie verstanden. „Frau Schneider, warum sind die alten Filme so kurz?“ Weil sie nichts verschwenden, habe ich gesagt. Weil Respekt vor der Zeit des Zuschauers frueher noch existierte.
Watson. Der ewige Zweite.
Nigel Bruce als Dr. Watson. Man muss ehrlich sein: Bruce spielt Watson als liebenswerten Trottel. Das hat Arthur Conan Doyle so nie geschrieben. In den Geschichten ist Watson ein Veteran, ein Arzt, ein kompetenter Mann der einfach nicht so brilliant ist wie Holmes. Bruce macht daraus einen Mann der ueber seine eigenen Fuesse stolpert und bei jedem Hinweis verdutzt guckt.
Und trotzdem funktioniert es. Weil Bruce so warmherzig spielt, dass man Watson in jeder Szene mag. Er ist der Mensch neben dem Genie. Der normale Mann der versucht mitzuhalten und dabei sympathischer ist als der Held selbst. Freeman hat das in der BBC-Serie aehnlich gemacht, nur weniger komisch und mehr militaerisch. Law hat es bei Ritchie anders gemacht, athletischer, aktiver. Aber Bruce war der Erste der Watson zum besten Freund des Publikums machte.
Rathbone und Bruce haben vierzehn Holmes-Filme zusammen gedreht. Vierzehn. Von 1939 bis 1946. Das ist eine Partnerschaft die in der Filmgeschichte selten ist. Sie mochten sich auch privat, was man in jeder Szene spuert. Chemie kann man nicht spielen. Man hat sie oder man hat sie nicht.
Nebel, Gaslampen und ein London das nie existierte
Das London in diesem Film hat nie existiert. Es ist ein Hollywood-London, gebaut in den Studios von 20th Century Fox in Los Angeles. Pappwaende, gemalte Hintergruende, kuenstlicher Nebel. Und es ist schoener als jedes CGI-London das ich je gesehen habe.
Weil es nicht versucht echt zu sein. Es versucht atmosphaerisch zu sein. Und das gelingt. Die Gaslampen werfen Schatten die zu lang sind. Der Nebel ist zu dicht. Die Gassen sind zu eng. Alles ist uebertrieben, und gerade deshalb fuehlt es sich richtig an. Holmes lebt in einer Welt die ein bisschen mehr ist als die Realitaet, und Fox hat diese Welt gebaut wie ein Theaterbuehne.
Ich vermisse das in modernen Filmen. Diese Bereitschaft, eine kuenstliche Welt als kuenstliche Welt stehen zu lassen, statt so zu tun als waere alles echt. Hitchcock konnte das. Expressionisten konnten das. Und die Holmes-Filme von 1939 konnten es auch.
Ida Lupino. Die Frau die mehr haette sein sollen.
Ida Lupino als Ann Brandon. Eine kleine Rolle in diesem Film, aber Lupino war eine der bemerkenswertesten Frauen in der Filmgeschichte. Schauspielerin und Regisseurin, eine der ersten Frauen ueberhaupt die in Hollywood Regie fuehrte. In Die Abenteuer des Sherlock Holmes spielt sie die bedraengte junge Frau die Holmes um Hilfe bittet. Die Rolle ist duenn geschrieben, wie Frauenrollen 1939 leider oft duenn geschrieben waren. Aber Lupino gibt ihr Wuerde.
Zwei Jahre spaeter spielte Lupino in High Sierra neben Humphrey Bogart und bewies dass sie eine Hauptrolle tragen konnte. Dann fing sie an Regie zu fuehren. The Hitch-Hiker, 1953, der erste Film Noir der von einer Frau inszeniert wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier, in diesem Holmes-Film, ist sie der Beweis dafuer dass gute Schauspielerinnen auch aus schlechtem Material etwas machen koennen.
Holmes, Watson und ein Mann der laechelt wie ein Messer
- Basil Rathbone als Sherlock Holmes — der definitive Holmes. Stechende Augen, messerscharfe Diktion, eine Arroganz die nie unsympathisch wird. Vierzehn Filme in dieser Rolle, und er wurde nie muede
- Nigel Bruce als Dr. Watson. Zu trottelig fuer Doyle, zu liebenswert um es ihm uebel zu nehmen. Watson als bester Freund des Publikums
- George Zucco — Professor Moriarty, mit einer Zurueckhaltung die gefaehrlicher ist als jedes Schreien. Zucco laechelt und man friert
- Ida Lupino als Ann Brandon. Kleine Rolle, grosse Schauspielerin. Wurde spaeter eine der ersten weiblichen Regisseurinnen Hollywoods
- Alan Marshal als Jerrold Hunter, der Verlobte
- E.E. Clive als Inspector Bristol — der obligatorische Scotland-Yard-Mann der Holmes benoetigt und es ungern zugibt
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von Lichtspiel — eine Person, ein begründetes Urteil.
Elementary, my dear Watson.— aus der Wertung von Lichtspiel
Wer streamt Die Abenteuer des Sherlock Holmes?
Verfügbarkeit DEStand 24.07.2026: Die Abenteuer des Sherlock Holmes ist derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten, lässt sich aber ab 3,99 € leihen oder kaufen (z. B. bei Amazon).
Verfügbarkeit Deutschland · Stand 24.07.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne Gewähr, keine bezahlte Kooperation.
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Wo kann ich Die Abenteuer des Sherlock Holmes streamen?
Die Abenteuer des Sherlock Holmes gibt es zum Leihen oder Kaufen bei Amazon, Google Play und YouTube. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Ab welchem Alter ist Die Abenteuer des Sherlock Holmes freigegeben?
Die Abenteuer des Sherlock Holmes ist in Deutschland ab FSK 6 freigegeben.
Wie lange dauert Die Abenteuer des Sherlock Holmes?
Die Abenteuer des Sherlock Holmes hat eine Laufzeit von rund 76 Minuten (1 Stunde und 16 Minuten).
Lohnt sich Die Abenteuer des Sherlock Holmes?
Unsere Redaktion vergibt Die Abenteuer des Sherlock Holmes einen Watcher-Score von 7,4 von 10. Ein Film, der beweist, dass große Geschichten zeitlos sind. Wer Holmes verstehen will, kommt an Rathbone nicht vorbei. 8.7/10 Punkte.
Für wen ist Die Abenteuer des Sherlock Holmes geeignet?
Die Abenteuer des Sherlock Holmes ist vor allem etwas für Krimi und Mystery-Fans und alle, die solide Genre-Unterhaltung suchen.
Worum geht es in Die Abenteuer des Sherlock Holmes?
Sherlock Holmes’ Erzfeind Professor Moriarty entgeht einer Verurteilung wegen Mordes, obwohl Holmes glaubt, eindeutige Beweise für seine Schuld zu haben. Moriarty plant sofort ein neues Verbrechen, erkennt aber, dass er dazu erst Holmes aus dem Weg schaffen muss.
Besetzung
FAQ zu Die Abenteuer des Sherlock Holmes: Rathbone definiert den Detektiv für immer
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Wie viele Holmes-Filme hat Basil Rathbone gedreht?
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