Die Kritik
von LichtspielLiebhaberinnen startet am 15. Februar 2026 in den deutschen Kinos – Caroline Kox‘ Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feierte auf der Berlinale 2026 Weltpremiere.
Johanna Wokalek und Hannah Schiller spielen zwei Frauen an unterschiedlichen Lebenspunkten, verbunden durch die Unmöglichkeit weiblicher Selbstbestimmung im Spätkapitalismus. Ein Debütfilm mit literarischer Vorlage von Weltrang.
Inhalt
- Zwei Frauen, ein System
- Was macht Jelineks Roman besonders?
- Wokalek und Schiller
- Wer ist Caroline Kox?
- Wer produziert den Film?
- Häufige Fragen
Zwei Frauen, ein System
Der Film erzählt von zwei Frauen: Brigitte, eine Messehostess deren „Marktwert“ mit dem Alter schwindet, und Paula, eine 18-jährige Cam-Girl mit großen Träumen. Was sie verbindet, ist weniger romantisch als der Titel vermuten lässt – es geht um die Unmöglichkeit weiblicher Befriedigung im Spätkapitalismus.
Elfriede Jelinek schrieb den Roman „Die Liebhaberinnen“ 1975, mitten in der zweiten Welle des Feminismus. Zwei Frauen aus der österreichischen Provinz, die versuchen, durch Männer aufzusteigen – und scheitern. Jelinek seziert mit einer Schärfe, die einem den Atem nimmt, wie patriarchale Strukturen funktionieren. Ich habe das Buch damals in den Achtzigern gelesen, in einer Nacht, am Küchentisch in Blankenese, während Hartmut längst schlief.
Caroline Kox hat die Handlung ins heutige Deutschland verlegt. Brigitte sichert sich den wohlhabenden Heinz als Liebhaber, um ihren sozialen Status zu halten. Paula muss erst noch lernen, wie das Spiel funktioniert. Die Parallelen zur Gegenwart sind nicht zu übersehen: Influencer-Kultur, Selbstoptimierung, der weibliche Körper als Kapital.
Jelinek-Verfilmungen sind ein Wagnis. Michael Haneke hat es mit „Die Klavierspielerin“ geschafft – aber das war Haneke. Ob ein Debütfilm dieser Vorlage gewachsen ist? Die Berlinale-Jury scheint überzeugt.
Ich habe gestern Abend bei einer Kanne Ostfriesentee lange darüber nachgedacht. Draußen war es still in Blankenese, nur die Elbe hat man gehört, wenn man das Fenster kippte. Jelinek ist nie kalt, finde ich – sie ist genau. Das ist ein Unterschied. Stefan sieht das anders, der findet Jelinek „zu konstruiert“. Aber Stefan findet auch Fassbinder zu konstruiert, und da hört bei mir bekanntlich die Geduld auf. Ich werde mir den Film im Zeise ansehen, allein, nachmittags, wenn es noch ruhig ist im Saal.
Jelinek.
„Die Liebhaberinnen“ von 1975 gilt als einer der schärfsten feministischen Texte der deutschsprachigen Literatur. Jelinek erhielt 2004 den Nobelpreis für Literatur – unter anderem für ihre „musikalische Fließbewegung von Stimmen und Gegenstimmen“.
Jelinek schreibt nicht wie andere. Ihre Prosa ist ein Strom aus Sarkasmus, Wut und bitterer Komik. Sie lässt ihren Figuren keine Sympathie, entlarvt ihre Illusionen, zeigt die Brutalität hinter der bürgerlichen Fassade. Das Schwedische Akademie-Komitee nannte es den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“ [IMDb].
Für das Kino ist das schwierig. Jelineks Texte leben von der Sprache, nicht von der Handlung. Haneke löste das bei „Die Klavierspielerin“ durch radikale Reduktion und Isabelle Hupperts verstörende Präsenz. Wie Caroline Kox es löst? Das werden wir ab dem 15. Februar sehen.
Hartmut und ich haben Jelinek in den Achtzigern im Hamburger Schauspielhaus gesehen, eine Inszenierung von „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“. Er sagte damals: „Diese Frau schreibt mit dem Skalpell.“ Ich habe ihm nie widersprochen. Hartmut hatte für Literatur nüscht übrig, normalerweise – seine Schiffsmodelle und seine Bilanzen, das war seine Welt. Aber Jelinek hat ihn getroffen. Irgendetwas in dieser Schärfe hat ihn erreicht, wo mein jahrelanges Reden über Bücher es nie geschafft hat.
Im Kinokreis hat Tom neulich gemeint, Jelinek sei „Theaterkram, nüscht fürs Kino“. Da musste ich schon ein bisschen lächeln. Tom hat manchmal eine rührende Ahnungslosigkeit für alles, was vor 1990 passiert ist. Aber er meint es gut, und seinen Enthusiasmus für neue Regisseurinnen teile ich.
Wokalek und Schiller
Johanna Wokalek übernimmt die Rolle der Brigitte, Hannah Schiller spielt Paula. Zwei Schauspielerinnen, die wissen, was sie tun.
Johanna Wokalek kennt man aus „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008), wo sie Gudrun Ensslin spielte [IMDb]. Eine Schauspielerin die keine Angst vor schwierigen Rollen hat. Für Brigitte – eine Frau die ihren Körper als letztes Kapital einsetzt – braucht es genau diese Furchtlosigkeit.
Hannah Schiller ist jünger, bekannt aus „Runner“. Sie verkörpert Paula, die 18-Jährige mit den großen Träumen. Der Kontrast zwischen den beiden – die eine am Ende ihrer Möglichkeiten, die andere am Anfang – trägt den Film.
Die weiteren Rollen:
- Ben Münchow als Heinz, Brigittes wohlhabender Liebhaber
- Ulrike Willenbacher als Heinz‘ Mutter
- Victoria Trauttmansdorff in einer Nebenrolle
- Susanne Bredehöft in einer Nebenrolle
Caroline Kox.
Caroline Kox, auch bekannt als „Koxi“, gibt mit Liebhaberinnen ihr Spielfilmdebüt. Sich für den ersten langen Film direkt an eine Nobelpreisträgerin zu wagen – das nenne ich Selbstvertrauen.
Über Kox‘ bisherige Arbeiten ist wenig bekannt – sie kommt aus dem Kurzfilm-Bereich. Dass ihr Debüt direkt auf der Berlinale läuft, ist beachtlich [Berlinale]. Die Sektion „Debüts“ hat ein gutes Gespür für neue Talente.
Die Kamera führt Jakob Berger, das Produktionsdesign verantwortet Ina Timmerberg. Ein Team, das weiß, was es tut – die Berlinale hätte den Film sonst nicht genommen.
Die Produktion
Liebhaberinnen ist eine deutsch-luxemburgische Koproduktion. Die Kölner Coin Film produziert gemeinsam mit btf, Amour Fou Luxembourg und dem Saarländischen Rundfunk.
Coin Film aus Köln hat sich auf anspruchsvolles deutsches Kino spezialisiert [Coin Film]. Dass auch btf – bekannt für „How to Sell Drugs Online (Fast)“ – an Bord ist, zeigt die breite Aufstellung der Produktion.
Die Weltrechte und den deutschen Verleih hat Filmwelt übernommen, in Österreich kommt der Film über Filmladen ins Kino. 90 Minuten Laufzeit – das ist klug. Jelinek-Adaptionen können schnell überladen wirken. Ich mag diese Kompaktheit. Hartmut sagte immer, ein guter Film braucht nicht länger als anderthalb Stunden. Bei ihm waren es die Nachrichten, bei mir ist es bis heute der Maßstab für Kinobesuche: Was mich nach 90 Minuten nicht losgelassen hat, das hat funktioniert.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von Lichtspiel — eine Person, ein begründetes Urteil.
Diese Frau schreibt mit dem Skalpell— aus der Wertung von Lichtspiel
Besetzung
FAQ zu Liebhaberinnen: Wenn Sehnsucht und Alltag aufeinanderprallen
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