Die Kritik
von NordNoirForbidden Fruits kommt am 30. Juli 2026 in die deutschen Kinos, und ich sitze seit Wochen zwischen zwei Gefühlen: Der Film hat eine Kamerahandschrift, für die ich sofort ins Kino renne, und ein Genre-Etikett, bei dem ich instinktiv zurückzucke.
Ein Hexenzirkel im Keller eines Kaufhauses, gespielt von Frauen, die nach Obstsorten heißen. Das kann große, giftige Klasse werden. Es kann auch in albernem Kostüm-Klamauk versanden.
Karim Hussain filmt das hier. Das allein ist die Karte wert.
An der Kamera steht Karim Hussain, und für mich ist das die wichtigste Zeile im ganzen Abspann. Hussain hat „Infinity Pool“ und „Gen V“ fotografiert, arbeitet regelmäßig mit Brandon Cronenberg und gehört zu den wenigen Leuten im Genre, die Licht wie eine Bedrohung einsetzen. Wo er draufhält, wird Raum unangenehm.
Das ist bei diesem Stoff mehr als Kosmetik. Ein Kaufhaus nach Ladenschluss hat von sich aus eine kranke Energie: Leuchtstoffröhren, die zu hell sind, Rolltreppen, die ins Nichts laufen, und diese Stille, die in Räumen entsteht, die eigentlich für hundert Menschen gebaut wurden. Wenn Hussain das ernst nimmt, muss dieser Film gar keine Monster auffahren. Der Keller macht die Arbeit.
Dazu kommt Anna Drubich an der Musik, und auch das ist kein Zufallsgriff. Drubich hat „Barbarian“ vertont und „Fear Street: 1994″, also zweimal Horror, der genau weiß, wann er den Boden unter den Füßen wegzieht. Waxwork Records bringt ihren Score zum Film auf Platte, was in meiner Welt ein Qualitätssiegel für sich ist. Die handwerkliche Mannschaft hinter der Kamera stimmt also. Das ist bei einem Regiedebüt keine Selbstverständlichkeit.
Diablo Cody produziert. Und ich weiß nicht, ob mich das beruhigt.
Produziert wird Forbidden Fruits von Diablo Cody, die 2008 den Drehbuch-Oscar für „Juno“ gewann und ein Jahr später „Jennifer’s Body“ schrieb. Genau dieser zweite Titel ist der Grund, warum ich bei dieser Personalie hellhörig werde: ein Horrorfilm über weibliche Freundschaft, der seinerzeit verrissen wurde und heute als Kultfilm gilt.
Cody schreibt Frauen, die schnell und gemein reden, und sie hat ein Faible für Genre-Stoffe, die sich nicht entscheiden wollen, ob sie lustig oder grausam sind. Bei „Jennifer’s Body“ hat genau diese Unentschiedenheit den Film 2009 an der Kinokasse zerlegt, bevor eine zweite Generation ihn ausgegraben und richtig gelesen hat. Ich habe eine Weile gebraucht, um den Film zu mögen, und mag ihn heute sehr.
Meine Sorge ist trotzdem da. Wenn ein Film über einen Hexenzirkel im Kaufhaus vor allem pointierte Dialoge liefert, verpufft die Stimmung. Ich will keinen Film, der mir alle zwei Minuten zublinzelt. Ich will einen, bei dem nach dreißig Minuten die Luft anders hängt.
Ein Theaterstück mit einem Titel, den keiner aussprechen will
Die Vorlage ist ein Bühnenstück von Lily Houghton mit dem sperrigen Namen „Of the Women Came the Beginning of Sin, and Through Her We All Die“. Houghton hat das Drehbuch gemeinsam mit Regisseurin Meredith Alloway geschrieben, für die Forbidden Fruits das Spielfilmdebüt ist. Gedreht wurde im März und April 2025 in Toronto.
Dass hier ein Theatertext dahintersteckt, erklärt einiges an der Anlage. Ein einziger Schauplatz, eine geschlossene Gruppe, Figuren, die sich aneinander abarbeiten, bis jemand kippt. Das ist Kammerspiel-Bauart, und Kammerspiele sind im Horror historisch die verlässlichste Bauform überhaupt. Sie brauchen kein Budget, sie brauchen Timing.
Der Titel des Stücks verrät außerdem die Stoßrichtung: eine sehr alte, sehr christliche Schuldzuweisung an Frauen, hier zurückgegeben als Verwandlungsstoff. Wenn der Film diesen Gedanken ernst durchzieht, hat er einen echten Kern. Wenn er ihn nur als Aufhänger für Blut und Sprüche benutzt, wird es dünn. Meine Erfahrung mit Folk-Horror-Motiven im Mainstream ist gemischt, aber die guten Beispiele wie Midsommar zeigen, wie viel Gift in so einem Stoff steckt, wenn jemand ihn ernst nimmt.
Sechs Frauen, benannt nach Obst
Die Besetzung ist der zweite Grund, warum ich diesen Film auf dem Zettel habe. Lili Reinhart führt als Apple den Zirkel an, und um sie herum steht ein Ensemble, das im Genre nicht bloß Gastspiele gibt.
- Lili Reinhart als Apple, die Anführerin, die nach Ladenschluss den Keller aufschließt
- Victoria Pedretti spielt Cherry, und Pedretti ist für mich die interessanteste Person im Aufgebot, seit sie bei Mike Flanagan in Hill House und Bly Manor gezeigt hat, wie man Angst spielt, ohne zu schreien
- Lola Tung gibt Pumpkin, die Neue, an der sich der ganze Konflikt entzündet
- Alexandra Shipp als Fig
- Emma Chamberlain spielt Pickle. Ja, die YouTuberin. Ich gehe da ergebnisoffen rein, aber es ist ein Risiko
- Gabrielle Union übernimmt die Rolle der Sharon und bringt die Erwachsenen-Instanz ins Bild
Pedrettis Anwesenheit ist mein stärkstes Argument für diesen Film. Sie hat bei Flanagan zwei Serien getragen, in denen Trauer und Grusel dasselbe sind, und sie kann eine Szene halten, ohne dass etwas passiert. Genau diese Fähigkeit braucht ein Kammerspiel im Kellergeschoss.
75 Prozent bei den Kritikern, 56 bei Metacritic. Das passt nicht zusammen.
Die internationale Kritik hat längst geurteilt, denn in den USA lief der Film bereits am 27. März 2026 an. Bei Rotten Tomatoes stehen 75 Prozent bei 88 Kritiken, das Publikum liegt bei 72 Prozent. Bei Metacritic dagegen nur 56 von 100 aus 9 Rezensionen.
Diese Schere lese ich als Warnsignal und als Versprechen zugleich. Rotten Tomatoes zählt nur, ob eine Kritik überwiegend positiv war, Metacritic gewichtet die Tonlage. Ein Film, der bei der einen Zählweise gut wegkommt und bei der anderen mittelmäßig, ist meistens einer, den viele sympathisch fanden und wenige großartig. Bei 103 Minuten Laufzeit ist das verkraftbar.
Der Konsens der Kritiker beschreibt den Film als „campy coven“, also als Hexenzirkel mit Hang zum Trash-Charme. Für mich ist genau das Wort „campy“ die rote Fahne. Camp und Cosmic Dread vertragen sich schlecht, und ich gehöre eindeutig zur zweiten Fraktion. Das weltweite Einspielergebnis von rund 1,77 Millionen Dollar zeigt außerdem, dass dieser Film im Kino nie ein Massenphänomen war.
Warum wir vier Monate später dran sind als die USA
Bemerkenswert ist der Weg, den dieser Film genommen hat. Weltpremiere war am 16. März 2026 beim South-by-Southwest-Festival in Austin, elf Tage später lief er in den US-Kinos, ab 28. April gab es ihn dort digital, und seit dem 26. Juni steht er in den USA bei Shudder und AMC+ im Abo.
Bei uns startet er erst jetzt, am 30. Juli, im Kino, verliehen von Universal Pictures International Germany, freigegeben ab 16 Jahren. Die deutsche Heimkino-Auswertung folgt am 14. September 2026. Ein Film, der anderswo schon im Streaming-Abo liegt, bekommt hier also noch eine reguläre Leinwandauswertung.
Das ist ungewöhnlich und spricht dafür, dass jemand bei Universal an das Kinopublikum für diesen Stoff glaubt. Für mich als Zuschauerin ist es schlicht die bessere Reihenfolge: Ein Film, der von Licht und Raum lebt, gehört auf eine Leinwand, bevor er im Wohnzimmer kleingemacht wird. Sechs Wochen Vorsprung vor der Konserve sind ein fairer Deal.
Womit du dich bis Donnerstag einstimmst
Wer sich auf giftige Frauenzirkel vorbereiten will, hat bei uns reichlich Material. Der naheliegendste Nachbar ist The Substance, weil er denselben Zorn über Körper und Erwartungen in Horror übersetzt, nur deutlich brutaler.
Für die freundlichere Hexen-Variante gibt es Practical Magic 2, und wer bei Ritualen und Kult-Logik lieber leidet als lacht, bleibt bei Midsommar. Wenn du wissen willst, wie weit sich ein Kult-Film treiben lässt, ohne die Regeln zu brechen, lies unsere Aufschlüsselung zu Hereditary und seinem Ende. Und wer einfach nachlegen will, findet die ganze Bandbreite in unserer Übersicht der besten Horrorfilme sowie im Bereich Horrorfilme.
Das Urteil
Watcher-Score · redaktionelle EinzelwertungBewertet von NordNoir — eine Person, ein begründetes Urteil.
Dafür
- Karim Hussain an der Kamera, der schon Infinity Pool und Gen V fotografiert hat
- Victoria Pedretti kann Angst spielen, ohne zu schreien
- Anna Drubich liefert den Score, nach Barbarian und Fear Street 1994
- Ein Kaufhauskeller nach Ladenschluss ist von sich aus ein unheimlicher Ort
- Kammerspiel-Bauart mit einem Schauplatz und einer geschlossenen Gruppe
Dagegen
- Der Kritikerkonsens nennt den Film campy, und Camp ist das Gegenteil von dem, was ich suche
- Horror-Komödien kippen leicht ins Zublinzeln
- Metacritic kommt nur auf 56 von 100
- Emma Chamberlain als Besetzung ist ein Risiko
Ein Kaufhaus nach Ladenschluss hat von sich aus eine kranke Energie. Wenn Hussain das ernst nimmt, muss dieser Film gar keine Monster auffahren.— aus der Wertung von NordNoir
Besetzung
FAQ zu Forbidden Fruits: Hexenzirkel im Kaufhauskeller, und ich bin misstrauisch
Wann läuft Forbidden Fruits in Deutschland an?
Was passiert nachts im Kaufhaus Free Eden?
Wer steckt hinter Forbidden Fruits?
Ab welchem Alter ist Forbidden Fruits freigegeben?
Wie fielen die internationalen Kritiken aus?
Basiert Forbidden Fruits auf einer Vorlage?
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