Die Kritik
von NordNoirAm 21. Mai 2026 kommt Mother Mary in die deutschen Kinos — ein A24-Psychothriller von David Lowery, gedreht in Koeln, und ich habe seit dem Trailer ein Gefuehl im Magen das nicht mehr weggeht.
Anne Hathaway als gebrochene Popstar-Ikone. Michaela Coel als ihre Ex-Freundin und Modedesignerin. Seancen. Ein rotes Kleid. Songs von Charli XCX und Jack Antonoff. Lowery selbst sagt: es hat sich angefuehlt wie die Dreharbeiten zu Apocalypse Now. Das sagt er ueber einen Film der in Koeln-Ehrenfeld und Oberhausen entstanden ist. In meiner Stadt.
50 Drehtage in Koeln. Fuenfzig.
Ich muss das vorwegschicken, weil es mir die ganze Zeit im Kopf rumgeht. Mother Mary wurde an den MMC Studios in Koeln gedreht. Und in Oberhausen. Mit Foerderung der Film- und Medienstiftung NRW und dem DFFF. Die Koelner Produktionsfirma Augenschein hat mitproduziert — Jonas Katzenstein, Maximilian Leo, Jonathan Saubach. Das ist nicht irgendein Hollywood-Film der zufaellig in Deutschland gedreht wurde, weil die Steuervorteile stimmten. Das ist ein Film der hier gewachsen ist. Fuer mich fuehlt sich das an wie — ich weiss nicht. Als haette A24 einen Film in meinem Wohnzimmer gedreht.
Stefan meinte nur: „A24 in Koeln, na das ist doch mal was.“ Ja Stefan. Ist es. Ist es wirklich. Michaela Coel wurde zwischen den Drehtagen in Koelner Technoclubs gesehen um den Druck abzubauen. Ich frage mich welche. Wahrscheinlich Gewoelbe. Oder Odonien. Ich haette sie so gern getroffen.
Anne Hathaway ist auf dem Set zusammengebrochen. Das ist kein Marketing.
Es gibt dieses Zitat. Lowery erzaehlt es in einem Interview und man hoert wie er nach Worten sucht. Hathaway hat mitten im Dreh gestoppt und gesagt: „I have to apologize, because I think what’s going to come out of me will hurt you.“ („Ich muss mich entschuldigen, weil das was gleich aus mir rauskommt euch verletzen wird.“) Und Michaela Coel hat ihre Haende genommen und geantwortet: „I love you, I trust you.“
Gaensehaut. Jetzt gerade. Beim Tippen. Hathaway hat in einem anderen Interview gesagt: „I had to submit to being a beginner. The humility of that — showing up every day knowing you’re going to suck.“ („Ich musste mich dem Anfaengersein unterwerfen. Die Demut davon — jeden Tag aufzutauchen und zu wissen dass man schlecht sein wird.“) Die Songs von Jack Antonoff und Charli XCX existierten noch nicht als der Dreh anfing. Sie hat ohne Netz gearbeitet. Ohne fertiges Material. David Lowery hat sie als — und das ist sein Wort — „Material“ benutzt. Material das er formen konnte. Ich glaube man sieht das im Trailer. Diese Verletzlichkeit die nicht gespielt aussieht.
Der Trailer riecht nach nassem Samt und abgebrannten Kerzen.
Ich hab ihn dreimal gesehen. Beim ersten Mal: Unbehagen. Nicht Horror-Unbehagen, sondern dieses Gefuehl wenn jemand zu nah kommt und man sich nicht bewegen kann. Die Bilder sind gedaempft — Rot, Schwarz, Gold. Wie ein Gemaelde das in einem feuchten Keller haengt. Es gibt eine Szene in der Hathaway in einer Scheune tanzt. Allein. Coel sagt darueber: „That dance in the barn — it’s scary. The physicality she had to learn. That requires a lot of strength. Gallons and tons.“ („Dieser Tanz in der Scheune — das ist beaengstigend. Die Koerperlichkeit die sie lernen musste. Dafuer braucht man unglaublich viel Kraft.“)
Der Tagline ist: „This is not a ghost story.“ Und vielleicht bilde ich mir das ein, aber — genau DAS macht es unheimlicher. Weil es kein Monster gibt vor dem man weglaufen kann. Es sind zwei Frauen die einander kennen, einander verletzt haben, und jetzt in einem Raum sitzen mit einem Kleid das fertig werden muss und Wunden die es nicht werden.
Lowery vergleicht es mit Apocalypse Now. Fuer einen Film ueber eine Popstar und ein Kleid.
David Lowery hat A Ghost Story gemacht. The Green Knight. Filme die langsam sind auf eine Art die wehtut. Mother Mary scheint etwas anderes zu sein. Groesser. Chaotischer. Er nennt es „the hardest thing I’ve ever done“ und hat irgendwann waehrend der Postproduktion zugegeben: „I have been wondering, what is this movie?“ Das ist entweder brillant oder katastrophal. Bei Lowery tippe ich auf brillant.
Der Film verbindet Pop-Melodrama mit okkulten Untertönen. Es gibt Seancen. Die Erschaffung des roten Kleides wird parallel zu einer Seance erzaehlt. Und irgendwo dazwischen laeuft eine psychosexuelle Geschichte zwischen Mary und Sam die — wenn ich den Trailer richtig lese — weder romantisch noch freundschaftlich endet. Sondern irgendwo in einem Raum den man nicht benennen kann. Det var uhygge. Echte uhygge.
Charli XCX, Jack Antonoff und FKA Twigs schreiben die Songs. FKA Twigs spielt auch mit.
Das allein waere schon ein Film. Daniel Hart hat den Score komponiert — der Mann der auch Lowerys A Ghost Story vertont hat. Aber die Songs. Charli XCX und Jack Antonoff schreiben Original-Musik fuer den Film. Nicht irgendwelche Hintergrundtracks, sondern die Songs die Hathaway als Mother Mary performt. Und FKA Twigs ist nicht nur Songwriterin sondern hat eine Rolle im Film.
Wenn A24 eines kann, dann Musik in Film verweben bis man nicht mehr weiss wo das eine aufhoert und das andere anfaengt. Denkt an Moonlight. Denkt an Midsommar. Denkt an den Moment in Ex Machina wo Oscar Isaac tanzt. Mother Mary ist ein Film UEBER Musik, UEBER Performance, UEBER das was passiert wenn jemand auf einer Buehne steht und etwas gibt das nicht zurueckkommt.
Ein Cast der mich nervoes macht. Auf die gute Art.
Michaela Coel war I May Destroy You. Eine der mutigsten Serien der letzten zehn Jahre. Hier spielt sie Sam Anselm — Modedesignerin, Marys ehemalige beste Freundin und Kostuembildnerin. Die Frau die das rote Kleid baut. Und die Frau die weiss wo die Wunden sitzen.
Hunter Schafer aus Euphoria als Sams Assistentin Hilda. Sian Clifford — ja, die Schwester aus Fleabag — als Jade. Kaia Gerber. Jessica Brown Findlay. Alba Baptista. Das ist ein Cast der fast ausschliesslich aus Frauen besteht. Und wenn Lowery sagt dass die emotionale Intensitaet am Set manchmal unertraeglich war, dann glaube ich ihm. Nicht weil Frauen emotionaler waeren — sondern weil dieser spezifische Film verlangt hat dass alle Mauern fallen.
Woran mich der Trailer erinnert. Und woran nicht.
Black Swan. Das ist der offensichtliche Vergleich. Performerin am Rand des Wahnsinns. Aber Black Swan war Aronofskys Ballettalbtraum — kalkuliert bis zum letzten Frame. Mother Mary fuehlt sich — und ich sage bewusst fuehlt, nicht sieht — organischer an. Chaotischer. Wie ein Film der seinen eigenen Regisseur ueberrascht hat.
Vox Lux mit Natalie Portman kommt naeher. Pop als Trauma-Verarbeitung. Phantom Thread fuer die Beziehungsdynamik zwischen Kuenstlerin und Designerin — wer formt wen? Und dann ist da noch The Craft, wegen der okkulten Elemente. Aber keiner dieser Vergleiche trifft es ganz. Ich glaube Mother Mary wird sein eigenes Ding sein. Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht hoffe ich es nur.
R-Rated. Gut.
Ein A24-Film ueber psychosexuelle Obsession, Seancen und den Zusammenbruch einer Popstar-Ikone — der haette nicht PG-13 sein duerfen. R-Rating bedeutet dass Lowery den Raum hatte den er brauchte. Dass die Scheune-Szene so aussehen kann wie sie aussehen muss. Dass die Beziehung zwischen Mary und Sam dahin gehen kann wo sie hingehen muss.
Stefan wird mitkommen. Er findet Lowery „interessant“ was bei ihm fast ein Kompliment ist. Tom wird absagen — kein SciFi, keine Mechs, kein Interesse. Sein Verlust. Ich ueberlege ob ich Sylvia frage. Die wuerde den Film verstehen.
Wer in Mother Mary mitspielt
- Anne Hathaway als Mother Mary — eine Popstar-Ikone deren Comeback mehr freilegt als geplant
- Michaela Coel als Sam Anselm. Modedesignerin. Ehemalige beste Freundin. Die Frau mit den Scheren und den Geheimnissen.
- Hunter Schafer — Hilda, Sams Assistentin. Euphoria-Fans kennen sie. Hier ist sie kuehler.
- FKA Twigs (auch Songwriterin fuer den Film, nicht nur vor der Kamera)
- Jessica Brown Findlay als Tessa, Sian Clifford als Jade
- Kaia Gerber, Alba Baptista, Atheena Frizzell als Emily, Isaura Barbé-Brown als Kyla
Filme die in eine aehnliche Richtung gehen
- Black Swan (2010) — Aronofskys Albtraum ueber Perfektion und Wahnsinn in der Performance. Die offensichtliche Referenz.
- Vox Lux (2018) — Natalie Portman als Popstar die aus Trauma entsteht. Naeher dran als man denkt.
- Phantom Thread (2017) — Fuer die Dynamik zwischen Kuenstlerin und Designerin. Wer formt wen? Wer zerstoert wen?
- Get Out (2017) — Nicht inhaltlich aehnlich, aber A24-Nachbar im Geiste: Horror der unter der Oberflaeche lebt.
- A Ghost Story (2017) — Lowerys Meisterwerk. Wer diesen Film nicht kennt, versteht nicht woher Mother Mary kommt.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von NordNoir — eine Person, ein begründetes Urteil.
This is not a ghost story.— aus der Wertung von NordNoir
Trailer
Besetzung
FAQ zu Mother Mary: David Lowerys dunkelster A24-Film wurde in Koeln gedreht
Wann kommt Mother Mary in die deutschen Kinos?
Ist Mother Mary ein Horrorfilm?
Wurde der Film wirklich in Koeln gedreht?
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