Die Kritik
von NordNoirAm 13. August 2026 bringt Plaion Pictures „Exit 8“ in die deutschen Kinos, und ich habe seit Wochen ein flaues Gefühl bei diesem Film.
95 Minuten in einem U-Bahn-Gang, der nicht aufhört. Kein Monster, kein Blut, FSK 12. Ich weiß noch nicht, ob mich das kaputtmacht oder langweilt. Genau deshalb gehe ich hin.
Ein Gang. Der Gang hört nicht auf.
Ein Mann steht in einem sterilen japanischen Unterführungsgang und kommt nicht raus. Die Regel ist simpel: Fällt dir eine Abweichung auf, dreh um. Fällt dir keine auf, geh weiter. Ein Fehler, und du stehst wieder am Anfang. 95 Minuten lang, ab 13. August im Kino.
Das ist die ganze Prämisse. Kein zweiter Handlungsstrang, keine Rückblende in eine Kleinstadt, kein Priester, der um zwei Uhr nachts erklärt, was hier eigentlich spukt. Ich habe mir den deutschen Trailer inzwischen dreimal angesehen und beim dritten Mal angefangen, im Hintergrund die Kacheln zu zählen, weil ich wissen wollte, ob sich zwischen zwei Einstellungen etwas verändert. Es hat sich etwas verändert. Ich bin mir zu neunzig Prozent sicher.
Diese Art von Unbehagen mag ich. Es ist dasselbe, was mich an Barbarian gepackt hat, wo ein Kellergang länger wird als das Haus darüber. Räume, die nicht stimmen, arbeiten bei mir viel länger nach als jeder Schockmoment.
Kotake Create hat 2023 ein Spiel gebaut, das in zwanzig Minuten durch ist
Die Vorlage heißt „The Exit 8“, erschien 2023 vom japanischen Entwickler Kotake Create und ist ein Kurzspiel: acht Anomalien erkennen, dann bist du draußen. Geübte Spieler schaffen das in einer knappen halben Stunde. Aus dieser Idee einen abendfüllenden Film zu bauen, ist ein ziemliches Risiko.
Ich habe das Spiel bei einer Freundin auf dem Rechner gesehen, an einem Abend, an dem eigentlich was anderes geplant war. Wir haben zu zweit vor dem Bildschirm gesessen und uns gestritten, ob das Plakat an der Wand vorhin schon so hing. Zwanzig Minuten später waren wir immer noch nicht durch, weil wir aus lauter Vorsicht ständig umgedreht sind.
Genau da liegt für mich die spannende Frage bei der Verfilmung. Im Spiel schaust du selbst, du bist paranoid, weil du die Verantwortung trägst. Im Kino schaut jemand anderes für dich hin. Wenn Regisseur Genki Kawamura diese Paranoia nicht auf den Zuschauersessel überträgt, bleibt ein sehr schöner, sehr leerer Gang übrig.
Der Mann, der „Your Name.“ produziert hat, dreht jetzt so etwas
Genki Kawamura hat 2016 „Your Name.“ produziert und 2023 „Suzume“, zwei der erfolgreichsten Anime-Filme überhaupt. Nebenbei ist er Romanautor, „Wenn Katzen von der Welt verschwänden“ stammt von ihm. Bei „Exit 8“ führt er Regie, schrieb das Drehbuch mit und produzierte selbst.
Das hat mich zuerst irritiert. Kawamura kommt aus dem großen Gefühlskino, aus Filmen, bei denen im Saal geschluchzt wird. Und jetzt ein Kammerspiel in Leuchtstoffröhrenlicht. Bei zweitem Nachdenken passt es besser, als es klingt: Beide Sachen leben davon, dass eine sehr einfache Regel eingehalten wird, bis sie wehtut.
An der Kamera steht Keisuke Imamura. Bei einem Film, der komplett aus einem einzigen wiederholten Raum besteht, ist der Kameramann eigentlich der zweite Hauptdarsteller. Ich achte im Kino auf genau eine Sache: ob die Wiederholungen minimal anders gefilmt sind oder wirklich identisch. Beides wäre eine Entscheidung, und ich hätte gern, dass sie eine getroffen haben.
Vier Leute, ein Gang, sehr wenig Text
- Kazunari Ninomiya spielt den „Lost Man“, den Mann im Gang. Der Film hängt an ihm, weil sonst kaum jemand da ist.
- Yamato Kôchi als „Walking Man“ — der Typ, der einem im Trailer entgegenkommt und dabei falsch aussieht, ohne dass man sagen könnte, warum.
- Nana Komatsu als die Frau an seiner Seite. Ihre Rolle ist in der Ankündigung bewusst vage gehalten, und ich habe nicht vor, dem Film das kaputtzuraten.
- Naru Asanuma als Junge. Kinder in engen Räumen sind im Horror entweder das Beste oder das Schlimmste. Dazwischen gibt es wenig.
- Regie, Drehbuch und Produktion: Genki Kawamura. Kamera: Keisuke Imamura.
1,4 Millionen Dollar rein, 5,2 Milliarden Yen raus
Die Produktion kostete laut TMDB rund 1,4 Millionen Dollar. In Japan spielte der Film ab dem 29. August 2025 etwa 5,2 Milliarden Yen ein, also grob 44 Millionen Dollar. Das ist ungefähr das Einunddreißigfache des Einsatzes, und es erklärt, warum er ein Jahr später doch noch bei uns startet.
Solche Zahlen finde ich bei Horror immer aufschlussreicher als bei anderen Genres. Ein Gang, vier Leute und ein Kameramann kosten fast nichts. Wenn dieser Film funktioniert, dann nicht wegen des Geldes, sondern weil jemand eine Idee lange genug ausgehalten hat.
Bei uns lief er übrigens schon einmal: am 7. September 2025 auf dem Fantasy Filmfest. Ich war nicht da, und ich ärgere mich seitdem darüber. Zwischen Festivalrunde und regulärem Kinostart liegen jetzt elf Monate, in denen ich Spoilern ausgewichen bin wie einem Ex-Freund im Supermarkt.
Neunzig Minuten Wiederholung können auch einfach nerven
Meine Sorge ist konkret. Ein Loop-Film lebt davon, dass sich die Regeln unter dir verschieben, während du glaubst, sie verstanden zu haben. Wenn „Exit 8“ dagegen achtmal dasselbe zeigt und beim neunten Mal ein lautes Geräusch dazupackt, sitze ich nach 40 Minuten mit verschränkten Armen da.
Auf TMDB steht der Film bei 7,0 aus 655 Stimmen. Das ist ein guter Wert, aber kein euphorischer, und ich lese daraus vorsichtig, dass es Leute gibt, denen genau das passiert ist. Videospielverfilmungen haben diese Krankheit häufig: Sie übersetzen die Mechanik, aber nicht das Gefühl, das die Mechanik erzeugt hat. Return to Silent Hill kämpft mit demselben Problem, und beim kommenden Resident Evil von Zach Cregger wird man dieselbe Frage stellen.
Das Thema liegt gerade sowieso in der Luft. Backrooms macht im Kern dasselbe: leere Räume, die einen nicht rauslassen. Zwei Filme über dieselbe Angst im selben Jahr. Ich hoffe, sie lösen es unterschiedlich.
Cannes um Mitternacht, und ich saß nicht drin
Weltpremiere war am 19. Mai 2025 bei den Filmfestspielen in Cannes, in der Sektion Midnight Screenings. Dort landen die Filme, die man um Mitternacht mit 2.000 übermüdeten Leuten sehen soll. Für einen japanischen Genrefilm nach einer Indie-Spielvorlage ist das eine erstaunliche Adelung.
Mich macht das optimistischer als alles andere. Die Midnight-Auswahl in Cannes nimmt selten etwas, das nur eine nette Idee ist. Sie nimmt Sachen, die im Saal etwas mit den Leuten machen, und zwar sofort.
Wer davor noch japanischen Horror nachholen will: Ring ist immer noch der Maßstab dafür, wie man mit einem alltäglichen Gegenstand ein ganzes Land verstört. Wer eher in Richtung asiatisches Genrekino allgemein sucht, findet bei den Empfehlungen für Parasite-Fans genug für zwei Wochenenden. Und der Horror-Bereich hier sortiert das Ganze nach Stimmungslage, was bei Horror sinnvoller ist als nach Jahrzehnt. Weitere Starts sammeln sich in den Horrorfilmen.
Mehr Produktionsdaten und die komplette Festivalhistorie stehen im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zum Film.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von NordNoir — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Räume die nicht stimmen sind meine Lieblingsangst
- Cannes-Midnight-Auswahl nimmt selten reine Ideen
- Kein Blut kein Monster nur Unbehagen
- Kawamura hat mit Your Name bewiesen dass er Geduld hat
Dagegen
- Aus zwanzig Minuten Spiel werden 95 Minuten Film
- Loop-Filme kippen schnell von unheimlich in nervig
- Videospielverfilmungen übersetzen oft die Mechanik statt das Gefühl
Ich will 95 Minuten lang die Kacheln zählen und danach nicht mehr in die Unterführung wollen.— aus der Wertung von NordNoir
Trailer
Besetzung
FAQ zu Exit 8: 95 Minuten in einem U-Bahn-Gang, aus dem es kein Zurück gibt
Wann läuft Exit 8 in Deutschland im Kino?
Muss ich das Spiel kennen, um den Film zu verstehen?
Wie gruselig ist das für jemanden, der Jump Scares hasst?
Wer spielt die Hauptrolle in Exit 8?
Ist Exit 8 wirklich in Cannes gelaufen?
Wie viel hat der Film eingespielt?
Der Saal
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