Der Seriencheck
von LichtspielSonntagabend, 20:15 Uhr, Das Erste. Seit 1970. Mehr als 1.300 Folgen. Der Tatort ist nicht einfach eine Krimiserie — er ist ein Ritual, und ich kenne kein anderes TV-Format auf der Welt, das das von sich behaupten kann.
7,5 von 10, und bevor jemand meckert: Das ist ein Durchschnitt ueber fuenfundfuenfzig Jahre Fernsehgeschichte. Manche Folgen sind brillant. Manche sind furchtbar. Und genau das macht den Tatort aus. Eine 7,5 fuer eine Institution.
Sonntagabend. 20:15. Die Kirche der deutschen Fernsehkultur.
Mein Vater — Gott hab ihn selig, 2018 verstorben — hat keinen einzigen Sonntag verpasst. Nicht einen. Er sass in seinem Sessel in Ehrenfeld, Tee auf dem Beistelltisch, und wehe du hast vor 21:45 Uhr das Wort ergriffen. Das war heilig. Ich hab das als Teenager nicht verstanden, als Studentin belächelt, und jetzt, mit 72 Jahren auf dem Buckel, mache ich es genauso. Nur dass bei mir Rotwein statt Tee auf dem Tisch steht.
Was Gunther Witte 1970 erfunden hat, war genial in seiner Einfachheit: Jede ARD-Anstalt produziert eigene Kriminalfilme mit eigenen Ermittlern. Foederalismus als Serienkonzept. Kein anderes Land hat das je kopiert, und ich glaube, kein anderes Land koennte es.
Muenster gegen Koeln gegen Wien. Die ewige Frage.
Jeder hat einen Lieblings-Tatort. Meiner ist Koeln. Klaus J. Behrendt und Dietmar Baer als Ballauf und Schenk — ich weiss, das ist die sichere Wahl, aber nach ueber 90 Folgen zusammen haben die beiden eine Chemie, die man nicht spielen kann. Die ist echt. Stefan sagt, Muenchen mit Batic und Leitmayr sei besser. Wir streiten darueber seit fuenfzehn Jahren. Keiner gewinnt.
Muenster — Thiel und Boerne — ist der Publikumsliebling. 14 Millionen Zuschauer bei Spitzenfolgen. Das ist mehr als manche Laender Einwohner haben. Jan Josef Liefers als Professor Boerne ist brillant, aber ich habe ein Problem damit: Muenster ist Kriminalklamotte. Guter Spass, keine Frage. Aber wenn ich hoere, dass der Tatort nur noch „leichte Unterhaltung“ sei, dann liegt das an Muenster. Und das macht mich ein bisschen traurig.
Wien mit Harald Krassnitzer als Moritz Eisner — unterschaetzt. Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in Ludwigshafen — die dienstälteste Ermittlerin, seit 1989. Das sind 37 Jahre. Laenger als manche Ehe.
1.335 Folgen. Nein, ich habe nicht alle gesehen.
Wer behauptet, er haette alle Tatorte gesehen, luegt. 1.335 Folgen plus Sondersendungen, jede 90 Minuten. Das sind ueber 2.000 Stunden. 83 Tage nonstop. Ich habe vielleicht 400 gesehen, und das ist schon viel.
Aber ich erinnere mich an bestimmte Folgen wie an Filmklassiker. „Im Schmerz geboren“ aus Wiesbaden, 2014, mit Ulrich Tukur — das war kein Tatort, das war ein Kunstfilm. „Freitod“ aus Muenchen, „Borowski und die Kinder des Satans“ aus Kiel — düster, verstörend, grossartig. Der Tatort kann alles sein: Sozialdrama, Politthriller, Experimentalfilm, schwarze Komoedie. Manchmal innerhalb einer Saison.
IMDb gibt dem Tatort eine 7,0 — was fuer eine Anthologie-Reihe mit 55 Jahren Geschichte ein erstaunlich hoher Wert ist. Zum Vergleich: Die meisten Langzeit-Serien fallen nach ein paar Staffeln unter 6,0.
Was Schimanski konnte und warum niemand ihm das Wasser reicht
Goetz George als Horst Schimanski. Duisburg. 1981 bis 2013. Wenn mich jemand fragt, was den Tatort besonders macht, sage ich: Schimanski. Nicht weil er der beste Ermittler war — das ist Geschmackssache. Sondern weil er bewiesen hat, dass der Tatort mehr sein kann als Sonntagabendkrimi. Schimanski hat geflucht, getrunken, sich gepruegelt und Vorgesetzte angeschrien. 1981 war das ein Skandal. Heute wuerde man sagen: authentisch.
Goetz George starb 2016, und mit ihm ein Stueck Tatort-Geschichte. Ich hab die letzte Schimanski-Folge mit meinem Vater geschaut. Er hat danach gesagt: „Der Goetz, das war noch einer.“ Und dann hat er seinen Tee getrunken und nichts mehr gesagt. Mein Vater war nicht der Mann fuer grosse Worte.
Der Spiegel der Bundesrepublik
Was den Tatort von True Detective oder Sherlock unterscheidet: Er ist ein Zeitdokument. Jede Aera der Bundesrepublik spiegelt sich in den Tatort-Folgen wider. Die 70er waren sozialkritisch. Die 80er hatten Schimanski und Rebellion. Die 90er experimentierten. Die 2000er wurden politischer. Und heute, 2026, verhandelt der Tatort Themen wie Gentrifizierung, Rechtsextremismus, kuenstliche Intelligenz und Fluechtlingspolitik.
Das schafft keine amerikanische Krimiserie. Law and Order versucht es gelegentlich, aber dort ist das Thema immer dem Format untergeordnet. Beim Tatort ist es umgekehrt: Das Thema bestimmt die Form. Manchmal klappt das grandios. Manchmal geht es schief. Aber der Versuch ist immer da.
Stefan — mein Schwiegersohn, der eigentlich nur Thriller und Dramen guckt — hat mich mal gefragt, warum ich den Tatort so verteidige. Meine Antwort: Weil der Tatort das einzige Format ist, das die ganze Republik abbildet. Von Kiel bis Wien, von Muenster bis Ludwigshafen. Jede Region, jeder Dialekt, jede Mentalitaet. Das ist nicht Fernsehen. Das ist Foederalismus in 90 Minuten.
Die Ermittler. Ein kleiner Ausschnitt.
- Klaus J. Behrendt als Max Ballauf — Koeln, mein Favorit, seit 1997 im Dienst
- Dietmar Baer als Freddy Schenk (Koeln, Ballaufs Fels in der Brandung)
- Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl — Batic und Leitmayr, Muenchen, seit 1991. Dienstälter als manche Bundeslaender.
- Ulrike Folkerts als Lena Odenthal. Ludwigshafen. Seit 1989. Die Grand Dame.
- Axel Prahl als Frank Thiel, Muenster — der den Tatort zur Klamotte machte, und das ist nicht negativ gemeint
- Jan Josef Liefers als Prof. Karl-Friedrich Boerne. Muenster. Liefers spielt den Mann so ueber-the-top, dass es schon wieder genial ist.
- Harald Krassnitzer als Moritz Eisner, Wien — oesterreichische Melancholie in Reinform
- Joe Bausch als Dr. Joseph Roth, Koeln. Der Rechtsmediziner der im echten Leben Gefaengnisarzt war. Das kann man nicht erfinden.
Warum der Tatort nicht sterben wird
Jedes Jahr sagen Kritiker, der Tatort sei am Ende. Zu alt. Zu langsam. Zu deutsch. Und jedes Jahr schauen zwischen 7 und 14 Millionen Menschen zu. Der Tatort ueberlebt, weil er sich staendig neu erfindet — neue Ermittler, neue Staedte, neue Themen. Koeln hat 2024 nach 27 Jahren aufgehoert, und sofort kamen neue Teams nach. Das Format lebt, weil es kein Format im klassischen Sinne ist. Es ist ein Rahmen, und innerhalb dieses Rahmens ist fast alles moeglich.
Meine Enkelin — 16, Generation TikTok — hat mich letztens gefragt, ob der Tatort „noch relevant“ sei. Ich habe ihr die Muenster-Folge „Fangschuss“ gezeigt. Danach wollte sie die naechste sehen. Relevanz ist keine Frage des Alters. Es ist eine Frage der Geschichte, die man erzaehlt.
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von Lichtspiel — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Foederalismus als Serienkonzept
- 55 Jahre Zeitdokument
- Ermittler-Vielfalt
- Thematische Bandbreite
Dagegen
- Qualitaetsschwankungen
- Manchmal zu konservativ
- Experimentierfreude nicht immer belohnt
Ein Tatort-Abend ist wie ein Sonntagsgottesdienst — nur mit besserer Dramaturgie.— aus der Wertung von Lichtspiel
Wer streamt Tatort?
Verfügbarkeit DEStand 09.08.2026: Tatort läuft im Abo bei Prime Video – mit deutscher Synchronfassung. Leihen oder Kaufen geht ab 4,99 €.
Verfügbarkeit Deutschland · Stand 09.08.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne Gewähr, keine bezahlte Kooperation.
Staffeln & Folgen
aus der WatchGuide-DatenbankS1Staffel 1· 2 Folgen · ab Nov. 1970▾
S2Staffel 2· 11 Folgen · ab Jan. 1971▾
S3Staffel 3· 11 Folgen · ab Jan. 1972▾
S4Staffel 4· 11 Folgen · ab Jan. 1973▾
S5Staffel 5· 11 Folgen · ab Jan. 1974▾
S6Staffel 6· 12 Folgen · ab Jan. 1975▾
S7Staffel 7· 11 Folgen · ab Jan. 1976▾
S8Staffel 8· 13 Folgen · ab Jan. 1977▾
Schnelle Antworten
Antworten Schnelle Antworten zu Tatort
Wo kann ich Tatort streamen?
Tatort läuft aktuell im Abo bei Prime Video; zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+ und Amazon. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Wie viele Staffeln hat Tatort?
Tatort umfasst 57 Staffeln mit insgesamt 1338 Episoden. Produktionsstatus: Returning Series.
Lohnt sich Tatort?
Unsere Redaktion vergibt Tatort einen Watcher-Score von 7,5 von 10. Fuenfundfünfzig Jahre. Mehr als 1.300 Folgen. Und jeden Sonntag schauen Millionen zu. Der Tatort ist nicht die beste Krimiserie der Welt — dafür schwankt die Qualitaet zu stark. Aber er ist die wichtigste deutsche Fernsehserie aller Zeiten, und ich sage das ohne Übertreibung. Mein Vater hat keinen verpasst. Ich verpasse auch keinen. Und wenn meine Enkelin mich in zwanzig Jahren fragt, was deutscher Foederalismus bedeutet, zeige ich ihr einen Tatort. 7,5 für den Durchschnitt. 10 für die Institution.
Für wen ist Tatort geeignet?
Tatort ist vor allem etwas für Drama und Krimi-Fans und alle, die solide Genre-Unterhaltung suchen.
FAQ zu Tatort: 55 Jahre deutsches Sonntagsritual
Wie viele Tatort-Folgen gibt es?
Welcher Tatort ist der beste?
Muss man den Tatort chronologisch schauen?
Ist der Tatort nur fuer aeltere Zuschauer?
Warum gibt es keinen Tatort im Sommer?
Wo kann man alte Tatort-Folgen sehen?
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