Die Kritik
von FilmSchneiderCity of God hat 3,3 Millionen Dollar gekostet und ist trotzdem einer der besten Filme die je gedreht wurden.
Fernando Meirelles. Kein Drehbuch das jemand gelesen hat. Keine Profis vor der Kamera. Und dann das hier. Ich hab den Film 2003 in den Zeise Kinos gesehen, Spätvorstellung, und bin danach zwanzig Minuten durch Altona gelaufen weil ich nicht wusste wohin mit mir.
Kubrick hat mich heute Morgen um sechs geweckt.
Liegt auf der Tastatur, wie jeden Morgen, schnurrt als wäre er der Einzige im Raum der irgendwas Sinnvolles tut. Ich wollte eigentlich was anderes schreiben heute, aber dann hab ich gestern Abend City of God nochmal eingelegt â nach Jahren â und jetzt sitze ich hier und der Film lässt mich nicht los. Wieder nicht. Kubrick (der Kater, nicht der Regisseur, obwohl Stanley das hier auch gemocht hätte) hat irgendwann aufgehĂśrt zu schnurren. Bei der Szene mit den Runts. Selbst der Kater merkt wenn was nicht stimmt.
Anke hatte sich eigentlich auf die Couch gesetzt weil sie noch ein bisschen arbeiten wollte, Laptop auf dem SchoĂ, KopfhĂśrer halb auf. Nach zwanzig Minuten hat sie den Laptop zugeklappt. „Ich kenn den Film“, hat sie gesagt. „Aber vergessen wie gut er ist.“ Stimmt. Man vergisst das. Weil man sich nicht vorstellen kann dass ein Film mit dem Budget einer Fernsehfolge so aussehen kann.
Worum es geht und warum das egal ist
City of God erzählt von der Cidade de Deus Ăźber drei Jahrzehnte. Sozialbausiedlung in Rio, in den 60ern geplant, in den 80ern Kriegsgebiet. BuscapĂŠ wächst dort auf, hat eine Kamera statt einer Waffe, und erzählt die Geschichte seiner Nachbarschaft während um ihn herum seine Freunde sterben. Sein Bruder dealt. Der Psychopath von nebenan â ZĂŠ Pequeno â reiĂt sich den ganzen Drogenhandel unter den Nagel indem er jeden umbringt der ihm in die Quere kommt. Dutzende Figuren, jede mit eigenem Schicksal, eigenem Wendepunkt. Und man verliert nie den Faden.
Ich hab das jetzt in einem Absatz zusammengefasst und dem Film damit nicht im Ansatz gerecht geworden. Das Drehbuch von Bråulio Mantovani springt zwischen Zeitebenen und Perspektiven wie ein Karussell das zu schnell dreht, und trotzdem hält alles zusammen. Handwerk auf einem Niveau. Butter bei die Fische: Ich hab in zwanzig Jahren Filmkritik wenig gesehen das so sauber konstruiert ist.
ZĂŠ Pequeno.
Ăber den muss ich reden weil Leandro Firmino hier was abliefert das eigentlich nicht mĂśglich sein sollte. Null Schauspielerfahrung. Null. Der Mann war zum Casting mitgekommen weil er einen Kumpel begleiten wollte. Und dann spielt er einen der furchteinflĂśĂendsten Filmschurken der letzten dreiĂig Jahre.
Was Firmino draus macht: keinen Cartoon. ZĂŠ Pequeno will geliebt werden, will auf Partys eingeladen werden, will dass die Mädchen ihn anschauen. Aber die einzige Sprache die er kennt kommt aus einem Gewehrlauf. Da gibt es diese Szene â ich hab sie seit 2003 nicht vergessen, nach Ăźber zwanzig Jahren nicht â wo er zwei kleine Jungs wählen lässt in welchen FuĂ sie geschossen werden. Er lacht dabei. Firmino spielt das so, dass man begreift: Dieser Mann versteht gar nicht was er tut. Nicht wirklich.
Meirelles hat irgendwann gesagt, die Jungs machen den Film zu dem was er ist. Stimmt. Ohne sie wäre das hier eine Sozialstudie. Mit ihnen ist es Wahrheit.
Markus hat mich mal gefragt warum ich den Film dreimal gesehen hab
Markus, mein alter Schulfreund aus Hamburg, Film-Club-Zeiten, Gymnasium, RĂśhrenfernseher in der Aula. Der schaut vielleicht drei Filme im Jahr. Ich hab ihm gesagt: Weil er jedes Mal besser wird. Nicht weil sich der Film ändert. Weil ich mehr sehe. Die Nebenfiguren. Die kurzen Szenen die beim ersten Mal untergehen. Den Humor â ja, tatsächlich. Zwischen all der Gewalt gibt es Momente die ehrlich witzig sind. BenĂŠs Abschiedsparty. BuscapĂŠs verpatzte Versuche, cool zu sein. Meirelles wusste, dass man Lachen braucht damit die Dunkelheit wirkt.
Markus hat den Film dann geguckt. Hat danach geschrieben: „Ich versteh jetzt was du meinst.“ Mehr hat er nicht gesagt. Reicht aber.
CĂŠsar Charlone und die Frage wie man mit nichts alles dreht
Was mich immer wieder umhaut: Die Kamera. Charlone hat den Film gefilmt als wäre er ein Dokumentarfilmer der zufällig in eine Gangstergeschichte geraten ist. Meirelles beschrieb den Dreh als improvisierte Dokumentation, und genau so fĂźhlt es sich an. Nichts ist hĂźbsch arrangiert. Die Kamera rennt mit. Stolpert. Dreht sich um. Und deswegen glaubt man jede Sekunde. Die frĂźhen Szenen in der Siedlung sind so warm und golden dass man fast vergisst was kommt. Dann kippt alles. Langsam. Ăber Jahrzehnte.
Auf Letterboxd steht der Film bei 4,56 von 5 Sternen. Ăber eine Million Bewertungen. Zwanzig Jahre nach Kinostart. Das passiert nicht einfach so.
BuscapĂŠ und warum Kameras retten
Alexandre Rodrigues spielt den Erzähler so zurĂźckgenommen dass man ihn fast vergisst. Und genau das ist der Punkt. Er beobachtet. Fotografiert. Während seine Freunde sterben. Rodrigues spielt das ohne jedes Pathos, kein „Ich werde es schaffen“-Moment, keine Heldenreise im klassischen Sinn. BuscapĂŠ hat GlĂźck, Talent und die richtige Angst zur richtigen Zeit. Das reicht. FĂźr ihn. FĂźr alle anderen nicht.
Thomas, mein Kumpel der Kameramann, hat beim letzten Mal als wir drĂźber geredet haben gemeint: „Das ist der ehrlichste Film Ăźbers Fotografieren den es gibt.“ Weil BuscapĂŠ nicht fotografiert um Kunst zu machen. Er fotografiert um zu Ăźberleben. Seine Kamera ist sein Ticket raus â am Ende buchstäblich.
BenĂŠ. Der Tragischste von allen.
ZĂŠ Pequenos bester Freund, und das Gegenteil von allem was ZĂŠ verkĂśrpert. Cool, beliebt, friedlich soweit das in der Cidade de Deus geht. Will raus aus dem Geschäft, will mit seiner Freundin abhauen. Phellipe Haagensen spielt ihn mit einer Leichtigkeit die weh tut. In ähnlicher Weise hat The Wire Jahre später fĂźr Baltimore getan was Meirelles hier fĂźr Rio schafft â ein System sichtbar machen das Menschen zermahlt. Aber BenĂŠs Geschichte ist die die mich am meisten mitnimmt. Nicht wegen dem was passiert. Wegen dem was hätte sein kĂśnnen.
Vier Oscar-Nominierungen. Null Statuetten. Et kĂźtt wie et kĂźtt.
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt. 76. Academy Awards, 2004. Und dann kam Return of the King und nahm alles mit. Elf Nominierungen, elf Siege. Gegen den Zug konnte kein Film der Welt gewinnen. Daniel Rezende, der den Film geschnitten hat, war einundzwanzig. Einundzwanzig Jahre alt und eine Oscar-Nominierung. Anke hat mich letztens gefragt was ich mit einundzwanzig gemacht hab. Ich hab im Feuilleton Veranstaltungstipps geschrieben.
Auf Rotten Tomatoes steht der Film bei 97% Publikumswertung. 8,6 auf IMDb. Und ja, ich gebe ihm eine 8,8 â und das ist kein Bonus aus Nostalgie sondern weil der Film bei jedem Schauen besser wird.
Was der Film eigentlich ist
City of God wird gerne als „brasilianisches GoodFellas“ verkauft. Favela-Gangsterfilm. Das greift zu kurz. Meirelles hat ein Porträt gedreht. Von einem Ort den Brasilien vergessen wollte. Von einem System das Kinder frisst. Er hat das ohne erhobenen Zeigefinger geschafft. Kein Voice-Over das erklärt wie schlimm alles ist. Die Bilder reichen. Da gibt es eine Szene in der die Runts â eine Bande von Kindern, keines älter als zehn â durch die StraĂen rennen und Geschäfte Ăźberfallen. Sie lachen dabei. Es ist ein Spiel fĂźr sie. Meirelles filmt es genau so: als Spiel. Er moralisiert nicht. Er zeigt. Dat is wirksamer als jede Anklage.
Tom hat den Film bei unserem letzten Kinokreis-Abend das erste Mal gesehen. Er saĂ danach da und meinte: „Alter, das war krass.“ Ich hab ihm gesagt er soll mal Scorsese schauen, dann versteht er wo die Energie herkommt. Tom: „Scorsese hat keine Favela-Kids gecastet die sich selbst spielen.“ Nä. Da hat er recht.
Der Cast â und warum keiner Schauspieler war
Matheus Nachtergaele als Sandro Cenoura war der einzige Profi. Der Einzige von Ăźber hundert Mitwirkenden. Alle anderen kamen direkt aus den Favelas, aus Vidigal, aus der echten Cidade de Deus. Viereinhalb Monate Workshops. Improvisation statt Textbuch. Was auf der Leinwand landet ist keine Performance. Es ist Erinnerung die zu Film wird. Seu Jorge spielt Knockout Ned â drei Jahre später saĂ er in Wes Andersons The Life Aquatic und sang David-Bowie-Songs auf Portugiesisch. Alice Braga, hier zum ersten Mal vor der Kamera, wurde danach internationaler Star. Was man diesem Film zugutehalten muss: Er hat Karrieren ermĂśglicht die ohne ihn nicht existieren wĂźrden.
- Alexandre Rodrigues als BuscapĂŠ / Rocket
- Leandro Firmino als ZĂŠ Pequeno / Li’l ZĂŠ
- Phellipe Haagensen als BenĂŠ / Benny
- Douglas Silva als Dadinho / Li’l Dice
- Seu Jorge als ManĂŠ Galinha / Knockout Ned
- Matheus Nachtergaele als Sandro Cenoura / Carrot
- Alice Braga als AngĂŠlica
- Jonathan Haagensen als Cabeleira / Shaggy
- Jefechander Suplino als Alicate / Clipper
- Daniel Zettel als Thiago
Synchronstudio: Constantin Film Atelier, MĂźnchen
Jahr: 2002
Dialogregie: Clemens Frohmann
Alexandre Rodrigues|BuscapĂŠ / Rocket|Xavier Naidoo
Leandro Firmino|ZĂŠ Pequeno / Li’l ZĂŠ|Daniel Fehlow
Phellipe Haagensen|BenÊ / Benny|Simon Jäger
Douglas Silva|Dadinho / Li’l Dice|Patrick Flecken
Seu Jorge|ManĂŠ Galinha / Knockout Ned|Oliver Stritzel
Matheus Nachtergaele|Sandro Cenoura / Carrot|Tobias Lelle
Alice Braga|AngĂŠlica|Anna Carlsson
Jonathan Haagensen|Cabeleira / Shaggy|Tristano Casanova
Jefechander Suplino|Alicate / Clipper|Cyril Geffcken
Daniel Zettel|Thiago|Roman Wolko
Charles Paraventi|Tio Sam / Uncle Sam|Kai Taschner
Roberta Rodrigues|Berenice|Anja Stadlober
Quelle: Synchronkartei.de
Filme die man danach schauen kann. Aber keiner ist wie dieser.
- GoodFellas (1990) â Scorseses Gangster-Epos. Ăhnliche Erzähl-Energie, ähnlicher Rhythmus. Aber Scorsese hatte Henry Hill. Meirelles hatte hundert Henry Hills die vorher nie eine Kamera gesehen hatten.
- Pulp Fiction (1994) â Non-lineares Erzählen, unvergessliche Figuren. Tarantinos Stil ist Spielplatz, Meirelles‘ Stil ist Schlachtfeld.
- Die Verurteilten (1994) â Wie Ăźberlebt man einen Ort der dich zerstĂśren will? Andere Welt, gleiches Grundthema.
- Tropa de Elite (2007) â JosĂŠ Padilhas Blick auf Rio von der anderen Seite: aus den Augen der Polizei. Ergänzt City of God wenn man beide Perspektiven will.
Das Urteil
Watcher-Score ¡ redaktionelle EinzelwertungBewertet von FilmSchneider â eine Person, ein begrĂźndetes Urteil.
Die Jungs machen den Film zu dem was er ist. â Fernando Meirellesâ aus der Wertung von FilmSchneider
Schnelle Antworten
Antworten Schnelle Antworten zu City of God
Wie lange dauert City of God?
City of God hat eine Laufzeit von rund 130 Minuten (2 Stunden und 10 Minuten).
Lohnt sich City of God?
Unsere Redaktion vergibt City of God einen Watcher-Score von 8,8 von 10. City of God ist kein Film den man empfiehlt. Man drßckt ihn jemandem in die Hand und sagt: Guck. Fernando Meirelles hat mit Laien, ohne Drehbuch und mit dem Budget einer Fernsehfolge einen Film gemacht der zwanzig Jahre später genauso brennt.
FĂźr wen ist City of God geeignet?
City of God ist vor allem etwas fĂźr Drama und Krimi-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.
Worum geht es in City of God?
Brasilien in den 60ern: Das âTender Trioâ raubt Motels und Tankwagen aus. Die JĂźngeren beobachten und lernen schnell â zu schnell. Etwa zehn Jahre später: Li'l ZĂŠ hat sich ausgebreitet, ihm gehĂśrt jetzt die ganze Stadt.
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