Die Kritik
von NordNoirEine Familie wird 1630 aus einer Siedlung in Neuengland verbannt, baut sich eine Kate an den Rand eines Waldes und verliert dort innerhalb weniger Wochen das Baby, die Ernte und jede Fähigkeit, einander zu glauben. Robert Eggers hat daraus keinen Schockfilm gemacht, sondern 92 Minuten, in denen fast nichts passiert und man trotzdem die ganze Zeit angespannt sitzt. Das amerikanische Kinopublikum hat ihn dafür 2016 abgestraft, die Kritik hat ihn gefeiert, und beide hatten aus ihrer Sicht recht. Ich halte ihn für den Film, der das Folk-Horror-Jahrzehnt eröffnet hat.
Der Wald steht schon da, bevor irgendetwas passiert
Die erste Einstellung, die im Kopf bleibt, ist keine Szene, sondern eine Wand aus Bäumen, auf die die Kamera einfach hält, während die Familie ihre Karre abstellt. Der Film sagt in dieser Minute alles, was er über den Rest der Laufzeit zu sagen hat, und er sagt es ohne eine einzige Figur im Bild.
Eggers arbeitet mit einer Geduld, die im Horrorkino der Zwanzigerjahre danach zur Mode wurde und 2016 noch ungewohnt war. Er lässt Einstellungen stehen, bis der Wind die Baumkronen bewegt, und er schneidet erst dann weg, wenn man selbst angefangen hat, den Bildrand nach etwas abzusuchen. Dieses Absuchen ist die eigentliche Arbeit, die der Film dem Zuschauer überträgt, und wer sie nicht macht, sitzt neunzig Minuten vor einem langsamen Historiendrama über eine unglückliche Familie. Wer sie macht, sitzt in einem der unangenehmsten Filme des Jahrzehnts. Der Unterschied liegt nicht im Film, sondern darin, ob man bereit ist, ihm die Aufmerksamkeit zu geben, die er verlangt, ohne dafür in den ersten zwanzig Minuten belohnt zu werden.
Was mich beim Wiedersehen am meisten beschäftigt hat, ist wie wenig der Wald tatsächlich zeigt. Es gibt zwei, drei Momente, in denen der Film explizit wird, und die sind hart genug, dass sie ihre FSK 16 verdienen. Den Rest der Zeit besteht die Bedrohung aus Entfernung und aus dem Umstand, dass die Kamera nie hineingeht, wenn eine Figur hineingeht. Man bleibt draußen und wartet, und das ist genau das Verfahren, das It Follows im selben Zeitraum aus der anderen Richtung betrieben hat.
Was das Publikum 2016 mit diesem Film gemacht hat
Der Riss zwischen Kritik und Kinosaal ist bei The Witch größer als bei fast jedem anderen Horrorfilm des Jahrzehnts, und er ist keine Behauptung, sondern belegt. Metacritic weist einen Metascore von 84 aus, Rotten Tomatoes 91 Prozent zustimmende Kritiken. Das US-Kinopublikum vergab dem Film bei CinemaScore die Note C−, und PostTrak notierte 55 Prozent positive Wertungen bei 41 Prozent klarer Weiterempfehlung.
Diese Zahlen sind der ehrlichste Hinweis, den ich einem Leser geben kann, und deshalb stehen sie hier oben statt in einer Fußnote. Ein C− ist im amerikanischen Kinobetrieb eine Ohrfeige, und sie kam nicht von Leuten mit schlechtem Geschmack, sondern von Leuten, denen ein Trailer etwas anderes versprochen hatte. Der Trailer verkaufte einen Hexenfilm mit Schreckmomenten, geliefert wurde ein Kammerspiel über religiöse Paranoia, in dem die längste Zeit über niemand weiß, ob überhaupt etwas Übernatürliches vorgeht. Wer mit der falschen Erwartung hineingeht, sitzt anderthalb Stunden auf dem Trockenen, und ich nehme es niemandem übel, der danach C− vergibt.
Auch die Publikumsnoten, die heute noch messbar sind, tragen den Riss weiter: Bei IMDb steht der Film auf 7,0, der Metacritic-User-Score liegt bei 7,4, während die Kritikerseite mit 84 und 91 Prozent auf einem ganz anderen Niveau liegt. Bei Hereditary hat sich zwei Jahre später fast dieselbe Szene wiederholt, was mich zu der Vermutung bringt, dass nicht die Filme das Problem sind, sondern wie sie beworben werden.
Eggers dreht bei Kerzenlicht, und man sieht es in jeder Innenaufnahme
Die Innenräume dieses Films sind dunkler, als moderne Sehgewohnheiten es zulassen, und das ist eine bewusste Entscheidung. Eggers hat sein Verfahren so beschrieben, dass mit natürlichem Licht gearbeitet wurde und drinnen die einzige Lichtquelle Kerzen waren.
Man merkt das nicht daran, dass es hübsch aussieht, sondern daran, wie sich Gesichter verhalten. Eine Kerze auf Tischhöhe wirft Schatten nach oben, deshalb liegen bei den Abendszenen die Augenhöhlen im Dunkeln und die Stirn im Licht, und ein Gesicht, dessen Augen man nicht liest, wird automatisch unheimlich, ohne dass jemand etwas Unheimliches tun muss. Das ist der Grund, warum die Tischgebete in diesem Film schwerer auszuhalten sind als die Waldszenen. Der Preis dafür ist real: Auf einem hellen Fernseher am Nachmittag verliert man ganze Bildbereiche, und der Film wird von einem Erlebnis zu einer Zumutung. Wenn du ihn nachholst, dann abends und ohne Licht im Rücken, sonst hättest du es lassen können.
Dazu kommt die Sprache. Die Dialoge sind in einem archaischen Englisch gehalten, das auch Muttersprachler stellenweise nicht sofort mitnehmen, und die deutsche Fassung glättet das zwangsläufig ein Stück. Wer die Wahl hat, sieht das Original mit Untertiteln, weil der Tonfall der Figuren zur Textur dieses Films gehört und nicht zur Ausstattung.
Korven durfte keine einzige Melodie schreiben
Die Musik von Mark Korven ist der Teil, über den ich am längsten nachgedacht habe, und sie funktioniert nach einer Regel, die man kennen sollte: Eggers hat elektronische Instrumente verboten und wollte im Score weder herkömmliche Harmonie noch Melodie. Korven hat deshalb zu ungewöhnlichem Gerät gegriffen, unter anderem zur Nyckelharpa und zum Waterphone.
Das Ergebnis ist Musik, die man nicht mitsummen kann und die deshalb auch nicht als Ansage funktioniert. In den meisten Horrorfilmen erfährt man über den Ton, dass gleich etwas passiert, und diese Ansage ist zugleich eine Entwarnung für alle Momente ohne Musik. The Witch nimmt einem beides weg. Der Ton besteht aus gestrichenen Saiten, aus Chorstimmen, die nicht zusammenfinden, und aus einer Dauerpräsenz von Wind und Vieh, die keinen Unterschied zwischen sicheren und unsicheren Momenten macht. Wer wie ich vor allem auf Ton achtet, bekommt hier eine der konsequentesten Arbeiten des Jahrzehnts. Eggers hat das Prinzip in Nosferatu später wiederholt, dort allerdings mit deutlich mehr Orchester und entsprechend weniger Härte.
- Anya Taylor-Joy spielt Thomasin und trägt den Film in ihrer ersten Hauptrolle, lange bevor sie ein Name war. Sie hält die Figur die ganze Zeit über in der Schwebe zwischen Opfer und jemandem, der langsam merkt, dass ihm die Rolle des Opfers nichts einbringt.
- Ralph Ineson gibt den Vater William mit einer Stimme, die klingt, als käme sie aus dem Boden, und mit einer Frömmigkeit, die vor allem Unfähigkeit kaschiert. Er ist die tragischste Figur des Films, weil er es wirklich versucht.
- Kate Dickie ist Katherine, die Mutter, und sie bekommt die undankbarste Aufgabe: Ihre Trauer kippt in Verdacht, und der Film erlaubt ihr keinen einzigen versöhnlichen Moment.
- Harvey Scrimshaw als Caleb hat die körperlich anstrengendste Szene des Films, und dass ein Vierzehnjähriger sie ohne einen falschen Ton hinbekommt, ist bis heute bemerkenswert.
Der Ziegenbock ist die einzige Figur, die nicht heuchelt
Black Phillip steht die meiste Zeit am Bildrand herum und ist trotzdem der Grund, warum dieser Film ein Nachleben im Internet bekommen hat. Er tut nichts, was ein Ziegenbock nicht täte, bis er es tut, und der Umschlag kommt so spät, dass er nicht mehr wie ein Twist wirkt, sondern wie eine Bestätigung.
Was die letzten fünf Minuten für mich so gut machen, ist ihre Konsequenz. Die Familie hat sich zu diesem Zeitpunkt selbst aufgerieben, und zwar an Verdacht, an Hunger und an einer Religiosität, die für jedes Unglück eine Schuldige braucht. Der Film verweigert die Auflösung, die das Publikum an dieser Stelle gewohnt ist, und bietet stattdessen etwas an, das man schwer anders als Befreiung lesen kann, obwohl es das Schlimmstmögliche ist. Diese Doppeldeutigkeit auszuhalten, ohne sie in einem Nachsatz zu erklären, trauen sich wenige Filme. Midsommar hat drei Jahre später denselben Schluss gesucht und ihn deutlich lauter serviert.
Was mich an The Witch bis heute stört
Zwei Dinge, und beide gehören in eine ehrliche Empfehlung. Das erste ist die Mittelstrecke: Zwischen dem Verschwinden des Babys und der Szene mit Caleb gibt es eine Phase von gut zwanzig Minuten, in der der Film seine Beobachtungen wiederholt, statt sie weiterzutreiben.
Die Zwillinge Mercy und Jonas sind das zweite. Sie sollen die Paranoia der Familie anheizen, und über weite Strecken tun sie es auch, aber ihr Verhalten bleibt so gleichförmig quengelig, dass sie eher als Werkzeug des Drehbuchs wirken denn als Kinder. Bei einem Film, der sonst jede Figur ernst nimmt und sich für jede Zeit lässt, fällt das auf. Das kostet ihn bei mir die Punkte zwischen einer hohen und einer sehr hohen Wertung, und ich sage das ausdrücklich als jemand, der ansonsten kaum etwas an ihm auszusetzen hat.
Nicht anrechnen werde ich ihm dagegen die Vorwürfe, die ihm damals am häufigsten gemacht wurden, nämlich dass zu wenig passiert und dass man zu wenig sieht. Das ist keine Schwäche, sondern die Bauart, und wer sie ablehnt, lehnt den Film ab. Wer einen Einstieg in diese Art von Horror sucht und mit langsam nicht viel anfangen kann, fährt mit der Nacht der lebenden Toten besser, die bei ähnlich karger Machart deutlich direkter zupackt.
Wo der Film heute steht, gemessen statt behauptet
Bei einem Budget von vier Millionen Dollar hat The Witch weltweit gut 40 Millionen eingespielt, und damit war er für sein Studio der Beweis, dass sich genau diese Art Horror rechnet. Was danach kam, ist bekannt, und ohne diesen Film sähe das Genre der vergangenen zehn Jahre anders aus.
Wichtiger als die Zahlen ist, was aus dem Regisseur wurde. Eggers hat mit Der Leuchtturm und mit seiner Nosferatu-Fassung eine Handschrift durchgezogen, die hier ihren Anfang nimmt: historische Genauigkeit als Horrormittel, nicht als Ausstattungsfrage. Nebenbei zwei Kleinigkeiten, die uns beim Bau dieser Seite aufgefallen sind und die im Netz falsch herumgeistern: TMDB führt den Film mit 90 Minuten, die tatsächliche Laufzeit beträgt 92. Und als Erscheinungsjahr steht je nach Datenbank 2015 oder 2016, weil der Film 2015 fertig wurde und erst am 19. Februar 2016 in die amerikanischen Kinos kam. In Deutschland lief er ab dem 19. Mai 2016, mit einer FSK-16-Freigabe und damit drei Monate nach dem US-Start.
Externe Quellen
Bewertung
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungDafür
- Der Ton verweigert jede Ansage und nimmt damit auch jede Entwarnung
- Innen nur Kerzenlicht, dadurch werden schon Tischgebete unangenehm
- Anya Taylor-Joy hält die Figur die ganze Laufzeit in der Schwebe
- Das Ende bleibt doppeldeutig und wird nicht nacherklärt
Dagegen
- Die Mittelstrecke wiederholt gut zwanzig Minuten lang ihre eigenen Beobachtungen
- Die Zwillinge bleiben Werkzeug des Drehbuchs statt Figuren
Der Film zeigt fast nichts und hält einen trotzdem neunzig Minuten lang fest. Das C- des Kinopublikums ist kein Fehlurteil, es ist die Quittung für einen falschen Trailer.— aus der Wertung von NordNoir
Wer streamt The Witch?
Verfügbarkeit DEStand 17.08.2026: The Witch ist derzeit in keinem Streaming-Abo enthalten.
Verfügbarkeit Deutschland · Stand 17.08.2026 · Streaming-Daten: JustWatch (via TMDB) · Detaildaten: Movie of the Night · ohne Gewähr, keine bezahlte Kooperation.
Schnelle Antworten
Antworten Schnelle Antworten zu The Witch
Wo kann ich The Witch streamen?
The Witch gibt es zum Leihen oder Kaufen bei Apple TV+, Amazon, Google Play, YouTube, maxdome, MagentaTV, Videoload und freenet Video. Stand August 2026, Angaben für Deutschland ohne Gewähr.
Ab welchem Alter ist The Witch freigegeben?
The Witch ist in Deutschland ab FSK 16 freigegeben. Für jüngere Zuschauer ist den Film damit nicht freigegeben.
Wie lange dauert The Witch?
The Witch hat eine Laufzeit von rund 92 Minuten (1 Stunde und 32 Minuten).
Lohnt sich The Witch?
Unsere Redaktion vergibt The Witch einen Watcher-Score von 8,7 von 10. Das ist eine klare Empfehlung, besonders für Horror-Fans.
Für wen ist The Witch geeignet?
The Witch ist vor allem etwas für Horror und Drama-Fans und alle, die herausragende Filme suchen. Wegen der Freigabe ab FSK 16 ist den Film nichts für jüngere Zuschauer.
Trailer
Besetzung
FAQ zu The Witch: Wenn nichts passiert und trotzdem alles kippt
Ist The Witch ein Film mit Jumpscares?
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