Die Kritik
von CineTomNolans „Die Odyssee“ läuft seit dem 16. Juli, ich war in der IMAX-Vorstellung und komme mit einer 9,3 wieder raus.
172 Minuten Homer, Matt Damon als Odysseus, gedreht von Hoyte van Hoytema. Das ist großes Kino in dem Sinn, den man fast schon abgeschrieben hatte. Zuhause wird das nie dasselbe, deswegen sage ich es gleich am Anfang: geh ins Kino, solange er läuft.
172 Minuten. Ich hab sie nicht gemerkt.
Der Film dauert 172 Minuten, also fast drei Stunden, und das ist nach heutigen Maßstäben unverschämt lang. Gemerkt habe ich es trotzdem nicht. Die Länge trägt die Story, weil Odysseus‘ Heimreise nun mal keine Sache von neunzig Minuten ist. Für so ein Epos passt das.
Ehrlicherweise gehört zur Wahrheit dazu, dass ich seit einer Weile nur noch Premiumsitze buche. Mein Rücken verhandelt da nicht mehr. Bei 172 Minuten ist das keine Angeberei, sondern der Unterschied zwischen „ich bin im Film“ und „ich zähle Reihen“. Wer sich zwischen gutem Sitz und billigem Ticket entscheiden muss, nimmt hier den Sitz.
Zum Vergleich: Ben Hur lief 1959 mit 212 Minuten und gilt bis heute als Referenz für das Monumentalkino, bei uns steht er auf 9,2. Lange Filme sind also keine neue Unart, sie waren nur zwischendurch aus der Mode. Nolan holt diese Bauform zurück, und er füllt sie.
Damon.
Matt Damon spielt Odysseus, und das war der Punkt, an dem ich vor dem Kinostart am skeptischsten war. In meiner eigenen Vorschau stand genau das als Sorge drin. Die hat sich erledigt. Damon spielt keinen strahlenden Helden, er spielt einen Mann, der zu lange weg ist und das weiß.
Was mich gekriegt hat, ist die Müdigkeit, die er mitspielt. Odysseus ist der Typ, der jedes Problem mit einer List löst, und Damon zeigt, was das mit einem macht, wenn man das zwanzig Jahre lang durchzieht. Dieser Blick, wenn wieder jemand eine clevere Idee von ihm erwartet und er einfach nur nach Hause will.
Tom Holland als Telemachus ist die zweite Überraschung. Ich hatte Spider-Man im Kopf und bekam einen jungen Mann, der einen Vater sucht, den er nie erlebt hat. Anne Hathaway als Penelope bekommt weniger Zeit, als ihr zusteht, macht aus dieser Zeit aber die stillsten Szenen des Films.
Was van Hoytema mit IMAX anstellt, ist unfair gegenüber allen anderen
Hoyte van Hoytema hat den Film in IMAX gedreht, und die Technik ist der Wahnsinn. Wasser sieht aus wie Wasser, das dich umbringen kann. Die Kamera geht so nah an die Gesichter, dass die Leinwand kippt zwischen Landschaftsbild und Porträt. Rotten Tomatoes führt aktuell 95 Prozent bei 404 Kritiken, und die Kameraarbeit taucht in fast jeder davon auf.
Van Hoytema hat schon Interstellar gedreht, unseren 9,5er, und man erkennt die Handschrift sofort wieder. Nur dass er diesmal kein Schwarzes Loch hat, sondern das Mittelmeer. Ich hätte nicht gedacht, dass mich Wellen in einem Kinosaal so beeindrucken können.
Die Atmosphäre ist das eigentliche Argument für diesen Film. Es gibt Momente, in denen nichts passiert außer Meer, Licht und Ludwig Göranssons Musik, und ich saß trotzdem angespannt da. Göransson hat schon Oppenheimer vertont, unseren 8,9er, und arbeitet hier viel mit tiefen Streichern, die klingen, als säße man unter Wasser.
Der Zyklop. Über den ich wenig sage.
Die mythologischen Kreaturen waren meine zweite große Sorge vor dem Start, und ich sage bewusst wenig darüber, weil die Szene funktioniert, solange man nichts weiß. Nur so viel: Nolan löst das Problem, indem er der Kreatur so wenig Bildschirmzeit wie möglich gibt und dafür alles auf Größenverhältnisse setzt.
Das ist die alte Spielberg-Schule. Zeig das Monster spät, zeig es kurz, zeig vor allem die Leute, die es ansehen. Es funktioniert bei einem 250-Millionen-Dollar-Film genauso wie bei einem Gummihai von 1975. Kein CGI-Feuerwerk, sondern eine Kamera, die sich nicht traut hinzuschauen.
Die Sirenen habe ich mir vorher anders vorgestellt und fand die Auflösung besser als meine Erwartung. Circe bekommt eine ganze Sequenz, in der sich der Film Zeit nimmt für etwas, das kein Actionfilm heute mehr wagt: einfach ein Gespräch.
250 Millionen Dollar, und keiner davon versteckt sich
Das Budget lag bei 250 Millionen Dollar, TMDB führt nach fünf Tagen bereits 264,1 Millionen Dollar weltweit. Der dritte Punkt auf meiner Sorgenliste war der Druck, den so eine Summe erzeugt, und dass Universal daraus etwas Massenkompatibles zurechtbiegt. Ist nicht passiert.
Man sieht das Geld an den Schiffen, an den Sets von Ruth De Jong, an Ellen Mirojnicks Kostümen, die aussehen, als hätten sie Seewasser gesehen. Was man nicht sieht, ist Angst. Der Film erklärt seine Mythologie nicht in Dialogen für Leute, die Homer nicht kennen. Er setzt einfach voraus, dass man mitkommt oder mitkommen will.
Jennifer Lame hat geschnitten, und das ist bei Nolan immer der heikelste Job, weil er gerne mit Zeitebenen arbeitet. Hier bleibt es übersichtlicher als bei Inception, unserem 9,2er. Wer damals ausgestiegen ist, kommt hier problemlos mit.
Wer da alles mitspielt, ist fast unanständig
- Matt Damon als Odysseus, und zwar der müde, nicht der strahlende
- Tom Holland als Telemachus (auch Peter Parker im MCU, hier aber kaum wiederzuerkennen)
- Anne Hathaway als Penelope
- Robert Pattinson als Antinous, der dreisteste der Freier. Pattinson spielt Widerlinge inzwischen mit sichtbarem Vergnügen.
- Charlize Theron als Calypso, in einer Rolle, die auf dem Papier klein ist und im Film nachhallt
- Zendaya: Athene. Wenig Szenen, aber jede davon sitzt.
- Himesh Patel als Eurylochus, der Zweifler an Bord
- John Leguizamo spielt Eumaeus, den Schweinehirten. Ja, wirklich. Und ja, es funktioniert.
- Elliot Page als Sinon
- Travis Scott als Bard, was mich vorher irritiert hat und im Film überhaupt nicht stört
Warum das nicht wie Gladiator 2 ausgeht
Antike im Blockbusterformat geht regelmäßig schief. Gladiator 2 steht bei TMDB auf 6,66 aus 3.916 Stimmen und war teuer, laut und am Ende egal. Die Odyssee macht den entscheidenden Fehler nicht, den solche Filme fast immer machen.
Der Fehler heißt: Figuren modern reden lassen, damit das Publikum sie mag. Sobald ein Grieche in einem 250-Millionen-Film einen Spruch bringt, der auch in einen Trailer passt, ist die Welt kaputt. Nolan verzichtet komplett darauf. Es gibt keinen einzigen Quip in 172 Minuten, und ich hab darauf geachtet.
Der zweite Fehler wäre gewesen, die Götter als CGI-Ensemble aufzufahren. Auch das passiert nicht. Athene erscheint selten und ohne Lichtshow, die Göttlichkeit entsteht aus der Art, wie die Menschen reagieren. Bei 300, unserem 8,7er, war die Stilisierung das Konzept. Hier ist der Verzicht darauf das Konzept.
Was im Saal passiert ist
Nach dem Abspann ist im Saal erst mal keiner aufgestanden. Nicht wegen einer Post-Credit-Szene, die gibt es bei Nolan ohnehin nie, sondern weil die letzten Minuten so still enden, dass Aufstehen falsch wirkt. Ich habe gezählt: gut zwanzig Sekunden, in denen sich niemand bewegt hat.
Das ist die Sorte Erfahrung, die sich zuhause nicht herstellen lässt. Universal und Nolans eigene Firma Syncopy haben den Film in erster Linie für den Saal gebaut, und die Tagline „Trotze den Göttern“ klingt im Trailer nach Marketing und im Kino nach Programm. Wer wartet, bis das Ding irgendwann streambar ist, sieht einen anderen, kleineren Film.
Göransson hat das Meer vertont
Ludwig Göransson liefert eine Musik, die den Film trägt, ohne ihn zu überfahren. Es gibt ein Thema für Ithaka, das über 172 Minuten immer wieder auftaucht und jedes Mal ein bisschen anders klingt. Beim letzten Auftauchen hatte ich Gänsehaut, und ich bin bei sowas eigentlich abgehärtet.
Nolan arbeitet seit Tenet mit ihm, davor war Hans Zimmer sein Mann. Der Unterschied fällt hier auf: Zimmer hätte das Meer laut gemacht, Göransson macht es tief. Es gibt Passagen, in denen der Bass im Saal körperlich wird und ich mich kurz gefragt habe, ob das dem Gebäude guttut.
Wo die 9,3 herkommt, und warum nicht mehr
Bei uns steht Nolan mit The Dark Knight auf 9,7, Interstellar auf 9,5, Inception auf 9,2, Oppenheimer auf 8,9. Die Odyssee landet mit 9,3 zwischen Inception und Interstellar, und das ist keine Höflichkeitsnote, sondern genau der Platz, an dem ich ihn nach einer Nacht Abstand sehe.
Der Punkt, der fehlt: Penelope und Telemachus bekommen zusammen weniger Raum als die Seereise, und im letzten Drittel spürt man, dass da eine ganze Handlungsebene gekürzt wurde. Wer die Vorlage kennt, merkt, wie viel in Ithaka passiert, während Odysseus unterwegs ist. Der Film hat sich anders entschieden.
Zum Einordnen: Das Weltpublikum steht bei TMDB aktuell auf 7,85 aus 790 Stimmen, während die Kritik bei Rotten Tomatoes mit 95 Prozent und das dortige Publikum mit 97 Prozent deutlich höher liegen. John Nugent schreibt im Empire: „A worthy new translation of an ancient text, and yet another monumental piece of work from one of our boldest filmmakers.“ (Eine würdige neue Übersetzung eines antiken Textes und ein weiteres monumentales Werk von einem unserer mutigsten Filmemacher.) Da bin ich nah dran.
Wenn dir das gefallen hat
Für alle, die jetzt Lust auf mehr davon haben: Gladiator steht bei uns auf 9,2 und macht mit dem antiken Stoff etwas völlig anderes, nämlich Rache statt Heimkehr. 2001: Odyssee im Weltraum, unser 9,8er, trägt die Odyssee im Titel und meint dieselbe Idee: eine Reise, die den Reisenden verändert.
Wer eher wegen Nolan hier ist, findet in unserer Liste Filme wie Interstellar zwölf Empfehlungen aus derselben Ecke. Und wer sich durch das ganze Genre arbeiten will: Fantasy-Filme und Abenteuer-Filme haben wir beide gut sortiert.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- IMAX-Bilder von van Hoytema, die im Wohnzimmer nie funktionieren werden
- Damon spielt einen müden Odysseus statt eines Helden
- Göranssons Ithaka-Thema trägt über die ganzen 172 Minuten
- Die Kreaturen werden kurz gezeigt und wirken dadurch
Dagegen
- Penelope und Telemachus bekommen deutlich zu wenig Raum
- Im letzten Drittel fehlt sichtbar eine gekürzte Handlungsebene
- 172 Minuten ohne Pause sind auf schlechten Sitzen eine Zumutung
Nolan baut das Monumentalkino wieder auf, ohne es zu parodieren. Das hat seit Jahren keiner mehr hinbekommen.— aus der Wertung von CineTom
Schnelle Antworten
Antworten Schnelle Antworten zu Die Odyssee
Ab welchem Alter ist Die Odyssee freigegeben?
Die Odyssee ist in Deutschland ab FSK 12 freigegeben.
Wie lange dauert Die Odyssee?
Die Odyssee hat eine Laufzeit von rund 172 Minuten (2 Stunden und 52 Minuten).
Lohnt sich Die Odyssee?
Unsere Redaktion vergibt Die Odyssee einen Watcher-Score von 9,3 von 10. 16. Juli 2026. Nolan. Homer. IMAX 70mm. Matt Damon als Odysseus klingt verrueckt und wird wahrscheinlich genial. Tom Holland als Telemachus, Zendaya als Athena, Pattinson als Boesewicht. Das Casting allein ist einen Film wert. Ob Nolan antike Mythologie genauso gut hinbekommt wie Zeitreisen und Atomphysik weiß ich nicht. Aber wetten würde ich dagegen nicht. Erster Kinokreis-Ausflug des Jahres. Non-negotiable.
Für wen ist Die Odyssee geeignet?
Die Odyssee ist vor allem etwas für Abenteuer und Action-Fans und alle, die herausragende Filme suchen.
Trailer
Besetzung
FAQ zu Die Odyssee: 172 Minuten Homer in IMAX, und keine davon zu viel
Wie lang ist Die Odyssee wirklich?
Lohnt sich IMAX oder tut es auch der normale Saal?
Muss ich Homer gelesen haben?
Wo kann ich Die Odyssee streamen?
Wer spielt eigentlich Athene?
Wie ordnet sich der Film bei Nolan ein?
Der Saal
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