Poster zum Film Hereditary: Der Film der mich allein im Kino zurückließ

Hereditary: Der Film der mich allein im Kino zurückließ (2018)

Film · Horror, Mystery · 2018 · 127 Min. · FSK 16

Von , aktualisiert am 23. Februar 20267 Minuten LesezeitSo arbeiten wir

Hereditary – Das Vermächtnis. Ari Asters Debut von 2018. Der Film der mich im Kinositz festgenagelt hat.

Ich war allein. Im Odeon Köln, irgendwann im Juni, späte Vorstellung. Stefan wollte nicht mit. Zu gruselig, sagte er – der Mann der Kubricks Shining dreimal gesehen hat. 15 Minuten nach dem Abspann saß ich noch da. Feuchte Hände, Puls im Hals, dieses Gefühl als hätte mir jemand Eis in den Rücken geschoben. 9 von 10 – und ich übertreibe nicht. Hereditary ist für mich der beste Horrorfilm dieses Jahrhunderts.

Kurz gesagt

Ich fang einfach an. Hereditary hat mich kaputt gemacht. Nicht so wie ein Jump-Scare-Film dich erschreckt und du lachst danach. Sondern so wie ein Anruf um drei Uhr nachts dich kaputt macht. Du weißt sofort dass etwas nicht stimmt. Der ganze Film fühlt sich an wie dieser Moment. Ari Aster hat mit 10 Millionen Dollar etwas geschaffen das 200-Millionen-Produktionen nicht hinkriegen: echtes Grauen. Toni Collette hätte jeden Preis verdient. Ich saß allein im Odeon Köln und konnte danach 15 Minuten nicht aufstehen. Wenn das kein Qualitätsmerkmal ist weiß ich auch nicht.

Quellen & Einordnung

Beitrag aus dem Archiv. Die bisherige Note und der Text sind noch nicht nach unserem seit 10. Oktober 2026 geltenden Quellenverfahren überprüft. Die Kinokreis-Stimme ist eine fiktive Figur; ihre Ich-Formulierungen belegen keine persönliche Filmsichtung. Die bisherige Note bleibt bis zur Einzelprüfung als Archivwertung erkennbar.

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Trailer

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von WatchGuide-Redaktion
1

Odeon Köln. Reihe 12. Allein.

Ich muss das erzählen weil es zu dem Film gehört. Ich meine – Horror im Kino allein, das mach ich öfter, aber Hereditary war anders. Der Saal war halbvoll, ein Pärchen drei Reihen vor mir ist nach 40 Minuten gegangen. Einfach aufgestanden und raus. Ich hab kurz gedacht: Vielleicht sollte ich auch. Bin geblieben.

Ari Aster hatte 10 Millionen Dollar Budget. Zehn. Für einen Film der aussieht als hätte er das Dreifache gekostet. Am Ende hat Hereditary weltweit über 80 Millionen eingespielt. 90 Prozent bei Rotten Tomatoes, 87 auf Metacritic. Für ein Debüt. Für einen Horrorfilm. In einer Welt in der Horror immer noch als B-Movie abgetan wird.

Aber warte, ich muss zurück zum Anfang.

2

Toni Collette.

Es gibt Performances die einen Film tragen und es gibt das was Toni Collette hier macht. Sie spielt Annie Graham, eine Künstlerin die Miniaturmodelle baut – winzige Nachbildungen ihres eigenen Lebens, jedes Detail kontrolliert. Und dann stirbt ihre Mutter. Und die Kontrolle schmilzt weg wie Frost an einer Fensterscheibe.

Ich hab Collette in vielen Filmen gesehen. Sixth Sense, klar. Little Miss Sunshine. Aber Annie Graham ist etwas anderes. Da ist diese Szene am Esstisch, später im Film (ich sag nicht welche, ihr merkt es wenn ihr sie seht) in der Collette schreit und weint und es klingt nicht nach Schauspiel. Es klingt nach jemandem der gerade zerbricht. Mein Magen hat sich zusammengezogen. Gänsehaut den Arm hoch, Nackenhaare, das volle Programm.

Dass sie dafür keinen Oscar bekommen hat, ist, und ich werde das nie akzeptieren, eine Schande. Glenn Close wurde nominiert für The Wife. Nicht schlecht. Aber Collette hat etwas gemacht das ich in 20 Jahren Horrorfilm nicht gesehen habe. Sie hat das Genre legitim gemacht. Einen Moment lang zumindest.

3

Die Szene im Auto. Ihr wisst welche.

Ich kann nicht darüber reden ohne zu spoilern und ich werde nicht spoilern. Nur das: Es passiert ungefähr nach einer Stunde. Es kommt aus dem Nichts. Nicht wie ein Jump Scare – Jump Scares sind der Clickbait des Kinos, billiger Adrenalinstoß, vergessen nach drei Sekunden. Das hier ist anders.

Ich glaube, und vielleicht bilde ich mir das ein, dass der Saal für zehn Sekunden völlig still war. Kein Rascheln, kein Flüstern. Stille. Die Art von Stille die sich anfühlt wie Druck auf den Ohren. Und dann Alex Wolffs Gesicht. Einfach nur sein Gesicht. Minutenlang.

Mein Vater hätte gesagt: Det var for meget, Anke. Und er hätte recht gehabt. Es IST zu viel. Genau deshalb funktioniert es.

4

Was Annie baut, und was Aster mit uns macht

Die Miniaturmodelle. Ich bin UX-Designerin, ich arbeite den ganzen Tag mit Strukturen und Layouts und kontrolliertem Design. Und Annie macht dasselbe – sie baut ihr Leben in klein nach, Zimmer für Zimmer, jede Lampe, jeder Schatten. Kontrolle als Trauma-Bewältigung.

Aster hat das genial gelöst. Die Kamera zoomt manchmal unmerklich raus und plötzlich merkst du: Das was du für einen echten Raum gehalten hast, ist ein Modell. Oder andersrum. Die Grenzen verschwimmen. Wie bei Munch (Die Madonna, nicht Der Schrei) da wo die Körpergrenze sich auflöst und man nicht weiß wo die Figur aufhört und der Hintergrund anfängt.

Hereditary riecht nach altem Holz und kalter Asche. Nach einem Haus das zu viele Geheimnisse hat. Wenn ich die Augen schließe und an den Film denke, sehe ich Dunkelbraun. Überall Dunkelbraun. Und das schwache Klicken einer Zunge.

5

10 Millionen. Sundance. Und dann A24.

Aster hat den Film auf Sundance 2018 vorgestellt. Die Premiere wurde zum Ereignis. Manche liefen raus, manche saßen erstarrt – klingt bekannt. A24 hat den Verleih übernommen und damit genau das getan was A24 am besten kann: einem Film vertrauen der kein einfaches Publikum sucht.

44 Millionen allein in den USA. Über 80 weltweit. Für einen Film ohne Stars im klassischen Sinn, Toni Collette ist brillant aber kein Box-Office-Name, und ohne eine einzige Szene die man für den Mainstream entschärft hätte. Jede Einstellung bleibt stehen bis es wehtut.

Die Gotham Awards haben Collette ausgezeichnet. Die Independent Spirit Awards. Letterboxd zeigt 3.93 von 5 bei über 2,5 Millionen Bewertungen – für Horror ist das astronomisch. Das Genre das immer noch um Anerkennung kämpfen muss, während Dramen für 6.8 bei IMDb gefeiert werden.

6

Warum Stefan falsch liegt

Stefan sagt (und er sagt das jedes Mal wenn Hereditary erwähnt wird) der Film sei überbewertet. Zu langsam im ersten Akt. Zu viel Familientherapie, zu wenig Terror. Stefan meint das als Analyse. Stefan analysiert Filme wie er Drehbücher liest: Struktur, Dramaturgie, dritter Akt. Typisch.

Was Stefan nicht versteht (und das ist keine Kritik, er ist einfach anders verdrahtet) ist dass Hereditary kein Film über Schreckmomente ist. Es ist ein Film über Trauer. Über eine Familie die unter dem Gewicht von etwas zerbricht das sie nicht kontrollieren kann. Der Horror kommt nicht aus Monstern. Er kommt aus dem Gefühl dass etwas Falsches in deiner eigenen Blutlinie steckt.

Tom war übrigens auf meiner Seite. Dat is jeck gut, sagte er nachdem er ihn auf meinen Druck gesehen hatte. Sylvia hat nach der Hälfte aufgehört und bis heute nicht fertig geschaut. Ich respektiere das. Aber sie verpasst etwas.

Ich vergleiche Hereditary nicht gern mit anderen Filmen weil es sich anfühlt wie ein Film der sein eigenes Ding macht. Aber wenn ich muss: Der Exorzist hat 1973 etwas Ähnliches geschafft – Horror als Familientragödie, Dämonen als Metapher für Kontrollverlust. Get Out hat 2017 gezeigt dass Horror intelligent sein kann ohne den Schrecken zu verlieren. Hereditary steht irgendwo dazwischen und über beidem.

7

Die Gesichter die man nicht vergisst

  • Toni Collette als Annie Graham: die Performance für die kein Oscar reichte. Immer noch wütend darüber.
  • Alex Wolff als Peter Graham (auch bekannt aus Jumanji – ja, wirklich)
  • Milly Shapiro: Charlie. Dieses Klicken. Drei Sekunden Screentime und du vergisst es nie.
  • Gabriel Byrne als Steve, der Vater: der ruhigste Mensch im Raum. Das macht es schlimmer.
  • Ann Dowd als Joan. Wer Aunt Lydia aus Handmaid’s Tale kennt, weiß dass Dowd Unbehagen atmen kann.
8

Was nach Hereditary kommt. Und warum es nicht reicht.

Aster hat danach Midsommar gedreht. Sonnenschein statt Dunkelheit, Schweden statt ein Haus in Utah. Guter Film. Anderer Film. Hereditary bleibt sein Meisterstück.

In den letzten Jahren habe ich viel Horror gesehen der versucht was Hereditary macht – Talk to Me kommt nah ran, Barbarian geht einen anderen Weg. Aber dieses Gefühl, dieses langsame Sinken in etwas Dunkles – das hat mir seitdem niemand mehr so gegeben. Vielleicht bin ich voreingenommen. Vielleicht war es der Abend, der leere Saal, das Alleinsein. Vielleicht macht mich das unfair.

Aber ich glaube nicht.

Bewertung

Bisherige Einschätzung

Archivwertung: Quellenbasis und Gewichtung noch nicht nach dem neuen Verfahren geprüft. Quellen & Einordnung

Story9,5
Schauspiel10,0
Effekte8,0
Ton9,0

Dafür

  • Toni Collettes Oscar-würdige Performance
  • Atmosphäre die unter die Haut geht
  • Ari Asters meisterhafte Regie

Dagegen

  • Letzter Akt teilt die Meinungen
  • Nichts für schwache Nerven
I just didn't want to put her in the ground.Aus der Wertung von WatchGuide-Redaktion
Ich fang einfach an. Hereditary hat mich kaputt gemacht. Nicht so wie ein Jump-Scare-Film dich erschreckt und du lachst danach. Sondern so wie ein Anruf um drei Uhr nachts dich kaputt macht. Du weißt sofort dass etwas nicht stimmt. Der ganze Film fühlt sich an wie dieser Moment. Ari Aster hat mit 10 Millionen Dollar etwas geschaffen das 200-Millionen-Produktionen nicht hinkriegen: echtes Grauen. Toni Collette hätte jeden Preis verdient. Ich saß allein im Odeon Köln und konnte danach 15 Minuten nicht aufstehen. Wenn das kein Qualitätsmerkmal ist weiß ich auch nicht.

Wer streamt Hereditary - Das Vermächtnis?

Verfügbarkeit DE

Stand 14.10.2026: Hereditary - Das Vermächtnis läuft im Abo bei Prime Video und Max, mit deutscher Synchronfassung. Leihen oder Kaufen geht ab 3,99 €.

Stand 14.10.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB), Movie of the Night · ohne Gewähr

Besetzung

5 Rollen
  • Annie GrahamToni Collette
  • Peter GrahamAlex Wolff
  • Steve GrahamGabriel Byrne
  • Charlie GrahamMilly Shapiro
  • JoanAnn Dowd

FAQ zu Hereditary: Der Film der mich allein im Kino zurückließ

Worum geht es in Hereditary?
Kurz: Annie Grahams Mutter stirbt. Was die Familie danach erbt, ist – nein. Das sage ich nicht. Schaut den Film. Ohne Trailer, ohne Wikipedia. Vertraut mir.
Ist Hereditary wirklich so gruselig?
Kommt drauf an was du unter gruselig verstehst. Wenn du Jump Scares willst, geh zu Conjuring. Kein Witz, die machen das gut. Aber wenn du dieses Gefühl willst (dieses kalte, langsame Dread das sich anfühlt wie Nebel der hochkriecht) dann ja. Dann ist Hereditary der gruseligste Film den ich kenne.
Warum hat Toni Collette keinen Oscar für Hereditary bekommen?
Weil die Academy Horror nicht ernst nimmt. Weil Glenn Close in The Wife nominiert wurde und Collette nicht mal auf der Longlist stand. Ich werde darüber nicht hinwegkommen. Stefan sagt ich soll loslassen. Nein.
Gibt es eine Fortsetzung zu Hereditary?
Nein. Und tak dafür. Nicht jeder Film braucht ein Sequel. Ari Aster hat seine Geschichte erzählt. Fertig. Das respektiere ich.
Ab welchem Alter kann man Hereditary schauen?
FSK 16. Ich sage: Hängt vom Menschen ab. Ich war 37 als ich ihn gesehen habe und er hat mich fertiggemacht. Mein Bruder Mads (38, Softwareentwickler, Kopenhagen) würde nach zehn Minuten ausmachen. Det er for meget, Anke, würde er sagen. Wie immer.
Wie ist die deutsche Synchronisation?
Splendid Synchron Berlin hat das gemacht. Christin Marquitan spricht Annie und, ich sag das vorsichtig, sie kommt erstaunlich nah an Collette ran. Gerade in den emotionalen Szenen. Trotzdem: Original mit Untertiteln wenn möglich. Collettes Stimme trägt den halben Film.

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